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Rede von Staatsminister Michael Roth bei der deutsch-französischen Soirée in der Französischen Botschaft, Berlin

08.05.2014 - Rede

-- es gilt das gesprochene Wort --

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Einladung zu diesem Themenabend, der der Kultur und der deutsch-französischen Freundschaft gewidmet ist, bin ich sehr gerne gefolgt.

Und das hat einen guten Grund: In den zurückliegenden Jahren ging es oftmals nur um abstrakte ökonomische Kennziffern, Strukturreformen und Wachstumsaussichten. Dabei hat Europa doch viel mehr zu bieten als nur den Euro und Krisenmanagement – das sollten wir niemals aus dem Blick verlieren. Umso mehr freue ich mich, dass wir heute Abend über das Zusammenspiel von Kultur und Politik sowie den Beitrag, den Kultur für das europäische Einigungswerk leisten kann, miteinander ins Gespräch kommen wollen. Für diese eher seltene Gelegenheit, Europa mal nicht aus einer verengten wirtschaftlichen Sachzwangslogik heraus zu betrachten, danke ich Ihnen herzlich.

Kultur und Europa – dieses Begriffspaar gehört genauso untrennbar zusammen wie die Partner Deutschland und Frankreich. Jacques Delors hat es 1993 in seiner Rede bei der Frankfurter Buchmesse treffend auf den Punkt gebracht: „Das politische Europa kann ohne das Europa der Kultur nicht existieren.“ Ein anderer großer Europäer ging sogar noch einen Schritt weiter. Jean Monnet ließ uns wissen: „Wenn ich nochmals mit dem Aufbau Europas beginnen könnte, dann würde ich mit der Kultur beginnen." Delors und Monnet können in dieser Frage bestimmt nicht irren. Denn wie wir alle wissen: Franzosen verstehen eine ganze Menge von Kultur!

Europa – das ist für viele außerhalb unseres Kontinents der Inbegriff von Kultur in ihrer ganzen Gestaltungskraft und Vielfalt. Europa ist ein einzigartiger Resonanzboden für kulturelle Kreativität, unterstützt durch eine Vielzahl von europäischen Förderprogrammen und Initiativen. Lassen Sie mich nur ein Beispiel nennen:

Seit 1985 dürfen sich bereits mehr als 50 Städte mit dem Titel „Kulturhauptstadt Europas“ schmücken – von Porto bis Riga, von Florenz bis Stockholm. Ich übertreibe wohl nicht, wenn ich sage: In dieser Hinsicht ist die EU tatsächlich „state of the art“!

Dabei müssen wir uns aber auch über die Grenzen einer europäischen Kulturpolitik im Klaren sein: Denn diese soll eben nicht zu einer Gleichmacherei führen, sondern vielmehr die kulturelle Vielfalt in den einzelnen Mitgliedstaaten und Regionen der EU bewahren und fördern. Das macht den spezifischen Charakter der Kultur in Europa aus: es ist die Einheit in der Vielfalt! Dennoch kann Europa einen übergeordneten Rahmen für das kulturelle Leben setzen, denn bestimmte Fragen betreffen schließlich Kreative und Kulturschaffende überall in der EU. Ich denke dabei etwa an die Stärkung der Kreativwirtschaft, die Förderung der Mobilität von Kulturschaffenden, die Bewahrung des kulturellen Erbes oder den Schutz des geistigen Eigentums im Zeitalter der Digitalisierung.

Auch das Auswärtige Amt unternimmt eine Vielzahl von Aktivitäten, um ganz praktisch zur Stärkung des kulturellen Lebens in Europa beizutragen. Die Auswärtige Kulturpolitik ist eine der drei Säulen der deutschen Außenpolitik – und eines ihrer nachhaltigsten Instrumente. Ihr Motto lautet: Kultur baut Brücken, Kultur ermöglicht Dialog. Erst in dieser Woche hat mein Haus beispielsweise 30 Literaten aus ganz Europa zu einer großen europäischen Schriftstellerkonferenz nach Berlin eingeladen. Unter dem Oberthema „Europa – Traum und Wirklichkeit“ beschäftigen sich die Schriftsteller mit dem aktuellen Zustand Europas und fragen nach Möglichkeiten neuer Impulse jenseits der Tagespolitik.

Und sicher können auch große Unternehmen einen wertvollen Beitrag zur Stärkung eines Europas der Kreativität und der kulturellen Vielfalt leisten. Ich freue daher sehr, dass Sanofi mit seinem Engagement für diese Kunstausstellung mit gutem Beispiel vorangeht.

Auch als global tätiges Unternehmen hat Sanofi mit einem starken Anker in meinem Heimatland Hessen niemals seine europäischen Wurzeln vergessen: Fast die Hälfte der weltweit rund 110.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens sind in Europa tätig, davon allein 9.000 Beschäftigte in Deutschland. Ich möchte Ihnen danken und Sie ermuntern, Ihr kulturelles Engagement auch in Zukunft fortzusetzen und auszubauen.

Manchmal frage ich mich, ob Europa mittlerweile nicht viel zu sehr eine Angelegenheit der Politik und der Wirtschaft geworden ist. Ich bin jedenfalls überzeugt: Wenn sich im europäischen Einigungsprozess etwas an der Aufgabenwahrnehmung von unten nach oben tun soll, wenn das europäische Projekt bei den Menschen wieder mehr Emotionen und Leidenschaft hervorrufen soll, dann braucht es dafür die Kultur als nie versiegende Energiequelle.

Wer soll uns Politikern denn eigentlich den Spiegel vorhalten, wenn nicht die Kreativen und Künstler? Ich wünschte mir bisweilen, dass sich die kreativen Köpfe in Europa noch deutlicher und kritischer als bislang einmischen würden. Denn über ihre Kunstwerke, Filme, Bücher oder Theaterstücke haben auch sie Macht und Einfluss – sofern sie diese zu nutzen wissen. Ich bin überzeugt: Kultur kann Europa Beine machen und eine Richtung geben. Fordern Sie also die Politik ruhig noch stärker heraus! Wenn ich ein oft malträtiertes Zitat paraphrasieren darf: Fragen Sie nicht nur danach, was Europa für die Kultur tun kann. Fragen Sie auch: Was kann die Kultur eigentlich für Europa tun?

Kreative Köpfe sollten erkennen: Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt, um sich als überzeugte Europäerinnen und Europäer in die Debatte einzumischen. Und zwar in der ganzen Vielfalt der künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten – immer wieder kritisch und stets voller Hoffnung.

Sie können zu dieser Diskussion erheblich beitragen, indem sie durch ihr Wirken deutlich machen, dass es ein Anachronismus wäre, Europa von der Welt und die Nationalstaaten von Europa abschotten zu wollen. Bloßer Überdruss und resigniertes Lamento über das, was alles in Europa nicht funktioniert, welches Europa wir nicht wollen, ist fehl am Platz. Dazu lade ich alle Kreativen und Kulturschaffenden herzlich ein!

Gerade in diesem Jahr des Gedenkens stehen wir gemeinsam in der Verantwortung, Europa als einen Ort von Zuversicht und Hoffnung zu zeigen: Wir erinnern uns in diesem Jahr an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren, den Überfall Deutschlands auf Polen und den Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren, dann die alliierte Landung in der Normandie vor 70 Jahren, aber auch an den Fall der Mauer vor 25 Jahren und schließlich die EU-Osterweiterung vor zehn Jahren.

Die gemeinsame wechselhafte Geschichte schweißt Deutschland und Frankreich besonders eng zusammen. Die Tiefe der deutsch-französische Freundschaft und Zusammenarbeit ist heute nicht nur weltweit einmalig, sie ist vor allem unverzichtbar. Unverzichtbar für uns als Deutsche und Franzosen, aber vor allem auch unverzichtbar für Europa. Europa braucht das deutsch-französische Tandem mehr denn je, denn es steht vor immer neuen Bewährungsproben.

Gemeinsam arbeiten Deutschland und Frankreich daran, Europa künftig noch besser zu machen. Wie das funktionieren kann, zeigt uns vor allem die vorbildliche deutsch-französische Zusammenarbeit im Kulturbereich. Lassen Sie mich nur einige Beispiele nennen, wo Deutschland und Frankreich ganz praktisch vorleben: Die Bewahrung der kulturellen Vielfalt und gemeinsame Kulturprojekte sind kein Widerspruch:

- die Gründung des gemeinsamen europäischen Kultursenders ARTE 1990

- die herausragende Zusammenarbeit im Filmbereich, die zu zahlreichen Koproduktionen und künstlerisch herausragenden und erfolgreiche Filmen wie „Pina“ von Wim Wenders, „Das weiße Band“ oder „Liebe“ geführt hat

- die Faszination, die die beiden jungen Adenauer/de-Gaulle-Preisträger Audrey Tautou und Daniel Brühl mit ihren großartigen Filmen „Die fabelhafte Welt der Amélie“ und „Goodbye Lenin“ auf das jeweils anderen Land ausgeübt haben

- das künstlerische Werk von Imi Knoebel in der Kathedrale von Reims oder die Skulpturen von Niki de Saint Phalle; beides hat sich stark im jeweils anderen Land eingeprägt

- die großartige Deutsch-französische Hochschule, die hoch qualifizierte deutsch-französische Europäer hervorbringt - sicher auch für Unternehmen wie Sanofi

- den gemeinsamen Impuls, den Deutschland und Frankreich zur Schaffung der Europäischen Digitalen Bibliothek Europeana gegeben haben

- und nicht zuletzt solche deutsch-französischen Projekte wie die Kunstausstellung, die wir dank des Engagements von Sanofi heute hier am Pariser Platz bewundern können.

Lassen Sie mich zum Abschluss noch auf einen Aspekt hinweisen, der Teil der französischen Seele, des Savoir-vivre und der Staatskunst zugleich ist. Und wir haben das Vergnügen, das heute Abend als Gäste hier in der französischen Botschaft wieder einmal erleben. Wussten Sie, dass der „Repas gastronomique des Français“ vor vier Jahren zum Weltkulturerbe der Menschheit erhoben worden ist? Und im UNESCO-Handbuch kann man auch lesen, was genau damit gemeint ist: „Ein festliches Essen mit dem Ziel, sich miteinander wohl zu fühlen, Freude am Geschmack zu finden und in Harmonie mit den Gaben der Erde zu sein“.

Dieser Beschreibung habe ich nichts hinzuzufügen. Ich erhebe mein Glas auf die Kultur, die Quelle unserer Inspiration, die unsere beiden Länder beflügelt. Ich erhebe mein Glas auf die Kunst und ihre Ermöglicher und auf die Kunst der cuisine française. Ich trinke auf Ihr Wohl, auf die deutsch-französische Freundschaft und Europa!

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