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Rede von Staatsminister Michael Roth zur Eröffnung der Ausstellung „Zukunft braucht Erinnerung“ im Lichthof des Auswärtigen Amts

10.03.2014 - Rede

--es gilt das gesprochene Wort--

Sehr geehrte Damen und Herren,
Exzellenzen,

im August 1943, mitten in den schlimmsten Grauen des Zweiten Weltkriegs, schrieb Willy Brandt in einem Zeitungsbeitrag aus dem norwegischen Exil: „Der Tag wird kommen, an dem der Hass, der im Krieg unvermeidlich scheint, überwunden wird. Einmal muss das Europa Wirklichkeit werden, in dem Europäer leben können.“ Willy Brandt hatte die Gabe, in der Stunde der größten Katastrophe der Menschheit, den Blick voller Hoffnung und Zuversicht auf eine bessere Zukunft zu richten.

„Zukunft braucht Erinnerung“ – der Titel der Ausstellung, die wir heute hier im Lichthof des Auswärtigen Amtes miteinander eröffnen wollen, könnte durchaus auch das Leitmotiv des Jahres 2014 sein. Denn wir erinnern uns in diesem Jahr an zwei besonders einschneidende, verheerende Ereignisse in der wechselhaften Geschichte unseres Kontinents:

Vor 100 Jahren begann mit den Schüssen von Sarajewo der Erste Weltkrieg, vor 75 Jahren nahm mit dem deutschen Überfall auf Polen die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs ihren Lauf.

Die schrecklichen Kriegsgräuel des 20. Jahrhunderts haben an unzähligen Orten in Europa tiefe Verletzungen und Narben zurückgelassen. Diese Narben erinnern uns daran, dass das friedliche Europa, in dem wir heute leben, keine Selbstverständlichkeit ist.

Die Gedenktage des Jahres 2014 eröffnen uns Europäerinnen und Europäern die Chance, mehr gegenseitiges Verständnis füreinander zu entwickeln und sich der unterschiedlichen Formen der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu vergewissern. Ja, es gibt sie, die vielen kleinen praktischen Beispiele, die zeigen, wie wir in Europa Schritt für Schritt zu einer Kultur des gemeinsamen Erinnerns kommen. In Douaumont, einer Gedenkstätte unweit der französischen Frontstadt Verdun, ist kürzlich erstmals der Name eines deutschen Soldaten in eine Gedenktafel gemeißelt worden.

Und nicht nur hier, sondern auch auf unzähligen anderen Schlachtfeldern der Vergangenheit sind die Toten vereint, häufig in Massengräbern, manchmal nur getrennt durch Hecken oder nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Sie mahnen uns, die Erinnerung an den Schrecken des Krieges auch in den heutigen und künftigen Generationen wachzuhalten.

Gerade wir Deutschen tragen hier eine besondere Verantwortung, zu der wir uns bekennen – unabhängig davon, dass die heutige Generation nicht in unmittelbarer Schuld zu deutschen Gräueltaten steht. Wir wissen jedoch: Wir machten uns ein zweites Mal schuldig, wenn wir verschweigen, relativieren oder gar leugnen, was die Generation unserer Großeltern und Urgroßeltern anderen Menschen und Völkern angetan hat. Das gemeinsame Gedenken, Erinnerung und Versöhnung prägen die deutsche Außenpolitik. Wir sind unseren europäischen Partnern und Freunden daher sehr dankbar, dass viele Gedenkveranstaltungen überall in Europa gemeinsam begangen werden. Diese Bereitschaft ist für uns ein sichtbares Zeichen der Versöhnung. Versöhnung kostet Überwindung und Kraft.

Aus der Versöhnung erwächst jedoch auch Zuversicht für die Zukunft. Und - wie Bundespräsident Gauck kürzlich so eindrücklich im griechischen Lingiades ausführte, um für die furchtbaren Gräueltaten der Wehrmacht um Verzeihung zu bitten: „Die Wahrheit ist die Schwester der Versöhnung.“

Wie man die Erinnerung an die Opfer der Kriege des 20. Jahrhunderts wahrhaftig und voller Respekt wach hält, zeigt uns vor allem auch die unermüdliche Arbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Als gemeinnütziger Verein pflegt der Volksbund die Gräber von über zweieinhalb Millionen Kriegstoten des Ersten und Zweiten Weltkriegs auf mehr als 830 Friedhöfen in 45 Ländern - und das weltweit. Wo sonst, wenn nicht am Ort eines Massengrabs, wird das unvorstellbare Leid des Krieges zumindest ansatzweise begreifbar? Wo sonst, wenn nicht am Grab eines jungen gefallenen Soldaten, verwandeln sich abstrakte Opferzahlen in die vielen tief berührenden Einzelschicksale von Millionen von Soldaten und Zivilisten, die in den beiden Weltkriegen ihr Leben lassen mussten?

Die Arbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge steht unter dem Motto „Versöhnung über den Gräbern“. Der Volksbund stellt damit die verbindende Wirkung gemeinsamen Gedenkens in ganz besonderer Art dar. Anders als in den meisten Ländern nimmt der Volksbund die Kriegsgräberpflege als eingetragener Verein und nicht als staatliche Behörde wahr. Für seine Arbeit gebührt ihm Anerkennung und Respekt. Das Auswärtige Amt unterstützt den Volksbund in enger und vertrauensvoller Zusammenarbeit.

Besonderes Lob verdient die Jugendarbeit, die dem Versöhnungsgedanken in besonderer Weise Rechnung trägt. Denn es geht eben nicht nur um den Blick zurück in die Vergangenheit, sondern auch um den Blick in die Zukunft. Besonders am Herzen liegen meinem Haus und mir die Projekte mit jungen Menschen aus verschiedenen Ländern.

Unsere Zukunft liegt in einem friedlichen, toleranten und weltoffenen Europa. Und dies ist nach den Tragödien unseres Kontinents alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Wohl auch deshalb hat die EU im Jahr 2012 den Friedensnobelpreis erhalten.

Bei allen aktuellen Problemen, denen sich die EU in einer globalisierten Welt gegenüber sieht, ist das Friedensnarrativ weder verstaubt noch überflüssig. Das wollte uns die Jury in Oslo wohl mahnend ins Gedächtnis rufen.

Das wird uns heute umso mehr bewusst, wenn wir einmal die Perspektive wechseln. Allen Unkenrufen zum Trotz strahlt die Kraft des versöhnten Europas aus und ist vorbildhaft für andere Regionen in der Welt. Auch deshalb haben Menschen auf dem Maidan mit der Europaflagge ihr Leben riskiert. Ja, die Werte, für die Europa einsteht, faszinieren immer noch und geben Hoffnung. Sie machen uns stark , verpflichten uns aber auch ganz besonders. Davor lassen Sie uns nicht zurückschrecken! Vielmehr lassen Sie uns das europäische Wertemodell schützen und verteidigen.

Hierzu trägt in herausragender Weise die Kriegsgräberpflege bei: Als andauernder Ansporn zur Erinnerung und gemeinsame Verpflichtung für die Zukunft. Allen Verantwortlichen des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge danke ich namens der Bundesregierung von Herzen.

Ich freue mich, Sie heute hier im Auswärtigen Amt einladen zu dürfen, mehr über die Arbeit des Volksbunds zu erfahren. Die Ausstellung ist hiermit eröffnet!

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