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Rede des Staatsministers für Europa im Auswärtigen Amt, Michael Roth, anlässlich der Übergabe der UNESCO-Urkunde zur Eintragung des Bergparks Wilhelmshöhe in die Liste des Kultur- und Naturerbes der Welt in Kassel

01.06.2014 - Rede

--es gilt das gesprochene Wort--

Sehr geehrter Herr Staatsminister Rhein,
sehr geehrte Frau Staatsministerin Kühne-Hörmann,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Hilgen,
sehr geehrter Herr Professor Dr. Küster,
sehr geehrter Herr Professor Dr. Weiß,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

Heute kann ich Ihnen endlich zurufen: Willkommen im Club, liebe Stadt Kassel und vor allem lieber Bergpark Wilhelmshöhe! Denn ab heute steht dieser wunderschöne Landschaftsgarten nun auch ganz offiziell in einer Reihe mit vielen anderen einzigartigen Meisterwerken der menschlichen Schöpferkraft:

den Pyramiden von Gizeh in Ägypten, dem Tadsch Mahal in Indien, der Inkastadt Machu Picchu in Peru, der Chinesischen Mauer oder der Akropolis in Athen. Auf der Welterbeliste sind mittlerweile über 980 Natur- und Kulturstätten in mehr als 160 Ländern verzeichnet – und auch Kassel mit seinem Bergpark ist nun Mitglied dieser ganz besonderen Gemeinschaft.

Die frohe Kunde des Welterbekomitees der UNESCO liegt ja mittlerweile schon ein gutes Jahr zurück. Aber mit dem heutigen Tag wird die Aufnahme des Bergparks Wilhelmshöhe in die Welterbeliste nun endlich auch ganz formal besiegelt. Und als Europaminister mit nordhessischen Wurzeln freue ich mich ganz besonders, Ihnen heute hier – ganz in der Nähe meiner Heimat – im Namen der Bundesregierung die UNESCO-Welterbeurkunde überreichen zu dürfen.

Es macht mich stolz, dass der "Glanz" des Bergparks Wilhelmshöhe nun stellvertretend für die kulturelle Vielfalt in Deutschland und Nordhessen in die ganze Welt hinaus strahlt. Denn auch sonst hat Nordhessen viel Kultur zu bieten: Die Documenta hier in Kassel, die Bad Hersfelder Festspiele, die Grimmheimat Nordhessen oder das Open-Flair-Festival in Eschwege.

Dass wir heute hier zu diesem Festakt zusammenkommen dürfen, verdanken wir dem "Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt", das die UNESCO im Jahr 1972 verabschiedet hat. Inzwischen haben 190 Staaten dieses Übereinkommen unterzeichnet. Es ist damit das international bedeutendste Instrument, das jemals zur Bewahrung unseres kulturellen und natürlichen Erbes beschlossen wurde.

Es geht dabei um künstlerische Meisterwerke oder einzigartige Naturlandschaften, deren Untergang ein unersetzlicher Verlust für die Menschheit wäre. Sie zu schützen, liegt nicht allein in der Verantwortung eines einzelnen Staates, sondern ist vielmehr Aufgabe der gesamten Völkergemeinschaft.

Mit der Welterbeliste wurde ein einzigartiges Instrument geschaffen, das allen anderen internationalen Entschließungen, Empfehlungen und Chartas zum Schutz des gebauten und natürlichen Erbes etwas voraus hat. Denn mit der Welterbekonvention werden Schutz, Erhalt und Pflege nicht etwa restriktiv eingefordert, sondern geadelt und weltweit sichtbar gemacht. Der Welterbetitel hat sich mittlerweile zu einer Marke mit hoher touristischer Attraktivität entwickelt. Das wird man sicher auch bald hier in Kassel feststellen können.

Und wir freuen uns darauf, wenn bald noch mehr Besucherinnen und Besucher in den Bergpark kommen, um die sommerlichen Wasserspiele, den Herkules, das Schloss oder die Löwenburg zu bestaunen.

Aber auch über die Welterbekonvention – und die hierzulande mittlerweile 38 Kultur- und Naturerbestätten – hinaus hat Deutschland der UNESCO viel zu verdanken. Unser Land ist inzwischen seit über 60 Jahren Mitglied der UNESCO. Die Aufnahme am 11. Juli 1951 bedeutete für die noch junge Bundesrepublik Deutschland damals den Aufbruch in eine neue Zeit und das Ende der Isolation nach dem Zweiten Weltkrieg.

"Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden" – dieser Satz aus der Präambel der UNESCO-Verfassung von 1945 hat bis zum heutigen Tag nichts an seiner Aktualität eingebüßt.

Die internationale Zusammenarbeit über Staatsgrenzen hinweg im Rahmen der UNESCO in allen Bereichen des geistigen Lebens ist die richtige Lehre aus den Erfahrungen von zwei grausamen Weltkriegen. Bildung, Wissenschaft und Kultur – mit diesen Schwerpunkten ist die UNESCO geradezu prädestiniert dafür, um einen echten Dialog der Nationen zu etablieren und damit die geistige Grundlage für einen weltweiten Frieden zu schaffen.

Für Deutschland war die UNESCO niemals nur eine von vielen internationalen Organisationen. Für uns war sie immer auch eine Wertegemeinschaft, die in Zeiten der Globalisierung und des Wandels wichtiger ist denn je. Als Vertragsstaaten müssen wir gemeinsam sicherstellen, dass diese gemeinsamen Werte erhalten bleiben. Als Forum für Bildung, Wissenschaft und Kultur muss die UNESCO auch weiter gerade den Nationen offen stehen, die – wie damals die junge Bundesrepublik – den Aufbruch in eine neue Zeit wagen wollen.

Denn in Deutschland hat die UNESCO in der Nachkriegszeit entscheidend zur Herausbildung einer kulturellen Identität, zum Aufbau demokratischer und rechtsstaatlicher Strukturen sowie zur Stärkung der bürgerlichen Partizipation beigetragen. Und sie hat den gesellschaftlichen Konsens gestärkt, dass Freiheit und Demokratie nur durch internationale Kooperation und die Achtung der kulturellen Vielfalt zu sichern sind.

Deutschlands Engagement für die UNESCO wird insbesondere auch im Bereich der Welterbestätten deutlich. Die Welterbekonvention ist ohne Zweifel das Programm der UNESCO, das hierzulande und weltweit die höchste Aufmerksamkeit genießt. Als Mitglied im Welterbekomitee setzen wir uns insbesondere für das nachhaltige Management von Natur- und Kulturstätten ein und helfen beim Erhalt von besonders gefährdeten Monumenten. Eine dieser Erfolgsgeschichten kann ich Ihnen aus Afrika berichten:

So sind beispielsweise die kostbaren Handschriften aus der Welterbestätte Timbuktu, dem geistigen Zentrum Malis, mit deutscher Hilfe in Sicherheit gebracht worden und können nun restauriert werden.

Die internationale Solidarität bei der Erhaltung des Kultur- und Naturgutes der Welt basiert auf der einfachen Erkenntnis: Kultur und Natur machen nicht an Staatsgrenzen halt. Die Anerkennung für das eigene Kultur- und Naturerbe ist so ganz eng verbunden mit der Anerkennung und dem Bewusstsein auch für die kulturellen Leistungen und die natürlichen Schätze anderer Länder und Regionen in der ganzen Welt.

Diese wechselseitige Wertschätzung und Aufmerksamkeit genießt seit seiner Eintragung in die Welterbeliste vor knapp einem Jahr nun auch der Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel.

Ich freue mich sehr, dass ich der 38. deutschen Welterbstätte offiziell im Namen der UNESCO und im Namen der Bundesrepublik Deutschland als Vertragsstaat der Welterbekonvention die Urkunde überreichen darf.

Der Herkules hier im Bergpark Wilhelmshöhe ist nicht nur für Kassel eine Symbolfigur. Er steht nun auch dafür, sich den Aufgaben zu stellen, die sich die UNESCO zu Eigen gemacht hat: Ein freier Austausch von Ideen in Wort und Bild und ein friedlicher Dialog der Kulturen sind der Schlüssel zur Wahrung des Friedens und der Sicherheit weltweit. Lassen Sie uns alle daran mitarbeiten, dass wir diese Herkulesaufgabe gemeinsam bewältigen. Das ist sicher nicht leicht, aber auch nicht unmöglich. Herkules hat es uns vorgemacht!

Der Bergpark Wilhelmshöhe ist in die Welterbeliste eingetragen worden. Er gehört nun zum Erbe der Menschheit. Herzlichen Glückwunsch!

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