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Rede von Außenminister Johann Wadephul an der Universität Witwatersrand, Südafrikanisches Institut für Internationale Angelegenheiten (SAIIA)
Übersetzung der Rede aus dem Englischen
„Verantwortung und Ubuntu – gemeinsame deutsch‑südafrikanische Perspektiven in einer fragmentierten Welt“
Nelson Mandela hat Deutschland zum ersten Mal im Juni 1990 besucht.
Nur vier Monate nach seiner Freilassung aus 27 Jahren Haft in Apartheidsgefängnissen.
Nur sieben Monate nach dem Fall der Berliner Mauer.
Mein Land befand sich damals im Umbruch und war im Begriff, mehr als 40 Jahre Teilung zu überwinden.
In diesem Geist des fundamentalen Wandels machten unsere beiden Länder die Erfahrung einer friedlichen Revolution.
Aussöhnung und Wiedervereinigung waren gesellschaftliche und politische Herausforderungen, denen sich die Menschen unserer beiden Länder stellen wollten.
Warum nicht voneinander lernen?
Südafrika und Deutschland wollten außerdem den europäischen Markt für Südafrika öffnen.
Unser Ziel war eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit und Investitionen zwischen unseren beiden Ländern – der Gedanke war, dass wir beide davon profitieren würden.
Deutsche Unternehmen waren bereits seit den 1950er Jahren sehr aktiv in Südafrika.
Diese starke Präsenz beruhte jedoch auf einer schwierigen und unbequemen Wahrheit:
Zwar gab es für die Anti‑Apartheid‑Bewegung in der deutschen Zivilgesellschaft erhebliche Unterstützung, deutsche Unternehmen hatten jedoch – trotz Kritik aus Südafrika und anderen Ländern – mit dem Apartheidsregime kooperiert.
Und westdeutsche Regierungen hatten durchaus enge Beziehungen zu dem Land aufrechterhalten, was nicht richtig war.
Nelson Mandela wusste das.
Und reichte trotzdem die Hand zur Versöhnung.
Er wollte mit Deutschland eine Freundschaft aufbauen, die nicht von der Vergangenheit überschattet wurde.
Daraus entwickelte sich eine Freundschaft, deren Früchte wir nun seit über 30 Jahren ernten.
Im Zentrum unserer engen politischen Beziehungen steht unsere Binationale Kommission, eine bilaterale hochrangige Gruppe, die regelmäßig zusammenkommt, um unsere bilaterale Zusammenarbeit weiterzuentwickeln.
Das letzte Treffen fand im April statt und wurde von Minister Lamola und mir geleitet. Gemeinsam haben wir in Berlin das 30-jährige Bestehen unserer Binationalen Kommission gefeiert.
Zu diesem Anlass haben wir unsere Beziehung auf die neue Stufe einer Strategischen Partnerschaft gehoben – ein absolut wegweisender Schritt!
Manch einer mag denken, das ist doch nur leere Symbolpolitik.
Das stimmt aber nicht!
Dieser Schritt steht dafür, dass unsere Zusammenarbeit von Anfang an, seit 1995, wirklich nutzbringend für beide Seiten war.
Unsere Beziehung war niemals einseitig.
Wenn Sie Beweise brauchen, könnten Sie mit den über 600 deutschen Unternehmen sprechen, die hier aktiv sind und für mehr als 100 000 Menschen Arbeitsplätze geschaffen haben.
Diese Unternehmen stehen im Zentrum unserer engen Wirtschaftsbeziehungen, die ein jährliches Handelsvolumen von 20,1 Milliarden Euro zwischen unseren Ländern generieren – das sind mehr als 375 Milliarden Rand.
Sie könnten auch die gut 300 000 deutschen Touristen fragen, die allein in den letzten zwölf Monaten Südafrika bereist haben und zu denen übrigens auch meine Tochter und ihr Mann gehören.
Ihr Land, so viel ist sicher, ist für viele Deutsche ein Traumziel.
Aber wir wollen nicht, dass es hier aufhört.
Durch unseren neuen bilateralen Gemeinsamen Aktionsplan, den Minister Lamola und ich in Berlin unterzeichnet haben, werden wir unsere Zusammenarbeit durch mehr als 90 geplante konkrete Maßnahmen systematisch intensivieren.
Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass das, was zwischen Südafrika und Deutschland Mitte der 1990er Jahre in Bewegung gesetzt wurde, nicht nur die Zeit überdauert, sondern kontinuierlich an Umfang und Tiefe gewonnen hat.
Damals, zu Beginn der Ära der Globalisierung, ahnte man bereits, dass dies nicht nur Chancen, sondern auch erhebliche Herausforderungen für unsere beiden Länder mit sich bringen würde.
Und man verstand, dass starke und verlässliche Partnerschaften überall in der Welt nötig sein würden, um große Herausforderungen anzugehen.
Bilaterale und multilaterale Partnerschaften sind wichtiger denn je.
Besonders zwischen Europa und Afrika.
Und dafür steht unsere neue strategische Partnerschaft zwischen Deutschland und Südafrika heute Modell.
Wir arbeiten eng zusammen, weil wir wissen, dass die lokalen Herausforderungen von heute die globalen Probleme von morgen sind.
Zum Beispiel die Sicherheit:
Wir alle erkennen die weitreichenden Auswirkungen von Russlands völkerrechtswidrigem Krieg gegen die Ukraine.
In Europa hat dieser Krieg lang gehegte Illusionen zerstört, insbesondere in meinem eigenen Land, nämlich den Glauben daran, dass aus wechselseitiger wirtschaftlicher Abhängigkeit und Handel automatisch stabile politische Beziehungen resultieren.
Dass Krieg auf dem europäischen Kontinent der Vergangenheit angehört.
Und er hat unser Sicherheitsgefühl in seinen Grundfesten erschüttert.
Heute sehen wir nur allzu deutlich, dass Russland uns viele Jahre lang getäuscht hat und für uns weiterhin eine existenzielle Sicherheitsbedrohung darstellt.
Damit Sie wissen, was ich meine: Die Iskander‑Raketen, die Russland in Kaliningrad stationiert hat, könnten Berlin innerhalb von Minuten erreichen.
Das ist Teil der strategischen Realität im heutigen Europa.
Und der Krieg betrifft nicht nur Europa, er untergräbt die internationale Ordnung insgesamt und hat weltweit verheerende Auswirkungen.
Erinnern wir uns daran, dass Präsident Ramaphosa im Jahr 2023 in die Ukraine gereist ist und gemeinsam mit einer Delegation afrikanischer Staatsmänner Butscha besucht hat.
Die Stadt, in der russische Streitkräfte ein grauenvolles Massaker an der ukrainischen Zivilbevölkerung verübt haben.
Ich glaube, dass diese historisch bedeutsame Initiative nie die Anerkennung erfahren hat, die sie auch über ihren symbolischen Wert hinaus verdient: Afrikanische Staatsmänner reisen nach Europa, um bei der Schaffung von Frieden zu helfen.
Wir alle wissen, dass die afrikanische Friedensinitiative nicht zum Ende des Krieges geführt hat.
Aber sie war ein einzigartiges Beispiel afrikanischer Handlungsmacht in einer globalisierten Welt.
Südafrika verfügt über langjährige Erfahrung mit Vermittlung und Friedensprozessen und hat entschieden, diese Erfahrung nach Europa zu bringen.
Wir Europäer sollten daraus lernen, wenn wir in die Zukunft blicken.
Und wie unsere beiden Länder wissen, gehört Beharrlichkeit ganz wesentlich zum politischen Geschäft, insbesondere auf internationaler Bühne.
Das ist einer der Gründe, warum wir im April dieses Jahres in Berlin die Sudan‑Konferenz ausgerichtet haben.
Sudan leidet unter der größten vom Menschen verursachten humanitären Katastrophe unserer Zeit.
Doch das Land bekommt nicht die internationale Aufmerksamkeit, die es verdient.
Es ist unsere Absicht und unsere Verpflichtung, das zu ändern.
Gemeinsam mit der Afrikanischen Union und den Vereinten Nationen haben wir 60 Länder, Vertreter von über 50 nichtstaatlichen und internationalen Organisationen sowie Akteure der sudanesischen Zivilgesellschaft zusammengebracht.
Die Konferenz hat nicht nur dazu beigetragen, dringend benötigte zusätzliche humanitäre Hilfe für die Menschen in Sudan zu mobilisieren.
Sie hat es uns auch ermöglicht, uns auf Grundsätze für eine friedliche Beilegung des Konflikts zu einigen.
Grundsätze, die in der Folge von 22 Staaten und Organisationen gebilligt wurden, darunter Länder, die an dem Konflikt beteiligt sind.
Trotz dieses erheblichen internationalen Drucks gibt es noch keinen Frieden in Sudan.
Es bleibt jedoch unsere Pflicht, weiter darauf hinzuarbeiten, und zwar ohne nachzulassen und ohne die Hoffnung zu verlieren!
Zu wissen, dass unsere Länder sich in dieser Frage einig sind, erfüllt mich mit Freude und Erleichterung.
Als Nelson Mandela bei seinem Besuch im Jahr 1996 eine Rede vor dem Deutschen Bundestag hielt, erkannte er in der friedlichen deutschen Wiedervereinigung ein fundamentales Prinzip.
Er beschrieb dieses Prinzip als „das Wunder der Schöpfung: dass aus dem Schlimmsten das Beste erwachsen kann.“
Eine schöne Aussage.
Gleichzeitig verstehe ich sie als Warnung:
Aus dem Besten kann stets auch wieder das Schlimmste erwachsen!
Denn Frieden ist niemals selbstverständlich.
Nicht in Europa, nicht in Afrika, nicht im Nahen Osten und auch nirgendwo sonst.
Die internationalen Regeln, Normen und auch die multilateralen Institutionen, die wir über Jahrzehnte aufgebaut haben, stehen heute unter massivem Druck.
Und nirgendwo wird dies so deutlich wie am Beispiel der Vereinten Nationen.
Die VN können ihr volles Potenzial nicht mehr entfalten, da ihr gesamtes System zunehmend ganz grundsätzlich infrage gestellt wird.
Gleichzeitig ist ein großer Teil der Kritik gegenüber der Organisation tatsächlich gerechtfertigt.
Die aktuelle Struktur der VN ist nicht länger ein Spiegel der realen Welt, in der wir heute leben.
Viel zu oft spiegelt sie vielmehr die Weltordnung der Vergangenheit und nicht der Gegenwart.
Viele Länder fühlen sich berechtigterweise ungenügend repräsentiert.
Dies gilt in besonderem Maße für den Sicherheitsrat.
Ohne eine ständige Vertretung Afrikas im Sicherheitsrat kann es keine wahrhaft repräsentativen Vereinten Nationen geben.
Doch die Krise des Multilateralismus geht darüber hinaus.
Der enorm erfolgreiche G20-Gipfel im vergangenen Jahr in Johannesburg hat gezeigt, dass Südafrika ein unverzichtbares Mitglied der G20 ist.
Wer Südafrika ausschließt, schließt eine wichtige afrikanische Stimme aus – und einen mächtigen Akteur in der regionalen Wirtschaft und Politik.
Das kann in niemandes Interesse sein.
Denn gerade in Zeiten wachsender Unsicherheit in der Weltwirtschaft brauchen wir mehr Zusammenarbeit und nicht weniger!
Südafrika und Deutschland erfahren wie viele andere Länder ökonomischen Gegenwind.
Die Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten sowie die Unterbrechung der Schifffahrt durch die Straße von Hormus und das Rote Meer haben unsere Volkswirtschaften ebenfalls erheblich belastet.
Wir wissen, dass drei Dinge für den afrikanischen Kontinent von herausragender Bedeutung sind:
Kraftstoff. Lebensmittel. Düngemittel.
Aus deutscher und südafrikanischer Sicht ist die aktuelle Situation außerdem ein großes Hindernis für Exporte in die Golfregion.
Kein Land kann Herausforderungen wie diese allein durch Anpassungen im Inland bewältigen. Das ist meine feste Überzeugung.
Außen- und Innenpolitik sind heute untrennbar miteinander verbunden.
Unsere bilaterale Zusammenarbeit ist dafür das beste Beispiel.
Wie bereits erwähnt, sind die Beziehungen zwischen Deutschland und Südafrika zum beiderseitigen Vorteil.
Wir haben den europäischen Markt für Südafrika und die Entwicklungsgemeinschaft des Südlichen Afrika geöffnet.
Im Gegenzug hat Südafrika deutschen Unternehmen den Zugang zu Märkten im gesamten südlichen Afrika ermöglicht.
Unsere beiden Länder haben hiervon stark profitiert.
Doch nur weil wir so eng zusammenarbeiten, müssen wir nicht in allem einer Meinung sein.
Genauso wenig müssen wir dieselben Werte oder unsere politischen Positionen zu jedem Thema teilen.
Natürlich nicht!
Und ich bin mir vollkommen darüber im Klaren, dass die deutsche Politik in einigen Bereichen hier in Südafrika kritisch betrachtet wird.
Dessen ungeachtet sehe ich es als ein Zeichen echter Freundschaft und echten Vertrauens, dass wir die Welt auch durch die Augen des jeweils anderen betrachten können.
In einigen strittigen Fragen können wir akzeptieren, dass wir schlicht unterschiedlicher Meinung sind und gleichzeitig unsere Zusammenarbeit fortsetzen.
Denn was zählt, das ist unser gemeinsamer Einsatz für dieselben internationalen Prinzipien und die Tatsache, dass wir einander, unsere jeweilige Geschichte, unseren politischen Hintergrund und unsere nationalen Interessen mit Respekt und Anstand behandeln.
Und mit Verantwortungsbewusstsein!
Dieses „Verantwortungsbewusstsein“ kann in der Außenpolitik ganz unterschiedliche Dinge bedeuten.
Selbstverständlich ist es meine oberste Pflicht als Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, die Interessen meines Landes zu wahren.
Alles andere wäre eine Fehlinterpretation meines Amtes.
Doch sich für unsere nationalen Interessen einzusetzen bedeutet nicht, gegenüber anderen rücksichtslos zu agieren.
Liegt es nicht in unserem Interesse, wenn Konflikte friedlich beigelegt werden?
Liegt es nicht in unserem Interesse, wenn die Ursachen von Vertreibung bekämpft werden?
Liegt es nicht in unserem Interesse, wenn unsere Freunde und Partner wohlhabender und widerstandsfähiger werden?
Nationale Interessen und internationales Verantwortungsbewusstsein schließen sich gegenseitig nicht aus.
Ganz im Gegenteil: In den meisten Fällen verstärken sie einander.
Ich sage dies als jemand, der im christlichen Glauben erzogen wurde und dessen Menschenbild durch dieselben christlichen Werte geprägt wurde, die viele von Ihnen teilen.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum eine Kernüberzeugung der Ubuntu-Philosophie – ausgedrückt mit den Worten Umuntu ngumuntu ngabantu – mich so stark anspricht:
„Ein Mensch ist ein Mensch durch andere Menschen“. Oder, wie es auch oft verstanden wird:
„Ich bin, weil wir sind!“
Mir ist klargeworden, dass diese Überzeugung sich fundamental darauf auswirkt, wie die Menschen im südlichen Afrika die Welt sehen und in ihr agieren.
Sie prägt die Art und Weise der zwischenmenschlichen Beziehungen.
Sie ist Ausdruck des Respekts, den wir einander schulden, weil uns bewusst ist, dass unser Leben auf tiefe Weise miteinander verbunden ist.
Und genau dieser Geist des Respekts und des ehrlichen Interesses füreinander muss auch die Partnerschaft zwischen Nationen prägen.
Wie die Partnerschaft zwischen Südafrika und Deutschland.
Vielen Dank!