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Rede von Außenminister Steinmeier anlässlich der Eröffnung des Deutsch-Kolumbianischen Friedensinstituts

13.01.2017 - Rede

-- es gilt das gesprochene Wort --

Sehr geehrte Frau Außenministerin, liebe Maria Angéla,
liebe Abgeordnete des Deutschen Bundestags,
liebe Freunde des Deutsch-Kolumbianischen Friedensinstituts,
verehrte Damen und Herren!

Ich freue mich sehr, hier in Bogotá zu sein und mit Ihnen gemeinsam den Startschuss für das Deutsch-Kolumbianische Friedensinstitut zu geben!

Denn Deutschland ist ein enger Partner Kolumbiens auf dem Weg hin zu einem umfassenden Frieden!

Heute Morgen hatte ich die Gelegenheit, einen direkten Eindruck davon zu gewinnen, was schon erreicht, aber auch welche Wegstrecke noch zu bewältigen ist! Auf Einladung und in Begleitung meiner Außenministerkollegin Maria Angéla habe ich die Entwaffnungszone Mesetas besucht, in der sich FARC-Kämpfer sammeln, um den Prozess der Entwaffnung zu beginnen. Ein Ort, weit entfernt von Bogotá, noch weiter entfernt von Havanna, wo das Abkommen ausgehandelt wurde. Und doch ein Ort, wo für mich das Friedensabkommen greifbar wird. Längst nicht alles ist fertig. Vieles ist noch zu tun. Aber dort wir mit Hochdruck gebaut; ganz konkret am Frieden gearbeitet. Eine Friedensbaustelle. Das ist für mich ein sehr starkes, ein positives Symbol.

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Meine Damen und Herren,

allein die Tatsache, dass Kolumbien nun die Chance auf Frieden hat kommt nicht von ungefähr! Gerade die jüngere Geschichte Kolumbiens hat gezeigt, wie leicht solche Vorhaben scheitern können. Das Abkommen ist das Ergebnis eines langen und schwierigen Verhandlungsprozesses. Angestoßen durch eine mutige Politik von Präsident Santos; getragen von der Einsicht, dass es nach Jahrzehnten blutiger Kämpfe eben keine militärische Lösung geben kann; und wirkungsvoll begleitet durch internationale Partner, die geholfen haben, das Vertrauen herzustellen, das es für solche Verhandlungen braucht.

Dass die Verhandlungen mit den FARC in einer tragfähigen Verhandlungslösung gemündet sind, ist zuallererst eine Nachricht der Hoffnung für Kolumbien. Aber nicht nur für Kolumbien. Kolumbien sendet mit diesem Friedensschluss auch ein Signal für andere, blutige, schier unlösbar scheinenden Konflikte in der Welt: Frieden ist möglich. Auch wenn die Lage noch so verfahren ist und der Konflikt unzählige Opfer auf allen Seiten gekostet hat, Frieden ist möglich, wenn Bereitschaft, Mut und Geduld für beharrliches, hartnäckiges und auch hartes Verhandeln. Und Bereitschaft besteht, dabei Zugeständnisse zu machen, hart an die Grenzen des jeweils Akzeptablen gehen. Nur wenn das gegeben ist, wenn die Akteure sich nicht abfinden mit immer neuen Runden des Konflikts und immer neuen Opfern, dann lässt sich das scheinbar unmögliche erreichen. Dann wachsen wieder Perspektiven für ein über Jahrzehnte von Bürgerkrieg und Gewalt geschundenes Volk, wird neue Hoffnung begründet.

Dies, meine Damen und Herren, ist das Signal, das von Kolumbien ausgeht! Und den Friedensnobelpreis wahrlich verdient hat! Glückwunsch

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Meine Damen und Herren,

in seiner Familiensaga „La Oculta“ erzählt der kolumbianische Autor Héctor Abad, welch tiefe Spuren die gewaltsamen Konflikte in den Lebenswelten kolumbianischer Familien hinterlassen haben.

An einer Stelle beschreibt er wie Pilar, eine der Hauptfiguren des Romans, leidet, als ihr Sohn von den FARC entführt wird, verschleppt in das kalte kolumbianische Hochland, in die quälende Ungewissheit. Zitat: „Es war eine sehr harte Zeit, wir lebten, ohne zu leben; schliefen, ohne zu schlafen; aßen ohne zu essen, und hatten Nacht für Nacht schreckliche Träume“. Zitat Ende.

Bei meinem letzten Besuch hier in Kolumbien hatte ich die Gelegenheit, mich viel mit Schicksalen dieser zu befassen. Ich konnte mit einer jungen Frau zu sprechen, die ein solches Schicksal selbst erlitten hat. Die als 13jährige in die Hände der FARC geraten war. Jahrelang musste sie mit den Rebellen leben, immer in Todesangst, wenn sie über den nächsten Fluchtversuch nachdachte. Erst nach sechs Jahren konnte sie fliehen, kam hierher nach Bogotá. Sie erzählte mir damals, wie zerrissen sie sich fühlte, aus Angst vor ihrer Heimat, aus Angst vor der Rache der FARC, aus Angst vor ihrer Familie. Und sie erzählte von den tausenden Familien, aus denen Söhne und Töchter entweder von den FARC, aber auch von Paramilitärs geraubt worden sind.

Mich haben diese Gespräche mit ehemaligen Angehörigen der FARC und der Paramilitärs sehr berührt. Sie haben uns einen nachhaltigen Eindruck vermittelt, wie tief die Wunden sind, die dieser Konflikt in der Gesellschaft hinterlassen hat. Kaum eine Familie in diesem Land ist verschont geblieben von Jahrzehnten des Bürgerkriegs. Jeder von Ihnen hier im Raum kann sicherlich solche oder ähnliche Geschichten berichten.

Und deshalb wird auch ein Friedensabkommen kein Schlussstein sein. Es braucht die Beharrlichkeit und Kraft der gesamten Gesellschaft, um den Kompromiss zwischen der kolumbianischen Regierung und den FARC rasch so zu untermauern und auszubauen, dass es wirklich zu einer gesellschaftlichen Aussöhnung in Kolumbien kommen kann. Mich beeindruckt zutiefst die Bereitschaft vieler Opfer, ihren Peinigern die Hand zur Versöhnung auszustrecken. Und sie gibt Anlass zu Optimismus! Gleichzeitig stellen sich viele hochkomplexe und spannungsgeladene Fragen: Nach der juristischen Aufarbeitung der Verbrechen aller gewalttätigen Gruppen; nach der Perspektive der Opfer des Konflikts in diesem Prozess; nach Methoden und Wegen der Aussöhnung, dem Umgang mit den verbliebenen bewaffneten Gruppen und letztlich nach der Bewältigung sozio-ökonomischer Spannungen.

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Meine Damen und Herren,

Antworten auf diese heiklen Fragen müssen zuallererst hier in Kolumbien und von Ihnen, liebe Kolumbianerinnen und Kolumbianer, gefunden werden. Aber Sie stehen dabei nicht alleine. Deutschland ist ein enger Partner Kolumbiens. Im Abkommen mit den FARC ist die Bitte verankert, dass Deutschland bei der Umsetzung helfen soll, gerade mit Blick auf Übergangsjustiz und Versöhnung. Wir tun dies gern! Aber wir tun es nicht, weil wir glauben, die perfekten Antworten auf diese vertrackten Fragen zu haben. Nicht, weil wir fertige deutsche Lösungen unseren kolumbianischen Partnern aufdrängen wollen. Deutschland hat seine eigenen Erfahrungen dabei gemacht hat, Gräben innerhalb der Gesellschaft zu überwinden – aufgerissen durch Unrecht, Gewalt und Unterdrückung, während der Nazi-Herrschaft und der deutsch-deutschen Teilung bis 1989/90. Es gibt keine Blaupause für den Umgang mit der eigenen Geschichte. Aber vielleicht können unsere Erfahrungen hilfreich sein, wenn Kolumbien seinen eigenen Weg sucht.

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Meine Damen und Herren,

aus dieser Logik heraus wurde auch die Idee für das Deutsch-Kolumbianische Friedensinstitut geboren. Es wurde von Anfang an ganz besonders getragen und gefördert maßgeblich von Abgeordneten des Deutschen Bundestages. Besonderer Dank geht an Edelgard Bulmahn und Tom Koenigs, der mich heute begleitet und der mich als mein Beauftragter für den Friedensprozess in Kolumbien in den vergangenen Jahren intensiv beraten hat.

Auch Ihren Impulsen, liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Bundestag, ist es zu verdanken, dass wir heute das Startsignal geben für ein Institut, das nicht belehren will, sondern in dem das gemeinsame Lernen, das gemeinsame Forschen und der Transfer zwischen unseren Ländern neue Handlungsoptionen schaffen will.

Das Deutsch-Kolumbianische Institut ist ein zusätzlicher Baustein unserer Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik und unseres Engagements für Frieden und Aussöhnung in Kolumbien.

Es steht auf einem festen Fundament praktischer gemeinsamer Friedensarbeit, die Deutschland und Kolumbien seit mehr als zehn Jahren verbindet.

Es wird getragen von einer ausgezeichneten wissenschaftlichen Zusammenarbeit, für die mehr als 150 Universitätspartnerschaften stehen. Besonders natürlich von denjenigen, die in Deutschland das Konsortium des Friedensinstitutes bilden. Lieber Herr Professor Marauhn, stellvertretend für alle Mitglieder Ihres Konsortiums, meinen herzlichen Dank hierfür!

Meine Damen und Herren,

mit dem heutigen Tag geben wir aber nicht nur das Signal für den Start des Institutes. Sondern Sie haben bereits vorgearbeitet. Ich weiß, dass die kolumbianischen und deutschen Konsortialpartner gestern erste Pilotprojekte verabredet haben und diese Anfang März gemeinsam nicht nur hier in Bogotá, sondern vor Ort, in den Regionen beginnen wollen.

So haben Sie zum Beispiel vereinbart, zu den wirtschaftlichen Perspektiven nachhaltiger Landwirtschaft in den ehemaligen Konfliktregionen zu arbeiten. Sie wollen sich intensiv dem Aufbau einer Postkonfliktgesellschaft widmen. Durch Maßnahmen zur Teilhabe an Entscheidungsprozessen, durch Arbeit an den psycho-sozialen Voraussetzungen und Möglichkeiten einer Versöhnungsarbeit, und durch Friedenserziehung in der Schule.

Dabei wollen wir Sie unterstützen und den Rat und die Expertise des Georg-Eckert-Schulbuchinstitutes ebenso mobilisieren wie die notwendigen finanziellen Ressourcen hierfür.

Und wir werden gemeinsam mit Ihnen ein Projekt fortsetzen, das mir besonders am Herzen liegt. Denn es zeigt, wie zentral neben dem praktischen Handeln und wissenschaftlicher Expertise ein dritter Baustein ist, der unsere Beziehungen so tragfähig macht: Das breite, zivilgesellschaftlich getragene kulturelle Engagement in Kultur und Sport.

Es geht um das Einüben von Regeln. Nicht auf Schulbänken oder Auditorien. Sondern auf dem Fußballplatz. Mehr als 50 Trainerinnen und Trainer wurden ausgebildet, mehr als 4000 Kinder und Jugendliche haben teilgenommen. Einer von ihnen hat uns folgendes geschrieben: „Auf dem Platz habe ich gelernt zu helfen, andere zu tolerieren und die Gefühle und Gedanken von anderen nicht abzulehnen“. Genau darum geht es. Deshalb werden wir dieses Pilotprojekt auch in den nächsten drei Jahren fördern.

Darüber hinaus werden wir diese Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Kultur, Zivilgesellschaft und Politik über einen Freundeskreis des deutsch-kolumbianischen Friedensinstitutes organisieren.

Ich habe mir berichten lassen, dass das Goethe-Institut und Experimenta Sur hierfür ebenso bereit stehen wie streetfootballworld Deutschland und Kolumbien, liebe Natalia Léon! Und dass Sie, Heinrich von Berenberg und Héctor Abad, Ihnen ebenso zur Seite zu stehen wie Martha Nubia als zukünftige Leiterin des Nationalen Erinnerungsmuseums und Raphael Gross als neuer Leiter des Deutschen Historischen Museums.

Ich kann ihnen hierzu nur gratulieren und sie ermutigen, dass Deutsch-Kolumbianische Friedensinstitut weiter über den Wissenschaftsbereich hinaus mit Kultur und Zivilgesellschaft zu vernetzen.

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Meine Damen und Herren,

lassen Sie mich zum Abschluss noch einmal zurückkehren zu Pilar, der Figur aus dem Roman von Héctor Abad. „Stell Dir einfach vor“, wird sie aufgefordert, „hinter dem Nebel ist alles so wie früher“. Pilar antwortet: „Das kann ich nicht“.

Für mich schwingt in diesem Zeilen eine tiefe Einsicht mit: Auch wenn sich ein Nebelschleier über die Vergangenheit legt - sie bleibt gegenwärtig und sie beeinflusst auch die Gegenwart. Wir Deutschen haben an unserer eigenen Geschichte lernen müssen, wie schmerzhaft die tätige Erinnerung, die Arbeit an den Brüchen und Wunden einer Gesellschaft sein kann und manchmal auch muss. Und gleichzeitig wie befreiend und wie versöhnend. Deswegen seien Sie versichert: in Deutschland haben Sie einen Partner. Einen Partner für den Frieden! Und nun haben wir auch ein gemeinsames Friedensinstitut!

Vielen Dank!

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