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Grußwort von Außenminister Frank-Walter Steinmeier anlässlich des Eröffnungsempfangs der Schriftstellerkonferenz "Europa - Traum und Wirklichkeit" am 07. Mai 2014 in Berlin

07.05.2014 - Rede

--es gilt das gesprochene Wort--

Lieber Michael Schwarz,
meine sehr geehrten Damen und Herren!

Fast dreißig Autoren aus über zwanzig Ländern treffen sich in Berlin zur Schriftstellerkonferenz "Europa – Traum und Wirklichkeit". Sie kommen aus Frankreich und aus Griechenland, aus Russland und der Ukraine. Das allein ist schon ein europäischer Traum, der Wirklichkeit geworden ist!

Am Anfang stand wie so oft eine fixe Idee. Im Frühjahr letzten Jahres hatten Mely Kiyak, Nicol Lubic, Antje Rávic Strubel, Tilman Spengler und ich den gemeinsamen Einfall, hier in Berlin eine Schriftstellerkonferenz anzustoßen.

Vorausgegangen waren Debatten über enttäuschte Hoffnungen, über die Sorge, in Europa könne eine „verlorene Generation“ heranwachsen und über eine Widerkehr längst überwunden geglaubter Nationalismen. Dabei hat sich zumindest mir die Frage aufgedrängt: Wir mögen dabei sein sein, die wirtschaftliche Krise zu überwinden; aber meistern wir auch die politische und kulturelle Krise?

Natürlich hat uns die Erinnerung an die Konferenz "Ein Traum von Europa" inspiriert, die 1988 im damaligen West-Berlin stattgefunden hat. Damals sind Schriftsteller aus ganz Europa zusammengekommen, um ihrer Sehnsucht nach einen freien, demokratischen und einigen Europa Ausdruck zu verleihen.

Dieser Traum war von ungeahntem Wirklichkeitssinn getragen. Wenige Monate später haben die friedlichen Revolutionäre auf dem Berliner Alexanderplatz, dem Prager Wenzelsplatz und den Danziger Werften den Eisernen Vorhang niedergerissen.

Dass unser Gespür für die Zukunft im letzten Sommer so gut war wie das der Schriftsteller von 1988, bezweifle ich. Ich selbst hätte mir vor einem Jahr nicht träumen lassen, dass ich heute als deutscher Außenminister zu Ihnen sprechen würde. Dass es so ist, bedaure ich nicht.

Vor allem aber hat uns allen wohl die Phantasie gefehlt, uns auszumalen, dass wir in Europa heute, 25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, gegen eine drohende neue Spaltung unseres Kontinents würden ankämpfen müssen.

In einem entscheidenden Punkt haben wir aber wohl doch richtig gelegen, als wir mit den Vorbereitungen für die europäische Schriftstellerkonferenz begonnen haben:

Europa mag unvollkommen und unvollendet sein. Mit all seinen Unzulänglichkeiten bleibt es aber das beste Europa seit Menschengedenken. Niemand wollte ernsthaft zurück in den geteilten Kontinent von 1988, geschweige denn in das Europa von 1939 oder 1914.

Mir geht es deshalb darum, dass wir nicht die Deutungshoheit denen überlassen, die den Blick auf Europa allein auf die Sanierung von Staatsfinanzen und die Rettung angeschlagener Banken verengen. Europa erschöpft sich nicht in der Brüsseler Verwaltungsroutine mit ihren Richtlinien und Verordnungen.

In der Debatte über Europa wollen wir mit dieser Konferenz einen klaren Ton anstimmen. Von welchem Europa träumen wir? Und wie kann dieses Europa Wirklichkeit werden? Diese Fragen, um die es in den nächsten beiden Tagen gehen wird, gehören wieder ins Zentrum unseres gemeinsamen Nachdenkens.

Wir müssen uns neu bewusst machen, dass Europa immer auch kulturelles Projekt ist. Für dieses Projekt tragen Sie als Schriftstellerinnen und Schriftsteller besondere Verantwortung. Nicht indem Sie sich für ein „Narrativ“ vereinnahmen lassen, sei es auch noch so gut gemeint. Sondern indem Sie Worte finden, die Gespräche über Europa jenseits einer allzu oft abgegriffenen politischen Sprache ermöglichen.

Dieses Europa baut auf die Neugier, die Welt durch die Augen des Anderen zu sehen und auf die Fähigkeit, den Reichtum zu erkennen, der in unserer Verschiedenheit liegt.

Dieses Europa glaubt an die schöpferische Energie des Zweifels, an die einigende Kraft der Auseinandersetzung über den richtigen Weg und an die Fähigkeit, sich selbst immer wieder neu zu erfinden.

Dieses Europa lässt jedem Einzelnen Raum, sich zu entfalten und eröffnet allen die Teilhabe an einem toleranten Gemeinwesen. Dass sich Grenzen überwinden lassen, ist eine europäische Urerfahrung.

Umso mehr freue ich mich sehr auf die Vorträge, Gespräche und Lesungen, die in den nächsten zwei Tagen vor uns liegen. Ich bin mir sicher, dass uns die europäische Schriftstellerkonferenz viele bewegende, erhellende und schöne Momente bescheren wird.

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