Willkommen auf den Seiten des Auswärtigen Amts

Rede von Außenminister Steinmeier bei der Veranstaltung "Miteinander in Vielfalt" am 3. November 2008 in Berlin

04.11.2008 - Rede

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Ich freue mich sehr, dass ich Sie heute Abend hier begrüßen darf! Und ich darf meinen herzlichen Dank an Shermin Langhoff richten, dass wir heute hier im Ballhaus Naunynstrasse zu Gast sein dürfen.

Der heutige Abend ist ja so etwas wie die Vorpremiere für die Neueröffnung und ich finde, der heutige Abend ist eine würdige Vorpremiere.

Liebe Shermin Langhoff, Sie haben ihr künstlerisches Konzept unter das Stichwort „postmigrantische Kultur“ gestellt. Nun bin ich kein besonderer Anhänger politischer Kunstwörter und Zusammensetzungen wie „Migrationshintergrund“ etc. Aber wo Begriffe fehlen, wo sich nicht alles sozusagen „auf den Begriff bringen“ läßt, da kann man ja manchmal durch konkrete Anschauung viel besser begreifen, um was es geht.

Und ein Blick in den Saal heute sagt da mehr als zehn mehr oder weniger gelungene Begriffe: Deutschland ist eine Integrationsgesellschaft geworden und wir alle sind glücklich und stolz darauf. Nochmals herzlichen Dank, Sie heute hier begrüßen zu dürfen.

Anrede,

als Außenminister bin ich ja sozusagen täglich damit beschäftigt, Brücken in andere Länder, zu anderen Standpunkten und Interessen zu schlagen.

Eines stelle ich dabei immer wieder fest: solche politischen Brückenschläge gelingen nicht, wenn sie nicht auf einem Fundament ruhen, das die Kultur legt. Wenn sie nicht getragen werden von gegenseitigen Anstrengungen, sich selbst, seine Haltungen und Einstellungen verständlich zu machen und für sie zu werben.

Das gilt ganz besonders mit Blick auf die aktuellen Verschiebungen der Macht- und Einflussverhältnisse in der Welt. Was mit dem Stichwort der Globalisierung nur unzureichend beschrieben ist, das ist nämlich weit mehr als ein wirtschaftliches Phänomen: Die neuen player sind sich auch ihres politischen und kulturellen Stellenwertes sehr bewusst.

Auf eine solche Herausforderung kann man dann politisch mit sozusagen leitkultureller Verkrampfung reagieren. Das kann allerdings dazu führen, dass man den bei unterschiedlichen Standpunkten um so notwendigeren Dialog verweigert. Um in dieser Verweigerungshaltung besser auf dem eigenen Standpunkt beharren zu können.

Das ist nicht unser Weg. Sondern ich rate, auf diese Herausforderungen mit Weltoffenheit zu anworten. Deswegen trete ich zum Beispiel politisch entschieden dafür ein, in der internationalen Machtarchitektur den Schwellenländern und unter diesen den Ländern mit muslimischer Bevölkerung einen neuen Platz einzuräumen. Und kulturell bedeutet diese Weltoffenheit für mich, dass wir gerade gegenüber diesen neuen Mächten durchaus selbstbewußt eigene Standpunkte formulieren und vor allem: dass wir für diese sehr engagiert werben. Und ich will nicht verschweigen, dass mich die Konflikte der jüngsten Zeit, besonders die Finanzkrise in dieser Überzeugung noch einmal bestärkt haben:

Die klassischen Mittel der Außenpolitik, das ganze Arsenal der diplomatischen Kunstfertigkeit wird nicht ausreichen, um unser Ziel einer gemeinsamen Verantwortung für die gemeinsamen Probleme zu erreichen. Sondern dafür müssen wir noch mehr als bisher auf kulturelle Bemühungen setzen!

Dabei bin ich überzeugt: Je mehr wir uns des kulturellen Reichtums unserer eigenen Gesellschaft bewußt werden, um so besser wird uns das auch im Verhältnis zu unseren Partnern im Ausland gelingen.

Dazu gehört sicher das, was gemeinhin die Pflege des kulturellen Erbes genannt wird.

Dazu gehört aber auch und vielleicht noch mehr als bisher ein zweites Element: Wir sollten uns bewusst machen, sollten es in einem positiven Sinne anerkennen, wie sehr unsere Kultur, wie sehr unser Land geprägt ist und profitiert hat von den Menschen, die selbst oder deren Eltern oder Großeltern aus anderen Ländern nach Deutschland gekommen sind.

Eckhard Fuhr hat für diesen Zusammenhang von kulturellem Erbe und globaler Zukunft und bezogen auf das Humboldt-Forum in Berlin das einmal so formuliert: man müsse so etwas wie einen zentralen Bildungsbezirk der deutschen Kulturnation schaffen, in dem die Fragen ihrer Herkunft und ihrer Beziehung zur Welt verhandelt werden. Genau darum geht es. Und der für mich entscheidende Punkt war dabei die Debatte um das Zuwanderungsrecht, die wir vor 10 Jahren begonnen haben. Der ein oder andere erinnert sich vielleicht noch an den Eklat bei der Verabschiedung dieses Gesetzes. Die wütende Weigerung mancher, die simple Tatsache zu akzeptieren, dass Deutschland ein Zuwanderungsland ist.

Eines jedenfalls haben wir seitdem geschafft: jeder hat verstanden, dass Integration eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft ist.

Und auf diesem Weg sind wir auch schon ein gutes Stück weiter gekommen. So habe ich in diesem Jahr eine große Konferenz des Goethe-Institutes zur Nationalkultur auf der Museumsinsel, sozusagen im Herzen des kulturellen Erbes, mit Mely Kiyak eröffnen dürfen, die hier vor mir sitzt und die ich herzlich begrüße.

Und kein Überblick über deutsche Literatur kommt heute ohne ein Wort zur Franco Biondi, Rafik Schami oder Zafer Senocak aus, den ich ebenfalls ganz herzlich begrüßen möchte.

Selbst die hartgesottensten Leitkulturalisten sehen heute ein, dass der aktuelle deutsche Film ohne Fatih Akin nicht denkbar ist - wie zum Beweis fehlt Fatih auch heute, da er einen neuen Film dreht.

Und von der Popkomm bis hin zu Oper und Konzert ist unsere Musiklandschaft Bild dieser Weltoffenheit unseres Landes.

Doch weit über Kunst und Kultur hinaus: Sie alle, sehr geehrte Gäste, haben familiäre Wurzeln, die weit über die deutsche Geographie hinausweisen, sie alle engagieren sich in Kunst und Kultur, aber auch in Wissenschaft und Wirtschaft, in den Gewerkschaften und in den Kirchen, im Sport, im Vereinsleben, in den Medien und in der Politik, sie bauen – zum Teil seit 50 Jahren – unsere Gesellschaft mit auf, gestalten und bereichern sie.

Sie stehen damit stellvertretend für die vielen vielen Menschen in unserem Land, die mit unterschiedlicher Herkunft an einer gemeinsamen Zukunft arbeiten!

Und weil es um Zukunft und nicht um Herkunft geht, weil es darum geht, Brücken zu schlagen zu anderen Kulturen und Lebensformen und um eine gemeinsame Verantwortung für die gemeinsamen Probleme der Menschheit, darum müssen wir auch in außenpolitischen Bemühungen, aber längst nicht nur in diesen einiges verändern.

Viele von Ihnen habe ich zum ersten Mal kennen gelernt vor drei Jahren: Ich hatte sie damals sozusagen als erste Aktivität des Außenministers auf kulturellem Gebiet zu einem Gedankenaustausch in ein kleines Restaurant eingeladen. Aus diesem kleinen Kreis ist heute ein großer geworden. Und das liegt auch an dem, was wir seitdem gemeinsam auf den Weg gebracht haben. Ein Beispiel möchte ich nennen:

Lieber Adnan, liebe Gäste aus dem Kreis der Ernst-Reuter-Initiative,

ich habe Euch und Ihnen zu danken für viele Projekte der deutsch-türkischen Zusammenarbeit, die Sie unterstützt und angeregt haben. Darunter und als wichtigstes auch das einer deutsch-türkischen Universität in Istanbul. Und ich freue mich berichten zu dürfen, dass ich vor wenigen Wochen, bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse, mit Staatspräsident Gül verabredet habe, dass wir noch vor Ablauf der Legislaturperiode den Grundstein dafür legen wollen. Ich finde, das wäre ein guter Abschluss von drei Jahren gemeinsamer Arbeit!

Anrede,

ich sagte es bereits: wir sind einen guten Schritt weiter gekommen auf dem Weg zu einer Integrationsgesellschaft.

Aber wir wollen uns die Lage nicht schön reden: Das Leben zwischen den Kulturen ist lange nicht immer einfach. Und lange nicht immer kann es aufgrund schwieriger sozialer oder persönlicher Lebensumstände von den einzelnen als Reichtum oder Chance begriffen werden. Manches ist für die 3. oder 4. Generation manchmal schwieriger als noch für die 2. Generation der Zuwanderer. Gescheiterte Bildungskarrieren, hohe Arbeitslosigkeit, schwierige Jobaussichten und das Gefühl, nirgendwo so richtig zu Hause zu sein zeugen davon und wenn in Deutschland 40% der ausländischen Jugendlichen keinen Berufsabschluss haben und weniger als 10% das Abitur schaffen, dann läuft irgend etwas gewaltig schief.

Hier müssen wir ran. Vor allem durch eine bessere Bildungspolitik, durch Kindergärten mit pädagogischem Anspruch, durch Lehrerinnen und Lehrer, die selbst aus Zuwanderfamilien kommen und Vorbild sind für ihre Schüler, durch Ganztagesschulen und gezielte Förderungen.

Und noch etwas gehört dazu: ein Mentalitätswandel. Wir alle hier wissen, und Professor Bade wird dazu sicher nachher noch etwas beitragen: Integration gelingt nur dann, wenn wir lernen, nicht nur in der Welt draußen, sondern auch hier bei uns mit mehreren Identitäten umzugehen.

Ich hatte es ja bereits gesagt. Meine Erfahrung und meine Überzeugung ist: Menschen mit einer mehrfachen kulturellen Erfahrung sind der Schlüssel für gemeinsames Verständnis und die Fähigkeit, gemeinsame Lösungen zwischen Ländern und Kulturen zu entwickeln.

Davon werden wir in den nächsten Jahren mehr brauchen hier bei uns und überall auf der Welt. Und dafür wollen wir uns in den kommenden Jahren gemeinsam anstrengen, in der Außenpolitik, aber auch hier bei uns. Doch jetzt bin ich zunächst einmal neugierig, wie Sie das sehen, freue mich auf den heutigen Abend und die Gespräche mit Ihnen und darf Zafer Senocak das Wort geben.

Vielen Dank!

Verwandte Inhalte

nach oben