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Evangelischer Kirchentag Bremen: Grußwort von Bundesminister Steinmeier

Rede

- Es gilt das gesprochene Wort! -


Sehr geehrte Frau Präsidentin,

sehr geehrter Herr Bundespräsident,

liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Evangelischen Kirchentages,

was für eine großartige Stimmung hier! Ich freue mich, heute in Bremen zu sein. Das ist nicht mein erster Kirchentag. Aber es ist mein erster Kirchentag in einer Stadt, die von der reformierten Tradition geprägt wurde. Und das im Calvin-Gedenkjahr!

Als Protestant und reformierter Christ aus Lippe danke ich den Bremerinnen und Bremern für diesen großartigen Empfang. Liebe Bremerinnen und Bremer, wir werden allen in Deutschland zeigen, dass auch wir reformierten Nordlichter Feste feiern können! Und, lieber Jens Böhrnsen, wenn heute Abend auch noch Werder Bremen gewinnt, dann gibt es sowieso kein Halten mehr.

„Mensch, wo bist du?“ – erstmals steht eine Frage als Motto über einem Kirchentag. Und vielleicht ist allein das schon Ausdruck für die Zeit, in der wir leben.

Denn in den letzten Monaten ist mehr zusammengebrochen als die Wall Street und die Londoner City. Eine ganze Weltanschauung ist mit einem großen Knall zusammengestürzt. Der Glaube, dass der Markt allein alles regeln kann, hat sich als gefährlicher Irrglaube entlarvt. Und viele Menschen – gerade auch in der Wirtschaft - fragen sich sehr ernsthaft, wie es weiter gehen soll.

Unser Land hat sich auf die Suche gemacht. Nach neuen Antworten, neuen Gewissheiten. Viele Menschen machen sich Sorgen um ihre Arbeitsplätze. Nicht nur bei Opel, Karstadt und Hertie, sondern auch bei vielen kleinen Unternehmen, die nicht jeden Tag in den Schlagzeilen sind. Aber das Suchen und Fragen geht weit darüber hinaus.

Ich bin in den letzten Wochen viel in Deutschland herum gekommen. Und ich habe es überall gespürt: Die Menschen sind in Sorge, wie es weiter geht. Sie fragen nach der Zukunft ihrer Kinder. Nach guten Bildungschancen für alle. Wie wir den drohenden Klimawandel in den Griff bekommen. Nach einer Gesellschaft, die nicht vom herausgehaltenen Ellenbogen geprägt wird. In der es fair und gerecht zugeht.

Politik in der Krise – das ist nicht nur Kampf um jeden Arbeitsplatz. Das auch, ganz gewiss! Politik in der Krise ist aber mehr. Es bedeutet, das Suchen und Fragen der Menschen ernst zu nehmen. Sie nicht mit billigen Antworten abzuspeisen. Nicht so zu tun, als wäre die Krise nur ein Sommergewitter, das bald vorüber zieht.

Politik in der Krise, das heißt: _Neue_ Antworten suchen. Dafür sorgen, dass sich die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. Es hat sich wieder einmal gezeigt: Wer ganz schnell ganz viel Gewinn anhäufen will, der verliert am Ende und reißt oft noch viele andere mit. Die Konsequenz daraus muss sein, dass Gier gezähmt wird, dass Regeln für alle gelten, dass Anstand und menschliches Maß auch überall in der Wirtschaft einziehen.

Was ist das für eine Gesellschaft, in der die einen Unternehmen ruinieren und noch Boni obendrauf kassieren – und auf der anderen Seite eine Verkäufern nach dreißig Jahren ehrlicher Arbeit wegen zwei Pfandbons fristlos entlassen wird?

Und deshalb sage ich: Wir dürfen nicht einfach zum Alten zurück. Sondern wir brauchen den Aufbruch zum Besseren. Wir brauchen einen Neustart der sozialen Marktwirtschaft. Nur dann nehmen wir das Fragen und Suchen in unserer Gesellschaft ernst. Nur dann haben wir die Zeichen der Zeit wirklich erkannt.

Und die Richtung, in die wir suchen sollen, steckt im Kirchentagsmotto drin: „Mensch, wo bist du?“ Der Mensch, von dem da die Rede ist, der Mensch, nach dem Gott ruft, das ist nicht der homo oeconomicus der Marktanbeter, nicht der Mensch, der alles dem Kalkül von Kosten und Nutzen unterwirft. Der Mensch, den Gott ruft, ist auch nicht der Deutsche, der Türke, der Tamile oder Togolese. Nicht einmal der Christ oder Moslem oder Jude. Sondern ganz einfach: der Mensch. Jeder von uns, mit seinen Stärken und seinen Schwächen. Seinem Glauben und seinem Unglauben. Voller Liebe und voller Verzweiflung: „das krumme Holz der Humanität“.

Wir sind es, mit denen Gott eine menschlichere Gesellschaft bauen will. In der jeder eine Chance erhält – und eine zweite und dritte dazu. In der das Fortkommen nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängt. In der Menschen von ihrer Arbeit leben können. In der Menschen ohne Angst verschieden sind und nicht wegen ihrer Hautfarbe fürchten müssen, Freiwild zu sein.

„Mensch, wo bist Du?“ – diese Frage Gottes heißt auch: Er traut uns zu, zu sagen: „Ich bin hier.“

Ja, Politik ist in der Verantwortung. In diesen Monaten, in denen sich große Dinge verändern, noch mehr als in normalen Tagen. Aber ich sage euch auch: Wir brauchen euch alle, gerade in diesen Tagen. Auf jede und jeden kommt es an. Auf eure Ideen und Anregungen. Auch eure Wut! Evangelische Kirchentage waren schon oft in der Vergangenheit Ideenschmieden. Hier wurde vorgedacht, was später in der Politik geschah. Das war so bei der Ostpolitik. Das war so in der Umwelt- und Friedenspolitik. Das war so, nicht zu vergessen, in der DDR, wo die Kirchen die Vorhut von Menschlichkeit und Freiheit waren. Lasst uns diese Tradition in Bremen weiterführen! Mit frischen Ideen für eine Gesellschaft, in der Menschen sagen: „Ich bin hier!“

Wir feiern in diesem Jahr nicht nur

60 Jahre Grundgesetz und 20 Jahre Mauerfall. Wir feiern auch den

500. Geburtstag von Johannes Calvin. Und das gibt uns Anlass, neu darüber nachzudenken, was die Reformation – von Martin Luther _und_ Johannes Calvin – für die Freiheitsgeschichte Deutschlands und Europas bedeutet.

Und das nicht in der Form reiner Erinnerung, sondern als Weckruf für eine bessere Zukunft.

Liebe Kirchentagsgemeinde,

die Freiheitsgeschichte Gottes will weitergehen. Mit uns, mit jedem von uns. Auch hier auf dem Kirchentag.

„Mensch, wo bist Du?“ – „Ich bin hier.“ Wo so geredet wird, entsteht Zukunft. Lasst uns diese Zukunft gemeinsam bauen!

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