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Grußwort von Außenminister Sigmar Gabriel anlässlich der Deutschlandpremiere von „Human Flow“ - Film von Ai Weiwei

08.11.2017 - Rede

Lieber Ai Weiwei,
sehr verehrte Damen und Herren,

wir sind heute Abend hier, um einen beeindruckenden Film eines außergewöhnlichen Menschen zu sehen. Es ist ein besonderes künstlerisches Werk - zu einem Thema, das unsere Welt derzeit sehr beschäftigt: die weltweite Migration. Der Film spricht die Herzen derjenigen an, die sich berührt fühlen vom Schicksal anderer Menschen.

Kunst kann eine enorme Kraft entfalten. Wer weiß das besser als Ai Weiwei. Ob Film, Literatur oder Theater – Kunst nimmt immer wieder eine andere Perspektive ein als die, die wir in unserem Alltag gewohnt sind. Gerade weil Kunst uns einen anderen Blick auf die Welt ermöglicht, hilft sie auch, die Welt besser zu verstehen. Oder vielleicht setzt Kunst Stolpersteine und bringt einen dazu, dass man sich nicht mehr ganz dessen sicher ist, wie man bislang auf die Welt geschaut hat. Das gilt ganz besonders für den Film, den wir heute Abend sehen.

Die Menschheit besteht – und das ist eine unbestreitbare historische Tatsache – aus Migrantinnen und Migranten, wobei der größte Teil der Migration noch immer Binnenmigration ist. Wir sprechen von den weit über 60 Mio. Menschen, die auf der Flucht sind. Wir fühlen uns von dieser Migration betroffen, aber auch in unserer Gesellschaft manchmal verängstigt, wer da alles zu uns kommt. Dabei flüchtet doch die weit überwiegende Zahl derjenigen, die ihre Heimat, ihre Region verlassen müssen, in ihrem Land hin und her oder flüchtet in benachbarte, ebenso bedrohte, oftmals genauso arme Länder wie die Länder aus denen sie kommen. Binnenmigration zwischen armen Ländern ist jedenfalls weit größer als das Verlassen der eigenen Heimat und der Weggang in weit entfernte Regionen.

Aber das Verlassen von Heimat und das Finden von Heimat ist eben auch Bestandteil der Moderne, und das nicht erst seit den letzten Migrationsbewegungen, die uns erreicht haben. Diese Bewegung von Menschen, die wir heute Migration nennen, gab es schon immer. Naturkatastrophen, Kriege, gesellschaftliche und staatliche Repressionen treiben aber heute viel mehr Menschen als jemals zuvor dazu, ihre Heimat zu verlassen und sich auf die Suche nach einer neuen Heimat zu begeben. Diese Menschen hoffen auf bessere Lebensumstände an einem anderen Ort. Einen Ort, den sie nicht kennen.

Deutschland ist für viele Menschen aus aller Welt - auf fast schon wundersame Weise - ein Sehnsuchtsort und ein Hoffnungsland geworden. Wenn wir uns vorstellen, was vor wenigen Jahrzenten noch über unser Land gedacht und gesagt wurde, wenn wir überlegen was aus diesem Land mal an Verheerungen und Verwüstungen, Mord und Völkermord ausgegangen ist, dann ist das schon eine erstaunliche Geschichte und ein großes, zum Teil erarbeitetes, aber zum Teil auch geschenktes Glück.

Ich glaube, dass man sich daran ab und zu erinnern muss, das Deutschland heute für viele Menschen auf der Welt das ist, was die Vereinigten Staaten von Amerika Ende des 19. Jahrhunderts/Anfang des 20. Jahrhunderts gewesen ist. Ich will damit die Probleme der Migration in unserem Land gar nicht wegwischen, aber erstmal finde ich es einen großen Glücksfall der Geschichte, dass dieses Land nicht mehr eines ist, das Angst, sondern das Hoffnung und Sehnsucht in anderen Ländern auslöst.

Gleichwohl – und hier beginnt der Zwiespalt unserer Zeit: Wir müssen auch erkennen, dass diese neue Attraktivität und Anziehungskraft Deutschlands einem Teil unserer eigenen Gesellschaft Sorgen bereitet. Und zwar nicht nur denen, die Rassisten sind und Rechtsradikale. Gewiss, das ist nicht die Mehrheit – Gott sei Dank – aber es gibt einen größeren und wachsenden Teil unserer Gesellschaft, der sich zurücksehnt in eine vermeintlich heile überschaubare und scheinbar geordnete Welt.

Diesen Weg zurück gibt es nicht und so heil ist die Welt auch nie gewesen. Es gibt sicher nur den Weg nach vorne. Dabei muss man sich darüber im Klaren sein, über was wir hier sprechen: über eine echte Menschheitsherausforderung globaler Migration. Die zu gestalten ist die große Aufgabe unserer Zeit. Ich sage bewusst Menschheitsherausforderung, weil diese Aufgabe in den kommenden Jahrzehnten überall auf der Welt unsere Kräfte und Fähigkeiten in Anspruch nehmen wird.

Und das, was man dafür braucht, ist zuallererst ein Kompass von Menschlichkeit und Humanität. Der Film, den wir gleich sehen werden, stellt sich diesem Anspruch. Er wird getragen von Menschlichkeit, Humanität und Mitgefühl – Willy Brandt hat das mal „Compassion“ genannt, – also von der Fähigkeit, das Leben Anderer aus deren Augen zumindest einmal nachzuvollziehen.

Bei uns in Deutschland geht es immer um eine doppelte Integration. Es geht darum, diejenigen zu integrieren, die neu zu uns kommen, ihnen Chancen und Lebensperspektiven zu geben, ihnen Heimat zu geben. Es geht aber auch darum, diejenigen in der Gesellschaft zusammenzuhalten, die schon da sind und bei denen man nicht so einfach sagen kann, alle eure Ängste sind ungerechtfertigt. Stattdessen müssen wir mit jenen über die Frage sprechen, was ist gerechtfertigt, was davon nicht und wie gehen wir mit diesen Ängsten und Sorgen um. Niemand darf in unserem Land den Eindruck haben – und ich habe es in den letzten Monaten oft genug gehört: „Für die, die da kommen, macht ihr ja alles und für uns nichts.“ Genau das ist falsch. Dieses Land ist stark und kräftig genug, um beides zu stemmen. Faire und gerechte Teilhabe für alle, die schon da sind und neue Chancen für alle, die zu uns kommen und für alle, die in unserem Land eine neue Heimat finden können und auch finden sollen.

Ich glaube, dass es wirklich darum geht, sich dieser doppelten Aufgabe der Integration anzunehmen, und sich nicht davor zu drücken – auch nicht vor den unangenehmen Fragen. Der Film darf nicht dazu führen, dass wir über die damit verbundenen Schwierigkeiten in unserer Gesellschaft hinwegsehen. Ganz im Gegenteil: die, die sich menschlich an Solidarität und Hilfe orientieren wollen, haben eine besondere Aufgabe, sich um die zu kümmern, die in Gefahr sind, Menschlichkeit und Humanität aus den Auge zu verlieren.

Ganz zentral dafür ist übrigens der Zugang für alle Teile unseres Landes zu Kultur und Bildung, unabhängig von geografischer oder sozialer Herkunft. Deswegen ist es klug, das auch in das Zentrum unserer Kulturpolitik zu stellen. Jedenfalls in einer Kulturpolitik, die sich in einem umfassenderen Sinn kulturell versteht, wo es um das Zusammenleben unserer Gesellschaft geht.

Kulturpolitik lebt aus meiner Sicht auch davon, dass die Kultur selbst sich als politisch begreift, im öffentlichen Interesse handelt oder sich damit auseinandersetzt.

Ich halte es mit dem kürzlich verstorbenen Martin Roth: „Kunst muss immer auch politisch sein“, hat er gesagt. Kunst muss sich einmischen, widersprechen, Haltung zeigen oder, wie ich sagen würde, Stolpersteine auf den Weg legen, damit man sich nicht zu sicher ist in dem, was man schon immer gedacht, gesagt oder getan hat.

Meine Damen und Herren,

wir werden gleich einen außergewöhnlichen Film sehen. Es ist ein Dokumentarfilm über die größte Bewegung unserer Zeit: es geht um Flüchtlinge, Entwurzelte, Entrechtete und Vertriebene. Um die Ursachen ihrer Flucht und Vertreibung und um das, was sie auf ihrer Flucht erleben und erleiden.

Wir sehen einen Film, der geeignet ist, die gesellschaftliche Debatte um Flucht und Migration zu verändern. Durch die ungeheure Kraft seiner Bilder. Durch den zutiefst menschlichen Blick, der ihn ausmacht.

Ai Weiwei soll gesagt haben, wenn nur einer unter den Zuschauern ist, der wegen des Films seine Meinung oder Haltung geändert habe, dann habe sich der Film gelohnt. Ein eindrucksvoller Satz. Ich hoffe, dass es mehr gibt, die sich von dem Film im wahrsten Sinne des Wortes berühren lassen.

Der Film „Human Flow“ zeigt uns nicht nur eindringliche Bilder, sondern er vermittelt Erfahrungen von Menschen auf der Flucht – ohne falsche Sentimentalität.

Der Film zeigt: Es gibt in unserer modernen Gesellschaft kein Innen und Außen mehr, kein wir und ihr, kein entweder oder. Es gibt nur Menschen, die auf der Suche sind nach einem Leben ohne Krieg, Hunger und Verfolgung. Und selbst dann, wenn es um die geht, die oft abfällig „Wirtschaftsflüchtlinge“ genannt werden, geht es darum, dass Menschen den Eindruck haben, dass ihre Kinder keine Chancen haben in dem Land, in dem sie bisher leben und dass sie die Chance nutzen wollen, für ihre Kinder eine bessere Zukunft zu erreichen. Wer wollte ihnen das verwehren?

Vielen Dank lieber Ai Weiwei, für diesen eindringlichen Film, ein Kunstwerk ganz eigener Art. Ich wünsche uns allen einen intensiven Kinoabend und dem Film möglichst viele Menschen, die sich berühren lassen und deshalb, wie sich der Künstler das gewünscht hat, ein bisschen ihre Haltung zum Thema verändern!

Vielen Dank!

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