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Grußwort von Staatssekretär Miguel Berger anlässlich der Verlegung von Stolpersteinen für ehemalige Angehörige des Auswärtigen Amts

07.11.2021 - Rede

Sehr geehrter Herr Demnig mit dem Team der Stolperstein-Initiative,

sehr geehrte Gräfin Bernstorff,

liebe Mitwirkende an der Stolpersteininitiative des Auswärtigen Amts, lieber Herr Mir Haschemi,

liebe Kollegen und Kolleginnen,

vor allem: sehr verehrte Angehörige unserer ehemaligen Kollegen,

ich danke Ihnen herzlich, dass Sie heute in so großer Zahl nach Berlin gekommen sind. Hier, am Standort des Auswärtigen Amts von 1870 – 1945, ist Ihren Eltern, Großeltern, Onkeln, Tanten, ist Ihren Verwandten großes Unrecht zugefügt worden.

Ihre Angehörigen wurden von den Nationalsozialisten verfolgt und aus dem Dienst entlassen. „Aufgrund Ihres Glaubens, Ihrer Herkunft, Abstammung, politischen Haltung, sexuellen Orientierung, Weltanschauung.“ So steht es auf der Stolperschwelle, die der Künstler Gunter Demnig in wenigen Minuten verlegen wird. Zusammen mit den Stolpersteinen, die gleich enthüllt werden – einer für jeden entlassenen Mitarbeiter – erinnert die Stolperschwelle an die Schicksale von 56 Angehörigen des Auswärtigen Amts.

Stolperschwelle und Stolpersteine stehen exemplarisch für weitere Angehörige des Auswärtigen Dienstes, über die wir in unserem Archiv keine Informationen mehr finden, sowie für die vielen Familienangehörigen, denen ebenfalls Unrecht angetan wurde.

Die Stolpersteine stehen als dezentrales Mahnmal für alle Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, ermordet wurden. Sie tragen dazu bei, den Individuen und der Unrechtskultur des totalitären Nazi-Regimes Sichtbarkeit zu geben – damit wir uns erinnern.

Anlässlich des 150. Jahres des Bestehens des Auswärtigen Amts, zugleich 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, hat sich eine ehrenamtliche Gruppe von Beschäftigten des Auswärtigen Amts daran gemacht, auch derjenigen zu gedenken, die aus den eigenen Reihen, als damalige Angehörige des Auswärtigen Amts, von den Nazis verfolgt wurden. Auf Grundlage von Unterlagen im Politischen Archiv des AA wurden so 56 Namen und Schicksale zusammengetragen. Ich möchte hier heute allen danken, die daran mitgewirkt haben, insbesondere auch Frau von Boeselager und ihrem Team im Politischen Archiv.


Sehr verehrte Gäste,

Erinnern: Wir können dies nicht oft genug tun.

Die Stolpersteine-Initiative ist hierfür ein hervorragendes Instrument. Sie begann bereits vor über 25 Jahren. Das Auswärtige Amt hat auch schon in vielen Ländern mit ihr zusammengearbeitet. Was der Künstler Gunter Demnig vor vielen Jahren begann, ist jetzt die größte dezentrale Gedenkstätte für NS-Verfolgte.

Die meisten von uns sind sicherlich schon häufig über die Gedenksteine „gestolpert“, haben innegehalten, über die Schicksale der auf den Steinen beschriebenen Menschen nachgedacht.

Auch wenn die kleinen Messingplatten nicht wiedergeben können, was diese Menschen erleben mussten, sind sie ein Symbol, das uns in unserem Alltag begegnet und uns erinnern lässt. Für diejenigen, die nicht hier in Deutschland wohnen oder lange nicht mehr hier waren: Die traurige Realität ist, dass Sie bei einem Spaziergang - egal in welchem Stadtviertel von Berlin - auf diese Gedenksteine stoßen, darüber „stolpern“ werden.

Wenn wir uns hinunterbeugen, um die Inschrift auf den Tafeln zu lesen, ist es, als ob wir uns vor den Menschen verbeugen und Ihnen den Respekt erweisen, der Ihnen in Ihrem Leben genommen wurde.

Die Stolpersteine sind Erinnerung, Gedenken und Mahnung zugleich. Erinnert wird an jeden einzelnen Menschen, sein Schicksal bleibt jedoch nicht im Privaten, es wird Teil unseres Alltags, Teil der kollektiven Erinnerung, Teil der Erinnerungskultur, Teil der Mahnung wachsam zu bleiben gegen Entwicklungen, zum Beispiel die Zunahme von Antisemitismus und Rassismus.

In der Mitarbeiterzeitschrift des Auswärtigen Amts hieß es vor kurzem: „Im damaligen Auswärtigen Amt war das gesamte Spektrum von Zustimmung, Opportunismus, Mitläufertum und Gleichgültigkeit vertreten. Ihre Weltläufigkeit hat die Diplomaten nicht davon abgehalten, der Diktatur zu Diensten zu sein, ihren Verbrechen zuzuarbeiten, auch selbst initiativ zu werden.“

Aus den unvorstellbaren und unaussprechlichen Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands hat die Bundesrepublik Deutschland ihre Schlüsse gezogen, zuvorderst mit der Verankerung von Art. 1, Satz 1 in unserem Grundgesetz – „Die Würde des Menschen ist unantastbar, sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Der Einsatz für Menschenrechte weltweit ist ein Fundament deutscher Außenpolitik.

Der Nationalsozialismus war das dunkelste Kapitel in der 150-jährigen Geschichte des Auswärtigen Amts. Eine Zeit, für die wir als Behörde selbst viele Jahre benötigt haben, um uns damit auseinanderzusetzen, mit unserer Geschichte, mit Kontinuitäten, mit Verfolgung und ihren Nachwirkungen, mit Brüchen.

Heute setzen wir uns aktiv für Vielfalt ein. Unterschiedliche Weltanschauungen, Religionszugehörigkeiten und politische Orientierungen gehören schon seit Langem zum Auswärtigen Amt. Ich freue mich sehr, dass heute auch eine Gruppe der Diplomats of Color an der Organisation dieser Veranstaltung mitwirkt. In der Gruppe Rainbow haben sich die LGBTIQ-Angehörigen des Auswärtigen Amts und ihre Partner und Partnerinnen zusammengeschlossen. Diese Initiativen leisten einen wichtigen Beitrag dazu, dass das Auswärtige Amt eine moderne und offene Behörde ist, die im regen Austausch mit der Gesellschaft steht, die sie im Ausland vertritt.

Die Stolpersteine sollen uns daran erinnern, wie kostbar unsere Freiheit ist, wie kostbar es ist, dass wir als Unterschiedliche zusammenkommen. Und dass wir, so wie es die ehemaligen Mitarbeiter getan haben, derer wir heute gedenken, uns jeden Tag dafür einsetzen sollen, dieses kostbare Gut zu bewahren.


Gräfin Bernstorff, Sie haben das Wort!

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