Willkommen auf den Seiten des Auswärtigen Amts

Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei der Trauerfeier und Beisetzung von Egon Bahr

07.09.2015 - Rede

"Zwischen flachen Ufern [...] liegt er da, rundum von alten Buchen eingefasst, deren Zweige, von ihrer eigenen Schwere nach unten gezogen, den See mit ihrer Spitze berühren. [...] Kein Kahn zieht seine Furchen, kein Vogel singt, und nur selten, dass ein Habicht drüber hinfliegt und seinen Schatten auf die Spiegelfläche wirft. Alles still hier."

Liebe Adelheid, dort, am Großen Stechlinsee, hat Egon mit Dir seine letzten Stunden verlebt. Er hat den Anblick genossen, aber gewiss nicht so viele Worte darüber gemacht wie Fontane. Das war nicht seine Art. Was mag er gesagt haben? Vielleicht sein typisches „Doll hier“. Oder gar die höchste Form der Anerkennung, die sein Vokabular hergab: „Donnerwetter“.

***

Dort hat Egon Bahr seine letzten Stunden verbracht, bevor er uns verlassen hat – nach 93 vollen und erfüllten Lebensjahren. Uns allen war er nah, bis zuletzt. Viele, die heute hier sind, haben noch in den letzten Tagen mit ihm gelacht, gestritten, gegessen und getrunken. Ich selbst habe mit ihm noch kurz vor seiner letzten Reise nach Moskau zusammengesessen. Er war voller Sorge um das Verhältnis zu Russland, um die neuen Gräben zwischen Ost und West –zurecht. Es waren ernste Gespräche, suchend wo wir der wieder wachsenden Entfremdung zwischen Deutschen und Russen Einhalt gebieten können. Und vor wenigen Tagen hätten wir wieder beisammensitzen sollen. Wir waren verabredet, aber es kam nicht mehr dazu. Er wollte von seinen Eindrücken berichten - nach seinen Gesprächen mit Gorbatschow und anderen erprobten russischen Gesprächspartnern. Wie so oft in den letzten Jahren! Jetzt fehlt mir seine Stimme, noch mehr sein Rat. Ich werde beides vermissen.

Aber nicht nur das. Sondern auch, zum Beispiel, unser kleines, regelmäßiges, vertrautes Tabakkollegium! Alle paar Monate meldete er sich an: ‚Ich brauche genau eine Stunde!‘ Fünf Minuten vor der Zeit war er da, setzte sich in den großen Sessel rechts von mir, kramte Zigarettenschachtel und Feuerzeug aus der Jackentasche und hielt sie provozierend vor meine Nase. Dann immer dasselbe Ritual. Ich sage: „Egon, Du weißt doch, ich bin mühsam zum Nichtraucher geworden.“ Darauf er: „Kannst Du ja auch bleiben. Aber nimm eine, wirst sehen: es redet sich besser.“ Und dann saßen wir rauchend und redend die Stunde beeinander – bis er sagte: „Ich geht jetzt, Du hast Wichtigeres zu tun.“ Und so püntklich, wie er gekommen war, ging er hinaus, entschlossen und mit seinen bekannten kurzen Schritten und versprach zu berichten - von der nächste Reise, einer wichtigen Rede oder dem nächsten Buchprojekt.

***

Jedem von uns werden in den letzten Tagen – wie mir – Begegnungen mit Egon, Auftritte und große Reden in Erinnerung gekommen sein. Aber für die meisten ist es nicht bloße Erinnerung. Sondern: Egon Bahr hat uns geprägt!

Gewiss und vor allem durch seine Politik! Der Aufbruch der Neuen Ostpolitik, der „Wandel durch Annäherung“, der mit der Losung von Tutzing 1963 begann, den er ab 1966 im Planungsstab des Auswärtigen Amtes minutiös vorausplante, der Wirklichkeit wurde unter Brandt im Kanzleramt, in der Politik der Kleinen Schritte, zu den Ostverträgen, zum KSZE-Prozess, und schließlich hin zur Wiedervereinigung und zum Zusammenwachsen Europas.

„Ich habe mein Ohr auf die Schiene der Geschichte gelegt“, sagte Egon in großer Bescheidenheit über sich selbst. Aber in Wahrheit war er doch selbst der Stellwerker, der die Weichen gestellt hat in unsere wiedervereinte, friedliche, europäisch geeinte deutsche Gegenwart. Von diesem, seinem politischen Vermächtnis sprechen die Nachrufe in den Zeitungen. Und das zurecht!

Doch wenn ich in diesen Tagen zurückdenke an ihn, dann spüre ich eines noch deutlicher: Er hat uns nicht nur durch seine Politik geprägt – er hat uns durch Haltung und Persönlichkeit geprägt! Ausgerechnet er, der seinen eigenen Platz eher hinter den Kulissen der ganz großen politischen Bühne gesehen hat; er, der nichts so sehr schätzte wie seine persönliche Unabhängigkeit; der sich nicht vereinnahmen ließ durch Medien; der seinen Rückzug in die Grunewald-Wohnung mit Adelheid und den Blick in den wunderschönen Garten genoss; der sich wohlfühlte mit seinen Büchern, seinen wunderbaren Bildern -der von Breschnew geschenkte Chagall darunter- und seiner Musik die er liebte. Gerade als diese, besondere Person bleibt er für uns eine prägende Größe.

Gerade als Person hinterlässt er in uns seine Spuren. Die Drei-Wort-Sätze eines Franz Müntefering, die unverblümte Entschlossenheit eines Gerhard Schröder; auch Sigmar Gabriel und jeder von uns wird sich ein Stückchen von Egon Bahr abgeguckt haben! Ich vermute, jedem hier im Raum war Egon nicht nur Freund und Ratgeber, sondern immer auch Maßstab und Ansporn. Wer ihm politisch näher gekommen ist, der muss seine wunderbare Fähigkeit zum Zuhören bewundert haben, seine Bereitschaft die Welt mit dem Auge des Gegenübers zu betrachten und die Geduld zum Ausloten von gemeinsamen Interessen, ohne die politische Lösungen eben nie entstehen können. Dass und wie man sie findet: das war mein Dauergespräch mit ihm.

***

Und nicht nur meine selbst schon grau- oder weißhaarige Generation, sondern Scharen von jungen Leuten waren fasziniert und inspiriert vom über 80-, über 90-jährigen Egon Bahr. Niemand im Willy-Brandt-Haus, kein Mitarbeiter, kein Besucher, der nicht zum vierten Stock hinaufstieg, hoffend, dass die Kaffeemaschine kochte und die Rauchschwaden über den Flur zogen – denn das hieß: Egon ist in seinem Büro! Selbst meine eigenen blutjungen Praktikanten im Bundestagsbüro: Reichstagsführung oder Ausschusssitzungen, das war Pflichtprogramm. Aber was wirklich zählt, das merkt man in Fragen wie: „Darf man den Egon Bahr besuchen und würde der ein Selfie mit mir machen?“ Ich hab‘ mich jedenfalls jedes Mal darüber gefreut. Denn: In einer Zeit, in der es nicht mehr viele junge Leute in die Politik zieht, schon gar nicht in die Parteien – wie unendlich wertvoll sind Vorbilder, wie Egon Bahr eins war.

***

Egon Bahr war ein großer deutscher Außenpolitiker. Oder besser noch: Er war ein wahrer Friedenspolitiker. Das trieb ihn an. Auf die Frage, warum er 1956 in die SPD eingetreten sei, sagte er einmal: „Ich wollte nicht die Welt verbessern, und ich wollte auch nicht die Banken verstaatlichen. Ich wollte mithelfen, dass der Frieden bleibt.“

Für den Frieden ging er neue Wege. Willy Brandt und er wagten eine Politik, dereinst heftigst umstritten, deren Maximen uns heute geradezu zur außenpolitischen Staatsraison geworden sind. „Realpolitik“ haben manche anerkennend, manche mit dem Unterton des Vorwurfs sein politisches Konzept genannt. Die, die sich anmaßten, seine Bereitschaft zum schonungslosen Blick auf die Realitäten als Preisgabe von Überzeugungen zu kritisieren, haben sein politisches Credo vermutlich nie verstanden oder wollten es nicht. Nicht Abfinden mit den Realitäten war sein Credo! Im Gegenteil – Seine Überzeugung war: Du musst die Welt so nehmen, wie sie ist, aber Du darfst sie nicht so lassen! Ein Satz, den er gern zitiert hat. Oder in seinen eigenen Worten: Du musst den Status Quo kennen, damit Du ihn überwinden kannst! Und dazu gehört, dass Du mit Leuten reden musst, deren Einstellung Du nicht teilst. Dass Du nicht aufhören sollst, zu reden, weil nach dem Reden meist nur Schlimmeres kommt.

Es ist kein Zufall, dass er die letzte große Rede vor seinem Tod in Moskau gehalten und diese seine Überzeugungen gerade an diesem Ort, der für Weichenstellungen in seinem politischen Leben ebenso steht wie für Schicksalstunden im deutsch-russischen Verhältnis – dass er gerade an diesem Ort uns allen sein Vermächtnis noch einmal in Erinnerung gerufen hat. Ein Vermächtnis, das Hoffnung gibt in diesen schweren Zeiten und in dem er sich mit Willy Brandt so einig war: Dass die Macht des Geistes am Ende stärker ist als die der Waffen.

***

Zu diesem Vermächtnis gehört auch, es sich niemals zu einfach zu machen in der Politik! Politik war für ihn der Wettstreit um die besseren Antworten für offene Fragen. Er liebte ja gerade die schwierigen Gespräche! Ja-Sagen und Ja-Sager langweilten ihn. Lasst mich noch einmal vom alten Dubslav von Stechlin lesen: „Er hörte gern eine freie Meinung, je drastischer und extremer, desto besser. Dass sich diese Meinung mit der seinigen deckte, lag ihm fern zu wünschen. Beinah das Gegenteil.“ Liebe Adelheid: Könnte Fontane dies nicht auf Egon geschrieben haben? Ich weiß, Fontane beschreibt da einen märkischen Edelmann, der sogar für die konservative Partei antritt – aber immerhin: Er verliert die Wahl gegen einen Sozialdemokraten und freut sich sogar darüber... So war auch Egons Verstand: nüchtern, unendlich klug und wunderbar humorvoll. Als er Ende 1972 den Grundlagenvertrag ausverhandelt hatte und die Journalisten dachten, nun würde sich die Brandt-Regierung gehörig selbst abfeiern, sagte Egon nur: „Früher hatten wir gar keine Beziehungen mit der DDR. Jetzt haben wir wenigstens schlechte.“

***

Unter dem wachen Verstand und der scharfen Zunge, wohnte in Egon ein mitfühlendes Herz!

Jedes Gespräch –und fast immer ging’s um Außenpolitik und Osteuropa und Transatlantisches– eröffnete er mit derselben Frage: „Frank, wie geht es Deiner Frau?“ Das war niemals eine Floskel. Er hatte ein echtes, unverstelltes Interessen an Menschen. „Was nützt die Politik, wenn sie nicht den Menschen dient“, war sein Satz. Genau so begann auch die Ostpolitik: mit den Passagierscheinabkommen in Berlin, mit konkreten Verbesserungen für das Leben im Osten nach dem Schock des Mauerbau.

Und letztlich war es auch genau diese Sensibilität, sein Herz und weniger sein nüchterner Scharfsinn, das es ihm erlaubte, Wege zu entdecken, wo andere sie nicht sahen und der erfolgreiche Verhandler und geduldige Brückenbauer zu werden, der er war.

Es hat ihn aber auch verletztlich gemacht, dieses Herz. Kritik ertrug er, aber die Verleumdungen, den „Vaterlandsverrat“, den manche ihm jahrelang entgegenschrie, das hat ihn tief gekränkt und lange geschmerzt. Liebe Freunde: Umso besser, dass seine Vision Wirklichkeit geworden ist! Nicht viele Politiker können das zu Lebzeiten mitansehen. Die Geschichte hat ihm Recht gegeben! Sogar Henry Kissinger und die CDU haben ihm am Ende Recht gegeben. Und von den dreien können sich maximal zwei irren.

***

„Ich weiß noch,“, erzählte Egon einmal über die Kriegsjahre, „wie wir eines Tages, als der Krieg längst verloren war, eine britische Lancaster abgeschossen haben und wie ich abends im Stroh lag und dachte: ‚Eigentlich müsstest du dich schämen, aber du schämst dich nicht.‘ Der Firnis der Zivilisation ist dünn.“ Und so trieb ihn bis zuletzt die Sorge um den Frieden, die Friedensfähigkeit unserer Gesellschaft; im Innern wie im Äußern. Deshalb dachte und machte er weiter, sprach mit jungen Menschen, war voller Initiative.

Karin Seidel hat mir erzählt: Erst kürzlich, nach einem stressigen Tag, an dem er seine Leute ziemlich auf Trab gehalten hatte, standen einige Mitarbeiter abends –Egon war nach Hause gefahren– in der Kaffeeküche im Brandt-Haus beisammen und ein junger Mitarbeiter seufzte: „Was macht Egon eigentlich, wenn wir mal nicht mehr sind?“

Egon hat über diese Anekdote schallend gelacht. Er hat wohl geahnt, dass es eher anders kommen könnte. Und in der Tat: jetzt –auf einmal - müssen wir ohne ihn auskommen. Damit wir das können, sollten wir dankbar und aus vollem Herzen beides annehmen, das uns erhalten bleibt: Egons politisches Vermächtnis in unserem Land und sein persönliches in uns selbst. Liebe Trauergemeinde: Heute stehen wir an seinem Sarg und trauern. Egon wird uns unendlich fehlen, das Gespräch, sein Rat und seine Nähe. Was uns tröstet: Etwas wird bleiben. In unserer Erinnerung wird er leben, weiterleben. Wir werden ihn nicht vergessen.

Verwandte Inhalte

nach oben