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Rede des Lateinamerika-Beauftragten Schrömbgens: 200 Jahre Europa und Lateinamerika aus deutscher Sicht

Rede

Internationales Symposium „Perspektiven auf die europäische Überseegeschichte in Ausstellungen und Museen in und außerhalb Europas“

Deutsches Historisches Museum

Berlin, 12. Juni 2009

- es gilt das gesprochene Wort -

200 Jahre Europa und Lateinamerika aus deutscher Sicht

Sehr geehrter Professor Ottomeyer,

sehr geehrte Mitglieder der Gesellschaft für Überseegeschichte,

Exzellenzen und Kollegen des Diplomatischen Corps,

sehr verehrte Gäste des Deutschen Historischen Museums und Freunde Lateinamerikas,

wenn Sie von hier 1000 Schritte nach Westen gehen, dann stehen Sie am Brandenburger Tor. Heute vor 22 Jahren, am 12. Juni 1987, stand dort der US-Präsident Ronald Reagan und sprach die inzwischen klassisch gewordenen Worte: "Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor! Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer ein!". Es war ein Freiheitsruf für Berlin, ein 'primer grito'.

Wenn Sie dann vom Brandenburger Tor 1000 Schritte weiter in Richtung Süden gehen, stehen Sie vor den Statuen von Simon Bolívar und José de San Martín. Sie werden in Berlin stellvertretend für die vielen Männer geehrt, die vor 200 Jahren zur Unabhängigkeit Südamerikas aufriefen und die Befreiungsbewegungen anführten: Francisco de Miranda, Antonio José de Sucre, Bernardo O'Higgins – es wären noch viele weitere Namen aufzuzählen. Das überlasse ich gerne Ihnen, den Historikern. Tatsache aber ist: Die Bicentenarios, die 200. Jahrestage jener primeros gritos, des Beginns der Unabhängigkeitsbewegungen, werden in Lateinamerika mit großem Interesse wahrgenommen. Sie sind Anlass für glanzvolle Festprogramme, Kulturangebote, Feuerwerke, Vorträge, Empfänge, Projekte aller Art. Eigens gegründete spezielle Kommissionen koordinieren in den betroffenen Ländern die Aktivitäten. Es sind wahre Veranstaltungsreigen, die die Prozesshaftigkeit der Unabhängigkeitsbewegungen und deren regionalen Zusammenhang widerspiegeln. Den Lateinamerikanern geht es dabei nach meinem Eindruck nicht nur um das patriotische Gedenken an die Helden, sondern auch um eine Bestandsaufnahme des Erreichten, die Reflexion über das Selbstverständnis als Nation und Projektionen für die Herausforderungen der Zukunft.

Nun fragt sich:

Was haben wir Deutsche damit zu tun? Deutschland war historisch am Unabhängigkeitskampf Lateinamerikas nicht beteiligt. Aber Deutschland wurde für die unabhängigen Nationen schnell ein verlässlicher Partner - und ist es bis heute. Auf dem Weg von der Loslösung von Spanien hin zu selbständigen demokratischen Staaten kam der deutsche Einfluss in vielfältiger Weise zur Geltung. Wir, das Auswärtige Amt und andere Ministerien, die Bundesregierung als ganze und verschiedene deutsche Einrichtungen, haben uns zusammengetan, um aus Anlass dieser lateinamerikanischen Jahrestage auch von deutscher Seite sichtbare Aktivitäten zu entfalten und die "Fiesta" ein wenig mitzugestalten. Hinter mir an der Wand leuchtet das Logo, das auf den deutschen Beitrag zum Aufbau der unabhängigen Staaten hinweist. Wichtiger noch als der Rückblick ist der Blick in die Zukunft, daher nehmen wir die Bicentenarios zum Anlass, bewusst neue Impulse für die Zusammenarbeit mit Lateinamerika zu setzen.

Und vergessen Sie bei allem, was ich sage, nicht: vor Ihnen steht kein Historiker – ich könnte mich vor Experten in diesem Metier nur verbrennen! - , sondern ein Praktiker, der sich zwar des geschichtlichen Tableaus, vor dem er arbeitet, bewußt ist, doch sonst mehr in der Gegenwart und in den Plänen für die Zukunft zu Hause ist.

Ich will versuchen, im folgenden fünf Bereiche darzustellen:

  • deutsche Einwanderung,
  • die Wirtschaftsgründungen und der Wirtschaftsaustausch,
  • der wissenschaftliche Einfluss,
  • der kulturelle Austausch
  • und am Ende mein originäres Metier, die politischen Beziehungen.

Wie sah in diesen fünf Bereichen die deutsche Rolle in den 200 Jahren aus? Welche Schwerpunkte werden die künftige Zusammenarbeit prägen? Welche Maßnahmen planen wir anlässlich der Bicentenarios?

Zum ersten Punkt:

1. Deutsche Einwanderung in Lateinamerika

Die Phänomene der Einwanderung lassen sich sicherlich nicht über einen Kamm scheren. Sie ist natürlich in jedem lateinamerikanischen Land anders verlaufen. In den vergangenen zwei Jahrhunderten lassen sich jedoch prototypisch drei Phasen der deutschen Einwanderung unterscheiden:

Zunächst waren es "Armutsimmigranten", die der schwierigen wirtschaftlichen Situation in Deutschland entkommen wollten und als Siedler oder Handwerker auf den neuen Kontinent ihre Hoffnung setzten. Es war Hunger, es war Armut, es waren die politischen Verhältnisse, die viele damals dazu brachten, aus Deutschland auszuwandern. Diese Deutschen fanden in Lateinamerika eine neue Heimat. Sie erhielten Land und die ersehnte Freiheit, und sie wurden loyale Bürger der sie aufnehmenden Länder.

Der nächste Höhepunkt deutscher Immigration in Lateinamerika und auch der Karibik entsprang den schrecklichen Verfolgungen durch den Nationalsozialismus. Viele jüdische Mitbürger und andere Verfolgte aus Deutschland, den damals besetzten, zeitweise eroberten Gebieten und nahezu aus ganz Europa haben in Lateinamerika Zuflucht, Trost und eine neue Heimat gefunden. Heute beispielsweise weist allein die jüdische Gemeinde in Argentinien über 250.000 Mitglieder aus.

Nach dem 2. Weltkrieg machte eine gänzlich andere, ja gegensätzliche Auswanderergruppe von sich reden – es waren dies Mittäter, Anhänger und Sympathisanten des Nationalsozialismus. Das ist die Kehrseite der Geschichte.

Die Einwanderer brachten Fleiß und Fertigkeiten mit und trugen so maßgeblich zur Entwicklung ihrer neuen Heimatländer bei. Sie machten braches Land urbar, führten neue Wirtschaftszweige und Produktionsmethoden ein. In vielen Ländern sind die von deutschen Einwanderern geschaffenen Siedlungsgebiete bis heute deutlich sichtbar. Sie werden wohlwollend als "typisch deutsch" wahrgenommen und sind z.T. auch über die Landesgrenzen hinaus bekannt - etwa Blumenau in Brasilien oder Tovar in Venezuela. Unterstützungsmaßnahmen aus Deutschland sind da eher die Ausnahme, allenfalls werden Schulen gefördert. Mehr brauchen die deutschen Kolonien meist nicht, sie sind vital und zugleich in ihr lateinamerikanisches Umfeld gut integriert. Reges Vereins- und Gemeinschaftsleben erhält die kulturelle Identität, fördert aber auch die Einbindung in die jeweilige Gesellschaft. Deutsche Kolonien in Lateinamerika können eine Mittlerfunktion in wirtschaftlicher und kultureller Sicht wahrnehmen, die es geschickt zu nutzen gilt. Nicht wenige Nachfahren deutscher Einwanderer spielen heute eine zentrale Rolle für die bilaterale Zusammenarbeit: der eine als Präsident einer bilateralen Handelskammer, der andere als Vorsitzender eines deutschen Schulvereins, der dritte gar als Minister in der Regierung seines Landes. Es fällt mir immer wieder auf, wie gerne und oft mit Stolz sich selbst sonst der deutschen Gemeinde entfremdete lateinamerikanische Gesprächspartner ihrer deutschen Wurzeln erinnern oder gar rühmen.

Wir werden im Rahmen unserer Bicentenario-Aktivitäten auch das Thema „deutsche Einwanderung“ würdigen. In Mexiko und Paraguay wird es Ausstellungen über die deutsche Einwanderung geben, in Kolumbien einen Bildband zur deutschen Präsenz. Die Chilenische Botschaft in Berlin hat das Thema übrigens auch bereits zum Gegenstand einer eigenen Ausstellung gemacht. Das neue Deutschland-Zentrum für Lateinamerika in Mexiko will das Thema in spanischer Sprache für eine junge Web-Leserschaft in Lateinamerika abbilden.

Lassen Sie mich nach dem Thema der Einwanderung zum zweiten Punkt kommen, zu

2. Wirtschaftsgründungen und Wirtschaftsaustausch

Der zweite Bereich unserer Beziehungen mit Lateinamerika in den letzten 200 Jahren, den ich hier skizzieren möchte, ist die Wirtschaft. Natürlich haben die deutschen Einwanderer anfangs stark zur Präsenz der deutschen Wirtschaft in Lateinamerika beigetragen, haben Unternehmen gegründet, ganze Landstriche erschlossen oder zur Entdeckung wichtiger Rohstoffvorkommen beigetragen.

Heute sind die wirtschaftlichen Beziehungen ein besonders starker Pfeiler der Partnerschaft Deutschlands mit Lateinamerika. Zwei Staaten – Mexiko und Brasilien - zählen zu den 15 stärksten Wirtschaftsmächten der Welt und sind damit herausgehobene Partner für uns.

Zwar liegt der Anteil Lateinamerikas am Gesamtaußenhandel Deutschlands nur bei rd. 2 %. Doch bedenken Sie, dass ein Großteil des Warenaustausches ausgelagert ist, nämlich durch die deutsche Produktion vor Ort.

Wenn Sie in Mexiko durch die Straßen fahren, kann man ein eindrucksvolles Symbol deutsch-mexikanischer Wirtschaftsbeziehungen nicht übersehen: den VW-Käfer. Gewissermaßen das Sinnbild von Wohlstand und Wirtschaftswunder. In Brasilien war ich überwältigt von der Zahl der VW-Busse und -Lastwagen.

São Paulo wiederum gilt als größter deutscher Industriestandort außerhalb der OECD - u.a. mit einer Automobilproduktion deutscher Tochterunternehmen, die auch in Drittländer exportieren (was aber statistisch nicht als deutscher Export erfasst wird). Allein in Brasilien arbeiten um die 250.000 Menschen in Firmen, in die deutsche Investitionen geflossen sind. In Mexiko gibt es rd. 1.000 Unternehmen mit deutscher Beteiligung. Ich glaube, das sind stolze Zahlen.

Die deutsche Wirtschaft hat in den vergangenen Jahren die beachtlichen Wachstumsraten in Lateinamerika sehr wohl wahrgenommen und darauf reagiert. Im Augenblick ist der Handel Lateinamerikas mit Deutschland rückläufig, die Krise belastet die deutsch-lateinamerikanischen Wirtschaftsbeziehungen. Wie die Entwicklung weiter geht - wer kann das in diesen schwierigen Zeiten sagen? Immerhin ist klar, dass die anfängliche Annahme, Lateinamerika sei vor dem Hintergrund der internationalen Finanzkrise relativ gut gerüstet, nur teilweise zutrifft. Lateinamerika kann sich dem Strudel der Entwicklungen nicht entziehen. Aber: Lateinamerika wird dabei besser abschneiden als Europa, wohl besser als Deutschland.

Auf jeden Fall ist die Politik gefragt: Wirksame Lösungsansätze für die Finanz- und Wirtschaftskrise können weder in Lateinamerika noch in Europa noch sonstwo auf der Welt gefunden werden, solange wir isoliert vorgehen.

Die G20, zu denen mit Argentinien, Brasilien und Mexiko auch drei lateinamerikanische Staaten zählen, haben mit ihren Beschlüssen Handlungsfähigkeit und Vernunft bewiesen.

  • Eine Billion Dollar zusätzliche Mittel für die internationalen Finanzinstitutionen sind ein klares Zeichen. Es ist auch ein Signal, dass die Staaten gemeinsam Verantwortung übernehmen.

  • Wichtig ist auch, dass bei der Regulierung der zusammenwachsenden Finanzmärkte Fortschritte erzielt worden sind.

  • Und die G20 haben dem Protektionismus erneut eine Absage erteilt. Wenn die Weltwirtschaftskrise 1929 eines gezeigt hat, dann dies: Protektionismus hat die Krise weiter verschärft. Nach wie vor wäre der erfolgreiche Abschluss der Doha-Runde in der WTO das beste Signal gegen Protektionismus und für die Wiederbelebung des Welthandels.

Wenn wir, Deutsche und Europäer, ebenso wie die Lateinamerikaner den auf dem G20-Gipfel von London eingeschlagenen Weg weitergehen, können wir ohne dauerhaften Schaden aus der Krise hervorgehen.

Sobald die Krise im Griff ist, wird sich der Wirtschaftsaustausch rasch wieder beschleunigen. Die deutschen Auslandsvertretungen in Lateinamerika verfügen heute über schlagkräftige Wirtschaftsdienste, die den Unternehmen wirksam zur Seite stehen, in guten wie in schlechten Zeiten. Gleiches gilt für die bilateralen Handelskammern.

Eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Auswärtigen Amt, unseren Botschaften und der deutschen Wirtschaft besteht auch in Bezug auf die Planung und Vorbereitung von Aktivitäten im Rahmen der Bicentenarios. Trotz oder gerade wegen der Wirtschaftskrise. Ausstellungen, Konzerte werden ebenso gemeinschaftlich geplant wie die Aufstellung des sog. Wissenschaftstunnels, einer technologischen Leistungsschau der deutschen Wissenschaft – jetzt in 3 Ländern Lateinamerikas. Einen besonderen Höhepunkt im nächsten Jahr wird die 12. Lateinamerikakonferenz der deutschen Wirtschaft im Juni 2010 in Mexiko-Stadt darstellen, die unter dem Bicentenario-Motto von der Firmenausstellung 'Made in Germany' und der Präsentation des Wissenschaftstunnels begleitet sein wird. Die deutsche Wirtschaft unterstützt auch die deutsche Außenwissenschaftsinitiative und den Aufbau eines Deutschen Wissenschaftshauses.

3. Hochschul- und Wissenschaftsbeziehungen

Damit sind wir schon beim 3. Kapitel meines Vortrags, den Hochschul- und Wissenschaftsbeziehungen. Begeben wir uns nochmal auf den kleinen Spaziergang durch Berlin. Auf dem Weg in Richtung Brandenburger Tor halten wir schon nach wenigen Metern inne und blicken auf das Denkmal für Alexander von Humboldt und die nach ihm und seinem Bruder benannte Universität. Zugegeben, die Lateinamerika-Reise von Alexander von Humboldt lag vor dem hier betrachteten Bicentenario-Zeitraum. Aber als Vater der wissenschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Lateinamerika kann er nicht unerwähnt bleiben.

Humboldt verfolgte übrigens die kurz nach seiner Reise einsetzenden Unabhängigkeitsbestrebungen mit großem Interesse. Beispielsweise beeindruckte ihn sehr die von Bolívar vorangetriebene Abschaffung der Sklaverei.

Deutsche Forscher und Wissenschaftler haben ganz entscheidend zum Aufbau von Universitäten und Forschungseinrichtungen in den unabhängigen lateinamerikanischen Staaten beigetragen. Bei der Gründung von Universitäten haben Deutsche eine zentrale Rolle gespielt. So gründete z.B. Alexander von Humboldts Schüler, Professor Burmeister, die Fakultät für Naturwissenschaften in Córdoba. Die Erforschung des Kontinents durch deutsche Gelehrte, der Vorbildcharakter deutscher Universitätsmodelle für den Aufbau lateinamerikanischer Universitäten legten die Grundlage für einen bis heute sehr intensiven Austausch.

Es wäre also falsch, nein: es ist falsch, immer und immer wieder nur und ausschließlich auf AvH zurückzugreifen. Das Fundament gemeinsamer deutsch-lateinamerikanischer Geistesgeschichte ist weit breiter.

Wichtig, sich zu veranschaulichen, ist: Die deutsch-lateinamerikanische Geschichte ist nicht Militär-, Schlachten- und Kriegsgeschichte – dies überließen wir zur Abwechslung einmal anderen -, es ist Handels-, Ingenieurs-, Hochschul-, Wissenschaftsgeschichte. Und wenn wir schon gegeneinander kämpfen, dann Gott sei Dank nur auf dem Fußballfeld ...

Der gegenwärtige Stand der wissenschaftlichen und Hochschulzusammenarbeit kann sich sehen lassen. Der Deutsche Akademische Austauschdienst DAAD verfügt über 2 Außenstellen zur Koordinierung seiner Aktivitäten in Lateinamerika, in Rio de Janeiro und in Mexiko-Stadt. Darüber hinaus bestehen 7 DAAD-Informationszentren in weiteren Städten. Die Anzahl der DAAD-Lektorate im vergangenen Jahr konnte auf 30 gesteigert werden, 2003 waren es nur 15. Es gibt unzählige binationale Kooperationen zwischen Universitäten, allein zwischen Deutschland und Argentinien zählen wir 45, zwischen Deutschland und Chile 109. Und da die Kooperationsprojekte nicht meldepflichtig sind, glaube ich, daß es weit mehr sind. Ich denke, in den letzten Jahren ist es uns gelungen, das Interesse von Studierenden aus Lateinamerika an deutschen Hochschulen zu stärken. In den letzten zehn Jahren hat sich deren Zahl immerhin fast verdoppelt. Dabei profitieren lateinamerikanische Studenten von der Anerkennung ihrer Hochschulabschlüsse in Deutschland - anders als viele aus anderen Ländern gehen sie auch wieder zurück und transferieren ihr Wissen in ihre Heimatländer.

Auf dieser starken deutschen Präsenz in der Region dürfen wir uns aber nicht ausruhen. Wir werden die Bicentenarios nutzen, um uns auch für die Zukunft als zuverlässiger und innovativer Partner im Bereich Hochschulen und Wissenschaft anzubieten. Die wissenschaftlichen Beziehungen liegen unserem Minister besonders am Herzen. Er hat daher die deutsche Außenwissenschaftsinitiative ins Leben gerufen. Mit der Außenwissenschaftsinitiative wollen wir gerade auch in Lateinamerika neue Wege beschreiten bei der wissenschaftlichen Zusammenarbeit, und unsere Kooperation noch enger gestalten. Wir haben schon erste Fortschritte gemacht: So wurde in São Paulo - mit tatkräftiger Unterstützung der deutschen Wirtschaft - vor kurzem der Startschuss zum Aufbau eines deutschen Wissenschaftshauses gegeben. Es soll ein Schaufenster für das moderne und innovative Deutschland sein. Vor allem aber auch als Stätte der Begegnung und Information die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Forschern, den Austausch von Wissen und Ideen fördern. Dies könnte erst der Anfang sein. Wer weiß, vielleicht können wir in einigen Jahren auch in anderen Regionen Lateinamerikas an gemeinsame Wissenschaftshäuser denken.

Im Rahmen der Außenwissenschaftsinitiative wird auch die Gründung von Exzellenzzentren in der ganzen Welt gefördert. Es handelt sich um eine Kooperation von Forschung und Lehre zwischen einer deutschen Hochschule und einem ausländischen Partnerinstitut mit dem Ziel, exzellente ausländische Wissenschaftler und ausländische Spitzenforschung mit der deutschen Forschung zu vernetzen. 4 solcher Exzellenzzentren sind vorgesehen; 2 werden in Lateinamerika sein: In Chile wird die als "Heidelberg-Center Lateinamerika" bereits bestehende Zusammenarbeit auf weitere Wissenschaftsbereiche ausgeweitet. In Kolumbien wird die Universität Gießen mit 3 Universitäten ein auf den Bereich Meereswissenschaften spezialisiertes Zentrum in Santa Marta einrichten.

Ein interessantes Projekt ist auch die Wissenschaftsinitiative der deutschen Wirtschaft in Buenos Aires. Sie will zusammenbringen die Aktivitäten der Handelskammer, des DAAD, der Botschaft, argentinischer Wissenschaftler und weiterer Akteure. Das Fernziel der Initiative ist die Gründung einer Netzwerkuniversität. Für Chile ist aus Anlass der Bicentenarios eine Wissenschaftswoche geplant, für Mexiko ein Wissenschaftssymposium. Ein besonderes Glanzlicht unserer Bicentenario-Beiträge im wissenschaftlichen Bereich werden die bereits erwähnten Wissenschaftstunnel sein, die wir in einer Reihe von Hauptstädten - von Mexiko, Argentinien, Kolumbien und Chile – präsentieren werden.

Ich kann hier nicht alle Initiativen und Kooperationen aufzählen, aber ich glaube, ich konnte schon einen Eindruck von der Dynamik vermitteln, die wir aus Anlass der Bicentenarios entfesseln.

Ich komme zum 4. der 5 Punkte, dem

4. Kulturaustausch und der Verbreitung der deutschen Sprache

Die deutsche Auswanderung nach Lateinamerika hat schon früh dazu beigetragen, den Kulturaustausch und die Verbreitung der deutschen Sprache in Lateinamerika zu befördern. Die älteste deutsche Auslandsschule ist die Deutsche Schule Montevideo, sie feierte vor zwei Jahren ihr 150-jähriges Bestehen. Die schulische Infrastruktur ist heute in ganz Lateinamerika besonders gut ausgebaut. Insgesamt werden heute in Lateinamerika 31 deutsche Auslandsschulen finanziell und personell vom Auswärtigen Amt gefördert. Kaum ein anderer Bereich der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik stellt eine derart nachhaltige Zukunftsinvestition dar. Zwar ist der Drang der jungen Leute zum Studium in den USA ungebrochen, doch immerhin ein Drittel der Absolventen deutscher Auslandsschulen studieren nach ihrem Abschluss in Deutschland. Es sind diese Menschen, die das Zugehörigkeitsgefühl Lateinamerikas zur westlichen und insbesondere europäischen Kultur- und Wertegemeinschaft tragen und immer wieder neu schaffen. Und es ist eben dieses Zugehörigkeitsgefühl, das in Lateinamerika ganz erheblich die Haltung zu Europa und Deutschland prägt. Es beeinflusst politische Positionen, wirtschaftliche, kulturelle und persönliche Kontakte. Es ist politisches und wirtschaftliches Kapital im besten Sinne, das über Jahrzehnte der kulturpolitischen Zusammenarbeit geschaffen wurde und nachhält.

Natürlich ist Englisch unangefochten die erste Fremdsprache in Lateinamerika. Allerdings besteht - auch aufgrund der hohen Zahl Deutschstämmiger - eine hohe Bereitschaft, Angebote zum Deutschlernen anzunehmen. Bundesminister Steinmeier ergriff im Februar 2008 die Initiative namens "Schulen - Partner der Zukunft" (PASCH). Ziel ist, ein weltumspannendes Netz von Partnerschulen aufzubauen. Mit dieser Initiative soll bei jungen Menschen auf Dauer angelegtes Interesse und Begeisterung für das moderne Deutschland und die deutsche Sprache geweckt werden. Inzwischen ist das Partnerschulnetz weltweit auf über 1.000, in Lateinamerika auf 179 Schulen angewachsen.

16 in der Region tätige Goethe-Institute mit ihrem Angebot an Sprachunterricht und Fortbildungsmaßnahmen für Deutschlehrer und weitere Einrichtungen, aber auch die Goethe-Zentren, ergänzen die Infrastruktur zur Förderung der deutschen Sprache. Und natürlich spielt auch an den Hochschulen der Deutschunterricht eine wichtige Rolle.

Der kulturelle Austausch im engeren Sinne - Musik, Theater, Kunst usw. - ist heute eng und facettenreich. Die Einrichtungen der Auswärtigen Kulturpolitik, insbesondere unsere 16 Goethe-Institute in Lateinamerika, geben wichtige Impulse.

Alexander von Humboldt – ich komme doch noch einmal auf ihn zurück – konnte im Jahre 1800 noch an seinen Bruder schreiben: "Es gibt vielleicht kein Land in der ganzen Welt, wo man angenehmer und ruhiger leben könnte als in den spanischen Kolonien, die ich seit fünfzehn Monaten durchreise."

Die von Humboldt so geschätzten Ruhe ist sicherlich nicht das, was heute die Faszination Lateinamerikas auf uns Deutsche ausmacht. Die Anziehungskraft liegt heute vielmehr in der mit Lateinamerika assoziierten Lebendigkeit, im leichten Lebensgefühl, in der Kultur des Lebens und Lebenlassens.

Denken Sie nur an die Sehnsucht Deutscher nach lateinamerikanischer Musik, an die vielen Tangoschulen allein hier in Berlin, an die Salsa- und Sambakurse, an die Erfolge großer Popstars wie Shakira oder Natalia Oreiro. Junge Leute aus Deutschland zieht es nach Lateinamerika, sei es zur freiwilligen Mithilfe bei der Kakao-Ernte, zur Mitarbeit in Schulen für Kinder aus einer Favela, zum Studium an einer der renommierten Universitäten oder zum gemeinsamen Musizieren mit Latinos. Hierzu trägt auch und sicher verstärkt das vom AA jüngst aufgelegte Programm „Kulturweit“ bei, mit dem junge Leute im Ausland ein kulturelles Freiwilligenjahr absolvieren können.

In umgekehrter Richtung fällt oft das Interesse an klassischen Kulturgütern auf, etwa im Bereich der Musik. Seit der Vereinigung Deutschlands und dem Wiedererstehen Berlins als beeindruckende Hauptstadt nimmt auch das Interesse junger Lateinamerikaner zu, Deutschland persönlich kennenzulernen. Sie bereichern unser Stadtbild.

Entsprechend bunt und vielfältig wollen wir auch die deutschen kulturellen Beiträge aus Anlass der Bicentenario-Feiern gestalten. Ich kann nur einige Glanzlichter nennen: Argentinien ist Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse 2010; die Popgruppe Voltaire tritt in Bolivien auf, und zwar in La Paz, Santa Cruz und in Sucre; Pina Bausch choreographiert eigens zum Bicentenario in Chile ein Stück; Werke von Jörg Immendorff in Ecuador. Eine Besonderheit stellt eine Reihe von Projekten zur Erhaltung von Kulturdenkmälern dar, die vom Auswärtigen Amt finanziert werden. Beispielsweise die Restaurierung einer Walcker-Orgel in der Kathedrale von Medellín, die Restaurierung der Beethoven-Statue und Sanierung des Frida-Kahlo-Museums in Mexiko, die Restaurierung des Glockenturms der Jesuitenreduktion in Encarnación. Diese Kulturerhaltprojekte – und das nicht nur mit Deutschlandbezug! - verleihen dem dauerhaften Charakter der kulturellen Beziehungen einen besonders deutlichen Ausdruck. Bei all den genannten Projekten sei an dieser Stelle allen Partnerorganisationen der Gastländer, den Sponsoren auf beiden Seiten gedankt.

Lassen Sie mich zum letzten, dem 5. Punkt meines Vortrags kommen, den

5. Politische Beziehungen

Deutschland steht in der Region ohne kolonialgeschichtliche Belastung da. Die wirtschaftlichen Interessen waren in den Anfängen unserer Beziehungen bescheiden, aber dennoch ausreichendes Motiv, mit den unabhängig gewordenen Staaten schon früh Beziehungen aufzunehmen. Dabei war das monarchische Preußen zunächst zögerlich – aus politischen Gründen. Doch der Druck der wirtschaftlichen Interessen wurde immer größer. Die drei Hansestädte schlossen bald Freundschafts-, Schiffahrts- und Handelsabkommen mit den wichtigsten Staaten ab. Schwerpunktländer deutscher Investitionen waren Mexiko und die Länder des Conosur.

Die ersten diplomatischen Vertretungen, sogenannte Ministerresidenturen, wurden 1837 in Mexiko und 1851 in Brasilien errichtet. Bis zur Gründung des Deutschen Reiches blieb es bei wenigen diplomatischen Vertretungen. Als Posten waren sie bei den Diplomaten damals, ich betone damals, nicht sehr begehrt.

Handel, Schiffahrt und Investitionen blieben die tragenden Säulen der Beziehungen zu Lateinamerika, bis der 1. Weltkrieg dann einen tiefen Einschnitt brachte. Viele Handelsfirmen mussten ihre Arbeit einstellen. In der Zeit zwischen den beiden Kriegen wuchs das Interesse Deutschlands an den Rohstoffen des Kontinents, insbesondere unter Hitler mit Blick auf die Aufrüstung. Die Nationalsozialisten versuchten, in Lateinamerika bei Regierungen, Parteien und in der deutschen Kolonie Einfluss zu gewinnen. Mit begrenztem Erfolg. Im 2. Weltkrieg erklärten fast alle lateinamerikanischen Länder Deutschland den Krieg. Es klingt wie eine Belastung, spielte aber in den Beziehungen der jungen Bundesrepublik Deutschland zu Lateinamerika schon bald keine Rolle mehr.

Rasch wurde deutlich, dass Lateinamerika für uns nicht nur wirtschaftlich von Bedeutung ist. Es ist auch die Region, mit der wir (außerhalb Europas und Nordamerikas) die größten Gemeinsamkeiten haben, viele Grundüberzeugungen und politische Ziele teilen. Der Kontinent wurde deshalb für uns ein wichtiger politischer Partner. Unsere umfassende Präsenz in Lateinamerika bildet dafür eine solide und tragfähige Grundlage. Deutschland unterhält mit allen 33 Staaten in Lateinamerika und der Karibik diplomatische Beziehungen und ist mit 22 Botschaften, in Brasilien zusätzlich mit 4 Generalkonsulaten, gut vertreten. Die Gesamtzahl der Bediensteten unserer Auslandsvertretungen in Lateinamerika und der Karibik liegt in der Größenordnung von 1000. Hinzu kommen die Auslandshandelskammern und die Infrastruktur im Kultur- und Bildungsbereich, die ich schon zuvor schilderte.

Zwar wird von lateinamerikanischer Seite immer wieder, fast schon stereotyp geklagt, wir – Deutschland und/oder Europa – hätten kein Interesse an Lateinamerika. So ist es nicht! Das Interesse Deutschlands an der Region hat gerade in den letzten Jahren wieder stark zugenommen. Zuletzt wurde das bei der regionalen Botschafterkonferenz, die wir in Bogotá durchführten, deutlich. Lateinamerika ist für uns zentraler Partner für die Ausgestaltung der 'global governance' im 21. Jahrhundert. Wir brauchen einander, wenn wir Antworten auf die Frage suchen, wie wir als Weltgemeinschaft in den nächsten Jahren und Jahrzehnten unser Zusammenleben organisieren. Welche Regeln, welche Institutionen, welche Entscheidungsmechanismen für globale Fragen wir gemeinsam verabreden wollen angesichts der gewaltigen Herausforderungen, die vor uns liegen. Dies geht weit über die aktuelle Finanzkrise hinaus. Bei allen Differenzen im Detail vereinen Deutschland und Europa mit Lateinamerika grundlegende gemeinsame Werte: Demokratie und Rechtsstaat, multilaterale Ordnung der Welt und Primat des Völkerrechts. Solange und soweit dies von lateinamerikanischer Seite so bleibt, ist die Region, sind die auf diese Werte verpflichteten Staaten und Regierungen für uns verlässliche politische Verbündete und Partner auf Augenhöhe.

Deutsche Außenpolitik ist heute in wesentlichen Teilen in die europäische Außenpolitik eingebettet. Wir nutzen daher die bestehenden Dialog- und Kooperationsmechanismen intensiv: die Außenministertreffen zwischen EU und Rio-Gruppe, die Gipfel zwischen EU und Lateinamerika und Karibik, die Beziehungen zu den subregionalen Gruppen. Deutschland nimmt dabei im Rahmen der EU eine sehr aktive Rolle ein und ist bemüht, den Prozessen zu größtmöglichem Erfolg und substantiellen Ergebnissen zu verhelfen.

Mit Interesse verfolgen wir neue Integrationsformen in Lateinamerika wie Unasur und Alba, die Gründung eines südamerikanischen Verteidigungsrates und das erste Gipfeltreffen aller lateinamerikanischen und karibischen Staaten, das Ende letzten Jahres in Brasilien stattfand. Niemand weiß, auch die Lateinamerikaner selber nicht, wie die regionalpolitische Landschaft in, sagen wir mal zehn Jahren, aussehen wird.

Nur eins scheint mir klar: Die 200 Jahre gemeinsamer Geschichte, auf die Europa und Lateinamerika bei diesen Jubiläen zurückblicken, sind eine verlässliche Basis, auf der wir auch in Zukunft werden zusammenarbeiten können.

Meine Damen und Herren,

mein Dank gilt dem Deutschen Historischen Museum, der Gesellschaft für Überseegeschichte und der Universität Bayreuth, die diesen Abend möglich gemacht haben. Ich bin gespannt auf das, was Botschafter Nielsen aus der lateinamerikanischen Perspektive berichten wird.

Lassen Sie sich zum Abschluss noch einmal für einen Moment auf unseren Spaziergang durch Berlin mitnehmen. Wir waren ja schon bis zur Simon-Bolívar-Statue gekommen. Wenn Sie nur einige Schritte weitergehen, gelangen Sie ins Iberoamerikanische Institut mit seiner welteinmaligen Bibliothek – ein nur zu empfehlender Besuch. Dort hielt Carlos Fuentes vor einigen Jahren eine Rede, in der er sagte: „Es gibt keine Kultur, die isoliert lebt. Das Leben ist Kontakt, die Identität gewinnt man mit den anderen.“

Wenn das kein Motto für die Beziehungen zwischen Deutschland und Lateinamerika, für das gemeinsame Begehen der Bicentenarios ist?!

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