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Rede von Außenminister Steinmeier zur Eröffnung der Europäischen Schriftstellerkonferenz 2016

09.05.2016 - Rede

Meine Damen und Herren,

eine junge Autorin aus Ungarn hat unser Europa vor kurzem, wie ich finde, sehr eindrücklich beschrieben. Sie nahm dafür die Stimme der Donau an und reiste auf ihrem Lauf vom Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer – durch Land und Zeit, durch Krieg und Frieden.

„(…) viel öfter (kam) es vor, dass Menschenblut mein Wasser rot färbte“, so lässt die Autorin die Donau erzählen. Und berichtet davon, wie ihrem eigenen Urgroßvater über die Donau die Flucht aus der deutschen Kriegsgefangenschaft gelang - von Passau bis nach Budapest.

„Nach dem letzten Weltkrieg wurde alles viel besser. … Immer mehr Brücken verbinden meine zwei Ufer miteinander. Die Menschen …. freuen sich über meinen Anblick. Zurücklächeln kann ich nicht, aber ich kann sie … mit einem besonderen Wellenschlag begrüßen.“

So schreibt Fanni Olah. Als Schülerin des „Kossuth Lajos“-Gymnasiums in Budapest. Ihre Parabel ist eine von vielen Texten zur Donau, die junge Autoren aus Ländern entlang des Fluss-Laufes geschrieben haben, in einem Projekt der PASCH-Schulen, die das Auswärtige Amt fördert.

Warum erzähle ich Ihnen das?

Weil wir uns freuen, wenn in unseren Partnerschulen literarische Talente heranwachsen, gewiss.

Aber auch, weil in der Donau-Parabel die Geschichte Europas und das Thema unserer Konferenz so wunderbar deutlich werden.

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Grenzen. Nieder. Schreiben. Das ist der Titel unserer Veranstaltung.

Und im Deutschen ist dies bewusst mehrdeutig zu verstehen.

Grenzen. Nieder. Schreiben, das bedeutet ja zunächst: Grenzen zu benennen. Unterschiede aufzuzeigen und sie zu verstehen lernen. Aber zugleich will dieser Titel noch mehr. Er ist eine Aufforderung zum Gemeinsamen: zu Zusammenarbeit und Auseinandersetzung - über Grenzen hinweg!

Dabei geht es nicht nur um physische Grenzen, die uns in Europa neu zu trennen drohen –Schlagbäume, Zäune, Mauern. Nein, es geht vor allem um jene Grenzen, die nicht sichtbar sind. Um Unverständnis, Vorurteile und Ressentiments. Um Abgrenzungen, die wir in unseren Köpfen vornehmen und die neue Trennlinien schaffen.

Ich denke aber noch an eine weitere Grenze. Sie ist, wenn sie so wollen, die unmittelbare Folge der ersten beiden: Jene Grenze nämlich, die uns heute auf unserem Kontinent trennt von dem, was ist, und dem, was wir uns in und für Europa erhoffen! Die Grenze zwischen dem Möglichen und dem Wünschbaren, dem, was wir heute mit dem „Traum Europa“ verbinden.

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„Ein Traum von Europa“. Das war das Thema der Schriftstellerkonferenz in Westberlin im Jahr 1988, die Autoren aus aller Welt nach Berlin brachte. Gemeinsam träumten sie vom geeinten Europa. Der ungarische Autor György Dalos, der 1988 dabei war, erinnerte sich: „Dass uns kaum anderthalb Jahre von der Maueröffnung … trennten, daran dachten wir nicht einmal in unserem europäischen Traum.“

Wenig später fiel der Eiserne Vorhang. Europa war geeint. Und in Paris träumten die Staaten Europas von einem neuen „Zeitalter der Demokratie, des Friedens und der Einheit“.

Es war „ein Punkt des Neustarts“, „als für ein paar Monate ein friedliches Zusammenwirken der Mächte dieser Erde möglich schien“, so hat Josef Haslinger, es einmal beschrieben.

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Und heute?

Der niederländische Schriftsteller Geert Mak spricht von „tektonischen Verschiebungen“, die sich derzeit in unserer Welt vollziehen, von einer „Erschütterung der Weltordnung“. Gleichzeitig kocht hier uns in Europa ein ganzes Krisengebräu hoch: Finanz- und Wirtschaftskrise, Brexit- Diskussion und nicht zuletzt die Flüchtlingsdebatte, die Europa wirklich unter Stress setzt.

Die Kluft zwischen Traum und Wirklichkeit in Europa, sie ist heute vielleicht tiefer denn je. Fast möchte man sagen: So unverhofft, wie das Jahr 1989 den Eisernen Vorhang niedergerissen hat, so kalt hat uns die Rückkehr der Schlagbäume in Europa in den letzten Monaten erwischt.

Klar ist für mich: Diesen Stürmen werden wir nur trotzen, wenn wir Europa zusammenhalten und wenn wir in diesem Europa zusammenhalten.

Dafür ist es notwendig, dass wir uns in Europa ernsthaft miteinander auseinandersetzen. Mit unseren „Grenzen“, unseren Unterschieden, unserer Geschichte und unseren Geschichten. Mit den Träumen und Traumata unserer Nachbarn. Ich bin überzeugt: Nur wenn wir Denkmustern nachspüren und Hoffnungen lesen lernen, dann sprechen wir miteinander und nicht nur übereinander.

Deshalb ist gerade jetzt der kulturelle, darin zuvörderst der literarische Austausch innerhalb Europas so wichtig!

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Viele von Ihnen, liebe Autorinnen und Autoren, kommen aus Regionen entlang der sogenannten Balkan-Route, über die sich Abertausende Schutzsuchende zu uns auf den Weg gemacht haben.

Sie, meine Damen und Herren, machen die neuen Grenzen in Ihren Werken zum Thema. Den Stacheldraht, die Mauern, die Bürokratie. Aber es geht um mehr als das. Ob in den Romanen von Shumona Sinha, den Gedichten von Eugenijus Alisanka oder den Theaterstücken von Ivana Sajko – Sie, meine Damen und Herren, konfrontieren uns mit den verschiedensten Ängsten, Erfahrungen und Hoffnungen, die Menschen in Europa mit der Flüchtlingskrise verbinden.

Man sagt so gern: Sie halten uns den Spiegel vor. Korrekter wäre es aber wohl zu sagen: Sie halten uns ein Kaleidoskop vor Augen: Das Bild unseres Europas in unzähligen Fragmenten – ungemein viel komplexer als die oft allzu simple Darstellung, die wir alle aus „unseren“ nationalen Debatten in den sozialen Medien kennen.

„Alle Nationen Europas erleben dasselbe gemeinsame Schicksal, aber jede Nation erlebt es aufgrund ihrer jeweiligen Erfahrungen anders.“ So hat es Milan Kundera einmal gesagt.

Der polnische Regisseur Stanislaw Mucha ist einer der vielen Künstler, der dies eindrücklich zeigt. Mucha machte sich nach der Osterweiterung der EU auf eine wundersame Reise: auf die Suche nach der Mitte Europas. Dutzende Regionen reklamieren diesen Titel für sich. „Ungefähr 40 Mitten“ vom Westerwald bis in die Ukraine fing Mucha mit seiner Kamera ein. Die definitive Mitte Europas fand er nicht. Dafür aber traf er Menschen mit ganz eigenen Sorgen und Erwartungen von „ihrem Europa“. Mucha selbst hat einmal gesagt, dass er lieber am Rand, als in der Mitte stehe. Denn, so sagt er: "Dort sieht man schärfer, was im Zentrum passiert."

Ich bin überzeugt: Wir brauchen diesen Perspektivwechsel. Wir brauchen die Sicht vom Rand, aus der Mitte, von oben, von unten. Einen Blick, der unsere Sicht öffnet und weitet. Auf uns selbst und auf unsere Nachbarn. Wir brauchen diesen Blick durch Film, Literatur, Kunst und Theater.

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Dafür brauchen wir die Kultur! Und das heißt für uns in der Politik, dass wir kulturelle Freiräume schaffen müssen! Dass wir den Zugang zu Kultur und Bildung stärken und ausbauen!

Damit meine ich zum Beispiel die Arbeit unserer Auslandsschulen – das Donau-Projekt der osteuropäischen Schüler ist nur ein Beispiel von vielen. Damit meine ich unsere Goethe-Institute. Damit meine ich Veranstaltungen wie das Literaturfestival in Odessa und auch unsere Konferenz heute hier in Berlin. Damit meine ich die Künstlerresidenzen, Übersetzerpreise. Und damit meine ich, dass wir den Austausch der Zivilgesellschaften unterstützen. Wie viel hier noch zu tun bleibt in unserem Europa – fast siebzig Jahre nach Begründung der Europäischen Gemeinschaften – das ist gerade heute mit Händen zu greifen.

Dabei geht es nicht darum, „gemeinsame Narrative“ zu verordnen oder einander an Tagen wie diesem mit Sonntagsreden zu traktieren. Für mich ist klar: Wir brauchen Streiträume in Europa, in denen wir uns mit unseren Unterschieden auseinandersetzen. Genau dies stärkt eine europäische Öffentlichkeit, deren Mangel so viele beklagen!

Auch mir macht es Sorge, dass heute eine enge und engherzige Sicht auf die Dinge so populär scheint. Nach Abschottung wird da geschrien in den sozialen Netzwerken. Und nicht nur dort! Nach vermeintlich simplen Lösungen. Es scheint eine Sehnsucht zu geben nach Einfachheit. Je komplizierter die Welt, je komplexer die Konflikte, desto größer das Bedürfnis nach einfachen Antworten. Und immer stehen die bereit, die vorgeben, sie zu haben. Aber die nüchterne Einsicht der letzten Jahre ist doch: Ob in der Finanzkrise oder in der Flüchtlingsfrage, Aus simplen Slogans entstehen längst keine Antworten mehr auf die großen Fragen, vor denen wir heute in Europa stehen!

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Gegen Populismus hilft nur Differenzierung. Dagegen hilft nur genaues Hinhören und Hinschauen. In Kultur und Politik.

Auch wir Deutsche müssen uns fragen, ob wir in der Vergangenheit immer wirklich gut hingehört haben, wenn es um die Sorgen unserer Partner in Europa ging. Haben wir bei der Osterweiterung der EU damals ausreichend wahrgenommen, was die Hoffnungen und Ängste unserer östlichen Nachbarn waren? Haben wir genau hingehört auf die Sorgen der Griechen, die so unmittelbar nach der Finanzkrise jetzt mit der Flüchtlingskrise auf eine neue Probe gestellt werden? Und – haben wir bei allen derzeitigen Herausforderungen unsere eigene Position wirklich immer gut gegenüber unseren Nachbarn erklärt?

Klar ist für mich: Nur wenn wir uns bemühen, die Sorgen unserer Partner zu verstehen und unsere eigenen zu vermitteln, nur dann werden wir uns als geeintes Europa wahrnehmen. Und als geeintes Europa handeln. Das gilt gerade in der Flüchtlingskrise.

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Deswegen bin ich unterwegs! Deswegen mache ich mich immer wieder aufs Neue auf den Weg, gerade auch zu denjenigen europäischen Nachbarn, die schwierige Gesprächspartner sind. Vielleicht spüren wir gerade heute wie anspruchsvoll und fordernd der so schlichte Satz von Willy Brandt ist, nämlich dass wir ein „Volk guter Nachbarn“ in Europa sein wollen. Ein Land, dessen Menschen begriffen haben: Ohne europäischen Zusammenhalt geht es nicht!

In diesen Gesprächen geht es immer wieder genau um unser Konferenz-Thema: Um Grenzen. Grenzen, zwischen dem, was möglich ist, und dem, was wir uns wünschen für Europa. Das ist unser täglich Brot in der Diplomatie – Diese feine Grenze des Machbaren Stück für Stück zu verschieben in den Raum des Wünschenswerten.

Das bedeutet, dass wir bereit sein müssen, Kompromisse zu machen. Und Geduld zu haben. Das bedeutet etwa, dass wir uns mit dem ein oder anderen osteuropäischen Partner immer wieder zusammensetzen, zu langen und auch zu mühsamen Gesprächen, um auszuloten, wo wir in der Flüchtlingskrise trotz aller Unterschiede Gemeinsamkeiten finden.

Das bedeutet auch, dass wir ehrlich sind. Etwa, was unsere Abmachungen mit der Türkei betreffen. Klar ist doch: Wir brauchen die Türkei zur Bewältigung der Flüchtlingskrise. Und klipp und klar ist zugleich, dass wir nicht wegschauen dürfen und werden, wenn Presse- und Meinungsfreiheit von Ankara eingeschränkt werden. Auch das ist eine Grenze, die wir ehrlich benennen müssen!

Auch mit Blick auf unser Schengen-System gibt es notwendige Grenzen. Auch dies klar zu sagen, gehört zur ehrlichen Debatte. Denn erinnern wir uns: Als wir Schengen damals beschlossen, da waren wir uns alle einig, dass die Öffnung der Binnengrenzen eine wunderbare Errungenschaft war. Was wir aber zugleich versäumt haben, zu betonen ist: Dass mit einem Wegfall der Binnengrenzen eine wirklich funktionierende Sicherung unserer Außengrenzen einhergehen muss! Das eine wird ohne das andere nicht klappen. Auch die Benennung dieser nötigen Grenze gehört dazu, wenn wir Machbares und Wünschenswertes ausloten wollen!

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Meine Damen und Herren,

Lassen Sie mich zum Schluss noch ein Wort zu unserem Selbstverständnis in Europa sagen. Viele Journalisten fragen mich derzeit, ob die erhöhte Migration den Begriff „Europa“ verändert.

Ich glaube, unser Projekt Europa lebt davon, dass es sich verändert, dass es sich einerseits geographisch, andererseits aber auch universal versteht.

Das lässt sich schon am Gründungsmythos Europas festmachen: Zeus entführte die phönizische Königstochter Europa schließlich von Sidon nach Kreta ‒ Europa kommt also aus dem heutigen Libanon! Das sagt doch schon viel darüber aus, wie eng wir verbunden waren und sind.

Migration zieht sich aber auch ganz real durch die Geschichte Europas.

Es hat mich berührt, wie der estnische Präsident Toomas Hendrik Ilves dies vor kurzem in einem leidenschaftlichen Plädoyer für mehr Zusammenarbeit in der Flüchtlingskrise betonte. Er sprach dabei vor dem Europäischen Parlament über seine Eltern, die vor den Nazis nach Schweden flohen:

„Ich spreche als Sohn von Flüchtlingen“, so Ilves. „Daher habe ich auch meinen Akzent. Und ich hoffe, dass es in einigen Jahrzehnten einmal einen Präsidenten eines demokratischen Syriens geben wird, der Arabisch spricht – mit deutschem Akzent!“

Ilves‘ Familiengeschichte zeigt: Europa und Migration, Flucht und Vertreibung sind Teil der europäischen Geschichte, auch einer Geschichte von geglückten und weniger geglückten Integrationsprozessen.

Ilves‘ Geschichte zeigt aber noch etwas anderes: Was uns bis heute prägt in Europa, das ist vergossenes Blut - nicht nur das in der Donau, von dem die junge Fanni schreibt. Es ist die leidvolle Geschichte europäischer Kriege und Bürgerkriege.

Unsere Antwort darauf war und ist das Friedensprojekt Europa.

Ein Projekt, das uns Streit nicht erspart, das uns aber ermöglicht, Streit in eine notwendige, hoffentlich produktive Debatte miteinander zu überführen. Darüber, was den Traum von Europa heute ausmacht und was wir tun müssen, damit er etwas wirklicher wird. Auf eine europäische Urerfahrung können wir dabei bauen – ganz im Sinn unseres diesjährigen Konferenz-Mottos: So mühsam es ist, so viele Rückschläge es geben mag – aber Grenzen lassen sich überwinden, kulturell genauso wie in der Politik!

Gerade in Zeiten wie diesen haben die Stimmen der europäischen Autorinnen und Autoren besonderes Gewicht: Für ein Europa, das zusammenhält, statt sich auseinanderzudividieren. Für Ein Europa, das nicht verspielt, was es erreicht hat. Für ein Europa, das nicht aufhört, Grenzen zu hinterfragen und zu überwinden.

In diesem Sinn wünsche ich uns allen eine mutige, kluge und verbindende Europäische Schriftstellerkonferenz 2016.

Vielen Dank.

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