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Panelbeitrag von Karsten D. Voigt beim 18. Forum Globale Fragen, 08.11.2007

08.11.2007 - Rede

- es gilt das gesprochene Wort -

I.

Wer den Faktor der religiösen Überzeugungen und der durch religiöse Traditionen geprägten Werteorientierungen und Verhaltensweisen aus den internationalen Beziehungen, erst recht aus den Beziehungen zu den Gesellschaften anderer Staaten, ausblendet, kann keine realistische Außenpolitik betreiben. Dessen Realpolitik hat eine Lücke. Auch wer selbst säkular geprägt ist, sollte deshalb als Außenpolitiker für religiöse Töne musikalisch sein. Dies gilt nicht erst seit Georg W. Bush, und dies wird auch nicht mit seiner Amtszeit enden. Die religiöse Musikalität ist auch nicht nur für die USA erforderlich. Mich erstaunen immer wieder Analysen, die behaupten, die Bedeutung religiöser Prägungen sei nur für Gebiete außerhalb Europas relevant.

Ein Blick auf die Bundesrepublik kann dieses Fehlurteil korrigieren helfen: In der Bundesrepublik der 50er und 60er konnte man eine Karte mit den Wahlergebnissen der CDU/CSU und der SPD mit dem konfessionellen Status quo nach dem 30-jährigen Krieg vergleichen und eine weitgehende Deckungsgleichheit der CDU/CSU mit „katholisch“ und der SPD mit „protestantisch und säkular“ feststellen. Erst das letzte Jahrzehnt hat überwiegend katholische SPD-Vorsitzende und eine protestantische CDU-Vorsitzende hervorgebracht (allerdings gibt es auch weiterhin mehr evangelische Theologen in der SPD als in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion). In Adenauers Kabinetten galt noch das Prinzip der Parität von Katholiken und Protestanten. Damals galt auch: wenn der Bundeskanzler katholisch war, musste der Bundespräsident ein Protestant sein.

Es stimmt zwar, dass die Kirchen in Deutschland – wenn auch verlangsamt – Mitglieder verlieren, in der politischen Elite aber nimmt die Bereitschaft, sich zu einer Religion zugehörig zu bekennen, zu. Im 1998 gewählten Bundestag erklärten 0,4% der Abgeordneten, dass sie Atheisten seien, 37,7% machten keine Angaben zur Religion. 29,4% sagten, sie seien katholisch, und 32,2% gaben an, sie seien evangelisch. Im Jahr 2005 hatten sich diese Prozentzahlen signifikant verändert: 0,2% waren Atheisten, 0,2% Muslime, nur noch 23,8% ohne Religionsangabe, 35% Katholiken und 40,8% Protestanten. Einen ähnlichen Trend gab es bei der Verwendung der religiösen Formel bei der Vereidigung von Kabinettsmitgliedern: Bei der Vereidigung des ersten rot-grünen Kabinetts wählten die Hälfte der Kabinettsmitglieder die religiöse Eidesformel, bei der Vereidigung der Mitglieder des Kabinetts der Großen Koalition alle bis auf Brigitte Zypris. Besonders auffällig ist der Unterschied in der religiösen Bindung der politischen Elite in Ost-Deutschland. Dort sind nur etwas mehr als 20% der Bevölkerung Mitglied in der Kirche, jedoch mehr als die Hälfte aller Bundestagsabgeordneten.

Vor diesem Hintergrund halte ich es für wahrscheinlich, dass der Druck auf die deutsche Außenpolitik, sich für die ungehinderte Religionsausübung in anderen Ländern einzusetzen, zunehmen wird. Das gilt auch für die an der Ausübung ihres Glaubens behinderten Christen in großen Teilen der islamischen Welt und in China. Wenn deutsche Außenpolitik sich nicht nur für Christen sondern für die Religionsfreiheit (für und von einer Religion) als universalistischem Prinzip (Leggewie) einsetzt, dann ist dies Ausdruck einer sinnvollen Werteorientierung.

II.

Von den drei abrahamitischen Religionen (Juden, Christen, Islam) waren zwei, Christentum und Islam, immer auf eine weltweite Geltung und Mission angelegt. Der Anteil beider Weltreligionen an der Erdbevölkerung wächst. Dabei gewinnt der Islam relativ gesehen mehr Anhänger durch ein höheres Bevölkerungswachstum in der islamischen Welt und das Christentum relativ gesehen mehr durch Mission. Christentum und Islam sind Teilnehmer und Motoren des Globalisierungsprozesses. Unsere Außenpolitik wäre gut beraten, das Wirken dieser transnationalen Akteure nicht nur in Bezug auf den Islam sondern auch in Bezug auf bestimmte protestantische Gruppen in Lateinamerika, Afrika und China sorgfältig zu analysieren. Hinzu kommt: Als Folge der Globalisierung wächst die religiöse Diaspora in Regionen, die ursprünglich religiös relativ homogen waren (islamische, christliche, hinduistische, buddhistische Diaspora). Durch diesen neuen religiösen Pluralismus entstehen neue kulturelle und politische Herausforderungen, die entweder zu einer Bereicherung der politischen Kultur oder künftig auch zu neuen Konflikten und Entwicklungen bis hin zum gewalttätigen Extremismus führen können.

Wo fundamentalistische religiöse Überzeugungen aufeinander prallen, ist der Weg zur Gewalt oft nicht weit.

Die abrahamitischen Religionen waren immer auch politisch. Angesichts der über 1000 Jahre alten religiösen und politischen Geschichte der abrahamitischen Religionen ist es für unser Thema bedeutsam, dass seit 100-200 Jahren bedeutende Teile des Judentums und des Christentums ein positives Verhältnis zur Aufklärung entwickelt haben. Sie sind in ihrer Mehrheit im Prozess einer Selbstaufklärung zu einem stabilen Fundament säkularer demokratischer Staaten geworden. Dieser Prozess der Selbstaufklärung der Religion hat in der islamischen Welt bisher nicht die gleiche Breite und Tiefe erlangt. Dies ist eines unserer Probleme. Ein weiteres Problem ist, dass ein missionarischer, besonders aktiver Teil von protestantischen Sekten aber auch einige Strömungen im Katholizismus immer noch und seit einigen Jahrzehnten vermehrt für vor-aufklärerische religiöse Überzeugungen werben.

III.

Zu Recht bewertet Claus Leggewie eine Religiosität, die zum einzigen Identitätsmerkmal aufsteigt, als bedrohlich. Aber eine derartige Reduktion von menschlicher Identität ist nicht nur beim Thema Religiosität bedrohlich. Jede Ideologie, die die Vielschichtigkeit der menschlichen Existenz auf eine einzige Identität reduziert, sei es die der Religion, der Nation, der Ethnie, der Rasse oder der politischen Ideologie, ist bedrohlich.

Insofern läuft die politisch relevante Scheidelinie heute nicht primär zwischen religiös geprägter Politik und atheistischen oder agnostischen Überzeugungen sondern im Verhältnis jeglicher Politik und ihrer weltanschaulichen oder religiösen Begründung zur Aufklärung und im positiven Verhältnis zur politischen, weltanschaulichen und religiösen Toleranz. Im Eintreten für diese Toleranz ist deutsche Politik weder nach innen noch nach außen wertfrei. Sie vertritt diese Werte offensiv.

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