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Einsatz am Limit

07.02.2011 - Interview

50.000 Deutsche waren beim Ausbruch der Proteste in Ägypten. Deutschlands Botschafter in Kairo, Michael Bock, im Interview mit dpa über den Dauereinsatz der Botschaftsangehörigen in den letzten Wochen.

Seit Wochen ist die Deutsche Botschaft in Kairo im Ausnahmezustand. Tausenden Deutschen musste bei der Ausreise geholfen werden, in der Residenz von Botschafter Michael Bock übernachteten bis zu 18 Staatsbürger. Im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa in Kairo erzählt er, warum es zu Beginn vielleicht vereinzelte Anlauf-schwierigkeiten bei der Hilfe gab und was er am liebsten tun würde, wenn irgendwann wieder Ruhe einkehrt.

Herr Botschafter, es gab zuletzt Berichte von Deutschen, dass die Botschaft zunächst unzureichend geholfen hätte und sie telefonisch nicht durchkamen. Hat es Anlaufschwierigkeiten gegeben?

Wir dürfen nicht vergessen, dass wir es mit etwa 50 000 deutschen Staatsbürgern zu tun haben, die hier im Lande sind, 15 000 hier lebende Bürger und etwa 35 000 Touristen. Wenn da eine Krise hereinbricht, gibt es eine Vielzahl von Deutschen auch in der Heimat, die sich sorgen machen und zum Telefonhörer greifen und erstmal Informationen haben wollen. Da ist es klar, auch wenn die Botschaft unmittelbar reagiert hat und sofort alle Kräfte zusammengerufen hat, dass man trotzdem nicht sofort alle legitimen Wünsche bedienen und Besorgnisse ausräumen kann. Es gab zudem eine Unterbrechung des Telefonverkehrs, was man nicht vergessen darf. Wir haben dann unglaublich schnell entsprechende Strukturen aufgebaut, um die Menschen, die es wollten, dabei zu unterstützen, das Land zu verlassen. Wir hatte teilweise zehn Mitarbeiter am Flughafen, um zusammen mit den Airlines der Lage Herr zu werden.

Haben Sie dann zur Bewältigung der Probleme Ihre Kapazitäten verstärkt?

Das Auswärtige Amt hat sofort Verstärkung auf den Weg gebracht. Wir haben im Gegensatz zu anderen Botschaften in Kairo diese Botschaft stärker aufgestellt, während andere wegen der Sicherheitslage ihr Personal reduzierten. Wegen der Ausgangssperre und der Unsicherheit mussten viele Kollegen dauerhaft fast eine Woche in der Botschaft bleiben und konnten zwischendurch nur mal heim, um Wäsche zu wechseln. Sie haben hier gearbeitet bis zum Umfallen und haben sich zwischendurch nur mal zurückgezogen, um vier Stunden auf einer Iso-Matte zu schlafen. Ich habe in meiner Residenz auch das Kinderzimmer geräumt, dass sie hier schlafen konnten. Das war ein Kriseneinsatz an der Grenze der Belastbarkeit und das muss auch so sein.

Was sind inmitten des Stresses besonders positive Erfahrungen?

Ich bekomme jeden Tag massenweise Emails von ausgereisten Deutschen. Ich bekomme auch Dankschreiben von Redaktionen, weil wir uns auch sehr intensiv um Journalisten gekümmert hatten, die unter Druck geraten waren. Das ist sehr schön und das hilft, mit aller Kraft weiterzumachen. Deshalb ist auch die Stimmung an dieser Botschaft trotz aller Übernächtigung ausgezeichnet.

Wie viele Deutsche fanden in der Botschaft selbst Zuflucht?

Ich habe sie nicht gezählt, manche blieben nur einige Stunden, um auf den nächsten Konvoi zu warten, andere blieben auch über Nacht. Ich hatte in einer Nacht 18 Menschen in meiner Residenz.

Wie viele Deutsche sind bisher insgesamt ausgereist?

Da müssen wir unterscheiden zwischen den hier ansässigen Deutschen und den Touristen. Die Touristen am Roten Meer, die ja von dieser Krise nur wenig mitbekommen haben, etwa dass die Bankautomaten nicht mehr funktionieren und das Benzin knapp wurde, haben häufig das Angebot der Reiseveranstalter in Anspruch genommen, frühzeitig abzureisen. Aber viele blieben und bleiben dort, bis ihr Pauschalurlaub zu Ende geht. Ich schätze, dass mittlerweile etwas mehr als die Hälfte der 35 000 Touristen ganz normal mit ihren Reisefliegern abgereist sind. Die Deutschen, die hier wohnen, wollen zu einem Gutteil nicht ausreisen.

Es hat auch Festnahmen von Deutschen gegeben. Wie hat man versucht diese wieder freizubekommen?

Unsere Kontakte zu den ägyptischen Regierungsstellen waren nie unterbrochen. Sobald wir Informationen von inhaftierten deutschen Staatsangehörigen erhalten hatten, sind wir sofort an diese Stellen herangetreten. Und diese Stellen waren dann auch hilfreich. Wir konnten alle rausbekommen, erstens aus der Haft und zweitens aus dem Land.

Herr Botschafter: Wenn sich die Lage etwas beruhigt hat, was würden Sie dann am liebsten machen?

Ich habe Ägypten sehr gerne und wenn hier an der Botschaft tatsächlich Ruhe eingekehrt ist, dann würde ich am liebsten in Ägypten Urlaub machen - und zwar in der Wüste.»

Mit freundlicher Genehmigung von dpa

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