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Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei der Eröffnung der Ausstellung „Armin Mueller-Stahl: Menschenbilder“ in der Kunsthalle Brennabor (Brandenburg an der Havel)

21.03.2015 - Rede

Sehr geehrter Herr Heyne,
sehr geehrter Herr Vockrodt,
verehrte Gäste,
lieber Armin Mueller-Stahl,
liebe Gabriele Scholz!

Als ich vor rund 15 Monaten in das Auswärtige Amt am Werderschen Markt zurückkehrte, war Armin Mueller-Stahl einer meiner ersten Gäste. Mein Büro war damals noch so gut wie leer. Kisten standen herum; Die Wände waren karg. Das muss Armin geahnt haben, denn er schritt mit einem riesigen Paket unter dem Arm durch meine Tür.

Was hatte er dabei?

Thomas Buddenbrooks Kontorbuch?

Ein New Yorker Taximeter?

Momos Schildkröte Kassiopeia?

Nein. In dem Paket, lieber Armin, war eine von dir geschaffene Lithographie von Willy Brandt. Sie hängt heute über meinem Schreibtisch.

Brandt wirkt auf diesem Porträt versonnen. Er hat die Augen geschlossen. Er scheint nachdenklich, fast zweifelnd. Inspiriert zu diesem Bild, so hast du es mir damals erzählt, hat dich Brandts Regierungserklärung aus dem Jahr 1969, seiner ersten als Bundeskanzler.

Ich war damals ein Teenager, saß vor dem Fernseher und kann mich noch heute gut an diese Rede erinnern. Während Brandt sprach, hielt er des Öfteren inne, als wolle er in sich hineinhorchen. Diese Nachdenklichkeit, das Tastende, das spürbare Ringen mit Anspruch und Realität, das hast du, lieber Armin, behutsam und einfühlsam in deinem Porträt eingefangen.

Und noch etwas, einen Kernsatz aus Brandts Rede nämlich, hast du als Zitat auf deinem Werk verewigt: „Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein, im Innern und nach außen.“

Ein guter Nachbar sein, nach innen und nach außen.

Diesen Satz hast du jetzt über meinem Schreibtisch platziert! Ich verstehe es als Geschenk und Mahnung zugleich. Als Mahnung, nicht zu vergessen, wozu wir nach zwei Weltkriegen, nach nationalsozialistischer Gewaltherrschaft und Millionen von Verfolgten, Gefolterten, Entrechteten und Ermordeten verpflichtet sind: Ein guter Nachbar zu sein - hier in Deutschland im Umgang mit unseren Mitmenschen, aber auch ein guter Partner in der Welt, der sich für eine friedliche Nachbarschaft unter den Staaten einsetzt, in Europa und anderswo.

Dass das nicht immer leicht ist, zeigt die Krise in der Ukraine ganz eindrücklich. Doch die Auseinandersetzung mit Russland macht uns auch klar, wie wichtig der Gedanke Brandts zu guter Nachbarschaft gerade heute ist: Dass man als gute Nachbarn nämlich auch in Krisenzeiten nicht aufhören darf, miteinander zu reden. Und dass man hart und beständig daran arbeiten muss, nach verloren gegangenem Vertrauen neues wieder aufzubauen und aus Enttäuschung nicht Gleichgültigkeit, Entfremdung oder gar Feindschaft werden zu lassen.

Lieber Armin,

ein guter Nachbar sein, nach innen und nach außen --- Das scheint aber auch ein Grundsatz zu sein, den du über dein Wirken in dieser Welt gestellt hast.

Ein guter Nachbar – ein engagierter, ein aufmerksamer vor allem. Einer, der seine Mitmenschen mit seiner Kunst fordert: zum Nachdenken, zur Überprüfung von Gewohnheiten und Sichtweisen, von Urteilen und Vorurteilen. Hier in Deutschland und in der Welt.

Die Nachbarschaften, lieber Armin, hast du in deinem Leben dabei oft gewechselt. Wo immer es dich hin verschlagen hat: Die Kunst – die Musik, die Malerei, das Schauspiel - haben Dich auf diesem Weg stets begleitet. Oder vielmehr gar: geleitet – auch durch schwierige Lebensphasen.

***

Ich bin sparsam mit biographischen Notizen, viele kennen dich und deine Kunst seit Jahrzehnten!

Seine ersten Kindheitsjahre verbrachte Armin Mueller-Stahl in Tilsit in Ostpreußen, in einem Hause, in dem man gemeinsam musizierte und das Theater liebte. Noch vor Kriegsende machte sich die Familie auf in eine neue Nachbarschaft: Ins Brandenburgische!

Den jungen Mueller-Stahl führte die Kunst dann schnell nach Berlin, zunächst zur Musikausbildung und dann zum Schauspielunterricht. Schon im Alter von 22 Jahren engagierte ihn das Theater am Schiffbauerdamm; drei Jahre später kamen die ersten Filmrollen – es war der Beginn einer rasanten Karriere, die Mueller-Stahl innerhalb der nächsten 25 Jahre zu einem der größten und populärsten Schauspieler in der DDR machen sollten.

„Wer zu oft zwischen den Stühlen sitzt, dem wird der Hosenboden dünn“, hat er gestern selbstironisch gesungen.

Als Mueller-Stahl gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann protestiert, ist der Weg des Erfolgs jäh zu Ende. Er wird boykottiert, bekommt keine Filmrollen oder Bühnenengagements mehr. Die Zeit nutzt er zum Schreiben. Schließlich emigriert er in den Westen, in eine ganz neue Nachbarschaft, wo er eine zweite beispiellose Karriere beginnt. Er brilliert in Filmen wie „Jakob der Lügner“, den „Manns“, oder „Night on Earth“. Und er wird nicht nur in Deutschland, sondern auch international zu einer Größe.

Deutsche und internationale Auszeichnungen pflastern seinen Weg. Die Ehrungen aufzuzählen, will ich Ihnen hier ersparen, denn Sie wollen schließlich die Ausstellung genießen, bevor die Sonne über der Havel untergeht.

Der Wechsel von Deutschland in die USA, von Babelsberg nach Hollywood und wieder zurück: für Mueller-Stahl ist jede neue Nachbarschaft eine Herausforderung, die er spielend meistert – im wahrsten Sinne des Wortes. Und jede neue Nachbarschaft prägt er in kürzester Zeit selbst mit. Weil er sich einlässt auf seine Umgebung. Weil er ein scharfer und zugleich einfühlsamer Beobachter ist. Das gilt für sein Spiel, seine Musik, das haben wir gestern erneut erlebt. Und für seine Malerei. Sie werden es gleich in der Ausstellung sehen und genießen.

Du selbst, lieber Armin hast deinen Beruf einmal als „Brückenbauer“ beschrieben. Und du hast Recht. Das passt schließlich auch viel leichter auf eine Visitenkarte, als: „Armin Mueller-Stahl - Schauspieler, Regisseur, Schriftsteller, Musiker, Sänger, Maler, Dichter, Denker, Weltstar…“!

Ein Brückenbauer ist Armin Mueller-Stahl gewiss. Und damit meine ich nicht nur die wunderbaren Versuche des deutschen „Night on Earth“-Taxifahrers Helmut Grokenberger, sich in Amerika seinen Fahrgästen verständlich zu machen….

„Die Musik und die Malerei haben verwandte Seelen“, schreibt Armin Mueller-Stahl. „Sie helfen sich gegenseitig, Grenzen zu überschreiten.“ Tatsächlich: Auch die Malerei von Armin Mueller-Stahl wirkt über Grenzen hinweg, weil sie geprägt ist von großer Offenheit und einer tiefen Zuneigung zu den Menschen. In den „Menschenbildern“ heute werden Sie das sehen:

Seine „biographischen Bildwelten“ sind spannende, nachdenkliche, manchmal ironische Auseinandersetzungen mit Geschehenem und Erlebtem. Armin Mueller-Stahl zeichnet und malt seit Jahrzehnten auf Papier und Leinwand: Gesichter, Charakterstudien, Figuren, Gesten, Szenen und Gedanken. Auch vor keinem seiner Filmdrehbücher macht Armin Mueller-Stahl halt, auch sie werden Teil seines „visuellen Tagebuchwerks““ Auch das Filmmanuskript für „Die Buddenbrooks“, wo er an der Seite von Iris Berben den Familienpatriarchen Jean Buddenbrook spielte, - auch dieses Manuskript verwandelte sich im Zuge der Dreharbeiten vom Textbuch zum Mal- und zeichnerischen Tagebuch, das sein Ringen mit der Figur, die er im Film zu verkörpern hatte, gut nachvollziehbar macht.

Worauf ich Sie vorbereiten muss: Ausstellungen mit Werken von Armin Mueller-Stahl sind nicht deshalb schon „schön“, im umgangssprachlichen Sinne des Wortes, sie fordern auch. Wer seine Kunst nicht kennt, wird vielleicht sogar irritiert sein. „Menschenbilder“ sind nicht gemalte Ebenbilder. Sie suchen nicht nach klassischer Schönheit. Sie laden ein zur Auseinandersetzung mit dem Gegenüber, suchen nach Wesen und Charakterzügen, um zu verstehen. In einem Interview mit der Sueddeutschen Zeitung, in dem Armin Mueller-Stahl gefragt wird, warum er die Menschen nicht einfach „schön“ malt, hat er gesagt: „Ich bin eher für die Zerstörung der Schönheit. Wenn mit das Gesicht einer Frau zu schön gelingt, dann versuche ich, den Charakter hinein zu malen“.

Die Natur abzumalen, das ist ihm zu wenig. Das ist nicht Kunst in seinem Kunstverständnis. Kunst ist Auseinandersetzung! Deshalb sagt er mit der Erfahrung seines Alters. „Ich weiß aufgrund eigener Lebenserfahrung, welch fragile Konstruktion der Mensch generell ist. Es ist ein Kampf zu leben und zu überleben und diese Kämpfe will ich in einem Gesicht sehen, weil sie jeder Mensch führt, ob schön oder nicht schön.“

Deine Bilder zeigen den anderen, dein Gegenüber, den, der deine Neugier weckt, aber sie zeigen ja auch deine Bewunderung genauso wie deine Abneigung und deinen Ärger – gerade auch in deinen Werken, mit denen du Tagespolitik kommentierst. Da wird man als Außenminister neidisch, wie geradeheraus und völlig undiplomatisch der Maler formulieren kann. Sie werden gleich ein Bild von Obama in der Ausstellung sehen, in das Armin Mueller-Stahl – in einer seltsamen Mischung aus Enttäuschung und Zuneigung – die Zeile gesetzt hat: „Obama – gerät von eine Scheiße in die nächste.“

Spätestens da ist mir klar geworden, Armin, was du meintest, als du auf die Frage nach deinen täglichen Notizen geantwortet hast: „Meine Bilder sind eine Art Tagebuch. Und dabei ist die Malerei ehrlicher als das Schreiben, weil man nicht auf Pointen achten muss!“

Für jemanden, der sagt: „Alle Kunst will Musik werden…“ ist die Unterscheidung der Kunstgattungen nicht ganz so wichtig wie für uns – Betrachter, Zuschauer und Bewunderer. Für jemanden, der sich in der Musik, im Film, im Schauspiel wie in der Malerei mit derselben Sicherheit und Professionalität bewegt und sich mitteilen kann, sind die Grenzen vielleicht fließend. Dennoch – so scheint es – ist dir die Malerei mit den Jahren wichtiger geworden. „Mir geht es um die Freiheit, die man in der Kunst hat“, hören wir von dir. Aber eben auch: „Die einzigen Momente, in den ich wirklich fliegen kann, sind, wenn ich im Atelier male.“

Lieber Armin Mueller-Stahl, wir alle freuen uns, dass du mit einem kleinen Teil der Früchte dieses Schaffens zu uns nach Brandenburg geflogen bist.

Gestern Abend schon durften wir dich und deine langjährigen Freunde Günther Fischer, Tobias Morgenstern und Tom Götze auf der Konzertbühne erleben. Allen, die nicht dabei sein konnten, sage ich: Es war ein grandioser Abend!

Und heute lädst du uns hier in den Sälen der Kunsthalle Brennabor zu deinen „Menschenbildern“ ein. Ich freue mich sehr auf die Ausstellung. Und ich will auch Ihrer Neugier nicht mit zu langer Rede im Wege stehen.

Nur eines noch, Armin:

Sei dir gewiss. Deine Bilder sind hier gut aufgehoben. Ich kenne die Brandenburger gut.

Hier bist du in hervorragender Nachbarschaft!

Vielen Dank.

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