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Rede von Außenminister Johann Wadephul beim WELT-Wirtschaftsgipfel 2026
Wenn ich zum Beispiel zum Flughafen fahre, dann komme ich in der Regel hier vorbei. Und vor dem Verlagshaus sehe ich dann die Grenzgänger-Skulptur von Stephan Balkenhol. Die ja offiziell „Balanceakt“ heißt.
Sie, lieber Herr Döpfner, haben zur Enthüllung vor knapp eineinhalb Jahrzehnten gesagt: „Der Umgang mit der gewonnenen Freiheit bleibt stets etwas Unsicheres, Schwankendes – ein Balanceakt eben.“ Und das stimmt natürlich auch heute noch. Beim Balanceakt, diese Freiheit zu bewahren, müssen wir derzeit so sehr aufpassen, nicht ins Schwanken zu kommen, wie schon lange nicht mehr.
Wir erleben Krieg in Europa und eine Nachkriegsordnung, die sich auflöst. Globale Machtverhältnisse ordnen sich neu. Gewissheiten, mit denen wir über Generationen aufgewachsen sind, werden bis auf die Grundfesten zerrüttet. Und dazu gehört auch das transatlantische Verhältnis – das, das ist meine feste Überzeugung, dennoch Garant für unsere gemeinsame Sicherheit bleibt.
Zugleich beobachten wir einen Großmächtekonflikt zwischen unserem Verbündeten, den Vereinigten Staaten von Amerika und der Volksrepublik China, immerhin unsere beiden größten außereuropäischen Handelspartner. Ein Großmächtekonflikt, in dem wirtschaftliche Verflechtungen und Energiebeziehungen ganz offen für politische Ziele missbraucht werden. Ein Großmächtekonflikt, in dem staatliche Subventionen gezielt eingesetzt und Lieferketten systematisch instrumentalisiert werden, um die deutsche und europäische Industriebasis massiv anzugreifen.
Das spüren wir ganz deutlich. Wir müssen unseren Platz in der Welt buchstäblich verteidigen! Unsere Sicherheit ist in Gefahr. Unser Wohlstand ist in Gefahr. Unsere Freiheit ist in Gefahr.
Um mal einen Summenstrich zu ziehen: Die Lage, in der sich die Welt befindet, war seit Ende des Kalten Krieges nicht mehr so bedrohlich, so krisenreich und so fordernd. Das alte Fundament trägt immer weniger – wir müssen neu bauen, während unter uns die Erde noch bebt. Nach dem Fall der Berliner Mauer waren ja die Hoffnungen groß, dass die Welt sich auf Demokratie und Marktkapitalismus einigen würde. Das Gegenteil ist leider der Fall. Die Kräfte, die die Welt eigentlich zusammenführen sollten – nämlich Handel, Energie, Technologie, Information – werden nun eher zu ihrer Spaltung missbraucht.
Am Ende sind es zwar die Märkte, die ideologische Exzesse einhegen – und es ist die ökonomische Realität, die politische Maximalposition auf lange Sicht eingrenzt. Aber kurzfristig sind Effekte verfehlter Politik leider oft nicht zu spüren. Daher müssen wir uns überlegen, wie wir auf wirtschaftlichen Zwang in der Politik reagieren, ohne selbst Märkte zu verzerren. In einem Zeitalter des vermeintlichen Primats der Geopolitik und der Großmächte müssen wir uns hieran immer wieder erinnern.
Und deswegen bin ich auch dankbar für die Chance, mich mit Ihnen gleich austauschen zu können. Auch Sie stehen mit Ihren Unternehmen und Ihren Vorhaben vor diesen Herausforderungen eines Balanceakts.
Nun sind wir hier heute in einem Haus versammelt, in dem ja häufiger mal der Begriff „Disruption“ fällt. Ich habe gerade die Weltlage geschildert. Sie ist geprägt von großer Disruption. Vieles davon ist negativ. Aber natürlich gibt es auch Disruption, die notwendig, wenn nicht sogar förderlich ist. Sie in der Wirtschaft kennen das. Und, soviel sei gesagt, im internationalen System braucht es Reformen an unserer über Jahrzehnte gewachsenen Weltordnung. Wertschöpfende Disruption ist die Aufgabe der Wirtschaft, nicht der Politik. Sie verlangt unternehmerischen Mut und Kreativität. Politik muss dafür den verlässlichen Rahmen setzen und faire Wettbewerbsbedingungen auch nach außen verteidigen. Das heißt einerseits: Wenn andere Partnerschaften infrage stellen und Handelsbeziehungen instrumentalisieren, dann müssen wir uns bewusst als Alternative positionieren. Als verlässlicher globaler Partner.
Auch wenn die deutsche Wirtschaft mehr Widerstandskraft zeigt, als viele ihr zutrauen: Deutschland allein wird diese Phase nur durch enge Abstimmung mit unseren Partnern meistern. Durch globale Partnerschaften weltweit. Mit Partnern, die nicht in jedem Punkt unsere Werte teilen. Die vielleicht ganz anders denken als wir. Die aber geopolitische und auch geoökonomische Gestaltungsmacht haben. Und, die ihrerseits ein Interesse haben an belastbaren und zuverlässigen Beziehungen. Das können wir nämlich bieten.
Diese Partner warten aber nicht auf uns. Genauso wenig wie ihre Märkte für Zukunftstechnologien – von KI bis Clean Tech. Diese Partner haben auch keine Berührungsängste mit anderen Staaten, die unseren Interessen schaden. Aber gerade deswegen ist es so wichtig, diese Beziehungen zu knüpfen. Und wir tun das.
Ein ganz wichtiges Argument, das merke ich auch immer wieder auf meinen Reisen, ist dabei Europa. Heute Morgen erreichten uns freudige Nachtrichten aus Neu-Delhi. Nach intensiven Verhandlungen haben sich die EU und Indien auf ein Freihandelsabkommen geeinigt. Das ist ein absoluter Gamechanger. Wir reden hier von einem gemeinsamen Markt mit knapp zwei Milliarden Menschen. Das hat natürlich geostrategisch ein enormes Potenzial. Und gleichzeitig setzten die EU und Indien dadurch ein strategisches Zeichen für Freihandel in herausfordernden Zeiten. Und, was das auch noch zeigt: Wir stehen als Demokratien zusammen. Jetzt gilt es, dieses riesige Potenzial für deutsche Unternehmen nutzbar zu machen, indem wir das Abkommen nach der politischen Einigung nun auch formell schnell finalisieren. Das zeigt: Die EU ist handlungsfähig, wir sind ein verlässlicher und begehrter Partner.
Was Mercosur betrifft, lassen Sie sich mich auch das noch sagen: Es ist schon fast schon unbegreiflich, dass wir uns jetzt schwertun, die Kurve zu bekommen. Aber wir setzen alles daran, dass wir nach einer Erstratifizierung in einem Mercosur-Staat zu einer vorläufigen Anwendung des Abkommens kommen. Der politische Wille in Europa dazu ist ungebrochen. Und es ist dem Bundeskanzler entscheidend zu verdanken, der in engen Gesprächen mit europäischen Partnern – v.a. mit Italien – dazu beigetragen hat, dass wir einen entscheidenden Schritt nach vorne gemacht haben.
Die Stärkung dieser globalen Partnerschaften ist aber nur die eine Seite der Medaille. Denn trotzrückläufiger Exporte vor allem in die USA, nach China und auch einem schwierigen Stand in den ASEAN-Staaten, konnten wir bis zum dritten Quartal 2025 insgesamt einen leichten Anstieg der deutschen Exporte von 0,25 Prozent verzeichnen. Warum?
Weil unsere Ausfuhren insbesondere nach Europa – in die EU, aber auch in Nachbarländer wie die Schweiz, Großbritannien oder Norwegen – im gleichen Zeitraum um knapp drei Prozent gestiegen sind. Und weil unsere Dienstleistungsexporte sogar um 3,3 Prozent zugelegt haben. Das ist zwar noch kein Boom. Aber es ist ein Signal: Ohne Europa geht es nicht.
Und damit bin ich bei unseren eigentlichen Stärken – den deutschen und den europäischen Pfund, was in diesen unsicheren Zeiten doppelt zählt. Stärken, die leiser sind als Subventionen, aber nachhaltiger. Dies sind: Kontinuität. Stabilität. Rechtsstaatlichkeit. Faire Wettbewerbsbedingungen. Der Schutz geistigen Eigentums – gerade auch im Zeitalter künstlicher Intelligenz.
Auf meinen Reisen, in Gesprächen mit Partnern jenseits der USA und Chinas, in Indien, Indonesien, Japan, Bolivien – und zuletzt auch in Äthiopien und Kenia – höre ich immer wieder dasselbe: Verlässlichkeit schlägt Willkür! Und diese Länder stehen für fast 60 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung.
Wir Europäer bieten den Zugang zum Binnenmarkt – wollen aber, dass unsere Unternehmen ihrerseits dafür auch fair behandelt werden. Wir setzen dabei eben nicht auf Protektionismus. Sondern auf eine wehrhafte Offenheit. Wir sehen und teilen ja Ihre Sorgen um den Industriestandort Deutschland. Und haben ja entsprechende Werkzeuge, um da einzugreifen. Die EU wird nicht zusehen, wie Ihre Lieferketten oder Absatzmärkte zum Spielball geopolitischer Ambitionen werden.
Als Deutschland allein wären wir global betrachtet zu klein. Deshalb müssen wir Europa jetzt so gestalten, dass es für die deutsche Wirtschaft langfristig noch besser liefert. Mehr als 50 Prozent unseres Handels wickeln wir bereits mit EU-Partnern ab. Das Handelsvolumen innerhalb der EU ist sechs- bis siebenmal so groß wie unser Handel mit China – und ebenso viel größer als der mit den USA. Man führe sich nur vor Augen: Das Handelsvolumen mit den Niederlanden war nur ein Fünftel geringer als mit den USA.
Eine Studie des Internationalen Währungsfonds zeigt, welches Potenzial hier noch brach liegt: Eine vollständige Integration des Binnenmarktes, insbesondere im Dienstleistungssektor, könnte das EU-BIP langfristig um drei bis vier Prozent erhöhen und 3,6 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen. Wenn wir zusätzlich interne Barrieren im Warenhandel und bei multinationaler Produktion abbauen, könnte das EU-BIP sogar um bis zu sieben Prozent steigen.
Heute entsprechen die Kosten für grenzüberschreitende Dienstleistungen faktisch einem Zoll von 110 Prozent. Das ist, als würden wir uns selbst blockieren. Der Abbau dieser Barrieren und die Integration der Kapitalmärkte würden die Produktivität erheblich steigern – und Europas Einkommenslücke pro Kopf gegenüber den USA verringern.
Und natürlich gehört noch ein Punkt dazu: der Abbau bestehender bürokratischer Hürden und Berichtspflichten, die unnötige Kosten verursachen. Die EU-Kommission zielt mit ihrem Omnibus-Paket zur Vereinfachung von Vorschriften, insbesondere im Bereich Nachhaltigkeitsberichterstattung, und zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit in die richtige Richtung. In dieselbe Richtung stoßen wir auf nationaler Ebene mit der Modernisierungsagenda der Bundesregierung. Die Bürokratiekosten für die Wirtschaft sollen hierdurch um 25 Prozent reduziert und der Erfüllungsaufwand für Unternehmen, Bürgerinnen und Bürger sowie Verwaltung um mindestens zehn Milliarden Euro gesenkt werden.
Aber auch hier gilt das Bild des Balanceakts: Wir dürfen uns nicht von rhetorischer Schaufensterdekoration täuschen lassen. In der ersten Reihe wird von Euroskeptikern die Befreiung von Bürokratie versprochen, während in der zweiten bereits an den Grundlagen unseres Wohlstands gesägt wird: der Weltoffenheit und der Stabilität unserer Institutionen. Wir müssen eine klare Grenze ziehen. Ja, zu Entschlackung und Entbürokratisierung. Aber nein dazu, das europäische Einigungswerk insgesamt in Frage zu stellen. Wer an dieser Stelle populistischen Kräften Vorschub leistet, könnte morgen in einem isolierten Land aufwachen – ohne Fachkräfte und ohne verlässliche Partner.
In diesem Sinne zähle ich auch auf Sie, wenn es darum geht, in der breiteren Öffentlichkeit mehr Verständnis zu schaffen. Denn am Ende bleibt es immer ein Balanceakt.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.