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Grußwort von Staatsminister Erler anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „The Holocaust against the Roma and Sinti and present day racism in Europe„, 17.01.06

17.01.2006 - Rede

Die systematische und brutale Verfolgung und Vernichtung deutscher und europäischer Roma und Sinti unter nationalsozialistischer Herrschaft und Besetzung ist lange, viel zu lange, verdrängt, bagatellisiert und geleugnet worden ist. Wir wissen heute, dass die Roma und Sinti Europas verbrecherischem Rassenwahn zum Opfer fielen und haben den Völkermord an den Roma und Sinti als Teil unserer, der deutschen Geschichte akzeptiert. Es bedurfte - und bedarf - jedoch konsequenter und hartnäckiger Aufklärungsarbeit, um die Erinnerung an die Ermordung fast einer halben Million europäischer Roma und Sinti in Europa ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Ich möchte in diesem Zusammenhang unterstreichen, dass auch die neue Bundesregierung zu der Vereinbarung über die Errichtung eines Denkmals für die unter nationalsozialistischer Herrschaft ermordeten Roma und Sinti steht. Wir hoffen, dass die noch offenen Fragen schnell unter den Beteiligten geklärt und bald mit der Errichtung des Denkmals begonnen werden kann.

Das Dokumentations- und Kulturzentrum der Deutschen Sinti und Roma hat einen entscheidenden Beitrag zu diesem Bewusstseinswandel geleistet. Mit der Ausstellung „The Holocaust against the Roma and Sinti and present day racism in Europe„ setzt es seine Aufklärungsarbeit konsequent fort. Es ist wichtig, dass in allen europäischen Heimatländern der Roma und Sinti die Geschichte ihrer Verfolgung und Vernichtung dokumentiert wird.

Es ist jedoch auch wichtig für unser heutiges Zusammenleben, dass Roma und Sinti nicht nur als Opfer wahrgenommen werden, sondern auch als Mitbürger – mit ihrer eigenen Sprache und reichhaltigen Kultur, aber vor allem Teil unserer Gesellschaften und Staatswesen. Mit der Dokumentation des Alltags und der historisch gewachsenen Beziehungen zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft leistet die Ausstellung daher einen überaus bedeutenden Beitrag für das bessere Verständnis für- und miteinander im heutigen Alltag.

Die historische und moralische Verantwortung für die Verbrechen der Vergangenheit, aber auch die Verantwortung für das Entstehen eines modernen Europa, verpflichten uns – in Deutschland und ganz Europa - alle Formen von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung entschieden zu bekämpfen und für den Schutz von Minderheiten einzutreten. Das „europäische Haus„ gründet auch auf einem gemeinsamen Werteverständnis, auf dem gemeinsamen Bekenntnis zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten. Die Gewährleistung von Menschen- und Minderheitenrechten ist daher auch ein entscheidender Gradmesser für den Erfolg des „europäischen Projekts“.

Die Art des Umgangs mit nationalen Minderheiten ist eine Messlatte für Freiheit und Demokratie in einer Gesellschaft. Das friedliche Zusammenleben mit nationalen Minderheiten, ihr Schutz und ihre Förderung sind zugleich Voraussetzung für innerstaatliche Stabilität und für gute zwischenstaatliche Beziehungen.

Vieles ist bereits geleistet worden: Im Rahmen der OSZE, des Europarats und der Europäischen Union gibt es inzwischen eine Vielzahl politischer und rechtlicher Initiativen, Maßnahmen und Institutionen, die den Schutz und die Anerkennung von Minderheiten, und insbesondere auch der Roma und Sinti-Bevölkerung in den europäischen Staaten gewährleisten sollen. Als jüngste Initiative erwähne ich das vor gut einem Jahr im Rahmen einer Europarats-Initiative gegründete „European Roma and Travelers Forum„.

Aber es bleibt weiterhin viel zu tun: Auch heute noch sind Roma und Sinti in vielen Ländern Opfer von Rassismus und Diskriminierung. Oftmals führen sie eine Randexistenz, die den geltenden Menschenrechtsnormen, denen sich alle europäischen Staaten verpflichtet haben, nicht entspricht . Dies dürfen wir nicht hinnehmen! Roma und Sinti müssen in gleichem Maße wie ihre Mitbürger in ihren jeweiligen Heimatländern frei von Ausgrenzung alle Menschenrechte und Grundfreiheiten genießen können.

Europa – und Deutschland insbesondere – sind sich aus historisch begründeter Verantwortung ihrer besonderen Verpflichtung zu energischer Bekämpfung von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz bewusst. Sie haben daher praktische Schritte ergriffen, eine Wiederholung von Verbrechen, wie sie im letzten Jahrhundert systematisch auch gegen Roma und Sinti in Europa begangen wurden, in heutiger Zeit unmöglich zu machen. Ausstellungen wie die heute von uns eröffnete sollen dazu beitragen, das kollektive Bewusstsein für diese fortwährende Verantwortung zu bewahren und für die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft zu schärfen. In diesem Sinne wünsche ich der Ausstellung auf allen ihren Stationen in Europa viel Erfolg!

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