Willkommen auf den Seiten des Auswärtigen Amts

Grußwort von Europa-Staatsminister Michael Roth zur Eröffnung der Ausstellung „Robert Doisneau – Fotografien„ im Berliner Martin-Gropius-Bau

08.12.2016 - Rede

-- es gilt das gesprochene Wort --

Sehr geehrte Damen und Herren,

erinnern Sie sich noch, wer Ihnen vorhin im Berliner Feierabendverkehr auf dem Weg zum Martin-Gropius-Bau begegnet ist? Welche Szenen sind Ihnen besonders Erinnerung geblieben, als Sie in die vollbesetzte U-Bahn geeilt oder zu Fuß an den Menschenmassen auf den Adventsmärkten vorbeigelaufen sind?

Sie wissen es nicht mehr genau? Damit sind Sie sicher nicht alleine. Sie sind damit heute Abend genau richtig bei dieser Ausstellungseröffnung. Denn in dieser hektischen Vorweihnachtszeit würde uns allen doch eines ganz besonders gut tun: Die Welt um uns herum durch die Augen – oder besser gesagt: durch die Kameralinse – von Robert Doisneau zu sehen.

Denn wie hat es der französische Fotograf einmal selbst formuliert: „Meine Fotos gefallen den Leuten, weil sie darin wieder erkennen, was sie sehen würden, wenn sie aufhören würden sich abzuhetzen. Wenn sie sich Zeit nehmen würden, um die Stadt zu genießen…“. Und ich freue mich sehr, dass Sie alle sich heute Abend diese Zeit nehmen!

Robert Doisneau hat für die Fotografie gelebt. Mehr als 350.000 Fotografien sind im Laufe seines Lebens entstanden, ehe er 1994 im Alter von 82 Jahren in Paris verstarb. Diese Ausstellung hier im Martin-Gropius-Bau gibt mit rund 100 ausgewählten Arbeiten – zum Großteil entstanden in den 1940er- und 1950er-Jahren – einen kleinen, aber durchaus erhellenden Einblick in sein komplexes und vielfältiges Schaffen.

Sehr gerne eröffne ich diese Ausstellung heute gemeinsam mit Botschafter Philippe Etienne. Mit diesem Ausstellungsprojekt, das noch bis März 2017 zu sehen sein wird, ist dem Martin-Gropius-Bau ein Meilenstein in der Auseinandersetzung mit der Kunst der Fotografie in unserem Nachbarland Frankreich gelungen.

Mein Dank und meine Anerkennung gelten natürlich in erster Linie den beiden Kuratorinnen Agnès Sire, der Leiterin der Fondation Henri Cartier-Bresson und Francine Deroudille vom Atelier Robert Doisneau, die die Werke des Künstlers für die Ausstellung ausgewählt haben.

Frau Deroudille, dass Sie heute hier bei uns in Berlin sind, freut mich ganz besonders. Denn niemand hier im Raum kennt den Künstler so gut und persönlich wie Sie als seine Tochter. Wunderbar, dass Sie da sind!

Danken möchte ich auch dem Direktor des Martin-Gropius-Baus, Prof. Gereon Sievernich, und seiner Stellvertreterin, Susanne Rockweiler, die sich in besonderer Weise verantwortlich für dieses Ausstellungsprojekt gezeigt hat.

Wer hätte gedacht, dass die im Jahr 1950 von der Zeitschrift „Life“ beim Pariser Fotografen Robert Doisneau in Auftrag gegebene Reportage über die Stimmung im Nachkriegs-Paris ein solcher Erfolg werden würde?

Damals ging vor allem eine seiner Aufnahmen um die Welt: Ein junges Paar, das sich vor einem Pariser Straßencafé küsst. „In Paris küssen sich die jungen Liebespaare, wo immer sie wollen und niemanden scheint es zu stören“, schrieb „Life“ damals unter das Bild.

Bilder prägen sich ein. Bilder ändern die Sicht auf die Wirklichkeit. Bilder können die Perspektive auf die Dinge ändern, aber ebenso – das will ich nicht verschweigen – auch Klischees verfestigen.

Heute können wir sagen: Doisneaus Foto wurde zum Sinnbild von Paris als „Stadt der Liebe“. Das Bild machte deutlich, was Liebende in Paris von denen anderer Metropolen unterscheidet: ihre Freiheit und ihr Selbstbewusstsein. Und natürlich wollten sich Paris-Besucher von überall her in dem Paar auf dem Foto wiedererkennen.

Die Perspektive, die uns Robert Doisneau in seinen fotografischen Werken über das Paris der Nachkriegszeit vorgibt, hat das in Deutschland verbreitete Bild von Paris sicherlich mitgeprägt.

In seinen Momentaufnahmen sehen wir Szenen des Alltagslebens: Häuserfronten, Hinterhöfe, die Lebenswirklichkeit der kleinen Leute, das Spiel der Kinder. Bei seinen Bildern suchte Doisneau den idealen Augenblick, den flüchtigen Blick, eine bestimmte Geste, die man genau in dieser Weise festhalten kann, ja muss. Doisneau hat dies einmal so ausgedrückt: „Am schönsten und einfachsten ist der spontane Reflex, mit dem man versucht, einen Augenblick des Glücks festzuhalten, ehe er entschwindet.“

Mich begeistern vor allem die ironischen Bilder, die lustigen Gegenüberstellungen, das augenzwinkernde Abbild der unterschiedlichen sozialen Klassen und natürlich auch die Exzentriker, die Doisneau damals in den Pariser Straßen und Cafés gefunden hatte.

Für Deutschland und Frankreich gilt: Jede Generation muss ihr Nachbarland neu kennenlernen und für sich entdecken. Robert Doisneau hat uns mit seinen Fotografien das Paris der Nachkriegszeit näher gebracht.

Heute sehen wir die Fotos dieser Ausstellung vielleicht nochmal mit ganz anderen Augen als vor zwei Jahren. Denn sie erinnern uns an das Paris, das wir alle kennen und lieben. Die Stadt der Vielfalt und der Liebe, die nach den furchtbaren Terroranschlägen der vergangenen Jahre einerseits so bedroht ist, sich andererseits aber auch so kämpferisch und lebensbejahend gezeigt hat.

Als Europa-Staatsminister und Beauftragter für die deutsch-französische Zusammenarbeit bin ich häufig in Paris – erst am Dienstag war ich zuletzt dort – und frage mich: Was würde Doisneau wohl heute im Pariser Alltags- und Straßenleben sehen und fotografieren? Menschen, die auf ihr Smartphone schauen? Die Trauben von Touristen, die Vielfalt einer internationalen Metropole? Oder doch wieder die Liebespaare?

Die Antwort wird uns der Künstler leider nicht mehr selbst geben können. Aber alleine dass er uns durch seine Fotoarbeiten dazu inspiriert, beim nächsten Mal – ob nun mit oder ohne Kamera – etwas bewusster und mit offenen Augen durch die Stadt zu laufen, ist doch schon eine Menge wert. Und das tun ja auch schon Millionen Menschen in den sozialen Netzwerken.

Jede Zeit und jede Generation hat ihr eigenes Medium: Was für die älteren unter uns eine klassische Fotoausstellung wie diese ist, ist für die jüngeren das soziale Netzwerk Instagram. Auch dort findet man ästhetische Bilder, die für sich sprechen und ihre ganz eigenen Geschichten über das Leben erzählen.

Und vielleicht wagen Sie ja heute Abend mal eine kleine Zeitreise: Hier im Martin-Gropius-Bau sehen sie das Paris der Nachkriegszeit, wie es ein Profi-Fotograf wie Robert Doisneau gesehen hat. Aber suchen Sie doch später zuhause bei Instagram einfach mal unter dem Hashtag #Paris nach Eindrücken, die die vielen kleinen und großen Alltagskünstler von heute in Paris erleben. Doch bevor Sie das tun, wünsche ich uns allen viel Vergnügen beim Besuch dieser Ausstellung.

Verwandte Inhalte

Schlagworte

nach oben