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Antrittsrede von Staatssekretär Stephan Steinlein aus Anlass der Amtsübergabe

23.01.2014 - Rede

-- es gilt das gesprochene Wort --

Sehr geehrter Herr Bundesminister,
lieber Michael Roth,
liebe Frau Haber,
lieber Markus Ederer,
lieber Harald Braun,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

am Anfang ein dreifacher Dank! Zunächst an Sie, Herr Bundesminister, für den großen Vertrauenserweis, der in dieser Ernennung liegt. Diese Art Vertrauen ist nicht selbstverständlich, auch nicht nach vielen Jahren enger Zusammenarbeit! Es ist mir eine Ehre und eine Freude, für Sie, für Dich, als Staatssekretär zu arbeiten. Und ich werde alles tun, um den Erwartungen und Herausforderungen gerecht zu werden!

Mein zweiter Dank geht an Sie, Frau Haber, lieber Herr Braun, für die kollegiale Weise, in der wir die Wochen des Übergangs gestaltet haben. Sie haben mir beide mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Sie haben mir gesagt, was zu tun ist - und was besser nicht. Das ist, wenn ich mir andere Häuser anschaue, nicht selbstverständlich. Es ist Teil der solidarischen Kollegialität, die es im Auswärtigen Amt mehr als anderswo gibt und die dieses Haus zu einem ganz besonderen macht.

Schließlich geht mein Dank an Sie alle, liebe Kolleginnen und Kollegen. Sie haben mich schon zum zweiten Mal nach einigen Jahren der Abwesenheit wieder mit offenen Armen aufgenommen. Ich bin gern wieder hier. Und ich hoffe, dass Sie am Ende nicht sagen werden: „Gott sei Dank sind wir ihn endlich wieder los!“

Kaum einem, der an einem solchen Tag hier oben steht, ist das an der Wiege gesungen worden. Mir jedenfalls war es das nicht. Ich bin ein Kind von 1989. Ich kenne dieses Gebäude noch aus eigener Anschauung als die finstere Trutzburg eines wirtschaftlich und moralisch heruntergekommenen Regimes. Und auch meine erste, prägende Begegnung mit dem Auswärtigen Amt fand im Winter 1989 statt. Es war in der Nähe des Wannsees, im alten West-Berlin. Mit einer Gruppe von Leuten aus Polen, den USA, den Niederlanden, aus Ost- und Westdeutschland, waren wir zusammengekommen, um das verfallene Gut des Grafen Moltke in Schlesien als internationale Begegnungsstätte aufzubauen. Unser Ziel war ein geeintes, demokratisches Europa. Wir wollten einen Ort schaffen, wo über die gemeinsame Zukunft unseres Kontinents nachgedacht wird.

Mit dabei war auch ein Referatsleiter aus der Kulturabteilung des Auswärtigen Amts, Herr Weisel, Referatsleiter 614. Das Amt hatte ihn, so vermute ich heute, als Aufpasser geschickt, um zu verhindern, dass von uns bürgerbewegten Laien allzu viel Unsinn ausgebrütet wird. Aber was mich damals sehr beeindruckt hat: Diesen Mann hielt es nicht in seiner Beobachterrolle! Er ließ sich von unserer Begeisterung anstecken. Er krempelte – durchaus buchstäblich - die Ärmel hoch und schrieb mit uns gemeinsam den ersten Entwurf für die Satzung der „Stiftung Kreisau für europäische Verständigung“.

Mir hat dieser Mann damals sehr imponiert.

Ich hatte in meinem früheren Leben durchaus Beamte getroffen, die Dinge verhindern und kontrollieren wollten. Aber ich hatte noch keinen einzigen getroffen, der für Mitgestaltung und echte Veränderung stand. In diesem Moment kam mir zum ersten Mal in den Sinn, einmal selbst den Beruf des Diplomaten zu ergreifen. Eine Idee, mehr war es damals nicht.

Zufall und Fügung haben mich dann ein Jahr später tatsächlich in das Auswärtige Amt gebracht. Diese Begegnung hat bis heute mein Bild vom Diplomatenberuf geprägt:

Ein guter Diplomat ist kein Verhinderer und Bedenkenträger.

Ein guter Diplomat ist ein Ermöglicher!

Er ist ein Übersetzer in Situationen, wo es anderen die Sprache verschlägt.

Er überwindet Spaltung und Sprachlosigkeit.

Und vor allem: Er sorgt dafür, dass aus Stillstand Bewegung entsteht!

Ich war sechs Jahre im Kanzleramt, vier Jahre in der SPD-Bundestagsfraktion. Ich habe gern dort gearbeitet. Ich habe viel über andere Häuser und noch mehr über Politik gelernt. Aber ich habe nie vergessen, woher ich komme und welchem Haus ich meine Prägung verdanke. Nicht weil Diplomaten etwas besonders Feines sind. Nicht, weil man als Angehöriger des AA die Nase besonders hoch tragen sollte. Sondern weil es in diesem Haus großartige, kluge Menschen mit großem Weitblick gibt. Gestatte mir, lieber Markus, an dieser Stelle ein persönliches Wort: Zu diesen großartigen, klugen Menschen, die man hier findet, hast Du für mich immer in ganz besonderer Weise gehört. Ich freue mich, dass wir beide heute gemeinsam hier vorn stehen. Schon bei unserer ersten Begegnung in Polen Mitte der 90er Jahre ist der Funke zwischen uns übergesprungen. Und hat zu einer tiefen beruflichen und persönlichen Verbundenheit geführt.

Ich habe mich als Büroleiter von Frank-Walter Steinmeier mit vielen Sachen beschäftigt, mit denen ein normaler Diplomat normalerweise nicht so häufig in Berührung kommt. Steuern, Energie, Rente, Gesundheit, Forschung – kaum ein Politikbereich, mit dem ich nicht irgendwann einmal in Kanzleramt oder in der Fraktion zu tun hatte. Immer gab es Leute, die viel mehr von den einzelnen Materien verstanden. Aber ich hatte hier in diesem Haus etwas gelernt, was ebenso wichtig wie Fachkompetenz ist:

- die Überwindung der Kirchturmperspektive,

- ein Wissen darum, dass wir nicht allein sind in der Welt,

- dass wir hineinverflochten sind in eine lange, Ländergrenzen überschreitende Geschichte.

Und noch eines habe ich hier gelernt: Dass Freiheit, Wohlstand und Frieden nie sicher, sondern extrem voraussetzungsvoll und immer wieder neu zu erkämpfen sind.

Diese Kultur der Weltoffenheit, der Neugier, des gestalterischen Ehrgeizes ist unsere Stärke. Und solange wir auf diese Stärke setzen, muss uns um die Zukunft unseres Dienstes nicht bange sein.

Allerdings gilt auch: Selbstbewusstsein ist gut. Selbstzufriedenheit aber führt schnurstracks ins Verderben! Ecclesia semper reformanda, hieß es bei Luther, und was für die Kirche gilt, gilt für ein Ministerium allemal. Ich war schon sehr erstaunt, als ich nach vier Jahren Abwesenheit in die D-Runde kam und außer Frau Haber kein einziges weibliches Gesicht sah. Das Auswärtige Amt muss, und das ist mein erster Punkt, ein Spiegel der Gesellschaft sein. Und die ist heute weiblicher, bunter, vielfältiger! Vielfältiger auch in ihren Lebensentwürfen und Karriereplanungen. Die jungen Menschen, die zu uns kommen, erwarten in dieser Hinsicht mehr von ihrem Dienstherren. Und ein moderner auswärtiger Dienst hat dafür offen zu sein.

Zweitens: Die außenpolitische Agenda verändert sich. Neue Themen drängen nach vorn. Bundesminister Steinmeier hatte in seiner ersten Amtsperiode Energie- und Klimaaußenpolitik zu einem seiner Markenzeichen gemacht. An diesen Themen müssen wir weiterarbeiten. Und gleichzeitig sehen, dass mit Themen wie Cyber-Außenpolitik in der Zwischenzeit neue Fragen und Herausforderungen aufgetaucht sind.

Dritter Punkt: Naturgemäß wachsen in einer vernetzten Welt die Schnittstellen mit anderen Ressorts. So etwas geht nicht ohne Eifersüchteleien und Revierkämpfe ab. Mir liegt daran, dass wir unsere Zeit nicht mit fruchtlosen Zuständigkeitsstreitereien verbringen. Führung übernimmt man, indem man Vorbild ist. Lassen Sie uns Vorschläge machen, die so gut sind, dass andere sich ihnen nicht verweigern können! Das ist die Haltung, die wir brauchen. Und Schluss mit der Klage über den angeblichen Bedeutungsverlust des AA!

Vierter Punkt. Wir haben uns immer als Türöffner der Wirtschaft verstanden. Und das wollen wir auch in Zukunft sein. Aber Türöffner sein gilt nicht nur punktuell. Wir sollten gemeinsam mit der deutschen Wirtschaft nach Wegen suchen, wie wir neue Märkte sowohl regional als auch sektoral aufschließen. Ein Kontinent im Aufbruch wie Afrika bietet ganz neue Chancen. Wir sollten die sein, die hier ganz vorne sind!

Fünftens: die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik. Wir haben zum Glück einen Minister, für den dieses Thema einen hohen Stellenwert hat. Vor 6 Jahren ist es uns gelungen, mit dem PASCH-Konzept und dem Schwerpunkt Außenwissenschaftspolitik die Initiative zu übernehmen. Lassen Sie uns daran anknüpfen und zunächst einmal bei den anstehenden Haushaltsverhandlungen den geplanten Abbau bei den Stipendienmitteln auf die Hörner nehmen. Ein Land wie Deutschland braucht offene Fenster und Türen. Und genau das ist die Aufgabe der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik.

Das sind nur einige, wenige Anstriche. Mir ging es darum, in dieser kurzen Ansprache die Haltung deutlich zu machen, die ich mir wünsche und für die ein gutes Auswärtiges Amt steht: Selbstbewusstsein, Gestaltungswille, Neugier, Kreativität. Was das dann konkret für die einzelnen Arbeitseinheiten hier im Haus heißt, werden wir gemeinsam in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren ausbuchstabieren. Sie werden in mir einen Gesprächspartner finden, der offen ist für Ideen, der offen ist für Anregungen, und der offen ist für Kritik. Wer mich ein wenig kennt, der weiß, dass ich immer einen offenen, diskursiven Führungsstil gepflegt habe. Das funktioniert aber nur, und auch das will ich mit aller Deutlichkeit sagen, wenn eine Grundvoraussetzung gilt: Was unter uns besprochen wird, bleibt unter uns! Loyalität ist in diesem Haus immer hochgehalten worden und ich erwarte, dass das in Zukunft auch so bleibt.

Ich trete dieses Amt mit großem Respekt vor der Aufgabe an. Ich weiß, was es heißt, in der Tradition eines Hans-Friedrich von Ploetz, eines Wolfgang Ischinger, eines Reinhard Silberberg zu stehen, um nur die zu nennen, die mir Vorbild waren und sind. Ich werde alle meine Kräfte einsetzen, dass wir gemeinsam, als Amtsleitung und als Haus, an einem Strang ziehen. Erfolg werden wir nur gemeinsam haben. Herr Bundesminister, lieber Michael Roth, lieber Markus Ederer, liebe Kolleginnen und Kollegen, ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit!

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