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Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier zur Ausstellungseröffnung "Zwischen allen Stühlen - die Geschichte der italienischen Militärinternierten 1943-1945" im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, Berlin

28.11.2016 - Rede

"Cara mamma ritornerò"

"Liebe Mutter, ich werde zurückkommen", das sind die Worte, die der Italiener Andrea Talmon vor mehr als 70 Jahren in sein Essgeschirr einritzte – in einer Baracke, wie jener, die Sie hier direkt hinter mir sehen.

Sein Geschirr war ein einfacher Topf der italienischen Armee – zerbeult und verkratzt. Hier im Lager jedoch waren diese Töpfe mehr als nur Behälter. Sie waren oft das einzige, was den Männern aus der geliebten italienischen Heimat blieb. Und so wurden sie zur metallenen Leinwand für Sehnsüchte und bange Gedanken. Der Gefangenen Ivo Sghedoni hat auf seinem Topf zwei eindringliche Worte hinterlassen: "Fame e Paura" - Hunger und Angst.

Sehr geehrter Herr Professor Nachama,
liebe Frau Dr. Glauning,
lieber Herr Montagano,
verehrte Gäste,
lieber Paolo Gentiloni,

Hunger und Angst. Leid und Unrecht – begangen von deutschen Nationalsozialisten an italienischen Militärinternierten. Davon zeugen die Essgeschirre dieser Männer. Und davon zeugt die bedrückende und zugleich beeindruckende Ausstellung, die wir, lieber Paolo, heute gemeinsam eröffnen dürfen.

Hunderttausende italienische Männer nahmen die Nationalsozialisten gefangen, nachdem Marschall Badoglio im September 1943 den Waffenstillstand mit den Alliierten unterzeichnet hatte. Das Bündnis Italiens mit dem nationalsozialistischen Deutschland war zerbrochen.

Die italienischen Soldaten, die gerade noch Seite an Seite mit den deutschen Wehrmachtssoldaten gekämpft hatten, sie fanden sich nun wahrhaftig "Zwischen allen Stühlen".

Es waren die eben noch verbündeten Deutschen, die sie nun zusammenpferchten, mit Güterzügen ins Deutsche Reich und nach Polen verschleppten und sie dort zwangen, harte und schwere Arbeit zu verrichten – vor allem in der Rüstungsindustrie. Und: es waren die ehemaligen Verbündeten, die sie nun offen und laut als Verräter ächteten.

"Die Kinder warfen mit Steinen nach uns und die Frauen spuckten uns an", so schilderte es der italienische Soldat Settimo Bosetti. "Wir waren schlechte Menschen, die Verräter, der Abschaum der Menschheit. Fast noch mehr als der Hunger schmerzte uns diese Verachtung!"

Auch die Essgeschirre von Männern wie Andrea Talmon erzählen davon, was diese Verachtung für das Leben der Internierten konkret bedeutete. Etwa, als die Nazis eine sogenannte "Leistungsernährung" einführten, bei der die Essensrationen als perfide Strafe gekürzt wurden.

"Ich war gezwungen, Eis zu brechen, den gefrorenen Schnee auf dem Boden im Kochgeschirr schmelzen zu lassen und dieses Wasser, so wie es war, zu trinken", erinnerte sich der Inhaftierte Esposito Donato. "Man pickte die Brotkrümel vom Tisch auf. Eine Gewohnheit, die ich immer noch habe! … Der Hunger ist etwas, das auf der Haut kleben bleibt."

Über 650 000 Italiener wurden als Zwangsarbeiter in der deutschen Kriegswirtschaft eingesetzt. Eine fast unvorstellbare Zahl! Mehr als 50 000 starben in der Gefangenschaft.

***

An einem Ort wie diesem hier in Schöneweide, lieber Paolo, blicken wir auf das dunkelste Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte. Auf unsägliches Leid und Schmerz.

Und mit diesem Blick zurück ins Dunkel, so glaube ich, erhellt sich unsere Sicht auf die Gegenwart. Auf den langen Weg, den unsere beiden Länder in den vergangenen sieben Jahrzehnten zurückgelegt haben. Einen Weg, der Freundschaft und Vertrauen begründet hat in einem vereinten Europa. Dafür bin ich Dir, Paolo, und all unseren italienischen Freunden zutiefst dankbar.

Dieses gegenseitige Vertrauen stand auch am Anfang unseres Weges hin zu einer Kultur des gemeinsamen Erinnerns, die lange gefehlt hat.

Diese Arbeit begann damals während meiner ersten Amtszeit. Ich erinnere mich gut: Vor acht Jahren standen mein damaliger Amtskollege Franco Frattini und ich in La Risiera de San Sabba, einer ehemaligen Reisfabrik in Triest, die die Nationalsozialisten zur Todesfabrik gemacht hatten - zum Kriegsgefangenenlager, zum Haft- und Folterlager für Geiseln, Partisanen und andere politische Gefangene. La Risiera de San Sabba wurde zum Durchgangslager für Juden vor ihrer Deportation in die Vernichtungslager, für Militärinternierte vor ihrer Deportation in die Zwangsarbeit.

Dort, an diesem dunklen Ort, wo im Krieg zwischen 3.000 und 5.000 Menschen ermordet wurden, haben wir uns entschieden, eine gemeinsame Historikerkommission einzusetzen. Eine Kommission, die sich eingehend und offen der Aufarbeitung der deutsch-italienischen Kriegsvergangenheit widmen sollte.

Die Kommission empfahl uns die Schaffung eines Zukunftsfonds, eines Fonds, der Menschen ganz konkret in ihrer Arbeit für Aufarbeitung und Versöhnung unterstützt: ob bei der Ausrichtung von Schülerwettbewerben, Austauschprojekten oder bei der Dokumentation der grausamen NS-Taten, in Ponte Buggianese oder in Civitella, wo deutsche Wehrmachtssoldaten schreckliche Massaker begingen.

In den letzten beiden Jahren, lieber Paolo, durfte ich diese Orte besuchen. Und was mich dort besonders bewegt hat, dort, wo die Schrecken unserer Vergangenheit so greifbar sind - das war die Art und Weise, wie die Menschen uns Deutsche empfingen: Nicht mit Ablehnung, oder Feindseligkeit, sondern mit Herzlichkeit und großer Offenheit. Das hat mich sehr bewegt.

Heute schaffen wir auch hier in Schöneweide eine weitere Stätte der Erinnerung. Mit der Dauerausstellung - empfohlen von der deutsch-italienischen Historikerkommission - entsteht hier ein Ort, der das besondere Schicksal der Militärinternierten ins Licht der Gegenwart holt – heraus aus den Schatten der Vergangenheit.

Wer hier im Lager hinabsteigt in den Keller der Baracke 13, der findet dort an den Wänden noch heute lesbar die Inschriften italienischer Gefangene.

Und man mag trotz aller Düsterheit fast schmunzeln, wenn man sieht, wie sich der Alltag dort zwischen Hunger und Leid in den Kritzeleien einen Weg gebahnt hat: Ein Gefangener etwa markierte seinen Platz im Luftschutzkeller mit dem simplen Wort „Riservato“. Es gibt aber noch eine weitere Inschrift. Sie ist kaum noch lesbar. Unter das gekritzelte Datum des 21. März 1945 hat dort ein Gefangener ein einziges Wort geschrieben, vielleicht um das Ende eines Luftangriffes zu beschreiben: "Passato" steht dort. - "Vorbei".

Vorbei. Zu Ende und vergangen ist das schmerzvolle Kapitel deutsch-italienischer Geschichte, für das das Lager Schöneweide steht. Vergessen aber dürfen und werden wir es nicht.

Vielmehr fordert uns dieser Ort auf, wachsam zu sein. Dafür, dass sich Hass und Verachtung in unseren Gesellschaften nicht wieder einen Weg bahnen dürfen. Und dafür, dass wir schützen und voranbringen, was wir in den letzten 70 Jahren in Europa erreicht haben: Frieden. Partnerschaft. Gemeinschaft.

Passato - Das ist keine historische Feststellung. Es ist eine Mahnung.

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