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Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier zur Buchvorstellung von Eckart Conze

12.05.2009 - Rede

Sehr geehrter Herr Prof. Conze,
sehr geehrter Herr Rathnow,
meine Damen und Herren,

als Sie, lieber Prof. Conze, mich gefragt haben, ob ich Ihr Buch vorstellen würde, habe ich gern zugesagt. Nicht nur, weil ich Sie durch Ihre Arbeit in der Unabhängigen Historikerkommission zur Geschichte des Auswärtigen Amtes kennen und schätzen gelernt habe.

Sondern vor allem deshalb, weil mich der Grundansatz und die Grundthese Ihrer Arbeit neugierig gemacht haben:
gerade in diesem Jahr, in dem es von Jubiläen und Gedenkreden nur so wimmelt.

Sie wenden sich in Ihrem Buch gegen eine Geschichtsschreibung, die im Jahr 1989 den quasi-natürlichen Fluchtpunkt deutscher Nachkriegsgeschichte sieht... Den Moment höchsten Glückes, auf den alles zuläuft, und von dem aus alles, was später kommt, Sinn und Einordnung erfährt.

Die deutsche Einheit findet in Ihrem Buch ihren gebührenden Platz, herausgehobene Würdigung und Einordnung. Aber eine historiographische Verklärung dieses Ereignisses findet nicht statt. Sie verzichten auf die große teleologische Geste, beschreiben Brüche, beschreiben Sackgassen, beschreiben das harte Ringen um den Erhalt des Sozialstaates, die Suche nach der Rolle Deutschlands in einer sich dynamisch verändernden Welt.

Und Sie schreiben diese Geschichte nach vorn – bis hart an den Rand der Aktualität heran. An mehr als einer Stelle wirft die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise ihren Schatten voraus. Und bei so viel Aktualität wünscht man sich manchmal geradezu, dass der Blick des Historikers zum Blick des Propheten wird, der den Nebel der Zukunft durchdringt.

Nein, 1989 war kein Endpunkt, ganz im Gegenteil. In Ihren Worten: „Die deutsche Einheit wiegte die Deutschen in einer Sicherheit und Selbstgewissheit, für die es in Wahrheit keinen Grund gab. Nirgendwo schenkte man Francis Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“ so viel Glauben wie in Deutschland. Umso schlimmer war das Erwachen, als sich zeigte, dass es in der neuen Welt, die nach 1990 allmählich Gestalt annahm, nicht mehr, sondern weniger Sicherheit gab, nicht mehr, sondern weniger Ordnung.“

Hier trifft sich die Analyse des Historikers mit der Erfahrung des Politikers. Und deshalb sage ich, ganz im Sinne Ihres Buches: Die Erinnerung an 1989 ist wichtig. Aber sie darf sich nicht im bloßen Erinnerungsgeschäft erschöpfen. Vielmehr muss sie die Kraft des damaligen Aufbruchs nutzen für die Suche nach neuer Perspektive! Gelungene Gegenwart und gelingende Zukunft liegen bei Ihnen nah beinander!

Und damit bin ich auch schon beim zweiten Aspekt, der mir an Ihrem Buch wichtig ist.

Sie beschreiben die Geschichte der Bundesrepublik als eine Suche nach Sicherheit. Ja, Sie gehen so weit, „Sicherheit“ als das prägende soziokulturelle Wertsystem der Deutschen zu bezeichnen – wichtiger noch als die Wertsysteme von „Freiheit“ und „Gerechtigkeit“. Auch wenn man aus gutem Grund streiten kann, ob es Sicherheit in diesem umfassenden Sinn ohne Freiheit und Gerechtigkeit überhaupt geben kann – Sie haben hier zweifellos einen prägenden Zug der deutschen Nachkriegsgeschichte und der Sozialpsychologie der Deutschen entdeckt und dechiffriert!

Gerade in den Zeiten der Krise spüren wir, wie sehr es uns Deutsche nach Klarheit und Sicherheit verlangt: Arbeitsplatzsicherheit, sicheres Geld, eine sichere Rente.

Die Schwierigkeit liegt darin: Verantwortliche Politik muss dem Rechnung tragen. Aber sie darf sich davon nicht in Fesseln legen lassen, sonst endet sie in Unglaubwürdigkeit!

Es gehört zu den Verdiensten Ihres Buches, dass auch der Wagnischarakter verantwortlicher Politik deutlich wird: Sie beschreiben, wie Jugoslawien-Krieg und der 11. September eine Neuorientierung der deutschen Außenpolitik erforderten. Und Sie zeigen, wie nötig angesichts anhaltend hoher Arbeitslosigkeit die Reformpolitik der „Agenda 2010“ war, die Sie fair würdigen.

Politik bedeutet auch immer, unangenehme Wahrheiten auszusprechen und die Menschen auf neue Wege mitzunehmen. Auch das ist in unserem Land gelungen. Und deshalb ist die Geschichte der letzten 60 Jahre nicht nur eine Geschichte einer Suche nach Sicherheit, sondern auch der Öffnung zur Welt. Sie erinnern zu Recht daran, dass es für Willy Brandt dauerhafte Sicherheit nur durch Veränderung gegeben hat. „Sicherheit im Wandel“ war die Wiederaufnahme dieses Themas 1998, als Gerhard Schröder gegen Helmut Kohl antrat.

Ihr Buch macht deutlich, dass der Sicherheitsbegriff selbst einem stetigen Wandel unterlag: in den 50er Jahren stark außenpolitisch orientiert, in den 60er Jahren sozialstaatlich geprägt, im Umfeld des „deutschen Herbstes“ fokussiert auf Fragen der „inneren Sicherheit“. Und Sie sagen klar, worum es heute geht. In Ihren Worten: „Das Verhältnis von Staat und Markt, von Wirtschaft und Gesellschaft wird neu diskutiert und neu justiert... Es geht um die Stabilisierung des Gemeinwesens und den Zusammenhalt der Gesellschaft.“ Ohne Zweifel das große Thema unserer Zeit!

Ein dritter Aspekt scheint mir wichtig. Auch wenn Sie eine Geschichte der Bundesrepublik schreiben – die Geschichte der DDR bleibt stets präsent, als „asymmetrisch verflochtene Parallel- und Abgrenzungsgeschichte“, wie Sie sagen. Nicht nur als Wahlbrandenburger weiß ich, wie notwendig das ist. Die deutsche Einheit wird erst dann vollendet sein, wenn wir endlich die Geschichten der beiden deutschen Teilstaaten als Teil der einen deutschen Geschichte sehen. Und nicht, wie jetzt in der Kunstausstellung im Martin-Gropius-Bau zu besichtigen, einen Teil der Geschichte als unbeachtlich abtun.

Ich habe am letzten Donnerstag auf dem Berliner Alexanderplatz eine Ausstellung zur DDR-Opposition eröffnet. In meiner kurzen Rede habe ich deutlich zu machen versucht, wie sehr die Freiheitsgeschichte in Ost und West miteinander verwoben ist.

Gemeinsame Verantwortung für nationalsozialistische Verbrechen, eine Neubewertung von Tradition und Autorität, das Engagement für Frieden und den Erhalt der Schöpfung – das waren auch Triebkräfte der DDR-Opposition, aber auch Politikansätze, die die Gesellschaft im Westen bleibend verändert haben. Nur wenn wir unsere Geschichte als gemeinsame Geschichte erzählen, werden wir dem Versuch widerstehen, die Bürgerbewegung zu archivieren und auf Dauer ins Museum oder auf den Denkmalsockel zu verbannen.

Viel ließe sich zu dem Buch noch sagen. Zum Beispiel zu der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, die wie ein roter Faden das Ganze durchzieht. Aber dieses Thema verschieben wir auf eine spätere Gelegenheit – wenn der Bericht der Kommission vorliegt – umfangreich, gründlich, lesbar – und im besten Sinne der Aufklärung verpflichtet. Wie dieses Buch.

Vielen Dank.

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