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Rede von Bundesaußenminister Guido Westerwelle vor Vertretern der deutschen Wirtschaft in der AHK Mercosul, São Paulo

11.03.2010 - Rede

-- es gilt das gesprochene Wort! --

Sehr geehrter Herr Präsident Porto,

Exzellenzen,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich begrüße Sie alle sehr herzlich. Ich möchte mich sehr bei Ihnen auch bedanken für die Gastfreundschaft, die Sie meiner Person, aber vor allen Dingen auch der gesamten Delegation zuteil werden lassen. Damit meine ich nicht nur die Gelegenheit zum Gespräch und dieses Essens mit politischen Ansprachen. Ich meine damit auch das, was Sie in der Vorbereitung alles geleistet haben, damit diese Reise auch ein Erfolg werden konnte. Ich möchte mich herzlich bedanken bei Ihnen, Botschafter Vargas, ich möchte mich herzlich bedanken bei Ihnen, Botschafter Grolig, bei Ihnen, Herr Präsident, und bei Ihrem ganzen Team, dass Sie uns so freundlich aufnehmen. Die fünf Bundestagsabgeordneten aller im Deutschen Bundestag vertretenen Fraktionen, die Wirtschaftsdelegation, die Medienvertreter, die Mitarbeiter, die uns hier begleiten und den ganzen Organisationsaufwand zu bewältigen haben, Ihnen allen ein herzliches Dankeschön, und ich danke Ihnen für die freundliche Begrüßung.

Meine Damen und Herren, ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich das letzte Mal zu einem Besuch in São Paulo hier bei der Kammer war. Es war im April 2003, wie wir gerade rekonstruiert haben, auf der anderen Seite des Gebäudes. Ich war in den 90er Jahren das erste Mal unterwegs in Lateinamerika. Ich habe damals, noch in ganz anderen politischen Funktionen, erstmals Argentinien besucht, Paraguay, Uruguay und natürlich das große und erfolgreiche Brasilien. Ich habe im Jahr 2003 – ich glaube bei einem Frühstück – die Gelegenheit zum Gespräch mit Ihnen gehabt.

Wenn man jetzt wieder unterwegs ist dann stellt man fest, dass das Bild, das Sie gerade gezeichnet haben, stimmt: das Bild eines Riesen, eines wirtschaftlichen und politischen Riesen, der abhebt und durchstartet. Man kann das sehen, man kann es geradezu mit den Händen greifen. Meine Damen und Herren, das ist mehr als Architektur. Das ist auch mehr als eine Statistik des Zuwachses von Direktinvestitionen. Wir müssen erkennen, dass die Staaten des Mercosul, Brasilien ganz insbesondere, längst zu politischen und ökonomischen Zentren der Welt geworden sind. Während wir in Europa immer noch eine politische Blickrichtung haben, die sich auf die zweifelsohne wichtigen ostasiatischen Tigerstaaten richtet oder auch auf Staaten wie Südafrika, den Subkontinent Indien, China und im Energiesektor auch auf Russland, so hat hier auf diesem Kontinent eine geradezu atemberaubende Erfolgsgeschichte stattgefunden. Sie wird in meinen Augen in Deutschland und Mitteleuropa zu wenig betrachtet und beachtet.

Ich erinnere mich an die Gespräche, die wir damals geführt haben, an den Optimismus, den Sie für unsere deutschen Unternehmungen, für unsere hier lebenden und arbeitenden Landsleute zum Ausdruck gebracht haben. Diese positiven Erwartungen, die Einschätzung der guten Entwicklungen – all das ist in Wahrheit noch übertroffen worden. Natürlich gab es auch Rückschläge. Natürlich hat die Finanz- und Wirtschaftskrise gedämpft und war ein Rückschlag. Aber Brasilien war eines der Länder, die erst zum Schluss in die Krise kamen und eines der ersten Länder, die wieder aus ihr heraus kamen. Wer weiß das in Deutschland? Wer spricht darüber?

Meine Damen und Herren, ich glaube, dass es notwendig ist, dass wir darüber mehr reden, und zwar nicht aus altruistischen Gründen, sondern aus einem ureigenen, wohlverstandenen nationalen deutschen Interesse heraus und das mehr ist als ein ökonomisches Interesse. Es geht in Wahrheit auch um Fragen der politischen Vorsorge und Zukunftsplanung. Wenn man weiß, wie jung die Gesellschaft in Brasilien ist, wenn man weiß, dass 35 % der Bevölkerung jünger sind als 15 Jahre, dann sagt das eine Menge aus über das hier heranwachsende Potenzial.

Meine Damen und Herren, wie lange wird es noch dauern, bis ein junges, dynamisches, aufstrebendes Land wie Brasilien, mit vielen noch zu bewältigenden auch sozialen Schwierigkeiten, nicht nur den Anspruch erhebt, in der Wirtschaft in der Welt mitzureden, sondern auch ein kulturelles, politisches, ein strategisches, geistiges Zentrum des Globus zu sein? Was sich vielleicht nach Zukunftsmusik anhört, ist in Wahrheit längst Gegenwart geworden. In den Vereinten Nationen, in den G-20, in der Welthandelsorganisation, in den Klimaverhandlungen, zuletzt in Kopenhagen: jedes Mal ist Brasilien ein Schwergewicht, ein Land, um das niemand herumkommt. Das zeigt die enorme Autorität, die Präsident Lula auch auf der Weltbühne besitzt, wenn es um Friedensprozesse geht – wenn auch gelegentlich mit Sichtweisen, die wir nicht teilen müssen. Das zeigt auch die Reise, die Präsident Lula in den Nahen Osten beginnt. Eine solche Reise ist etwas, was man bisher auf den ersten Blick mit der Region, mit Europa und dann vielleicht noch mit den Vereinigten Staaten von Amerika verbunden hat.

Die brasilianische Regierung, mit der Autorität ihrer Erfolgsgeschichte im Hintergrund, sie macht ihr Wort in der Weltpolitik. Deswegen müssen wir begreifen: was hier stattfindet, das ist mehr als das Erschließen von Wirtschaftschancen. Es wird in Wahrheit die politische Landkarte unserer Zeit neu aufgemalt und neu geschrieben. Das ist die Phase, die wir gerade erleben, meine sehr geehrten Damen und Herren.

Dabei ziehen wir häufig an einem Strang. Wir haben bei der Stärkung der Vereinten Nationen, beim gemeinsamen Eintreten für die weltweite Abrüstung oder auch beim Streben nach einer stabilen Finanzordnung mit Brasilien einen Partner, der sich gemeinsam mit uns engagiert. Unsere immer enger werdende globale Zusammenarbeit stützt sich auf unsere traditionell engen bilateralen Beziehungen, und die wollen wir weiter vertiefen.

Meine Damen und Herren, es war deshalb kein Zufall, dass ich als neuer Bundesaußenminister so früh in meiner Amtszeit diese Reise angetreten habe, sondern eine bewusste politische, strategische, aussagekräftige Entscheidung. Sie werden im Laufe meiner weiteren Ausführungen erkennen, dass es mir um mehr geht als um einen Besuch. Die Politik ist langfristig, auf Jahre hin angelegt. Ich werde gleich an einigen konkreten Beispielen und Maßnahmen unterfüttern, was ich mir dazu vorstelle. Anschließend wird es, wie vereinbart, Herr Präsident, auch die Gelegenheit geben, Fragen zu stellen oder nachzuhaken.

Meine Damen und Herren, wenn man in der Welt etwas bewegen will, dann ist man gut beraten, sich mit den Regionen und den Ländern zusammenzuschließen, mit denen man einen gemeinsamen Hintergrund teilt. Das kann ein historischer Hintergrund sein, ein kultureller Hintergrund, ein Lebensgefühl. Es können gemeinsame wirtschaftliche Interessen sein, die jeden Partner besonders verlässlich werden lassen.

Aber, meine Damen und Herren, was uns verbindet, das sind gemeinsame Werte. Und wenn man gemeinsame Werte hat, wenn man Ansichten zur Rechtsstaatlichkeit, zur Notwendigkeit internationaler Kooperation, zum Primat des Völkerrechts teilt, so ist das eine ganz besonders verlässliche Basis für eine strategische Partnerschaft. Wir haben ähnliche Vorstellungen über den Wert individueller Freiheit.

Unsere Lateinamerikapolitik knüpft an die lange Tradition an, die Deutschland und die Staaten Lateinamerikas verbindet. Diese Verbindung lässt sich anhand ganz konkreter Zahlen verdeutlichen: Mit einem Handelsvolumen von fast 20 Milliarden Euro gehört Deutschland zu den wichtigsten Handelspartnern Brasiliens, und Brasilien ist Deutschlands wichtigster Handelspartner in Lateinamerika. Diese engen wirtschaftlichen Beziehungen bringen beiden Seiten große Vorteile, die wir nutzen und die wir ausbauen möchten. Brasilien hat die Talsohle der Wirtschaftskrise besonders schnell durchschritten. Für 2010 wird wieder ein Wirtschaftswachstum von 5 % prognostiziert. Nicht dass Sie meinen, ich sei der Auffassung, das könne man alles so leicht vergleichen, zum Beispiel mit Mitteleuropa. Wir alle wissen, dass Wachstumsraten natürlich auch immer im Kontext des jeweiligen Entwicklungsstandes eines Landes gesehen werden müssen. Aber 5 % in diesen Zeiten, bei einem G-20-Land, das ist bemerkenswert.

Auch die Tochterunternehmen vieler deutscher Firmen in Brasilien, die hier in São Paulo ja besonders zahlreich sind, haben die Krise vielfach in guter Verfassung überstanden. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was die Wirtschafts- und Finanzkrise für uns bedeutet hätte, wenn wir nicht eine deutsche Wirtschaft wären, die so vernetzt ist. Deshalb möchte ich Ihnen hier ganz persönlich danken für Ihre Arbeit, denn das, was Sie hier in Sao Paulo tun, mag zunächst einmal in Ihrem eigenen geschäftlichen Interesse liegen, aber es liegt auch im gemeinsamen gesellschaftlichen Interesse unseres Landes. Denn nur wenn ein Land wie Deutschland, das ja keine Rohstoffe hat, sondern nur Wissen, Know-how, Fähigkeiten, Fertigkeiten, Kreativität exportieren kann, nur wenn ein solches Land auch mutige Frauen und Männer hat, die in andere Regionen gehen und dort arbeiten, nur dann, meine Damen und Herren, können wir auch in Deutschland auf hohem Wohlstandsniveau in Zukunft leben; dann schaffen wir Arbeitsplätze. Deswegen ist das Investieren hier kein Abbau von Arbeitsplätzen zu Hause, sondern im Gegenteil eine Voraussetzung für Wohlstand für alle, ausdrücklich auch bei uns zu Hause. Das ist nämlich das Ergebnis. Wer die Globalisierung der Märkte verschläft, den bestraft das Leben.

Meine Damen und Herren, wir haben erlebt, dass Sie sich auch als deutsche Unternehmen mit Ihren brasilianischen Töchtern wieder bei den Investitionen sehr hervortun. Es freut mich für Brasilien, aber es freut mich natürlich auch für Deutschland; denn abermals: wenn das Auslandsgeschäft gut läuft, dann ist das auch gut für die Arbeitsplätze bei uns.

Als Außenminister möchte und werde ich die deutsche Wirtschaft mit dem gesamten Instrumentarium unterstützen, das mir zur Verfügung steht. Mit unserer Außenwirtschaftsförderung, der politischen Flankierung und den Mitteln der wirtschaftlichen Zusammenarbeit können wir zu Ihrem und damit auch zu unserem deutschen Erfolg beitragen. Und persönlich möchte ich Ihnen versichern, dass ich die Förderung von Chancen deutscher Unternehmen im Ausland, die Außenwirtschaftsförderung, nicht mit spitzen Fingern anfassen werde, sondern als ein Kernanliegen, als einen festen Bestandteil deutscher Außenpolitik betrachte.

Kurz nach meiner Amtsübernahme habe ich veranlasst, dass wir konzeptionelle Strategien zur Verbesserung der deutschen Außenwirtschaftspolitik entwickeln. Wir stimmen uns dabei engstens mit dem Bundeswirtschaftsminister und anderen wichtigen Ressorts der Bundesregierung ab, wenn man zum Beispiel an Forschung und Wissenschaft denkt, was Sie hier in dem Filmbeitrag ja auch zu Recht hervorgehoben haben. Wir wollen die Außenwirtschaftsförderung für weitere Branchen öffnen und interessanter machen. Ich möchte Ihnen versichern, auch wenn jetzt hier viele große Unternehmen anwesend sind: Ich halte es für notwendig, dass wir die kleineren und mittleren Unternehmen besonders beachten. Das war das Erfolgsrezept der deutschen Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten. Es ist ein Kernauftrag der AHK und meiner Auffassung nach auch ein wichtiges politisches Anliegen, denn kleinere und mittlere Unternehmen haben es viel schwieriger, einen neuen Markt zu erobern, sich einen Zugang zu verschaffen.

Wenn Sie gleich mit einer tausendfachen Anzahl von Arbeitsplätzen kommen, erhalten Sie sofort bei offiziellen politischen Vertretern einen Termin, um Ihre Investitionsentscheidungen zu besprechen und Ihre Anliegen mit dem entsprechenden Nachdruck zu versehen. Wenn Sie ein kleines, mittleres Unternehmen sind, ist das schon sehr viel schwieriger. Aber die kleinen und mittleren Unternehmen zusammengefasst sind für uns die große Chance, gemeinsam mit den großen.

Deswegen betrachten Sie es bitte nicht als ein Gegeneinander zu den Firmen, die ich besucht habe und die man auf der ganzen Welt schon kennt, sondern betrachten Sie es als ein Miteinander. Ich kenne viele große Firmen, die großen Wert darauf legen, dass ihre Zulieferung vor Ort mittelständisch organisiert ist.

Deswegen ist die Förderung kleinerer und mittlerer Unternehmen ein politisches Anliegen, das ich betreiben werde. Der Mittelstand ist das Rückgrat unserer deutschen Wirtschaft. Hier wird ein verlässlicher Kooperationsbogen zwischen allen Teilen unserer deutschen Wirtschaft - auch hier in Brasilien - gespannt.

Die brasilianische Wirtschaft hat einen beachtlichen Weg der Konsolidierung hinter sich gebracht. Die Mittelschicht hier in Brasilien wächst rasch und mit ihr der Binnenmarkt. Die Chancen, die sich auf diesem Markt bieten, wollen wir auch noch mehr kleinen und mittleren Unternehmen zugänglich machen.

Zwei Großereignisse werfen ihre Schatten voraus. Brasilien steht mit Blick auf die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele zwei Jahre später vor großen Chancen. Dazu haben wir etwas beizutragen. Wir wollen Brasilien mit unseren Erfahrungen bei der Vorbereitung dieser Großereignisse tatkräftig zur Seite stehen. Deutsche Unternehmen können bei dem Wissenstransfer eine Schlüsselrolle spielen. Besondere Möglichkeiten bietet hierbei der Ausbau der Infrastruktur. Die brasilianische Regierung hat dafür ein spezielles Förderpaket geschnürt. Ich konnte es gestern mit dem Wirtschaftsminister in Brasília besprechen. Die brasilianische Regierung weiß um die Kooperationschancen mit uns Deutschen und um unsere Fähigkeiten und Fertigkeiten. Ob beim Straßen- oder Stadionbau, bei Systemen für den öffentlichen Verkehr, bei der Modernisierung der Häfen und Flughäfen, der Schienen und Wasserwege, einschließlich der Kommunikationstechnologien und der Sicherheitstechnologien, deutsche Unternehmen können einen hervorragenden Beitrag leisten. Bei der touristischen Vermarktung, bei der Sicherheitsarchitektur von Großveranstaltungen, jedes Mal sind deutsche Unternehmen in der Spitze mit ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten gefragt und dabei.

Die deutsche Wirtschaft hat recht getan, als sie die Initiative”Win-Win 2014 / 2016” gestartet hat. Im Rahmen dieses Projekts formieren sich deutsche Unternehmen für etwaige Aufträge der Fußball-WM und der Olympischen Spiele. Ihr Haus, Herr Präsident, die Auslandshandelskammer, ist selbstredend einer der Partner des Projektes. Und ich freue mich sehr, und das ist nicht so dahingesagt, sondern weil ich es nachdrücklich unterstützen möchte, dass der Vorsitzende dieser Initiative, Herr Dr. Zoller, mich auf dieser Reise begleitet. Herr Zoller ist nicht nur eine profilierte Unternehmerpersönlichkeit, sondern auch Vorsitzender des “Brazil Board” des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Dieses Board dient dem langfristigen Ausbau unserer wirtschaftlichen Beziehungen mit Brasilien und ist erst das zweite seiner Art.

Meine Damen und Herren, ein solches Board gibt es sonst nur für die Vereinigten Staaten von Amerika. Das zeigt, welch hohe Bedeutung den deutsch-brasilianischen Wirtschaftsbeziehungen beigemessen wird und wie eng unsere Volkswirtschaften miteinander verbunden sind.

Diese enge wirtschaftliche Verflechtung wollen wir auch als Grundlage für engere politische Abstimmung nutzen. Für die politische Zusammenarbeit werden wir ebenfalls neue Wege beschreiten. Die beeindruckende Entwicklung Brasiliens macht neue Kooperationsprojekte möglich und nötig. Präsident Lula hat bei seinem Deutschlandbesuch im Dezember letzten Jahres selbst von einer “dritten Phase” der deutsch-brasilianischen Beziehungen gesprochen. Die erste Phase, das war die historische deutsche Einwanderung nach Brasilien, die zweite Phase, so sagte er, die Industrialisierung mit der deutschen Autoindustrie als Motor. Nun folge eine dritte Phase. Diesen Begriff von Präsident Lula, mit dem ich gestern Abend die Ehre hatte, noch einmal ausführlich auch unsere Beziehungen zu besprechen, diese dritte Phase möchte ich aufgreifen und mit konkreten Projekten und Zielsetzungen verbinden:

Erstens: Wir wollen gemeinsam Zukunftsmärkte erobern. Mit wachsender Wirtschaftskraft wächst in Brasilien der Bedarf an moderner Infrastruktur, sauberer Energie und verlässlicher öffentlicher Sicherheit. Themen wie Klimawandel und Biodiversität rücken in den Vordergrund. Wir setzen auf die nachhaltige Nutzung von Rohstoffen, die Entwicklung neuer Umwelttechnologien und die Zusammenarbeit in Klimafragen.

Brasilien hat große Rohstoffvorkommen, riesige Tropenwälder, die für das Weltklima unersetzlich sind, und es hat echte Potenziale für erneuerbare Energien. Wir haben Spitzentechnologie “made in Germany”. Beides wollen und müssen wir zusammenbringen, und daraus können dann auch bedeutende Kooperationsprojekte entstehen. In dem Filmbeitrag, den wir eben gesehen haben, wurden Stadien gezeigt, die mit Solardächern gedeckt wurden. Das ist keine Zukunftsmusik, sondern das ist ein konkretes Projekt. Meine Damen und Herren, auf diesem Wege wollen wir fortschreiten.

Zweitens: Wir wollen gegenseitig von einander lernen. Wer gemeinsam Zukunft gestalten will, muss über Bildung, Forschung und Innovation sprechen. Viele akademische Partnerschaften mit deutschen Universitäten und Forschungsinstituten bestehen bereits. Darüber hinaus arbeitet seit kurzem ebenfalls in diesem Gebäude der Aufbaustab des “Deutschen Wissenschafts- und Innovationshauses”. Diese Initiative wird vom Auswärtigen Amt gefördert, und ich bin davon überzeugt, dass das “Wissenschafts- und Innovationshaus” einen besonders wichtigen Beitrag zur deutsch-brasilianischen Zusammenarbeit leisten wird.

Das alles sind keine für sich stehenden Einzelprojekte, sondern es sind Ausschnitte einer breiten, substanziellen politischen Gesamtstrategie. Es geht uns um dauerhaft enge und breite Beziehungen zu Brasilien, die über den wirtschaftlichen Charakter hinaus gehen und auch politisch und gesellschaftlich belastbar sind.

Drittens: Wir wollen gemeinsam global Verantwortung übernehmen. Das wachsende wirtschaftliche und politische Gewicht Brasiliens macht eine Zusammenarbeit auf weltweiter Ebene zum beiderseitigen Nutzen möglich. Gemeinsames Ziel unserer Bemühungen muss es sein, die Globalisierung nach Werten und Regeln zu gestalten, damit Frieden und Sicherheit langfristig gewahrt bleiben.

Die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise hat nicht dazu geführt, den Prozess der Globalisierung zu verlangsamen oder gar aufzuhalten, wie sich der eine oder andere vielleicht insgeheim gewünscht hat. Die Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise sind geradezu Ausdruck einer fortschreitenden Globalisierung. Was in scheinbar weit entfernten Teilen des Globus geschieht, das betrifft uns direkt. In der Wirtschaft und bei den Finanzen, der Umwelt, dem Klima, der Energie und der Ernährung gilt: Nur wenn wir global zusammenarbeiten, können wir nachhaltige Lösungen gemeinsam erreichen. Eine solche Zusammenarbeit zwischen Brasilien und Deutschland soll ein Eckstein unserer bilateralen Beziehungen sein.

Gemeinsam müssen wir daran arbeiten, Krisen schon im Vorfeld durch präventive Außenpolitik zu entschärfen. Dafür müssen wir an die Wurzeln dieser Probleme gehen. Wo werden durch knappe Ressourcen Auseinandersetzungen wahrscheinlicher? Wie können wir ihnen mit unserem außenpolitischen und wirtschaftlichen Instrumentarium entgegenwirken? Unsere Außenpolitik muss verhindern, dass aus globalen Problemen globale Krisen werden. Außenpolitik heute muss dafür sorgen, dass die Globalisierung sich nach Regeln entwickelt und an Werten orientiert. Logischer Partner für diese Politik ist für uns gerade auch Lateinamerika, weil wir auf dem gleichen Wertefundament stehen.

Meine Damen und Herren, in Deutschland wird die Bedeutung unserer bilateralen Beziehungen, der deutsch-brasilianischen Beziehungen, und natürlich auch der Lateinamerikapolitik insgesamt noch von manchem unterschätzt. Hier in São Paulo wird sie längst gelebt.

Deswegen hat sich hier eine sehr große Gemeinde als Vorbild für viele andere zusammengefunden. Es gibt nur wenige Städte auf der Welt, in denen das Netzwerk deutscher Einrichtungen so dicht ist. Neben den über 800 deutschen Firmen in der Region und Ihrer Einrichtung verfügt São Paulo über besonders starke deutsche Schulen. Man muss auch an die Kinder, an die Ausbildung der Kinder denken, wenn man dafür sorgen möchte, dass investiert wird und dass Unternehmungen herkommen. Das gehört zusammen. Deswegen haben wir auch im Auswärtigen Amt einen Schwerpunkt in der Auswärtigen Bildungs- und Kulturpolitik gesetzt.

Meine Damen und Herren, unter diesen Schulen ist die größte deutsche Schule der Welt, die Porto-Seguro-Schule, die ich im Anschluss an diese Veranstaltung besuchen werde. Die enge Zusammenarbeit der deutschen Wirtschaft mit den Schulen, sie beeindruckt mich besonders, denn die Kammer und die deutschen Firmen bieten hier in São Paulo eingegliedert in die Humboldt-Schule eine berufliche Ausbildung nach dem deutschen dualen Modell. Ich freue mich, dass dieses Modell, das weltweit einen so ausgezeichneten Ruf genießt, auch hier angewendet wird. Neben der großen deutschstämmigen Bevölkerungsgruppe tragen diese Einrichtungen durch die Vermittlung von deutscher Sprache und Kultur dazu bei, das Netz unserer Beziehungen auch über den wirtschaftlichen Bereich hinaus noch dichter zu knüpfen.

Und weil Sie so freundlich waren, auf die vielen jungen Menschen hinzuweisen, die dankenswerter Weise, und ich hoffe freiwillig, heute Mittag hergekommen sind, möchte ich ihnen sagen: Leben Sie das! Sie sind nämlich die Generation, über die wir hier in Wahrheit reden. Und ich kann Ihnen sagen, je mehr Sie sich als junge Menschen austauschen, je globaler Ihr Horizont wird, desto größer werden auch Ihre persönlichen Chancen sein.Es ist Ihr Zeitalter, über das wir hier reden.

Und den Unternehmungen möchte ich nur zurufen: Holen Sie junge Leute her! Machen Sie Praktikanten ein Angebot, sorgen Sie dafür, dass Referendare, dass junge Menschen in der Ausbildung hier bei Ihnen sind! Das ist eine wesentliche Achse.

Ich erzähle das, weil ich einmal, vor ein paar Jahren noch als Oppositionspolitiker in Südkorea zu Gast gewesen bin. Ich habe mittags dort eine Frau in meinem Alter getroffen, die natürlich wesentlich jünger aussah. Und sie hatte dort eine Funktion in der Regierung. Sie war Mitglied der nationalen Regierung. Und noch nicht so bewandert mit den protokollarischen Dingen, habe ich sie natürlich gleich mit „Frau Minister, Exzellenz“ angesprochen, damit man nichts falsch macht. Sie sagte nur in ihrem etwas gebrochenen Deutsch “Mensch, Guido, das ist aber schön, dass wir uns hier sehen!” Ich dachte einen Augenblick, das kann jetzt nicht das koreanische Protokoll gewesen sein. Wir stellten wir fest, dass wir beide zur selben Zeit, sie, wenn ich recht in Erinnerung habe, in Konstanz, ich in Bonn studiert haben, und beide Stipendiaten der Friedrich-Naumann-Stiftung zur selben Zeit waren. Wir müssen uns wohl einige Male auch über den Weg gelaufen sein, woran man sich zwanzig Jahre später vielleicht nicht mehr erinnert. Aber sie war vorbereitet und wusste das alles. Ich war es dummerweise nicht.

Meine Damen und Herren, einen besseren Anwalt für Deutschland finden Sie in einem solchen Land nicht. Auch von denen, die hier stehen, werden einige Minister werden. Das muss ja nicht jeder. Ihr könnt ja auch auf Wohlstand setzen. Aber ich kann nur sagen: Nutzt es und macht es! Und dann werden Sie sehen und werdet Ihr sehen, dass Ihr in Wahrheit auch Botschafter seid zwischen Gesellschaften und zwischen Völkern. Und es hört sich für Euch unglaublich komisch an, wenn ich jetzt sage “in 20 Jahren seid Ihr dann an den Schlüsselpositionen”. Wenn man einem jungen Menschen, sagen wir, mit 16, 17 Jahren, sagt, in 20 Jahren werde er dies oder jenes, dann bekommt man wahrscheinlich die Antwort “Ich weiß gar nicht, ob ich so alt werden will.” Erstens kann ich Ihnen versichern: es gibt ein Leben nach dem 40. Geburtstag. Zweitens möchte ich Ihnen zusichern: Sie werden in diese Schlüsselposition kommen! Wenn diejenigen, die in meinem Alter sind, die hier sitzen, mal zurückdenken: vor 20 Jahren ist Deutschland wiedervereinigt worden!

Das ist das Neue der Globalisierung. Dass es nämlich in Wahrheit in früheren Zeiten 100 Jahre gedauert hat, bis sich entschieden hatte, ob ein Land auf- oder absteigt. Es mögen 100 Jahre gewesen sein im vorletzten Jahrhundert und im letzten vielleicht noch 70 Jahre. In dem Jahrhundert, in dem wir leben, werden 20 Jahre darüber entscheiden, was aus uns, was aus unseren Ländern wird. Das ist das Neue: der Faktor Zeit. Deswegen sollte man vielleicht sogar von der Hochgeschwindigkeitsglobalisierung sprechen.

Die Sprache, die Kultur, das Netz der Beziehungen aufzubauen, all das, was Sie jetzt auch tun werden, all das wird uns später Türen öffnen und Chancen erhalten. Auch hier wird die Bundesregierung verstärken, und wir werden mehr tun, auch ganz konkret: Ich habe gestern mit Präsident Lula über unseren Wunsch gesprochen, 2013 zum Jahr Deutschlands in Brasilien zu machen. Ich freue mich, Ihnen sagen zu können, dass er mich in dieser Planung bestärkt hat. Sie sind alle eingeladen, sich aktiv in diese Planungen einzubringen.

Denn Brasilien beschäftigt uns nicht etwa nur jetzt für ein paar Monate, weil ich heute hier bin und demnächst Wirtschaftsminister Brüderle und Frau Kollegin Schavan kommen, oder weil wir im Mai in München die deutsch-brasilianischen Wirtschaftstage abhalten oder uns mutmaßlich auf dem Lateinamerikagipfel in Madrid darüber unterhalten werden. Nein, meine Damen und Herren: Brasilien muss ein langfristiges, strategisch angelegtes Projekt sein. Ich selbst habe mir das für die gesamte Legislaturperiode vorgenommen und entsprechend geplant. Es geht um unseren Aktionsplan einer strategischen Partnerschaft, die auch durch Ihre Arbeit mit neuem Leben füllen soll. Ich setze dabei auf Sie ganz persönlich. Sie wissen, wie wichtig das ist, was wir hier erleben und worüber ich gesprochen habe.

Diese Auslandshandelskammer, als eine der größten und wichtigsten ihrer Art, wird weiter eine unersetzliche Rolle spielen. Sie fungiert als Scharnier für die reibungslose Verbindung unserer Volkswirtschaften.

Ich möchte Ihnen versichern, dass die Bundesregierung und auch ich persönlich Sie weiterhin in Ihrem Engagement ausdauernd und anhaltend unterstützen werden. Deswegen danke ich sehr für Ihre Aufmerksamkeit und dafür, dass Sie mir die Gelegenheit gegeben haben, die einzige Grundsatzrede, die ich auf dieser Reise halten werde, heute Ihnen vortragen zu dürfen.

Herzlichen Dank!

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