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Rede von Außenminister Johann Wadephul beim Tag der Industrie 2026 des BDI

23.06.2026 - Rede

Im April schrieb ein Journalist über die Straße von Hormus sie sei „Schrödingers Seeweg“. Wir erinnern uns an schöne Stunden im Physik- oder Mathematikunterricht: gleichzeitig offen und geschlossen.

So ein Status der Unberechenbarkeit ist für uns, sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft, nicht lange tragbar:

Wenn Containerschiffe und Tanker plötzlich wochenlang feststecken, eine ganze Region den permanenten Drohgebärden aus Iran ausgesetzt ist und lang funktionierende globale Abläufe von heute auf morgen enden, dann wird die geopolitische Lage zu einem Alltags-Problem.

Und das meine ich ganz genau so.

Unser ganz normaler Alltag wird mit einem mal anders:

Raketen, die wir nicht sehen, verändern den Sprit, den Spritpreis, den wir tanken.

Ich weiß, es hätte die Straße von Hormus nicht gebraucht zur Diskussion darüber, wie die Wirtschaft in einem global vernetzten Industrieland wie Deutschland planbar bleiben kann.

Es mangelt nicht an warnenden Beispielen aus unserem Land.

Die Versorgung mit kritischen Rohstoffen, die volatilen Zölle für wichtige Exportmärkte oder auch die Frage nach dem europäischen Zugang zu führenden KI-Modellen: Das sind heute außenpolitische Fragen.

Mit konkreten innenpolitischen Auswirkungen.

Sie bestimmen die Arbeit meines Hauses, unsere Außenpolitik.

Und ich bin mir der Lage unseres Landes bewusst.

Aber mein Job bringt es mit sich, dass ich Deutschland sehr oft aus dem Ausland heraus betrachten darf.

Und da gilt nach wie vor:

Deutschland ist eines der reichsten und sichersten Länder der Welt.

Dass das in einer zunehmend fragmentierten Welt so bleibt, das sollte unser aller Auftrag sein. Meiner ist es in jedem Fall.

Es reicht nicht, wenn wir rührselig „Exportweltmeister“ in den Untertitel unseres Landes schreiben.

Wir müssen gemeinsam mit Partnern in der Welt investieren, produzieren, forschen, ausbilden.

Dazu gehört auch: Auf gemeinsame Regeln setzen.

Dass ich das als Außenminister betonen muss, sagt auch viel aus über die Welt, in der wir agieren.

Gemeinsame Regeln, die für alle gelten und einen sicheren Handlungsrahmen bieten.

Deswegen setzen wir im Auswärtigen Amt auf globale Partnerschaften, die auf unseren nationalen Interessen fußen.

Und nach über einem Jahr im Amt kann ich sagen, dass dieses Konzept aufgeht.

Globale Partnerschaften brauchen Verlässlichkeit.

Und Verlässlichkeit braucht Regeln.

Deshalb legen wir, lege ich ja so viel Wert auf die Stärkung und Diversifizierung unserer Handelsbeziehungen.

Wir machen das über moderne Handelsabkommen, die sind ein zentraler Baustein unserer Agenda mit globalen Partnern.

Wir haben hier viel erreicht mit MERCOSUR, in der nächsten Woche bin ich dazu auch in Paraguay auf dem MERCOSUR-Gipfel und in Brasilien und Argentinien, mit Indien, mit Indonesien, mit Australien und mit Mexiko.

Im nächsten Schritt müssen wir jetzt den Fokus auf eine rasche Umsetzung der Abkommen legen.

Wir müssen ihnen Leben einhauchen.

Sie, die deutsche Industrie müssen sie auch aktiv nutzen!

Und um jetzt einigen Befürchtungen zuvor zu kommen:

Wir dürfen die Vorteile, die wir durch die neuen Abkommen erzielt haben, natürlich nicht gleich wieder durch gegenläufige EU-Regulierungen zunichtemachen.

Und deswegen: Ja, wir unterstützen den Industrial Accelerator Act – aber er muss kohärent sein.

Für uns als Bundesregierung ist deshalb wichtig:
Es geht nur über “Made with Europe”, sprich eine grundsätzliche Gleichbehandlung von Freihandels- und assoziierten Wirtschaftspartnern.

Daneben bleibt die Stabilisierung der EU-US Handelsbeziehungen ein bedeutendes Element unserer Handelspolitik.

Die Fortschritte auf EU-Seite zur Umsetzung des Turnberry Agreements mit den USA waren wichtig.

Und trotzdem sind wir hier weiterhin in einer instabilen Lage.

Die erfordert, dass wir unsere Interessen – wenn nötig – effektiv schützen.

“Moving the goalposts” und andauerndes Drohen mit neuen Zollmaßnahmen schadet den USA und uns.

Und gleichzeitig ist der richtige geoökonomische Umgang mit China für unsere Wettbewerbsfähigkeit von größter Bedeutung.

Wir müssen unsere kritischen Abhängigkeiten abbauen und unsere Resilienz stärken.

Dabei spielt unser geoökonomischer Instrumentenkasten in der EU, auch die Handelsschutzinstrumente, eine wichtige Rolle.

Es geht nicht darum, dass wir fairen Wettbewerb scheuen.

Im Gegenteil: als Marktwirtschaft suchen wir den Wettbewerb, weil er Innovation und Effizienz fördert.

Aber wir können marktverzerrenden, unfairen Wettbewerbspraktiken nicht tatenlos zusehen.

Sowohl im EU-Binnenmarkt, als auch in Drittmärkten.

Das geht aber nur im engen Schulterschluss mit der deutschen Industrie und mit Partnern.

Und das, meine Damen und Herren, bringt mich wieder auf mein heutiges Kernanliegen zurück: Wie können wir, die deutsche Industrie und die Bundesregierung, in einer fragmentierten Welt ein Team Deutschland bilden, das mit unserem Land an der Spitze spielt?

Wir setzen im Auswärtigen Amt dafür weiter auf das Drei-Säulen-Modell der Außenwirtschaftsförderung:

Wir haben die Auslandshandelskammern in über 90 Ländern, die deutsche Unternehmen mit lokalen Märkten verbinden, rechtliche Sicherheit vermitteln und Delegationen und Kooperationsbörsen organisieren.

Wir haben Germany Trade and Invest als Außenwirtschaftsagentur des Bundes, die weltweit für Deutschland als Investitionsstandort wirbt, Märkte analysiert und wirtschaftliche Chancen identifiziert.

Und unsere Auslandsvertretungen schaffen Zugänge zu Märkten, vermitteln in schwierigen politischen Kontexten und schützen deutsche Unternehmen.

Drei Säulen, ein Team, im Auftrag für unser Land.

Meine Damen und Herren,

das heißt auch, dass wir beim Ausbau der globalen Partnerschaften noch enger als bislang zusammenspielen müssen.

Ich setze mich dafür persönlich bei jeder Gelegenheit ein und einige von Ihnen waren ja auch schon auf Auslandsreisen dabei.

Die Mitnahme deutscher Wirtschaftsvertreterinnen und -vertreter gehört zum Geschäft des Außenministers meines Erachtens dazu.

Das habe ich geändert. Das ist regelmäßig der Fall, so auch nächste Woche auf dieser Reise nach Lateinamerika.

Die Förderung der Interessen der deutschen Industrie ist unter meiner Leitung eine Priorität des Auswärtigen Amts geworden.

Ich denke: Das sind wir Ihnen als dem Pfeiler des Wohlstands und damit auch der Sicherheit Deutschlands schuldig.

Auch in einer konfliktreicheren Welt sehen wir:
Es braucht Offenheit, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein.

Das gilt auch für die deutsche Außenpolitik.

Mehr als früher werben wir heute aber um Vertrauen, setzen uns für den Erhalt von Regeln ein und suchen global Partner, die das mit uns angehen.

Statt Rückzug hinter die Buchsbaumhecke, wie er von den Rändern des politischen Spektrums gefordert wird, brauchen wir mehr Vernetzung, mehr Partnerschaften, basierend auf unseren Interessen.

Um unseren Wohlstand in und für Deutschland zu sichern.

Das schaffen wir nur gemeinsam als Team Deutschland.

Und ich bin dankbar für jeden und jede von Ihnen, der da mitzieht!

Ich bleibe, um in der Fußballsprache zu bleiben, anspielbar, und hoffe, dass sie das auch sind.

Herzlichen Dank!

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