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Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei der Präsentation des Films „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ auf dem Jüdischen Filmfest in Berlin

09.06.2016 - Rede

Liebe Fania Oz-Salzberger,
liebe Nicola Galliner,
sehr geehrte Damen und Herren,

in Natalie Portmans wunderbarem Film, den wir gleich sehen werden, gibt es eine Szene, die mich besonders berührt.

Wir sehen den jungen Amos, wie er in der Schule „gemobbt“ wird, wie wir heute sagen würden. Amos setzt sich zur Wehr. Nicht jedoch, indem er kämpft. Nicht mit Fäusten. Sondern mit Geschichten!

Erzählen wird für ihn zum Mittel des Überlebens.

Und wir alle wissen, meine Damen und Herren, über welch ungeheure Erzählkraft Amos Oz verfügt.

Liebe Frau Oz-Salzberger,

Es ist uns eine große Freude, dass Sie heute hier bei uns sind! Ihr Vater hat uns großartige Bücher und Geschichten geschenkt. Ich durfte sein Lebenswerk vorletztes Jahr in Hamburg bei der Verleihung des Siegfried-Lenz-Preises würdigen. Bitte richten Sie ihm unsere besten Wünsche aus!

Ihr Vater, liebe Frau Oz-Salzberger, hatte als Kind eine klare Vorstellung, was er einmal werden wollte. Nicht Arzt, Feuerwehrmann oder Polizist. Sondern: „Ein Buch!“

So beschreibt er es in seiner „Geschichte von Liebe und Finsternis“. Denn, so sagt er: „Menschen kann man wie Ameisen töten. (…) Aber für Bücher - selbst wenn man versuchte, sie systematisch zu vernichten - bestand immer die Chance, dass irgendein Exemplar überlebte und sich weiterhin eines Regallebens in einer Ecke einer abgelegenen Bibliothek erfreute.“

Amos Oz zeigt, wie wichtig es ist, Geschichten zu erzählen und ihnen zu lauschen. Um unseren Blick zu weiten, um uns und unsere Welt besser zu verstehen. Und, wie der junge Amos es eben sagt: Um nicht zu verschwinden, um zu bleiben.

Damit dies aber möglich ist, liebe Frau Galliner, brauchen wir Orte, an denen Geschichten erzählt werden!

Und genau so ein Ort ist das Jüdische Filmfest Berlin Brandenburg!

Vor wenigen Wochen haben wir um seine Zukunft gebangt. Gefährdet war, was hier in Jahren Arbeit an Werten entstanden ist! Ich bin froh, dass wir mit dem Auswärtigen Amt in letzter Minute bei der Finanzierung des Fests einspringen konnten.

Sie, liebe Frau Galliner, bringen Geschichten auf die Leinwand, die jüdisches Leben sichtbar machen und die so dafür sorgen, dass es bleibt. Geschichten über die dunkelsten Kapitel unserer Vergangenheit. Nachdenkliche Geschichten, traurige. Aber auch fröhliche und absurde Geschichten!

Im Eröffnungsfilm etwa wird der Nahostkonflikt durch ein Fußballspiel gelöst.

Das finde ich im Übrigen eine ganz hervorragende Idee: Wenn Interesse besteht - Ich könnte Ihnen spontan ein gutes Dutzend internationaler Konflikte anbieten, denen sich die Fußball- und Rugbyspieler dieser Welt ruhig einmal annehmen könnten. Es würde mir viel Arbeit sparen!

Lassen Sie mich zum Schluss noch einen anderen Menschen würdigen, der uns viele Geschichten geschenkt hat: Regina Ziegler, der dieses Kino gemeinsam mit ihrer Tochter Tanja gehört. Vor knapp zwei Wochen hat sie die Lola für ihr Lebenswerk bekommen – hochverdient. Ich gratuliere Ihnen herzlich!

Meine Damen und Herren, Sie sind aber nicht hierhergekommen, um dem Außenminister zuzuhören. Sie sind hier hergekommen, um eine wunderbare Geschichte zu erleben - Natalie Portmans Film.

Deswegen halte ich mich jetzt an eines meiner liebsten jüdischen Sprichworte:

Am rechten Ort das rechte Wort,
Hilft wohl in allen Lagen fort,
Und doch gebühret dem der Preis,
Der, wenn es gilt, zu schweigen weiß.

Vielen Dank!

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