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Laudatio von Außenminister Steinmeier auf Pater Eckart Höfling

06.10.2008 - Rede

Der Franziskanerpater Eckhard Höfling, der seit 50 Jahren ein soziales Hilfsprojekt in Brasilien leitet, wurde für seine Verdienste am 3. Oktober mit dem "Quadriga"-Preis geehrt. Außenminister Frank-Walter Steinmeier hielt die Laudatio.

Laudatio von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier auf Pater Eckart Höfling am 03. Oktober 2008 anlässlich der Verleihung der "Quadriga"

- es gilt das gesprochene Wort -

Sehr verehrter Herr Staatspräsident,
sehr verehrter Herr Bundespräsident,
sehr verehrter Herr Bundeskanzler,
lieber Pater Eckart,
sehr verehrte Damen und Herren,

eine Frage steht Ihnen allen auf die Stirn geschrieben: Was hat ein norddeutscher Protestant mit einem bayrischen, genauer fränkischen Pater zu tun? Warum ehrt der Außenminister Deutschlands einen couragierten Franziskaner, der seit fast 50 Jahren in Brasilien lebt?

Auf den ersten Blick sieht es wie ein Zufall aus, dass sich unsere Lebenswege kreuzten. Auf den zweiten Blick mag es am Ende kein Zufall gewesen sein, dass wir uns – trotz aller Verschiedenheit der Aufgaben, Herkunft und Biographie - in einem Armenviertel von Rio de Janeiro über den Weg gelaufen sind.

Eine meiner ersten Auslandsreisen als Außenminister hat mich vor fast drei Jahren ganz bewusst nach Südamerika geführt. Denn ich war – und bin – der Überzeugung, dass dieser Kontinent ganz zu unrecht etwas aus dem Blickfeld der europäischen und deutschen Außenpolitik geraten war.

Zu Unrecht vor allem deswegen, weil unsere europäische Geschichte engstens verwoben ist mit der des südamerikanischen Kontinents. Wir tragen schon deswegen eine besondere Verantwortung für Stabilität und Entwicklung in Südamerika.

Wir tragen sie aber noch aus einem anderen Grund: in Südamerika wird sich – davon bin ich überzeugt - auch ein Stück weit erweisen, ob unser europäisches Modell eines Gemeinwesens, unsere Überzeugungen und Haltungen in einer globalisierten Welt – und das heißt in einer Welt mit vielen Zentren – einen Beitrag zu der Lösung der größten Herausforderungen liefern kann.

Wer in Südamerika war, der hat lange vor der amerikanischen Bankenkrise sehen können, wie ein ungeregeltes internationales Wirtschafts- und Finanzsystem Ungerechtigkeit und Armut produziert.

Wie die enormen ökologischen und sozialen Herausforderungen ganze Gesellschaften zu spalten drohen und welchen Beitrag wir Europäer und wir Deutsche durch technologisches, durch politisches, auch durch und kulturelles Engagement leisten können und, wie ich finde, leisten müssen.

So ist es vielleicht dann doch nicht so erstaunlich, dass meine Reise mich mit Pater Eckart Höfling abseits der Copacabana und der anderen Orte für die Schönen und Reichen zusammen geführt hat. Denn er ist weit über Rio, weit über Brasilien und - wie die heutige Veranstaltung zeigt - auch weit über Südamerika hinaus ein Beispiel der Ermutigung: Dass gelebte Solidarität und gelebtes Engagement im Kleinen Schritt für Schritt den Weg bereiten können für eine gerechtere Gesellschaft.

„Tu erst das Notwendige, dann das Mögliche, und plötzlich schaffst du das Unmögliche.“ – Diese Ermutigung von Franz von Assisi habe ich bei meiner Begegnung mit Pater Eckart spüren dürfen. In den Augen der Kinder der Hafenschule, in den Gesprächen mit den Lehrern und Betreuern in Rio. An einem Ort der Welt , an dem Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Gewalt, Prostitution und Drogenkriminalität regieren, habe ich Hunderte von glücklichen Kindern gesehen. Inzwischen sind es über eintausendzweihundert, die sich aufgehoben fühlen, die miteinander spielen und ehrgeizig lernen.

Und wir alle danken Pater Eckart ganz besonders dafür, dass er zum heutigen Tag nicht alleine, sondern gemeinsam mit über 30 Jugendlichen aus dem Hafenviertel gekommen ist. Ich bin sicher: Besser als jede Rede vermitteln diese Kinder die Kraft, die von Pater Eckarts Arbeit ausgeht.

Seien Sie deshalb alle gemeinsam ganz herzlich willkommen! Und als deutscher Außenminister darf ich Ihnen sagen: Wir alle hier sind sehr geehrt durch den Gegenbesuch der „Escola Padre Francisco da Motta“ in Rio de Janeiro und wir wollen unser Bestes tun, Sie ebenso warmherzig und offen zu empfangen, wie Sie das bei meinem Besuch getan haben!

Die Freude, die leuchtenden Kinderaugen, auch das Fußballspiel, das alles ist unvergesslich für mich.

Lieber Pater Eckart,

Durch Ihr bewundernswertes Engagement erfahren die Kinder – vielleicht zum ersten mal in ihrem Leben - Respekt und Anteilnahme. Sie müssen sich nicht sorgen um ein Stück Brot für den nächsten Tag, müssen nicht betteln oder stehlen und haben Raum zum Spielen und Lernen. Dies ist für viele Kinder, nicht nur in Brasilien, leider auch heute alles andere als selbstverständlich.

Auch in einem der reichsten Länder der Welt, in Deutschland, gibt es Kinderarmut und gibt es mangelnde Bildungschancen gerade für die sozial Schwachen.

Und auch bei uns gilt: Wer keine Chance auf Bildung hat, dem wird auch die Chance auf Zukunft genommen.

Wir alle hier wissen: die Hafenschule ist nur ein ganz kleiner Teil Ihrer Arbeit. Und wie groß Ihre Leistung ist, das veranschaulicht vielleicht am besten die Aussage eines meiner Kollegen aus einem anderen südamerikanischen Land, als ich ihm von meinem Besuch bei Ihnen berichtete.

Er sagte nämlich ganz einfach: oh, Sie haben „o frei“, den Pater getroffen, den Mann, der als Konkursverwalter des Sozialwerkes geschickt wurde und statt dessen mit bewundernswertem Engagement, mit Tatkraft und Beharrlichkeit - das größte Sozialwerk Brasiliens geschaffen hat!

Ihre Arbeit ist nicht nur ein Hoffnungszeichen für Südamerika. Sondern im Kampf gegen Armut und soziale Ausgrenzung auch bei uns.

Ich verneige mich mit Respekt vor dem, was Sie und Ihre Mitstreiter im Hafenviertel von Rio täglich tun!

Die Quadriga ehrt Vorbilder aus Deutschland. Und sie ehrt Vorbilder für Deutschland. Sie, Pater Eckart, vereinen Beides in Ihrer Person und dafür danke ich Ihnen von Herzen.

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