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Abschlussrede von Außenminister Steinmeier beim Forum "Menschen bewegen"

15.04.2016 - Rede

-- es gilt das gesprochene Wort --

Meine Damen und Herren,

„Menschen bewegen“ – das ist das Motto unserer Konferenz. Und wenn es stimmt, was man mir berichtet hat, dann ist es ja vor allem gestern Nacht im Tresor wahrhaftig sehr bewegt zugegangen…

Die Debatten und Workshops der letzten drei Tage haben gezeigt, wie viele Akteure mit Elan, Energie und Kreativität bei uns in Kultur und Bildung aktiv sind. Dafür danke ich an allererster Stelle all denen, die hier in Berlin die Türen ihrer Institutionen und allen Teilnehmern die Herzen, Augen und Ohren geöffnet haben! Vom Technik-Museum bis zum Haus der Kulturen der Welt von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz bis zum Gorki-Theater, von den Berliner Festspielen bis zu Savy Contemporary reicht die Liste. Und damit habe ich sie noch gar nicht alle genannt. Aber mit einem großen Applaus sollten wir ihnen allen – auch Andreas Görgen und seinem Team - danken!

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Meine Damen und Herren,

„Menschen bewegen“, so hießen bereits unsere Foren 2006 und 2008. Und eine Initiative, die aus diesen Foren entstanden ist, und die seitdem unzählige Menschen bewegt hat, möchte ich an dieser Stelle hervorheben: Die Partnerschulinitiative. In meiner ersten Amtszeit haben wir unsere Bildungsarbeit im Ausland umgestellt und erweitert. Wir haben damals gesagt, wir wollen von der Schule an einen Beitrag dazu leisten, dass in kultureller Vielfalt und in Respekt vor einander Verbindendes entstehen kann. Durch einen besseren Zugang zu unserer Sprache und Kultur auch da, wo Kinder - und Eltern - nicht gleich das komplette Unterrichtsprogramm unseres Landes haben können oder wollen.

Während meiner letzten Reise nach Mozambik haben wir eine Absolventin der Escolia Comercial de Maputo, einer von zwei Partnerschulen dort getroffen. Und diese junge Frau sagte einen Satz, der mich seitdem begleitet: „Deutsch ist mein Partner geworden“. Sie hat Deutsch gelernt, Arbeit gefunden in einem deutschen Unternehmen, das in Mosambik Infrastrukturanlagen plant, und wird nun wahrscheinlich im Rahmen einer dualen Ausbildung nach Deutschland kommen, um hier noch mehr zu lernen und noch besser beitragen zu können zu einer besseren Entwicklung ihres Landes. Wirklich: Deutschland ist dank der Partnerschulinitiative ihr Partner geworden.

Und nicht nur für diese junge Frau: Aus rund 400 deutschen Schulen im Ausland sind heute zusätzlich 1.800 Partnerschulen geworden. Einige hundert unserer Partnerschülerinnen und -schüler, ihre Lehrerinnen und Lehrer und viele Vertreter aus dem Bildungssektor sind heute hier anwesend. Darüber freue ich mich ganz besonders. Seien Sie herzlich willkommen!

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Meine Damen und Herren,

„Menschen bewegen“. Das steht als Motto nicht nur über dieser Konferenz. Sondern dahinter steht unsere Außenpolitik insgesamt.

Ich bin überzeugt: Wir müssen die Verbindungen zwischen „Innen und Außen“ heute neu denken, zwischen dem, was innerhalb und außerhalb unseres Landes geschieht. Gerade heute, in einer Zeit, in der Deutschland global vernetzt ist wie kaum ein anderes Land. Gerade heute, in einer Zeit, in der Friedensarbeit nur noch im globalen Maßstab zu denken und zu leisten ist. Und vor allem: gerade heute, in einer Zeit, in der Krisen und Konflikte mit einer Vehemenz und Dichte auf uns einstürmen, die wir zuvor so noch nie erlebt haben.

Warum ist gerade in dieser krisengeschüttelten Welt Kultur und Bildung so wichtig? Was hat das mit Außenpolitik zu tun? Und warum arbeiten wir so energisch sozusagen an einer Runderneuerung des kulturellen Profils eben dieser Außenpolitik?

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Mit einem Beispiel will ich beginnen.

Liebe Hiba Jaafil, ich freue mich sehr, dass Sie heute hier sind.

Frau Jaafil ist die Fußball-Trainerin der libanesischen Mädchen-Nationalmannschaft. In ihrem Team spielen viele Mädchen, deren Eltern zunächst alles andere als begeistert waren: „Fußball! Das ist kein Frauensport! Nichts für meine Tochter!“ hieß es da. Trotzdem kamen die Mädchen. Und: In Jaafils Mannschaft trafen die Mädchen dann auf Mitspielerinnen unterschiedlichster Herkunft. Schiiten, Sunniten, Drusen, Christen. Auf dem Rasen kamen alle zusammen und kämpften gemeinsam. Mit Erfolg!

Sie müssen wissen: Bis zum letzten Jahr hatte Libanon noch nie einen internationalen Fußballtitel gewonnen. Dann kamen Jaafil und ihre Mädchen! Und holten den Arab Women’s Cup. Ein Triumph für die Spielerinnen. Ein Triumph, der selbst die skeptischen Eltern mit Stolz erfüllte und der vor allem eines zeigte: wie Kultur und Sport dabei helfen können, gesellschaftliche Tabus zu hinterfragen, Unterschiede zu überbrücken und Gemeinsames und Verbindendes neu zu schaffen – in kultureller Vielfalt.

Darum geht es also in unserer Arbeit und deshalb lassen Sie mich versuchen, ein paar Gedanken zu diesen Zusammenhängen zu formulieren.

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Bis 1989/90 haben wir gelebt in einer Welt scheinbarer Gewissheiten. Die Welt war beherrscht von zwei großen Systemen. Das eine wurde von Washington aus gesteuert, das andere von Moskau aus. Diese Blockkonfrontation ist untergegangen – zum Glück! Aber es ist keine neue Ordnung an die Stelle der alten getreten. Die Welt ist auf der Suche nach einer neuen Ordnung. Dieses Ringen um Einfluss, um Vorherrschaft in unterschiedlichen Regionen der Welt entlädt sich viel zu oft gewaltsam. Und noch viel öfter sehen wir, wie diese Konflikte unter dem Mantel kultureller oder religiöser Auseinandersetzung ausgetragen werden und wie sie überlagert werden von Ideologien, die aus Unterschieden Feindschaften machen.

Ich sage: Gegen Ideologisierung hilft nur Differenzierung. Gegen Ideologie hilft nur Aufklärung!

Und Aufklärung, das bedeutet: einen eigenen Standpunkt haben. Das bedeutet: Unterschiede erkennen und benennen. Das bedeutet: Gemeinsames suchen und erarbeiten. Wo immer es geht, die Voraussetzungen für den notwendigen Diskurs zu schaffen, selbst wenn wir real mit vielen Ländern noch weit davon entfernt sind.

Und darum ist die gemeinsame kulturelle Arbeit, sind Zugang zu Bildung und Kultur hier bei uns und gemeinsam mit unseren Partnern in der Welt so wichtig. Aber machen wir uns nichts vor! Wenn das gelingt, ist das eine Chance, noch keine Garantie! Es gibt keine Kausalität zwischen Kultur und Bildung auf der einen und Frieden auf der anderen Seite. Künstler, Philosophen und Dichter haben zu höchsten Werten aufgerufen, aber auch zu schlimmsten Verbrechen. Die Beziehungslinien zwischen Kultur und Frieden sind stets brüchig. Wir Deutsche wissen das vielleicht im besonderen Maße.

Aber ich sage auch: bei uns ist erst seit Luther und der Aufklärung die Überzeugung gewachsen, dass Kultur und Bildung ein selbstbestimmtes Leben erst möglich machen! Für Jahrzehnte durften wir mit dem Eindruck leben, dass Selbstverständlichkeiten wie diese sich durchsetzen werden – alles eine Frage der Zeit! Heute – mit Rückbesinnung auf eigene Geschichte, Tradition und Philosophie in vielen Teilen der Welt, stellen wir fest: Die Erde dreht sich schon lange nicht mehr allein um die europäische Sonne. Demokratie und Menschenrechte sind längst nicht überall Ziel und Fixpunkt gesellschaftlicher Entwicklung. In dieser Welt, in der Selbstverständlichkeiten nicht mehr bestehen und wir in Konkurrenz zu anderen Gesellschaftsmodellen stehen, müssen wir wieder lernen, uns zu erklären, für das Erbe der europäischen Aufklärung mit Haltung und Überzeugung einzutreten.

Es geht um das Einüben von Humanität durch Kultur und Bildung. Es geht um eine Kulturpolitik, die hierfür die Bedingungen schafft. Um eine Kulturpolitik, die sich der sozialen Kraft von Kultur sicher ist und diese stärkt.

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Ich möchte Ihnen den Schüler Ilya Pondin vorstellen. Lieber Ilja, ich freue mich, dass Du hier bist. Ilya besucht die Mittelschule 106 in Wolgograd, eine unserer Partnerschulen. Ilja hat den PASCH.net-Wettbewerb zu Spuren des Zweiten Weltkriegs gewonnen – mit einem Beitrag zu Orten der Erinnerung in Wolgograd.

Ich selbst war im letzten Jahr in Wolgograd, um des Endes des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren zu Gedenken. Mehrere Tausend Veteranen waren gekommen. Gemeinsam gedachten wir des Schmerzes und des Leids, die unsere Geschichte, die Geschichte von Deutschen und Russen durchziehen. Auf den Narben dieser Geschichte bemühen wir uns heute um Versöhnung.

Auch Du, Ilja, hast Dich damit beschäftigt. Und Du hast mit Deiner Arbeit gezeigt, wie wichtig es ist, sich mit fremder und eigener Geschichte auseinanderzusetzen. Weil man dadurch sich und den anderen verstehen lernt. Unsere Partnerschulinitiative bereitet dafür den Weg – weit über die Schule hinaus.

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Liebe Frau Fless, lieber Herr Parzinger,

Lassen Sie mich Ihre gemeinsamen Anstrengungen als ein weiteres Beispiel dafür nennen, wie wir durch Engagement in Kultur und Bildung einen Beitrag leisten zu einer friedlicheren und humaneren Welt.

Sie haben dieses Projekt zum Wiederaufbau Syriens „Stunde Null“ genannt. Dabei geht es um Maßnahmen, die von einzelnen Restaurationen bis zu städtebaulichen Konzepten reichen. Und dahinter steht die Frage, wie wir die kulturelle Identität dieses wunderbar vielfältigen Landes Syrien am besten wieder aufbauen helfen, wie wir den Menschen wieder die Möglichkeit geben, sich ihres kulturellen Erbes zu versichern und es zu pflegen. Dafür danke ich Ihnen sehr.

Mit Blick auf die Situation in Syrien möchte ich noch zwei weitere Elemente ergänzen:

Für das erste steht Alaa Kanaieh, eine der vielen jungen Syrerinnen, die in den letzten Monaten zu uns gekommen sind.

Frau Kanaieh ist Ende 20. Sie kommt aus Damaskus. Aber seit einigen Monaten studiert sie mit einem DAAD Stipendium “Software Systems Engineering” an der RWTH Aachen.

Liebe Frau Kanaieh, ich freue mich sehr, dass Sie heute hier sind. Sie haben mit Blick auf ihre Zeit hier in Deutschland gesagt: „Es geht darum, das Beste aus den Möglichkeiten unseres Stipendienprogramms zumachen. Wir möchten so bald wie möglich an der Zukunft unseres Landes arbeiten, sei es in oder außerhalb Syriens.“

Sie, liebe Frau Kanaieh, machen damit ganz klar, warum es so wichtig ist, „Innen“ und „Außen“ zusammen zu denken und zu handeln.

Gemeinsam mit dem DAAD, liebe Frau Professor Wintermantel,
haben wir die Stipendien für Flüchtlinge aus Syrien im vergangenen Jahr von gut 20 auf über 200 erhöht. Wir ermöglichen ihnen eine Ausbildung bei uns, damit sie später in ihrer Heimat wieder Verantwortung übernehmen können.

Auch bei der Philipp Schwartz- Initiative, die wir gemeinsam mit der Alexander-von-Humboldt-Stiftung gestartet haben, steht genau dies im Zentrum, lieber Herr Professor Schwarz!

Verfolgte Wissenschaftler, sogenannte „scholars at risk“, haben in Deutschland die Möglichkeit, frei von Bedrohung weiter zu forschen und ihren Beitrag zu einer Weltgemeinschaft der Wissenschaft zu leisten.

Der Namensgeber der Initiative, Philipp Schwartz, musste in den 30er Jahren selbst fliehen: aus Deutschland, vor den Nazis. Es ist nur richtig, wenn wir es heute sind, die verfolgten Wissenschaftlern helfen. Auch dafür meinen ausdrücklichen Dank an Sie und alle Stiftungen, die sich an dem Projekt beteiligen!

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Meine Damen und Herren,

Wir wollen durch die Förderung von Kultur und Bildung einen Beitrag leisten zu einer humanen Gesellschaft - gerade in Krisenzeiten und -regionen.

Dadurch, dass wir Möglichkeiten schaffen und pflegen, in denen ein offener Diskurs stattfinden kann. Freiräume, in denen gesellschaftliche Themen gezeigt, erzählt, in Bilder und Töne gefasst werden. Wo Gelegenheit besteht, Träume und Traumata von Gesellschaften zum Gegenstand von Austausch zu machen.

Wenn wir von Freiräumen reden, können Sie das ausnahmsweise ganz wörtlich nehmen! Was wir nämlich zu allererst dafür brauchen, ist die kulturelle Infrastruktur der Goethe-Institute, Schulen und Orte der Wissenschaft und der Kultur.

Infrastruktur ist die notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung für gelingenden interkulturellen Austausch.

Wenn wir die innenpolitischen Aufgeregtheiten um das Böhmermann-Gedicht mal beiseitelassen, dann lässt die Kontroverse doch erkennen, wie unterschiedlich das Selbstbewusstsein über die jeweils eigene kulturelle Identität, wie anders Sensibilitäten sind, wie gegensätzlich der Umgang mit kulturellen Äußerungen wie Ironie und Satire ist.

Wir dürfen Unterschiede nicht ignorieren, müssen aber Bereitschaft einfordern, über Unterschiede, ihre Gründe, vielleicht auch ihre Berechtigung zu reden, wo notwendig auch streiten. Und das nicht nur auf der Ebene staatlicher Politik, sondern noch mehr in der Begegnung von Gesellschaften, da wo Exponenten der Zivilgesellschaft, der Kultur sich um den Prozess von Verstehen und Verständnis bemühen.

Denn eine friedlichere Ordnung der Welt entsteht nicht am Reißbrett der Staatenlenker - in abriegelten Konferenzhotels auf roten Teppichen. Die Suche der Welt nach neuer Ordnung ist ein stetiges Ringen, das viel tiefer reicht: Ein Ringen um Wahrheiten, die Erkenntnis, dass es häufig genug mehr als nur eine Wahrheit gibt und die Gewissheit, dass es ganz verschiedene Wahrnehmungen derselben Wirklichkeit gibt, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen, wenn wir die Chance auf eine friedliche Entwicklung der Welt erhalten wollen. Mit anderen Worten: Wir müssen wir mehr begreifen von den zugrunde liegenden Narrativen. Wir müssen jene tradierten Geschichten, Bilder und Erzählmuster reflektieren, die die politischen, religiösen und sozialen Verhältnisse über die faktische Ordnung hinaus begründet haben und begründen. Sie sind meistens nicht die Ursache von machtpolitischen Konflikten, aber überlagern sie. Wer sie nicht kennt oder ignoriert, der wird auf der Suche nach Lösungen in solchen Konflikten immer wieder scheitern.

Gerade die Politik muss sich Mühe geben mit ihrer Wahrnehmung. Denn Politik heißt Handeln, oftmals mit mächtigen Mitteln und schwerem Gerät. Umso größer die Gefahr, wenn das Handeln von falschen Voraussetzungen ausgeht!

Von all dem erzählt eine wunderbare Geschichte aus Mosambik, die mir zu Ohren gekommen ist, als ich vor einigen Wochen in Afrika war.

Ein Affe, so lautet die Fabel, ging einmal an einem Fluss entlang und sah darin einen Fisch. Der Affe sagte: 'Der Arme ist unter Wasser, er wird ertrinken, ich muss ihn retten.' Der Affe schnappte den Fisch aus dem Wasser, und der Fisch begann zwischen seinen Fingern zu zappeln. Da sagte der Affe: 'Sieh an, wie fröhlich er jetzt ist.'

Doch natürlich starb der Fisch an der freien Luft. Da sagte der Affe: 'Oh wie traurig – wär ich nur ein wenig früher gekommen, ich hätte ihn retten können.'

Sie sehen: Da ist einer, bei dem die Problemlösung von falschen Voraussetzungen ausgeht.

Deshalb braucht es Kultur! Denn: Kultur schärft die Wahrnehmung und Wahrnehmung ist der Anfang aller Diplomatie. Deshalb ist "Kulturpolitik" für mich eben nicht nur eine Politik der Kultur, sondern auch eine Kultur der Politik.

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Lieber Bonaventure und lieber Hermann Parzinger, in ihren Workshops gestern haben sie sich der Frage der unterschiedlichen Wahrnehmung von zwei ganz verschiedenen Seiten gewidmet. Und ich habe mir berichten lassen, dass sich dabei ein starkes verbindendes Element gezeigt hat. Bonaventure hat das „unlearning the given“ genannt. Die Notwendigkeit, die eigenen Grundannahmen durch einen fremden Blick in Frage stellen zu lassen.

Und in der Tat: wir dürfen die Augen nicht davor verschließen, dass unsere Vorstellung von Ordnung für andere Länder und Kontinente dort Grund zur Unordnung sein mag. Ein wirklicher Dialog kann sich nur dann einstellen, wenn wir das erkennen und eingestehen – und das sage ich nicht nur mit Verweis auf die koloniale Vergangenheit.

Sondern ich sage das auch mit Blick auf Deutschland als Einwanderungsland. Schon vor Beginn der aktuellen Fluchtsituation waren wir das Land, das einen höheren Anteil von Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund hatte. als das klassische Einwanderungsland schlechthin, die USA. Als ich das in den USA erzählt habe, wurde ich erst ungläubig angeguckt und dann wollte man Statistiken sehen…

Aber es stimmt! Und all diese Menschen sind gekommen in ein demokratisches Land, ein Land mit einer offenen Gesellschaft und ein Land, das international Verantwortung übernimmt. Und gemeinsam mit ihnen wollen wir dafür sorgen, dass das so bleibt.

Dazu gehört, dass die Menschen, die neu in unser Land gekommen sind, hier eine Heimat finden. Dabei müssen wir helfen. Gerade auch mit kultureller Arbeit und mit dem Zugang zu Bildung und Ausbildung. Und ich bin sicher: dabei kann die Erfahrung, die Sie alle in der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik gesammelt haben, nur helfen.

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Meine Damen und Herren,
wir wollen in den kommenden Wochen und Monaten auch kulturpolitisch ein besonderes Augenmerk auf Europa richten. Beginnen wollen wir damit in wenigen Wochen, auf der Europäischen Schriftstellerkonferenz in Berlin.

Es ist schon mehr als drei Jahre her, dass Nicol Ljubic, Mely Kiyak, Antje Rávic Strubel, Tilman Spengler und ich bei einem Glas Rotwein über Europa diskutierten – und zwar sehr grundsätzlich: Was hält Europa überhaupt noch zusammen? Was macht heute den Kern der europäischen Idee aus? Ist Europa zum technokratischen Projekt verkümmert, oder bleibt es eine kulturelle und zivilisatorische Vision?

Wir beschlossen, dieses Gespräch fortzusetzen, aber nicht zu fünft am Küchentisch, sondern auf einer europäischen Schriftstellerkonferenz. Tilman Spengler hat das später so auf den Punkt gebracht: „Eigentlich ist das, was wir vorhaben, keine Konferenz, sondern eher so etwas wie ein permanentes Gespräch unter erzählenden Autoren, das nie zu enden scheint.“

In einigen Wochen, Anfang Mai diesen Jahres, wollen wir es fortsetzen - diesmal unter dem Motto „Grenzen Nieder Schreiben“.

In diesem Motto schwingt mehreres mit. Zum einen lädt es ein, all das zu benennen, was Menschen in Europa heute trennt – sei es als Schlagbaum oder Stacheldraht an den Grenzen, sei es als Misstrauen oder Unduldsamkeit in den Köpfen. Ich verstehe die Formulierung aber auch als Erinnerung an eine europäische Urerfahrung: Auch wenn es manchmal schwer sein mag, auch wenn es Widerstände und Rückschläge gibt – Grenzen lassen sich überwinden, geistig und kulturell und auch in der Politik!

Vorbereitet und begleitet wurde diese Konferenz durch viele andere Treffen, vor allem in den Ländern der sogenannten östlichen Partnerschaft. Ich möchte hier eines besonders erwähnen: Das Literaturfestival in Odessa, von dem eine Zeitung im vergangenen Jahr schrieb: „Dieses Literaturfestival hat die Ukraine verändert“.

Weil nämlich in diesem Gespräch, in den Lesungen und Diskussionen der Schriftstellerinnen und Schriftsteller eine Ahnung davon entstanden war, welche Interessen eigentlich im Kern ausgeglichen werden müssten, und wie das geschehen könnte. Genau das ist die unverzichtbare kulturelle Arbeit mit und durch die Literatur, die Günter Grass im „Treffen in Telgte“ beschrieben hat und die uns heute noch ein Leitgedanke ist!

Das wird aber nur gelingen, wenn wir - und damit meine ich in erster Linie Sie, die Freunde aus der Kultur - weiter schreiben an europäischen Geschichten! Ich bin überzeugt: Gerade in diesen Zeiten haben die Stimmen der europäischen Autorinnen und Autoren besonderes Gewicht in einem Europa und für ein Europa, das nicht aufhört, Grenzen zu überwinden – in und für ein Europa, das schon überwundene Grenzen nicht neu errichtet.

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Meine Damen und Herren,

Wir haben heute den Bericht zur Auswärtigen Kulturpolitik vorgestellt. Er gibt Ihnen einen Blick auf das, was wir tun.

Nämlich genau die Zugänge und Möglichkeiten schaffen und erhalten, die Bildung und Kultur gedeihen lassen.

Zuallererst ringen wir mit Partnern in aller Welt, Bereitschaft zu zeigen, Fremdes nicht als Bedrohung zu empfinden, Offenheit für Austausch zu zeigen und die Möglichkeiten genau dafür zu schaffen.

Trotzdem kann sich verantwortliche Kulturpolitik nicht der Entscheidung entziehen, ob und was wir fördern. Nicht alles und nur, was Sinn macht. Aber doch insgesamt inzwischen mehr als noch vor einigen Jahren, als die Debatte nur noch um die Frage kreiste: Wie viele Goethe-Institute schließen wir, und wie viele Grabungsstätten gibt das Deutsche Archäologische Institut auf. Ja, deshalb ringen wir auch innerhalb der Bundesregierung um Geld. Reisen, Reden, aber immer auch Rechnen, das ist der Alltag Auswärtiger Kulturpolitik. Und ja, Infrastruktur kostet Geld. Der Bau von gerade einmal einem Kilometer Autobahn kostet laut einem Statistikportal etwa zehn Millionen Euro. Sicher gut ausgegebenes Geld!

Gleichzeitig geben wir pro Jahr rund 1,6 Mrd. Euro aus für Goethe-Institute, Schulen, Sprachunterricht, Universitätsprojekte, Ausstellungen und Archäologie. Kurz: für die gesamte kulturelle Infrastruktur in der ganzen Welt außerhalb Deutschland! Umgerechnet auf Autobahn-Kilometer entspräche das also gerade einmal der Strecke von Berlin nach Leipzig!

Ich finde: für ein Land, dessen Zukunft sich zwischen Amerika und China, zwischen Moskau und Johannesburg entscheidet, ist das nicht zu viel. Sondern diese kulturelle Infrastruktur wollen und müssen wir sichern und ausbauen!

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Dazu bauen wir auf starke und unabhängige Partner und unterstützen diese, wie in dieser Legislaturperiode bereits das Goethe-Institut und die Auslandsschulen, und im kommenden Jahr auch die Außenwissenschaftspolitik mit den Flaggschiffen DAAD, dem DAI und Alexander von Humboldt-Stiftung.

Wir haben aber den Kreis der Partner noch um einen entscheidenden Punkt erweitert. Wir wollen auf lange Sicht wegkommen von einer Außenpolitik der Staaten zu einer Außenpolitik der Gesellschaften. Das hat uns der Begründer der modernen Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, Ralf Dahrendorf, ins Stammbuch geschrieben und diesem Auftrag wollen wir noch besser gerecht werden.

Daher haben wir hier einen neuen Schwerpunkt gelegt: über die Sondermittel zum Aufbau von Zivilgesellschaft in den Ländern der Östlichen Partnerschaft, über die Internationalisierung der Bundeszentrale für Politische Bildung und bis hin zum strategischen Dialog mit den Stiftungen. Und ich bin allen hieran Beteiligten ganz besonders dankbar.

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Meine Damen und Herren,

Kultur und Bildung – das ist die Hoffnung auf Teilhabe und Mitgestaltung. Das Freiheitsversprechen und das Versprechen von Humanität. Diese Hoffnung wollen wir nicht enttäuschen und dieses Versprechen wollen wir halten. Wir sind überzeugt: Die soziale Kraft von Kultur und Bildung stärken, ist der beste Weg zu einer friedlicheren Welt. Zu einer Welt, in der aus Unterschieden nicht Missverständnisse, aus Missverständnissen nicht Konflikte, aus Konflikten nicht Kriege werden.

Und wenn wir uns versichern wollen, wie genau das gelingen kann, dann müssen wir nicht weit schauen. Wir müssen uns nur hier im Saal umgucken. Denn die lebendigen Beispiele für eine erfolgreiche Kultur – und Bildungsarbeit sind mitten unter uns.

Es sind Menschen wie die syrische Stipendiatin Alaa Kanaieh, der russische Schüler Ilya Pondin, die libanesische Fußballtrainerin Hiba Jaafil und unzählige andere, die heute hier sind. Sie alle sind Menschen, die etwas bewegen.

Und die uns bewegen.

Dafür meinen herzlichen Dank! Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend!

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