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50 Jahre deutsch-israelische Beziehungen – Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier vor dem Deutschen Bundestag

07.05.2015 - Rede

Herr Präsident,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich begrüße vor allem auch die Gäste aus Israel – Herzlich willkommen in Berlin!

An diesem Pult stand vor fünf Jahren Präsident Shimon Peres.

Er erzählte die Geschichte seines geliebten Großvaters, Rabbi Zwi Meltzer.

Als die Nationalsozialisten in die Stadt Wischnewo eingedrungen waren, zwangen sie alle Juden in die Synagoge. Der Rabbi ging seiner Gemeinde voran. Er trug denselben Gebetsmantel, in den sich der kleine Shimon an kalten Tagen eingehüllt hatte.

Die Nazis verriegelten die Türen.

Die Synagoge wurde angezündet.

Von der gesamten Gemeinde blieb nur glühende Asche.

Shimon Peres hielt vor fünf Jahren am Holocaust-Gedenktag ein berührendes Plädoyer gegen das Vergessen. Und zugleich sprach er von der, so seine Worte, „einzigartigen Freundschaft“ zwischen Deutschland und Israel!

Über den Abgrund der Vergangenheit hat Israel, das Land der Opfer, dem Land der Täter die Hand gereicht und gemeinsam haben wir, Deutschland und Israel, eine Brücke der Freundschaft gebaut.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, dass diese Freundschaft aufgebaut wurde, ist nicht weniger als ein Wunder!

Dafür dürfen vor allem wir Deutschen glücklich und dankbar sein, und das nicht nur an Gedenktagen!

Wenn wir nächste Woche das 50-jährige Bestehen unserer diplomatischen Beziehungen feiern, dann feiern wir eine Freundschaft, die sich zu Kriegsende vor 70 Jahren wohl niemand hätte vorstellen können.

Heute aber –drei Generationen später- leben unsere Kinder diese Freundschaft ganz selbstverständlich mit Freude und mit Neugier.

Deshalb ist dieses Jubiläum viel mehr als ein politischer Meilenstein. Sondern Deutsche und Israelis sind einander im wahrsten Wortsinn ans Herz gewachsen!

Nicht alle Geschichten dieser Freundschaft kann ich heute würdigen– deshalb lassen Sie mich stellvertretend nur drei persönliche Schlaglichter werfen, um deutlich zu machen, wie kostbar das ist, was wir heute feiern.

Meine Mutter wurde in Breslau geboren – damals ein Zentrum des jüdischen Lebens. Auch Fritz Stern und Ignaz Bubis stammten von dort. Als Kinder mussten sie mit ihren Familien, und Tausende mit Ihnen, vor dem Hass und Rassenwahn der Nationalsozialisten fliehen. Zehn Jahre später musste auch meine Mutter mit ihrer Familie fliehen – nunmehr vor jenem Krieg, den die Nazis über die Welt gebracht hatten und der sich gegen seine Verursacher gewendet hatte.

Vor einem halben Jahr war ich in Breslau, zu Gast in der renovierten Synagoge. Dort durfte ich die erste Ordinierung junger Rabbiner seit dem Krieg miterleben –Rabbiner, die hier in Berlin und Potsdam ausgebildet worden waren. Diese vier jungen Geistlichen standen dort als lebendiges Zeugnis, dass heute jüdisches Leben wieder aufblüht – in Europa, und bei uns in Deutschland. Und darüber sollten nicht nur Juden sich freuen. Dies bereichert uns alle!

Das zweite Schlaglicht, an das ich mich erinnere, fällt in mein 18. Lebensjahr: der erste Besuch eines deutschen Bundeskanzlers in Israel. Damals, als Willy Brandt nach Jerusalem ging, knirschte noch der Boden unter jedem Schritt. Man beäugte sich vorsichtig; jeder Schritt wollte behutsam gesetzt sein; es gab großes Misstrauen gegen einen Neubeginn mit dem Tätervolk.

Heute gehören deutsch-israelische Besuche zu unserem festen politischen Alltag!

Wir sitzen sogar mit beiden vollständigen Regierungsmannschaften einmal im Jahr um einen großen Tisch herum, planen Projekte, debattieren. Es wird gelacht, aber auch gestritten - ernsthaft und ehrlich, so wie gute Freunde es eben tun.

Die mutige politische Saat von Ben Gurion und Konrad Adenauer – sie ist aufgeblüht; und sie trägt Früchte auch über unsere eigenen Grenzen hinaus – wenn wir uns zum Beispiel gemeinsam in den internationalen Foren gegen Antisemitismus und Rassismus einsetzen.

Das dritte Schlaglicht fällt auf die Generation unserer Kinder – ich denke an mein eigenes, aber auch an die Kinder meiner israelischen Kollegen. Für unsere Kinder ist die deutsch-israelische Begegnung ein ganz selbstverständlicher Teil ihrer Welterkundung geworden! Tel Aviv und Berlin ziehen junge Leute an wie Magneten der Moderne. Junge Deutsche steigen ein in Tel Avivs boomende Start-Up-Szene, sie studieren in Jerusalem oder leisten ein Freiwilliges Soziales Jahr. Umgekehrt kommen junge Israelis nach Berlin – sie tauchen ein ins Kunstleben, sie eröffnen Restaurants oder starten neue Business-Ideen. Und sie erkunden die Spuren ihrer eigenen Großeltern und Urgroßeltern, denen unter den Nazis unsägliches Leid geschah.

Liebe Kolleginnen und Kollegen: In diesen Geschichten zeigt sich das menschliche Wunder der deutsch-israelischen Beziehungen! Diese Freundschaft ist längst keine diplomatische Elite-Veranstaltung mehr. Nein, diese Freundschaft ist getragen von den Menschen, sie ist lebendig in tausend Facetten des Alltags und genau das macht sie so stark und so unverzichtbar, liebe Kolleginnen und Kollegen! Lasst uns das bewahren, was in den letzten 50 Jahren gewachsen ist.

Der Blick zurück über 50 Jahre schärft zugleich unseren Blick nach vorn.

Er öffnet uns einen „Horizont der Hoffnung“.

Denn, liebe Kolleginnen und Kollegen: Dass Deutschland und Israel der Weg zur Freundschaft gelungen ist, nach den unsagbaren Grauen der Vergangenheit, das sendet eine kraftvolle Botschaft!

Eine Botschaft von Verständigung und Versöhnung, die leuchten kann in dieser Welt, die nach wie vor voller Gegensätze, voller Hass, und ohne Frieden ist! Präsident Peres sprach hier im Bundestag von diesem „Horizont der Hoffnung“ und sagte: „Während es mein Herz zerreißt, wenn ich an die Gräueltaten der Vergangenheit denke, blicken meine Augen in die gemeinsame Zukunft einer Welt von jungen Menschen, in der es keinen Platz für Hass gibt.“

Wer auf den Zustand der Welt heute blickt, gerade auf die so unfriedliche Nachbarschaft von Israel, der mag diese Hoffnung naiv nennen.

Wer aber auf die deutsch-israelische Freundschaft blickt, und sich erinnert, aus welchem finsteren Tal sie emporgewachsen ist, der sieht, dass Hoffnung nicht Ausdruck von Naivität sein muss – im Gegenteil!

Und wer das einsieht, muss sich die Botschaft von Verständigung und Versöhnung, die in dieser Freundschaft steckt, auch zu Herzen nehmen – sie nicht nur mit Worten feiern, sondern wo immer möglich in die Tat umsetzen!

Das heißt, dass wir hier bei uns Zuhause aufstehen müssen gegen jegliche Form von Antisemitismus, Rassismus und Fremdenhass. All das darf keinen Platz finden in dieser Gesellschaft – nie wieder!

Das heißt auch, dass wir uns einsetzen für den Frieden für Israel und seine Nachbarn. Israels Sicherheit ist für Deutschland historisches Gebot und unverbrüchlicher Teil unserer Freundschaft. Und wir glauben: Nachhaltige Sicherheit für das jüdische und demokratische Israel wird es nicht geben ohne einen lebensfähigen und demokratischen palästinensischen Staat. Und deshalb: So beschwerlich der Weg zu einer Zwei-Staaten-Lösung auch sein mag, wir werden ihn weiter unterstützen. Dabei gilt für mich: Meinungsunterschiede und die dazugehörige Ehrlichkeit hält eine gute Freundschaft aus. Umso mehr wehre ich mich dagegen, wenn unsere Freundschaft in manchen öffentlichen Debatten auf einzig diese Meinungsunterschiede reduziert wird!

Israels Sicherheitsbedürfnis haben wir auch im Blick, wenn die Partner der E3+3 mit dem Iran über das Nukleardossier verhandeln. Klar ist: Am Ende wird nur eine Vereinbarung unterschrieben, die mehr Sicherheit für Israel bedeutet – und niemals weniger! Und zugleich steckt auch in diesen Verhandlungen die Botschaft der Verständigung. Wenn uns das Abkommen gelingt, dann setzen wir ein Hoffnungszeichen, das ausstrahlen könnte auf die vielen anderen Konfliktherde im Mittleren Osten.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
auch unsere Generation, die das deutsch-israelische Wunder hat wachsen sehen, wird den „Horizont der Hoffnung“ nicht erreichen können, „die Welt ohne Hass“, die Shimon Peres entworfen hat.

Aber wir geben seine Vision weiter an eine starke, optimistische Generation von jungen Israelis und Deutschen. Eine Generation, die in allen Gesellschaftsbereichen von Wirtschaft bis Kultur vernetzt ist. Eine Generation, die kritische Fragen stellt – auch an die Politik der eigenen und der jeweils anderen Regierung – auch das gehört dazu. Vor allem aber eine Generation, die neugierig ist aufeinander und auf die Welt; die international denkt und lebt.

Wenn ich auf diese Generation schaue – dann weiß ich, so unfriedlich die Welt auch sein mag: Unsere deutsch-israelische Hoffnung von Versöhnung und Verständigung war nicht naiv und sie wird es auch morgen nicht sein!

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