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Grußwort von Staatsminister Michael Roth bei der Gesprächsrunde zum Thema "Ausgrenzung und Gewalt gegen sexuelle Minderheiten – wenn Literatur Politik trifft" mit dem französischen Autor Edouard Louis am 12. März 2015

12.03.2015 - Rede

--es gilt das gesprochene Wort--

Lieber Edouard Louis,

es freut mich, heute Abend bei der Vorstellung Ihres großartigen Buches, "En finir avec Eddy Belleguele" mit dabei zu sein. Ihr Buch erscheint bereits nach so kurzer Zeit auf Deutsch unter dem Titel "Das Ende von Eddy". Das bezeugt das lebhafte Interesse an französischer Literatur in Deutschland.

Diese Veranstaltung ist mir ein besonderes Herzensanliegen – gerade weil ich weiß, dass Homosexualität an vielen Orten auf der Welt immer noch ein Tabuthema ist, das - wenn es gut läuft - verschwiegen wird. In über 70 Staaten drohen aber nach wie vor Diskriminierung, Ausgrenzung und Bestrafung bis hin zum Mord durch niemand anderen als den Staat. Das ist ein Armutszeugnis für unsere Welt im 21. Jahrhundert!
Für jeden aufgeklärten Europäer muss der Kampf gegen Homophobie ebenso selbstverständlich sein wie der Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus und die Ausgrenzung anderer Minderheiten.

Denn Europa ist doch mehr als nur ein Binnenmarkt und eine Währungsunion – wir sind vor allem eine einzigartige Wertegemeinschaft. Es reicht nicht, wenn europäische Grundwerte wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit oder der Schutz von Minderheiten nur auf dem Papier Bestand haben. Sie müssen auch im täglichen Miteinander gepflegt und verteidigt werden. In einer offenen, liberalen Gesellschaft ist das nicht die Kür, sondern die Pflicht – für jeden von uns. Akzeptanz und Toleranz gegenüber Minderheiten sind kein generöses Geschenk, sondern eine unverhandelbare Grundlage unseres Zusammenlebens in Europa!

Die politische Debatte ist das eine, das persönliche Erleben von Vorurteilen und Anfeindungen ist etwas ganz anderes.

Lieber Edouard Louis, ich ahne, dass das, was Sie in ihrem Buch wiedergeben, eine Realität ist, die sie so oder ähnlich selbst erlebt haben. Daher gibt Ihr Zeugnis und Ihre Anwesenheit dem Gespräch mit Ihnen eine ganz besondere Authentizität. Und Sie stehen in einer Reihe großer französischer Schriftsteller und Intellektueller. Ich denke da an Simone de Beauvoir, André Gide, Jean Genet sowie Didier Eribon und Pierre Rosanvallon, die sich mutig für Freiheit und Toleranz eingesetzt haben.

Lieber Edouard Louis,

Ihr Buch erinnert uns daran, dass auch in den modernen, toleranten Ländern des Westens keineswegs alle Bürgerinnen und Bürgern akzeptieren, dass Schwule oder Lesben offen ein "normales" Leben inmitten unserer Gesellschaft führen können.

Und dies, obwohl sich unsere Regierungen selbstverständlich aktiv gegen die Diskriminierung sexueller Minderheiten einsetzt – in Deutschland, Frankreich und weltweit. Selbstverständlich arbeiten wir auf bilateraler und multilateraler Ebene daran, LGBTI-Rechte als untrennbaren Bestandteil der Menschenrechte zu achten.

Aber dennoch: wie viele Menschen müssen noch heute, in Deutschland oder in Frankreich, Beleidigungen ja sogar Gewalttaten wegen ihrer sexuellen Orientierung ertragen? Nicht nur in der Picardie oder in Nordhessen, wo wir beide herkommen, sondern auch in Paris oder Berlin, wo wir heute leben und arbeiten. Haben viele Schwule und Lesben nicht immer noch Angst, sich als gleichgeschlechtliches Paar in der Öffentlichkeit zu zeigen?

Wir dürfen unsere Aufmerksamkeit nicht nur auf die Staaten richten, die ohnehin im Fokus der kritischen medialen Aufmerksamkeit stehen. Wir brauchen vitale Zivilgesellschaften mit engagierten und couragierten Menschen, die bereit sind, sich einzumischen, mitzumachen und der Politik Beine zu machen.

Die Zivilgesellschaft, und insbesondere Künstler wie Sie, lieber Edouard Louis, tragen dazu bei, das Bild von sexuellen Minderheiten in der Öffentlichkeit Stück für Stück zu verändern. Denken wir nur an den langen Weg, den die Literatur selbst zurücklegen musste: seit dem Roman "Heimliche Freundschaften" von Roger Peyrefitte oder der Autobiografie von André Gide "Stirb und werde" hat sich viel zum Positiven geändert. Schriftsteller wie Sie oder der britische Autor Alan Hollinghurst schreiben heute ganz offen, ohne Scham und sogar mit großem Erfolg über Homosexualität.

Lieber Edouard Louis,

Ihr Buch hat mich bewegt. Es weckt Erinnerungen an meine eigene Kindheit und Jugend in einem nordosthessischen Bergarbeiterstädtchen, meine nicht immer einfache Schulzeit und die Studienjahre in Frankfurt, die ich als große Befreiung empfand. Ihr Roman ist wichtig, über den Tag hinaus. Vielen Dank, dass Sie heute Abend unser Gast sind. Wir freuen uns auf Sie und Ihren Roman!

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