Willkommen auf den Seiten des Auswärtigen Amts

Rede von Staatsminister Erler anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Jewgeni Chaldej – Der bedeutende Augenblick: Eine Retrospektive", 08.05.08

Rede

Ich bedanke mich für die Einladung, hier zur Eröffnung der ersten großen Retrospektive des bedeutenden russischen Fotografen Jewgeni Chaldej sprechen zu dürfen! Und ich möchte mich gleich zu Beginn an Sie, sehr geehrter Herr Botschafter Kotenew, wenden. Ich hatte heute schon die Gelegenheit, Ihnen anlässlich des 8. Mai, dem Tag des Endes des Großen Vaterländischen Krieges, der so unendlich viel Leid über Ihr Land und die Menschen in Ihrem Land gebracht hat, die Hand zu drücken. Und ich möchte hier noch einmal öffentlich erklären: Wir werden dieses dunkle und tragische Kapitel im Verhältnis unserer beiden Länder nie vergessen und freuen uns umso mehr, wie anders unser Verhältnis sich heute entwickelt: auf der Basis von partnerschaftlicher Zusammenarbeit und geteilter Verantwortung bei internationalen Konflikten und auch bei globalen Herausforderungen.

Es ist beziehungsreich, dass gerade heute hier Werke von Jewgeni Chaldej der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden: Denn ein großer Teil, ja der bedeutendste, ist mit den Schauplätzen dieses blutigsten Krieges des 20. Jahrhunderts verbunden, und sein berühmtestes Foto, bei dem das Attribut "Der bedeutende Augenblick" fast als Untertreibung erscheint, eben jenes Foto, das das Hissen der sowjetischen Flagge auf dem Dach des Reichstages am 2. Mai 1945 zeigt, steht ikonenartig und unverrückbar für die Niederlage des Faschismus und für den Sieg über Hitlerdeutschland!

Wer war Jewgeni Chaldej? Er wurde als Efim Ananjevic Chaldej am 10.03.1917 in Jusowka, dem späteren Stalino und heutigen Donezk (Ukraine) als Sohn einer jüdischen Familie geboren. 1918 wurde seine Mutter bei einem Pogrom ermordet, wobei der kleine Jewgeni verletzt wurde. 1941/42 werden sein Vater und drei seiner Schwestern von deutschen Einsatztruppen (wie 2 Mio. sowjetische Juden) ermordet. Chaldej berichtet später, sie wurden lebendig in 1000 m tiefe Kohleschächte geworfen (nur ein Bruder und eine Schwester überlebten). Als 12jähriger hantiert Jewgeni Chaldej mit einer selbst gebastelten Kamera aus Brillengläsern von seiner Großmutter und Sperrholz herum, als 15jähriger veröffentlicht er sein erstes Foto. Seine erste eigene Kamera erhält er 1937. Es ist eine Leica, in Lizenz nachgebaut von einer Kommune obdachloser Jugendlicher in Charkow, die nach Felix Edmundowitsch Dzerschinskij, dem Gründer des KGB, benannt war. Nach den Initialen Dzerschinskijs hieß dieses berühmte Gerät einfach FED. Chaldej behält und nutzt diese Kamera bis an sein Lebensende.

Anfang der 30iger Jahre begleitet er Agitationsbrigaden als Fotograf und geht 1936 nach Moskau, dort ins Umfeld der Fotozeitschrift Ogonjok, wo die junge fast durchweg jüdische Fotografen-Avantgarde sich versammelt. In Moskau arbeitet er von 1936 bis 1948 als Fotokorrespondent der Nachrichtenagentur TASS. Zwischen 1941 und 1945 ist er offizieller Kriegsfotograf in der Roten Armee. Dabei kommt er viel rum, von Murmansk bis Sevastopol und ist 1944 beim Vormarsch der Roten Armee dabei – darunter bei den Eroberungen von Sofia, Bukarest, Budapest, Belgrad und Wien. Dazu ein kleiner Eigenbericht: "Ich arbeitete immer allein, nichts konnte mich ablenken. Alles, was ich hatte, war mein schwarzer Ledermantel, eine Uniformmütze, wenig Kleidungsstücke und Chemikalien für die Filmentwicklung im Rucksack. Ich fand immer etwas zu essen und immer einen Platz zum Schlafen, meist in Kellern oder zerstörten Häusern".

Chaldej wird Ende 1944 nach Berlin abkommandiert, um den Sieg über den Faschismus zu dokumentieren. Hier wird er auch sein schon erwähntes berühmtes Bild vom eroberten Reichstag machen. Anschließend arbeitet er dann als offizieller sowjetischer Fotograf während der Potsdamer Konferenz für TASS sowie bei den Nürnberger Prozessen 1946. Im Jahre 1948 ist seine große Zeit vorbei, er wird von TASS entlassen. Später ist er überzeugt, dass dies geschah, weil er Jude war. Danach schlägt er sich durch mit Gelegenheitsjobs, natürlich als Fotograf, kommt aber 1956 bei der "Prawda" unter und arbeitet dort 15 Jahre lang bis 1971. Dann erfolgt ein Wechsel zur Zeitschrift "Sowjetskaja Kultura". Als Fotograf arbeitet er noch bis 1988, fotografiert noch Michail Gorbatschow, aber dann wird es sehr still um ihn, bis er – aber das ist eine eigene, hier noch kurz zu erzählende Geschichte – "wieder entdeckt" wird, quasi aus der Unsichtbarkeit geholt, mit Ausstellungen außerhalb Russlands ab 1994.

Jewgeni Chaldej stirbt am 6. Oktober 1997 in Moskau mit 80 Jahren.

Ich hatte das Privileg, Jewgeni Chaldej persönlich kennen zu lernen, in meiner Heimatstadt Freiburg am 2. Dezember 1994, bei einer Ausstellung, die in Kooperation mit Ernst Volland zustande kam, und mit einem unvergessenen öffentlichen Gespräch mit ihm. Ich habe ihn kennen gelernt als einfachen Mann, aber voller Lebenslust, voller Begeisterung für das, was er beruflich getan hat.

Ich fand es bewundernswert, dass er bei all seinen schrecklichen Erfahrungen, bei den furchtbaren Bildern, die er im Kopf und in seiner Negativ-Sammlung hatte, doch freundlich und freundschaftlich zu Deutschen sein konnte. Chaldej hat großen Eindruck auf mich gemacht, und noch heute bewahre ich ein Plakat – natürlich mit dem Reichstagsbild – mit seiner Signierung bei mir auf.

Als Chaldej Kind war, blühte in den Zentren des jungen Sowjetrusslands die Avantgarde auf: bei der Literatur, bei der Kunst, beim Theater, beim Film. Auch die Fotografie fand ihre avantgardistischen Interpreten. Sie fand aber, mehr und schneller noch als die anderen Künste, bald auch ihren Platz als Instrument zur Organisierung und Beeinflussung der Massen, im Rahmen dessen, was bald Agitprop genannt wurde – übrigens parallel in vielen Gesellschaften, keineswegs nur in Sowjetrussland.

Die Themen in der Sowjetunion waren abgesteckt: Aufbau des Sozialismus, Industrialisierung, die heroischen Fünf-Jahr-Pläne, die Stachanow-Arbeiter, die Helden der Arbeit, und dann natürlich die Begleitung des Großen Krieges. Bei dem kamen dann über 200 offizielle Fotojournalisten als Frontkorrespondenten zum Einsatz – keine leichte, keine ungefährliche Arbeit. Einer von ihnen war Jewgeni Chaldej.

Natürlich wurden da Aufträge erteilt, Prioritäten gesetzt. Die Kolportage, die Bilder für die Heimat, waren Teil des Feldzugs. Und ich glaube, dass Peter Jahn Recht hat, wenn er in seinem Bericht für den Ausstellungskatalog feststellt, die Aufträge "haben zugleich auch Schwerpunkte der historischen Erinnerung gesetzt".

Wir sind heute immer mehr – 63 Jahre nach dem Ende des Großen Krieges – auf diese festgehaltenen "bedeutenden Augenblicke" aus der Geschichte angewiesen, auch weil uns aus biologischen Gründen der Rückgriff auf Zeitzeugen immer seltener möglich wird. Das ist neben anderen, eher ästhetischen und künstlerischen, eine der Erklärungen dafür, dass das Interesse an Jewgeni Chaldej und den Fotografen seiner Generation wächst. Was man ja auch daran sehen kann, dass wir uns schon heute auf die Ausstellung von Alexander Rodtchenko freuen können, dem bekanntesten avantgardistischen russischen Fotografen, der ein Viertel Jahrhundert vor Chaldej geboren wurde, eine Ausstellung, die hier ab 12. Juni im Martin-Gropius-Bau zu sehen sein wird.

Dass wir an der Renaissance des Werkes von Jewgeni Chaldej teilnehmen können, verdanken wir Ernst Volland und seinem guten Gespür, als er erstmals 1991 mit dem völlig zurückgezogenen, ja fast anonym lebenden Chaldej in Moskau in Berührung kam. Ernst Volland begriff als erster, dass er es da mit einem von der Klasse eines Robert Capa zu tun hatte, jenem berühmten ungarischstämmigen amerikanischen Chronisten des spanischen Bürgerkrieges und des Zweiten Weltkrieges. Ernst Volland hat Chaldej wieder entdeckt, hat ihn in Deutschland und darüber hinaus bekannt gemacht, und nebenbei auch dafür gesorgt, dass Chaldej in den letzten Jahren seines Lebens auch materiell von dieser Wiederentdeckung etwas hatte.

Man kann sagen: ohne Ernst Volland hätten wir heute nicht eine so klare Vorstellung von dem Lebenswerk Chaldejs, hätten wir nicht diese Ausstellung, mit vielen bisher nicht gezeigten Arbeiten und schon gar nicht den wirklich hervorragenden Katalog mit so vielen Fotografien, aber auch Originaltexten von Jewgeni Chaldej. Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei Ernst Volland für sein nachhaltiges Engagement in Sachen Chaldej bedanken.

Und hier schließt sich der Kreis, an diesem 8. Mai, 63 Jahre nach dem Ende des Großen Vaterländischen Krieges. Passt es doch zu unseren Gedanken an diesem Tag, dass es ausgerechnet ein Deutscher war, der dem russischen Fotografen, der für den Sieg der Sowjetunion im Kampf gegen Hitlerdeutschland den intensivsten und symbolischsten Ausdruck schuf, den Weg zu einer verdienten, späten Prominenz ebnete.

Ein schöner, ja versöhnlicher Aspekt zu diesem Tag und zur Eröffnung dieser Ausstellung, der ich viele Besucher und viel Erfolg wünsche!

Verwandte Inhalte