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Rede von Außenminister Guido Westerwelle zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse

09.10.2012 - Rede

Bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse würdigte Außenminister Westerwelle das fruchtbare Zusammenspiel der Kulturen im diesjährigen Gastland Neuseland.

-- es gilt das gesprochene Wort --

Sehr geehrter Herr Stellvertretender Premierminister English,
sehr geehrter Herr Minister Finlayson,
lieber Jörg-Uwe Hahn,
Herr Oberbürgermeister Feldmann,
sehr geehrter Herr Boos,
lieber Herr Prof. Honnefelder,
liebe Frau Cowley, lieber Herr Manhire,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren,

Te-na- koutou, te-na- koutou, te-na- koutou katoa [Begrüßung der Maori].

Es freut mich sehr, heute die Frankfurter Buchmesse zu eröffnen.

Mit über 7.300 Ausstellern aus über 100 Ländern wird die Messe auch in diesem Jahr wieder ein Besuchermagnet sein.

Besonders freue ich mich, den diesjährigen Ehrengast Neuseeland zu begrüßen. Mit Spannung erwarten wir den Auftritt eines Landes mit einer ebenso atemberaubenden Natur wie großen Erzähltradition.

Die beeindruckende Landschaft Neuseelands beflügelt nicht erst seit der Verfilmung des Herrn der Ringe und der Hobbit-Trilogie die Reiselust der Deutschen. Jährlich reisen gut 66.000 deutsche Touristen nach Neuseeland.

Die geografische Entfernung zwischen Deutschland und Neuseeland könnte größer kaum sein und trotzdem entdeckt man auch viel Vertrautes: Im Stadtbild und auch bei den Begegnungen mit den Menschen.

Der Eindruck großer Nähe ist keine Illusion. Echte Nähe entsteht durch gemeinsame Werte. Deutschland und Neuseeland teilen gemeinsame Werte. Dazu gehören Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, die Notwendigkeit internationaler Kooperation und das Primat des Völkerrechts. Wir teilen die Vorstellung über den Wert individueller Freiheit. Das verbindet.

Unsere gemeinsamen Werte machen Neuseeland wohl zum weitest entfernten Nachbarland Deutschlands und Europas.

Neuseelands europäische Prägung ist das eine. Das andere sind die starken polynesischen und asiatischen Einflüsse. Neuseeland war und ist für uns Europäer das Tor zu einer fremden, exotischen und faszinierenden Welt.

Wer beim Hongi, dem traditionellen Begrüßungsritual der Maori in Neuseeland, schon einmal den Atem seines Gegenübers gespürt hat, während sich die Nasenspitzen berühren, der weiß, wovon ich spreche.

In Neuseeland verbindet sich das Vertraute mit dem für uns Exotischen. Die Kultur der Einwanderer aus Europa verbindet sich mit der Kultur der Maori.

Die über 1000 Jahre alte mündliche Erzähltradition der polynesischen Bewohner Neuseelands trifft auf die schriftlichen Zeugnisse der europäischen Entdecker und Einwanderer. Hinzu kommen die Einflüsse der Einwanderer aus Asien.

Wir erleben ein sich gegenseitig befruchtendes Zusammenspiel der Kulturen, aus dem etwas ganz Neues, Einzigartiges entsteht.

Die neuseeländische Gesellschaft begegnet diesen unterschiedlichen Strömungen mit großer Offenheit.

Zu Recht sind die Neuseeländer stolz darauf, international Vorbild zu sein für die wirtschaftliche und soziale Teilhabe der indigenen Bevölkerung.

Neuseeland ist ein Einwanderungsland. Laut einer aktuellen Studie belegt Neuseeland Platz 1 bei Investitionsklima und Unternehmensgründungen. Neuseeland ist ein Land der Chancen.

Wir hier in Frankfurt freuen uns auf die Präsentation dieser bunten und vielfältigen Gesellschaft.

Wir freuen uns auf eine Kulturnation, die sich neben Büchern auch durch Theater, Musik und Film auf über 300 Veranstaltungen präsentiert.

Deutschland und Neuseeland arbeiten bilateral erfolgreich und vertrauensvoll zusammen. Großen Wert legen wir gemeinsam auf die wissenschaftliche und technologische Zusammenarbeit.

Unsere gemeinsamen Werte machen Deutschland und Neuseeland zu natürlichen Partnern bei der Gestaltung der Globalisierung.

Wir wollen funktionsfähige, legitimierte multilaterale Institutionen.

Zwischen uns besteht weitgehende Übereinstimmung bei der Bewertung globaler Fragen.

Neuseeland ist ein Partner für Freihandel. Neuseeland und Deutschland engagieren sich seit vielen Jahren für nukleare Abrüstung.

Im nächsten Jahr blicken wir auf 60 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen unseren Ländern zurück und werden dies feierlich begehen. Wir wollen dieses schöne Jubiläum nutzen, um unsere Zusammenarbeit weiter auszubauen und zu vertiefen.

Auch die Europäische Union und Neuseeland arbeiten daran, ihre Beziehungen mit einem umfassenden Abkommen auf eine neue Grundlage zu stellen.

Unsere gemeinsamen Werte bewirken, dass wir mit den gleichen Augen auf die Welt schauen. Die geographische Lage unserer Länder wiederum führt dazu, dass wir dabei jeweils einen völlig anderen Blickwinkel einnehmen. Das macht unseren Austausch so wertvoll.

Neuseeland befindet sich in einer der dynamischsten Regionen der Welt. Der wirtschaftliche Aufschwung in vielen asiatischen Ländern verändert zunehmend auch die politische Landkarte.

Die Gewichte auf der Welt verschieben sich. Bei uns wird das von manchen noch immer als akademische Diskussion abgetan.

Für den pazifischen Raum und Neuseeland hat das längst messbare Konsequenzen: China hat die Europäische Union als zweitwichtigsten Handelspartner Neuseelands abgelöst.

Aus wirtschaftlicher Stärke wird politisches Gewicht. Daraus ergibt sich wiederum eine größere Mitverantwortung für die Welt. Wir müssen die neuen Gestaltungsmächte als Partner gewinnen.

Jede Regierung arbeitet daran. Denn die Globalisierung stellt uns vor ganz neue Herausforderungen. Ich denke an Klimawandel, Wasser- und Nahrungs-mittelknappheit und die Bewahrung der Schöpfung. Wer Globalisierung gestalten will, der braucht starke Partner.

Die erste Antwort Deutschlands auf die Globalisierung ist und bleibt Europa.

Es wird Deutschland auf Dauer nicht gut gehen, wenn es Europa auf Dauer schlecht geht.

Der Weg aus der Schuldenkrise ist ein schwerer Weg. Er führt über Ausgabendisziplin, Solidarität und Wachstum. Wir werden diesen Weg gehen.

Jetzt entscheidet sich das Ansehen Europas in einer Welt des Wandels. Schreibt man Europa als alten Kontinent ab oder aber zeigen wir Europäer einen ausreichenden Selbstbehauptungswillen als Schicksals- und als Kulturgemeinschaft?

Es gibt ein europäisches Lebensmodell und dieses Lebensmodell muss sich jetzt bewähren, auch in den Augen der Welt. Werden wir von den anderen Völkern und Ländern der Welt noch als kraftvoller Kontinent mit Zukunft verstanden, oder als ein alter Kontinent, der mehr Geschichte hat als Zukunft?

Gerade in Zeiten, in denen es schon als schick erscheint, gegen Europa mit gewissen Bemerkungen Stimmung zu machen, gerade dann müssten diejenigen, die wissen, dass Freiheit, Frieden und Wohlstand in Europa keine Selbstverständlichkeit sind, aufstehen und sich zu Europa bekennen. Wir brauchen mehr pro-europäische Bekenner.

Denn Europa hat einen Preis, aber Europa hat vor allem einen Wert. Und das sollten wir Deutsche niemals vergessen.

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