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Rede von Staatsministerin Maria Böhmer anlässlich der Eröffnung des Internationalen Expertentreffens zum Erhalt des Kulturerbes in Syrien

02.06.2016 - Rede

-- es gilt das gesprochene Wort--

Sehr geehrte Frau Generaldirektorin, liebe Irina Bokova,
sehr geehrter Herr Assistant Director General Francesco Bandarin,
liebe Kolleginnen und Kollegen Abgeordnete,
sehr geehrte Frau Präsidentin des Deutschen Archäologischen Instituts, liebe Frau Professor Fless,
sehr geehrter Herr Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, lieber Herr Professor Parzinger,
sehr geehrter Herr Geschäftsführer der Gerda Henkel-Stiftung, sehr geehrter Herr Hanssler,
sehr geehrte Frau Vorsitzende der Deutschen UNESCO-Kommission, sehr geehrte Frau Professor Metze-Mangold,
Exzellenzen,
sehr geehrte Damen und Herren!

Ich begrüße Sie im Weltsaal des Auswärtigen Amtes. Ich freue mich, gemeinsam mit der Generaldirektorin der UNESCO das Internationale Expertentreffen zum Erhalt des Kulturerbes in Syrien zu eröffnen.

Seien Sie herzlich willkommen!

Die Welterbstätte „Ruinen von Palmyra“ ist nicht mehr in den Händen der Terrororganisation Islamischer Staat; die Zerstörungen sind geringer als befürchtet. Ich erinnere mich noch gut an diese Nachricht, die Anfang April um die Welt ging.

Wir waren alle sehr erleichtert!

Ich weiß noch, wie wir während der letzten Konferenz des UNESCO-Welterbekommitees in Bonn befürchtet haben, dass die Tempel dieser antiken Oasenstadt gesprengt werden könnten; dass die mediale Aufmerksamkeit für die Welterbe-Konferenz missbraucht werden könnte für eine propagandistische Selbstinszenierung dieser Terroristen.

Die Stadt Palmyra gehörte einst zu den wichtigsten kulturellen Zentren der antiken Welt. Sie vereinte römisch-griechische, lokale und persische Einflüsse. Und stand seit jeher für Toleranz unter Kulturen und Religionen.

Ein Wert, den die IS-Terrorgruppe für immer in geradezu barbarischer Weise auslöschen will, um den Menschen in Syrien ihre Identität zu nehmen.

Ich habe mit großer Aufmerksamkeit die Diskussion um den zukünftigen Umgang mit der Zerstörung dieser Welterbestätte verfolgt. Einige haben sich für eine Konservierung ausgesprochen, andere für eine Rekonstruktion und wieder andere für einen Wiederaufbau.

Und einige haben eingewandt, dass wir uns auf die Hilfe für die Menschen in Syrien konzentrieren müssten, bevor wir uns um die Steine kümmern.

Sehr geehrte Damen und Herren,

machen wir uns nichts vor und machen wir es uns nicht zu einfach! Die Themen sind sehr schwierig und komplex. Es geht um politische, fachliche und gesellschaftliche Fragen.

Und es gibt derzeit mehr Fragen als Antworten.

Wir müssen die Diskussionen daher gut zusammenführen. Politikerinnen und Politiker sind auf den fachlichen Rat von Experten und die Stimmen der syrischen Gesellschaft angewiesen.

Ich habe daher die Initiative für dieses Internationale Expertentreffen hier in Berlin zum Erhalt des Kulturerbes in Syrien ergriffen.

Dazu habe ich mit Ihnen, liebe Frau Bokova, das Gespräch gesucht: Wir waren uns sofort einig: Wir brauchen eine offene, breit angelegte und fachlich fundierte Debatte, die nicht politisiert werden darf.

Ich danke Ihnen, liebe Irina Bokova, dass Sie das Angebot für eine Expertentagung angenommen haben und persönlich nach Berlin gekommen sind. Uns beide verbindet seit langem die Sorge um den Schutz und Erhalt von Kulturerbe in Krisen und Konflikten.

Wir haben uns gemeinsam mit der deutsch-irakischen „UN-Resolution zum Schutz von Kulturgütern in Irak“ vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen erfolgreich dafür eingesetzt, dass gezielte Zerstörungen von Kulturgütern und Plünderungen von kulturellen und religiösen Stätten als terroristische Akte und Kriegsverbrechen geächtet werden.

Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag hat inzwischen das erste Verfahren zugelassen, bei dem es genau um diese Fragen gehen wird.

Bei der Welterbe-Konferenz in Bonn haben wir uns mit Erfolg für eine weitreichende Erklärung des Welterbekomitees eingesetzt.

Dort haben Sie die sehr erfolgreiche Kampagne „Unite for Heritage“ gestartet.

Meine Damen und Herren,

wir haben Sie eingeladen, weil wir Kompetenzen bündeln, Perspektiven für den Wiederaufbau diskutieren und Unterstützungsangebote koordinieren müssen.

Ich bin dankbar, dass wir so viele Archäologen, Altertumswissenschaftler, Denkmalpfleger, Architekten und Städteplaner aus aller Welt zusammenbringen konnten. Und dass zahlreiche in Syrien tätige und aus Syrien stammende Experten unter Ihnen sind.

Wir haben zu diesem Expertentreffen eingeladen aus Sorge vor dem Leid der Menschen in Syrien. Wir wollen sie dabei unterstützen, wieder in Frieden und Sicherheit leben zu können und ihre kulturelle Heimat zurückzugewinnen.

Wer seine Zukunft gestalten will, muss sich seiner Herkunft bewusst sein!

Deshalb haben wir als besonderes Zeichen ein Young Expert Forum für junge Syrerinnen und Syrer eingerichtet. Die Ergebnisse werden wir gleich hören.

Liebe Frau Professor Fless
lieber Herr Professor Parzinger,

Sie wissen, dass eine internationale Kooperation unerlässlich ist. Umso wichtiger ist Ihr weit gespanntes Netzwerk, das Sie für uns heute und in den nächsten Tagen fruchtbar machen.

Ich danke Ihnen – für Ihre fachlichen Impulse für diese Tagung und Ihr beeindruckendes Engagement, das weit darüber hinausgeht.

Ich danke auch der Gerda-Henkel-Stiftung für die großzügige finanzielle Unterstützung zum Erhalt des Kulturerbes in Syrien.

Lieber Herr Hanssler, ich war sehr beeindruckt von Ihrer schnellen Zusage, mit 1 Million Euro für Nothilfemaßnahmen in Syrien und auch für die Unterstützung des Young Expert Forums einen großartigen Beitrag zu leisten.

Meine Damen und Herren,

Sie fragen sich vielleicht, weshalb wir Sie gerade nach Berlin eingeladen haben?

Wir haben eine doppelte Motivation:

Zum einen wegen unserer Expertinnen und Experten und der Zusammenarbeit mit syrischen Kollegen.

Der Deutsche Akademische Austauschdienst stellt Stipendien für Flüchtlinge zur Verfügung, damit sie später in ihrer Heimat wieder Verantwortung übernehmen können.

Die Alexander-von-Humboldt-Stiftung unterstützt verfolgte Wissenschaftler, sogenannte scholars at risk, damit sie frei von Bedrohung weiter forschen können.

Seit Jahrzehnten pflegen deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einen intensiven und vertrauensvollen Kontakt zu ihren Kolleginnen und Kollegen in Syrien. Die Kooperation ist seit Ausbruch des Konflikts eingeschränkt. Das Engagement der deutschen Expertinnen und Experten hat aber nicht nachgelassen.

Das Deutsche Archäologische Institut und das Museum für Islamische Kunst in Berlin haben im Rahmen des Syrian Heritage Archive Project ein digitales Kulturgüterregister erstellt. Damit können syrische Kulturgüter vor dem Vergessen und dem endgültigem Verlust bewahrt werden.

Etwa 20 deutsche Institutionen, darunter Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Museen, Stiftungen und Vereine, haben das Archaeological Heritage Network gegründet. Dieses Netzwerk hat ein Projekt ins Leben gerufen, um syrische Flüchtlinge in Deutschland und in den Nachbarländern Syriens als Architekten, Archäologen, Denkmalpfleger, Bauforscher, Stadtplaner und vor allem als Handwerker aus- und fortzubilden.

Damit sie ihre Zukunft gestalten und ihr Land wieder aufbauen können. Damit werden Ausbildungs- und Arbeitsplätze und mit ihnen die Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Aufbau des Landes geschaffen. Der Name des Projekts, „Die Stunde Null – Eine Zukunft für die Zeit nach der Krise“, soll Zuversicht stiften.

Das Auswärtige Amt und der Deutsche Bundestag unterstützen all diese Projekte finanziell:

- weil Kultur Identität stiftet und Menschen in ihrem Menschsein erhält;

- weil kulturelles Erbe das Fundament ist für Frieden und Sicherheit;

- weil Kultur und Bildung gesellschaftspolitische Debatten und damit das Leben von Humanität erst möglich machen;

- weil sie wichtiger Bestandteil unserer Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik sind und damit auch ein umfassendes Verständnis deutscher Außenpolitik widerspiegeln.

Ich freue mich daher sehr, dass wir heute eine besondere Kooperation zwischen Deutschland und der UNESCO besiegeln können:

Liebe Frau Bokova,

wir wollen der UNESCO das Archaeological Heritage Network zur Verfügung stellen, das von Frau Professor Fless vertreten wird. Damit werden deutschen Expertinnen und Experten zu einer Art peacekeapers for culture.

Meine Damen und Herren,

wir haben Sie aber auch aus einem weiteren Grund nach Berlin eingeladen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag Deutschland in Trümmern. Die Menschen waren traumatisiert. Wir haben lange damit gerungen, wie wir mit zerstörten Denkmälern und Kulturgütern verfahren sollen.

Sollen wir Altes erhalten oder Neues schaffen?

Die Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche im Westen Berlins blieb als Mahnmal für den Frieden und als Erinnerungsort stehen.

Die Ruine der Frauenkirche in Dresden wurde zunächst über Jahrzehnte konserviert. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde sie rekonstruiert. Sie wird heute wieder als Gotteshaus genutzt.

Und an dem Ort, wo das schwer zerstörte und fünf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges gesprengte Berliner Stadtschloss stand, entsteht heute das Humboldtforum. Architektonisch ist es eine Symbiose. Das barocke Schloss wird teilweise rekonstruiert und durch moderne Elemente ergänzt, um damit auch die Brüche der Geschichte sichtbar zu machen.

Es wird als internationales Forum fungieren: ein Forum für Kunst, Kultur, Wissenschaft, Bildung und den interkulturellen Dialog – ganz im Sinne des Universalgelehrten Alexander von Humboldt, dessen Namen es tragen wird.

Ich habe Ihnen drei sehr unterschiedliche Ansätze skizziert. Wir teilen diese Erfahrungen mit Städten wie Warschau, Le Havre oder Sankt Petersburg. Auch deren Bewohner mussten nach unfassbarem Leid ihre in Schutt und Asche liegende Heimat aufbauen und daraus wieder Lebensmut und Zuversicht fassen.

Meine Damen und Herren,

wir brauchen Ihre Expertise und Ihren Rat. Denn wir wollen ihn für die Menschen in Syrien nutzbar machen.

Wer wie die Archäologen und Historiker in die Tiefe dieser Schichten unserer Identität hinein gräbt, bringt oft Erstaunliches zu Tage:

Verbindungslinien, die heute erst mühsam wiederhergestellt werden müssen,

Gemeinsamkeiten, die im wahrsten Sinne des Wortes verschüttet waren;

aber auch: Auseinandersetzungen und Traumata der Völker, die ihre „mental map“ bis heute bestimmen.

Was uns hier zusammenführt, sind das Engagement, die Sorge und das Wissen um die außergewöhnliche universelle Bedeutung des jahrtausendealten Kulturerbes in ganz Syrien. Sein Verlust würde die gesamte Menschheit treffen.

Ich möchte Sie ermuntern, durch Ihre Diskussion zur Fortschreibung des UNESCO-Aktionsplans von 2014 zum Schutz des syrischen Kulturerbes beizutragen.

Wir brauchen ein solches Konzept zur Festlegung der Ziele und Maßnahmen, um den Schutz und Erhalt des materiellen und immateriellen Erbes in Syrien zu verwirklichen.

Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren, sind Teil eines globalen Netzwerkes, das ein gemeinsames Ziel hat: das kulturelle Erbe Syrien zu sichern und damit identitätsstiftend zu wirken.

Vielen Dank!

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