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Rede von Außenminister Johann Wadephul beim Wirtschaftstag der Konferenz der Leiterinnen und Leiter deutscher Auslandsvertretungen

08.09.2026 - Rede

Übersetzung der Rede aus dem Englischen

Ich heiße Sie herzlich zum Wirtschaftstag der Konferenz der Leiterinnen und Leiter deutscher Auslandsvertretungen hier im Auswärtigen Amt willkommen. Auch dieses Jahr freue ich mich wieder auf die anstehenden Gespräche und Begegnungen.

Eine besondere Freude ist es mir, meinen guten Freund Maroš Šefčovič, Europäischer Kommissar für Handel und wirtschaftliche Sicherheit, hier willkommen zu heißen.

Lieber Maroš, ich möchte meine kurzen einleitenden Bemerkungen sogar mit einem Zitat von Dir beginnen. Und zwar einem Witz, den Du einmal erzählt hast:

Ein Lehrer fragt die Kinder in seiner Klasse, was sie einmal werden möchten, wenn sie groß sind. Ein Kind antwortet: „Etwas mit Zukunft – ein Mercosur-Verhandler. So wie mein Vater. Und wie mein Großvater.“

Lieber Maroš – ich sage voller Stolz: Dank unserer äußerst engen Zusammenarbeit sind wir die letzte Generation von Mercosur-Verhandlern. Die Schulkinder werden sich nach anderen Laufbahnen umsehen müssen, aber das ist für ihre Zukunft nur von Vorteil.

Wenn ich den Blick in die Zukunft richte, sehe ich eine grundlegend veränderte Weltwirtschaftslage. Wie wir alle wissen, wird ein großer Teil des deutschen Wohlstands im Ausland erwirtschaftet.

Etwa jeder vierte Arbeitsplatz hängt von Exporten ab, sogar fast jeder zweite Arbeitsplatz in der Industrie!

Aber unsere Wirtschaft ist nicht nur exportorientiert. Ich würde sie als partnerschaftsorientiert bezeichnen: Sie hängt auch von Produktionsfaktoren wie Energie und kritischen Rohstoffen ab.

Deutschland und Europa sind insbesondere auf offene Märkte, verlässliche Handelsregeln und diversifizierte wirtschaftliche Beziehungen angewiesen.

Ich verrate Ihnen nichts Neues, wenn ich sage, dass dieses System unter Druck steht – aus offensichtlichen Gründen.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine tobt weiter und bindet sowohl wirtschaftliche als auch militärische Ressourcen.

Die anhaltende Krise in der Straße von Hormus wirkt sich stark auf die weltweiten Energiepreise aus und setzt unseren Volkswirtschaften massiv zu.

Unsere Wirtschaftsbeziehungen zu China werden immer unausgewogener. Marktfremde Politik und eine unterbewertete Währung drohen, unsere industrielle Basis auszuhöhlen und aus kritischen Abhängigkeiten strategische Schwachstellen zu machen.

Zugleich haben wir mit unsteten und herausfordernden Handelsbeziehungen mit den Vereinigten Staaten – traditionell der engste Handelspartner der EU – umzugehen.

Und es kommt noch hinzu: Der Klimawandel und extreme Wetterereignisse führen zu erheblichen wirtschaftlichen Verlusten und unterbrechen Lieferketten.

Die wichtigste Frage für Deutschland ist: Wie gehen wir mit diesen veränderten Bedingungen um – denn sie bleiben ja Realität.

In erster Linie muss es eine europäische Antwort sein: auch in der Weltwirtschaft von morgen die EU als geoökonomisches Kraftzentrum zu stärken, unsere Werte zu verteidigen und unseren Wohlstand zu sichern.

Meine Damen und Herren, wir sind hier als Institution zu unseren eigenen Schlüssen gekommen.

Wenn die Geopolitik anfängt, die Weltwirtschaft zu bestimmen oder sogar zu diktieren, müssen wir die Konsequenzen ziehen. Daher haben wir unser Ministerium grundlegend reformiert.

Wir haben eine neue Abteilung geschaffen, in der Geoökonomie und EU-Politik zusammengefasst sind, sodass wir rasch auf die Lage in der Welt reagieren können.

Ferner wollen wir dem Bundeshaushalt und dem Koalitionsvertrag folgen, mit der Vorgabe, unser Personal um 8 % zu kürzen. Wir machen das Beste aus der Situation, indem wir eine schlankere und agilere Organisation schaffen.

Aber es geht nicht nur um uns. In einer Zeit politisch umkämpfter Märkte müssen der Staat und die Wirtschaft Hand in Hand zusammenarbeiten. Die deutsche Regierung und die deutsche Wirtschaft kommen nur durch diese Krise, wenn sie an einem Strang ziehen.

Für mich sind die zwei wichtigsten Punkte:

Erstens möchte ich auf meinen Reisen niemanden belehren – ich möchte Partnerschaften stärken. Daher werde ich auch von Wirtschaftsdelegationen begleitet.

Zweitens hat mein Ministerium einen klaren Auftrag: deutschen und europäischen wirtschaftlichen Interessen den Weg zu bereiten und so viel Unterstützung wie möglich für Ihre – und hier schaue ich auf die Vertreter der Wirtschaft – Projekte im Ausland zu leisten.

Wir leben in einer Zeit fragmentierter Handelsbeziehungen. Unternehmen drohen durch fremde Mächte instrumentalisiert zu werden – ein Ansatz, der unserer Auffassung von Wirtschaft und dem Wirtschaftsmodell, das seit Jahrzehnten die Grundlage für unseren Erfolg bildet, völlig entgegengesetzt ist.

Daher müssen wir unsere Denkweise ändern.

Ihre Unternehmen arbeiten nicht mehr in einem geopolitisch vorhersagbaren Umfeld oder in einem regelbasierten globalen System. Sie arbeiten in Ländern, deren wirtschaftspolitische Maßnahmen und ihre Auswirkungen unsere traditionell erfolgreichsten Branchen und Unternehmen erschüttern.

Zugleich erfährt die Weltwirtschaft einen grundlegenden Wandel durch neu entstehende Wachstumsbranchen wie KI und umweltschonende Technologien.

Heute müssen politische Risiken und kritische Anfälligkeiten, auch solche, die noch in der Zukunft liegen, in die Risikobewertung jedes einzelnen Unternehmens einbezogen werden: Wir werden beim Schutz Ihrer Interessen manchmal auch an Grenzen stoßen.

Mit Mercosur bieten wir Ihnen einen Ausweg.

Wir eröffnen Ihnen die Möglichkeit, Ihre Exportmärkte, aber auch Ihre Quellen für Produktionsfaktoren – wie kritische Rohstoffe – zu diversifizieren. Und wir arbeiten bereits erfolgreich an vielen weiteren wichtigen Freihandelsabkommen – Maroš geht hier voran. Vielen Dank dafür!

Zusammen, lieber Maroš, gehören wir zum „Team Europa“.

Unser Ziel ist ganz klar: Wir müssen die Europäische Union zu einem noch stärkeren geoökonomischen Kraftzentrum machen. Wir müssen unsere wirtschaftliche Basis stärken, um künftige geoökonomische Konflikte bewältigen zu können. Und wir müssen unsere Wettbewerbsfähigkeit umfassend stärken.

Der EU-Binnenmarkt ist dafür von zentraler Bedeutung – und er ist in diesem Jahr der wichtigste Treiber für das Wirtschaftswachstum, während die Exporte in zwei unserer wichtigsten Handelspartner außerhalb Europas dramatisch zurückgegangen sind.

Wir dürfen die Vertiefung des Binnenmarkts nicht aus den Augen verlieren; dazu müssen wir die Spar- und Investitionsunion voranbringen und industriepolitische Maßnahmenpakete umsetzen, um kritische Lieferketten in Europa zu sichern.

Denn wenn globale Märkte wegbrechen und der Handel mit China und den Vereinigten Staaten schwächer wird, ist die EU unser Sicherheitsnetz. Sie ist unser Anker und der wahre Motor unseres Wachstums.

Die Zahlen sprechen für sich: Der Binnenmarkt hat für mehr als zwei Drittel unseres BIP-Wachstums gesorgt. Das ist noch keine vollständige Erholung, aber es ist ein Anfang.

Und hier ist der zweite Punkt: Wettbewerbsfähig zu sein reicht nicht. Europa, wir alle, müssen härter für unsere Interessen kämpfen.

Wir brauchen entschlossenes De-Risking, um unsere wirtschaftliche Verwundbarkeit strategisch zu verringen.

Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Verwundbarkeit nicht ausgenutzt wird.

Wir müssen unsere kritische Infrastruktur, insbesondere kritische Komponenten, schützen.

Wir müssen strategische Abhängigkeiten verringern.

Lieber Maroš,

Liebe Gäste,

meine Mitarbeitenden und ich haben diese geoökonomischen Herausforderungen im Blick. Und wir gehen sie mit voller Kraft an – hier in Berlin, in Brüssel und auf unseren zahlreichen Auslandsreisen.

Aber wie gesagt: Wir brauchen Sie, die Wirtschaft, die Unternehmen. Auf Sie kommt es an.

Für „Team Europa“ als geoökonomische Macht.

Ich danke Ihnen.

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