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Grußwort von Staatsminister Gloser zum 125-jährigen Jubiläum der Deutschen Schule Helsinki

07.10.2006 - Rede

Sehr verehrte Frau Abgeordnete Kiviniemi,
sehr geehrter Herr Kunze,
sehr geehrter Herr Henry (Vorsitzender des Schulträgers Pestalozzi Verein),
sehr geehrter Herr Binder (Schulleiter),
sehr geehrter Herr Prof. Jäntti (Vorsitzender des Bibliotheksvereins),
verehrte Festgemeinde der Deutschen Schule Helsinki und der Deutschen Bibliothek Helsinki,
meine Damen und Herren,

zum 125-jährigen Jubiläum der Deutschen Schule und der Deutschen Bibliothek möchte ich, auch im Namen des Bundesministers des Auswärtigen, Frank-Walter Steinmeier, die herzlichen Glückwünsche der Bundesregierung überbringen.

Für den kulturellen Austausch zwischen dem damaligen Deutschen Reich und dem autonomen russischen Großfürstentum Finnland stellt das Jahr 1881 ein besonderes Datum dar. Mit der Deutschen Schule und der Deutschen Bibliothek begannen zwei Institutionen ihr bis heute fortdauerndes fruchtbares Wirken.

Wir erinnern heute, nach 125 Jahren, an diesen klugen und vorausschauenden Ratschluss. Es ist ein einzigartiges Jubiläum dieser zwei außerordentlichen Einrichtungen, die im Verhältnis unserer beiden Länder eine so wichtige Rolle des Austausches und der Verständigung spielen.

Ich begrüße es sehr, dass auch die Vorsitzende der finnisch–deutschen Freundschaftsgruppe des finnischen Parlaments, Frau Mari Kiviniemi, neben anderen offiziellen Vertretern der finnischen Ministerien und der Stadt Helsinki, der Deutschen Schule und der Deutschen Bibliothek am heutigen Tag ihre Referenz erweist.

Wer könnte den kulturellen Anspruch beider Einrichtungen besser widerspiegeln, als der Schriftsteller Reiner Kunze, dessen literarisches Werk hohe Wertschätzung in Deutschland und auch Finnland genießt. Er wird den Festvortrag halten, auf den wir uns besonders freuen.

Die Schule und die Bibliothek haben vor einigen Wochen der Öffentlichkeit ihre Festschriften vorgestellt. Diese geben einen lebendigen und eindrucksvollen Überblick über die Entwicklung, die die beiden Einrichtungen im letzen Jahrhundert bis in die Gegenwart genommen haben. Für beide Institutionen gab es auch schwierige Perioden, in denen ihr Fortbestand am seidenen Faden hing. So kam es nach dem Ausbruch des ersten Weltkrieges zu einer vierjährigen Schließung der Schule. Nach dem Kriegsende nahm die Schule 1918 ihre Arbeit wieder auf. Die Schülerzahlen stiegen, die Bibliothek konnte die Buchbestände vergrößern.

Infolge des finnisch- sowjetischen Waffenstillstands von 1944 kam es zur erneuten Schließung der Schule und diesmal auch der Bibliothek. (Doch selbst in dieser schwierigen Phase der deutsch- finnischen Beziehungen wurde die Hoffnung auf einen Wiederbeginn nicht aufgegeben.) Dank glücklicher Umstände konnten bereits 1946 der Kindergarten und dann 1948 die Schule wieder eröffnet werden. 1955 nahm der neu gegründete Bibliotheksverein seine Tätigkeit auf.

Die deutschen Auslandsschulen sind ein Eckpfeiler unserer Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Anders als die klassische Diplomatie gestaltet die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik nicht nur die Beziehungen zwischen den Regierungen, sondern zielt insbesondere darauf ab, die Menschen ins Gespräch zu bringen und so zu Friedenssicherung, Konfliktprävention und interkultureller Verständigung beizutragen.

Wer, wenn nicht die deutschen Auslandsschulen sind prädestiniert, Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Nationalitäten auf eine gemeinsame Zukunft im Sinne der Völkerverständigung und des interkulturellen Dialogs vorzubereiten? Mit der pragmatischen Umsetzung dieser Leitgedanken im Schulalltag hat sich die Deutsche Schule Helsinki, eine Begegnungsschule im besten Sinne, auch im finnischen Schulsystem einen anerkannten Platz erobert. Dass sie im „PISA“-Land Finnland zu den führenden Schulen zählt, verdient Respekt und Anerkennung. Die Schule kann stolz auf diese Leistung sein.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Europäer lernen Fremdsprachen, sie lernen sie vorwiegend in der Schule und um ihre beruflichen Chancen zu verbessern. Diese Erkenntnis verdanken wir der letzten Eurobarometer-Umfrage, die die EU-Kommission zu Beginn dieses Jahres veröffentlicht hat. Wenn über die Deutsche Schule gesprochen wird, sollte daher ein weiterer wichtiger Aspekt unserer Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik nicht außer Acht gelassen werden: die Förderung der deutschen Sprache. Es gibt viele gute Gründe, Deutsch zu lernen.

Deutsch – mit rund 81 Mio. Sprechern seit jeher die am weitesten verbreitete Muttersprache in der EU – ist nach der EU-Erweiterung mit nunmehr rund 63 Mio. Sprechern zur zweitwichtigsten Fremdsprache nach Englisch geworden. Weltweit erlernen heute rund 15 Millionen Schüler Deutsch als Fremdsprache. Und, auch das wissen wir aus dem Eurobarometer, es sind vor allem die jungen Europäer, die sich Vorteile auf dem Gemeinsamen Europäischen Arbeitsmarkt erhoffen, wenn sie zusätzlich zu Englisch die Verkehrssprache des größten Wirtschaftsraums in Europa erlernen. Die Situation hier in Finnland entspricht dem EU-Trend: Deutsch ist nach Englisch die am stärksten nachgefragte Wahlfremdsprache. Damit es dabei bleibt, sind innovative Maßnahmen erforderlich. Die kürzliche Schaffung der Stelle eines Fachberaters für Deutsch an der Deutschen Schule sowie die dort mit Unterstützung der finnischen Behörden geplante Einrichtung eines Ressourcenzentrums weisen der Schule auch in Zukunft eine wichtige Funktion als „Leuchtturm“ in der finnischen Bildungslandschaft zu.

Und dass die jungen Menschen richtig liegen, die sich für Deutsch entscheiden, zeigt nicht zuletzt ein Blick auf die finnische Außenhandelsstatistik: Deutschland ist nach wie vor der wichtigste Wirtschaftspartner Finnlands. Deutschkenntnisse werden auch in Zukunft ein nicht zu unterschätzender beruflichen Wettbewerbsvorteil sein.

An der Deutsche Schule können die Schülerinnen und Schüler aber auch mehr über unseren beiden Länder erfahren. Mit dem Erwerb des deutschen Abiturs, das der finnischen Reifeprüfung gleichgestellt ist, steht den Absolventen der Weg zu einem Studium in Deutschland offen. Mit anderen „Alumni“ bilden sie ein Netzwerk, das die bilateralen Beziehungen befruchtet und nachhaltig macht. So ist z.B. der gegenwärtige Botschafter Finnlands in Berlin, René Nyberg, ein Absolvent ihrer Schule.

Der Gedanke der Begegnung charakterisiert auch die Aktivitäten der Deutschen Bibliothek. Sie hat sich als Literaturzentrum für die deutschsprachigen Länder bei Nutzern in ganz Finnland positioniert. Die herausragende Fennica Sammlung und das“ Jahrbuch für finnisch-deutsche Literaturbeziehungen“ vermitteln einen umfassenden Überblick über die Entwicklungen im Literaturgeschehen des jeweils anderen Landes.

Ich habe vorhin über schwierige Zeiten in der Vergangenheit gesprochen. Mit Blick auf die Bibliothek gibt es sie leider auch heute: „Bibliothek in der Ecke“ titelte kürzlich eine große finnische Zeitschrift über einen alarmierenden Situationsbericht der Bibliothek. Über Jahrzehnte hat die deutsche Seite die Bibliothek maßgeblich unterstützt. In den letzten Jahren hat sich auch die finnische Regierung stärker engagiert. Leider ist es der deutschen Seite nicht mehr möglich, die Förderung im bisherigen Umfang aufrechtzuerhalten. Es kommt nun darauf an, neue Modalitäten für die Förderung zu entwickeln. Neue Wege der Zusammenarbeit mit den hier tätigen deutschen Mittlerorganisationen sind zu untersuchen, insbesondere ein Umzug in die Deutsche Schule. Das Auswärtige Amt wird, das kann ich Ihnen versichern, der Bibliothek auch weiterhin im Rahmen des Möglichen zur Seite stehen. Ich bin sicher, dass dieses 125-jährige Jubiläum nicht das letzte Jubiläum sein wird.

Lassen Sie mich zum Schluss einen besonderen Dank aussprechen. Er gilt den ehrenamtlich Tätigen in den Vorständen von Deutscher Schule und Deutscher Bibliothek. 125 Jahre erfolgreiche Schul- und Bibliotheksarbeit ist ohne ehrenamtliches Engagement von Persönlichkeiten wie Ihnen nicht denkbar.

Mein Dank gilt am heutigen Tag aber auch der Schulleitung, dem Lehrerkollegium, den Eltern und der Schülerschaft sowie allen weiteren Personen, die mit ihrem Elan und Einsatz die Grundlage für den Erfolg der beiden Institutionen legen.

Das vielseitige und bunte Programm, das Schülerinnen und Schüler aller Alterstufen präsentieren, zeigt das Potential, das in den jungen Menschen steckt. Ich bin gerne der Einladung gefolgt, um mit ihnen gemeinsam diesen festlichen Tag zu begehen.

Ich wünsche der Deutschen Schule Helsinki und der Deutschen Bibliothek Helsinki für die Zukunft Glück, Erfolg und alles Gute.

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