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Rede von Außenministerin Baerbock zum Tag der Deutschen Einheit

03.10.2022 - Rede

Vor 18 Jahren stand ich zusammen mit hunderten Menschen auf der Brücke zwischen dem polnischen Slubice und Frankfurt an der Oder. Um Mitternacht erklang die Europa-Hymne, Feuerwerkskörper schossen in den Himmel, Menschen lagen sich in den Armen. Es war die Nacht des 1. Mai 2004 und Polen trat in diesem Moment der Europäischen Union bei. Den Menschen auf der Brücke stand das Glück Europas ins Gesicht geschrieben. Dieses Gefühl, dieses Glück ist für mich untrennbar mit Ihrem Land verbunden. Deswegen freut es mich sehr – und es war mir persönlich sehr wichtig – den Tag der deutschen Einheit heute in Warschau zu verbringen. Denn auch der 3. Oktober ist ein deutscher und ein europäischer Glückstag.

Der 1. Mai 2004 wäre nicht ohne den 3. Oktober möglich gewesen. Aber auch der 3. Oktober ist nicht ohne den 1. Mai 2004 denkbar. Ich möchte deshalb an etwas erinnern, das in Deutschland manchmal zu selten gesagt wird: Wir Deutsche hätten das Kapitel unserer Wiedervereinigung nicht ohne den Mut der Polinnen und Polen schreiben können. Es gibt ein Liebesgedicht von Wislawa Szymborska, in dem sie schreibt:

„Jeder Anfang / ist nur Fortsetzung, / und das Buch der Ereignisse /ist immer aufgeschlagen, mittendrin.“

Lange bevor in Deutschland die Mauer fiel, gingen hier tausende Menschen mit der Solidarnośź-Bewegung auf die Straße. Sie forderten Mitsprache, Demokratie und Freiheit für Ihr Land – und ein neues, freies, gemeinsames Europa. Ich denke an die Arbeiterinnen und Arbeiter, die auf der Werft in Danzig die erste freie Gewerkschaft des Ostblocks gründeten. An die vielen starken Frauen, die vielleicht nicht auf allen Fotos in der ersten Reihe standen, aber so wichtig sind für diesen Protest. An die Straßenbahnfahrerin Henryka Krzywonos, die heute Abend auch bei uns ist. Ich grüße Sie ganz herzlich! Sie haben damals die Solidaritätsstreiks der Verkehrsbetriebe organisiert. Ich denke an die Schauspielerin Krystyna Janda, die beim „Festival des verbotenen Liedes“ Protestsongs gesungen hat. Ich denke an die Millionen mutigen Frauen und Männer, die damals auf die Straße gingen und laut und deutlich sagten: Wir wollen frei sein!

Der Sog dieser Freiheitsbewegung hat damals auch Deutschland erfasst. Es waren auch die Bilder aus Danzig, aus Krakau, aus Warschau, die die Deutschen 1989 auf die Straße gebracht und die ihnen Mut gegeben haben. Bis die Mauer fiel und bis Deutschland wiedervereint war – in einem freien Europa.

Ich selbst bin 1980 geboren. Ich bin in Westdeutschland aufgewachsen und habe den Kalten Krieg nur als Kind erlebt. Drei Viertel meines Lebens habe ich in diesem geeinten, friedlichen Deutschland verbracht. Wenn meine Generation und Generationen danach heute in Europa demonstrieren geht, fürs Klima oder für Frauenrechte oder für unser gemeinsames Europa, dann wissen wir: Danach geht es wieder nach Hause, ins Kino, zu unseren Freundinnen und Freunden oder zu unseren Familien. Meine Kinder sind jetzt 7 und 11, geboren in Berlin und Potsdam. Für sie sind Ost und West nur Himmelsrichtungen. An diesen freien Himmel, an diese Freiheit denke ich, wenn ich die mutigen Menschen sehe, die heute gegen autoritäre Regime aufstehen – in Teheran, in Minsk oder in Moskau. Diese Menschen haben unsere Solidarität verdient. Es ist ihr Mut, der eine Gesellschaft verändern kann. Es ist diese Art von Mut, die auch die deutsche Wiedervereinigung ermöglicht hat. Und ich sage als Außenministerin, als Politikerin ganz bewusst: Diese Freiheit wurde nicht von oben verordnet oder von oben gemacht. Das war keine Idee einer Partei oder einer Regierung und kein Kabinettsbeschluss. Es war der Wille und der Mut der Bürgerinnen und Bürger, der diese Freiheit gebracht hat.

Der 3. Oktober wäre ohne den Mut aus dem November 1989 nicht zu feiern. Der Mut von Menschen, die damals auf die Straße gingen und nicht wussten, was dieser Protest bringen wird. Die nicht wussten, ob sie dieser Protest den Job kosten wird oder ob er sie ins Gefängnis bringt. Und sie haben es trotzdem gemacht – erst in Polen, dann in Deutschland.

Und heute kann ich Ihnen sagen: Ich bin stolz, dass Polen dieses wiedervereinte Deutschland zu seinen Freunden zählt. Das war möglich weil Sie, vor allem Dingen als Bürgerinnen und Bürger, uns die Hand gereicht habt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, nach furchtbarsten deutschen Verbrechen, waren Polinnen und Polen bereit, sich uns zuwenden. Dafür sind wir ewig dankbar.

Ich möchte hier jetzt gar nicht die ganzen Statistiken aufzählen, wie viele deutsch-polnische Unternehmen wir heute haben, wie viele Jugendaustausche, Studierende und deutsch-polnische Vereine. Das ist beeindruckend – aber unsere Beziehungen sind mehr als diese Institutionen. Wir sind miteinander verbunden, auf ewig, als Enkelinnen und Enkel, als Schwiegersöhne, als Kolleginnen und Kollegen, als Nachbarn, als Freundinnen.

Was wir haben, ist eine Herzensfreundschaft zwischen Millionen von Menschen. Eine Freundschaft und Partnerschaft, die stärker ist als politische Meinungsverschiedenheiten. Eine Freundschaft, an der wir immer neu arbeiten müssen, so herausfordernd das manchmal sein mag – um eine Erosion dessen zu verhindern, was wir durch den Nachbarschaftsvertrag erreicht haben. Das ist unsere politische Verantwortung. Polen zählt zu unseren wichtigsten Partnern in der EU. Und ich freue mich sehr, dass das Gefühl, das ich 2004 auf der Oder-Brücke gespürt habe, nicht verflogen ist. Heute wie damals eint die Menschen unserer Länder der starke Wunsch, Teil dieser Europäischen Union zu sein. Eine Europäische Union, die so viel mehr ist als ein gemeinsamer Binnenmarkt. Eine Europäische Union, die vor allen Dingen Freiheits- und Friedensunion ist. Denn gerade jetzt sehen wir, dass eine handlungsfähige Europäische Union kein Selbstzweck ist, sondern unsere gemeinsame Lebensversicherung.

Seit sieben Monaten erleben wir auf dem europäischen Kontinent einen Krieg, der mit brutaler Feder ein neues Kapitel unserer Geschichte schreibt. Die Ukrainerinnen und Ukrainer kämpfen in diesem Krieg nicht nur um das Überleben ihres Landes, sie kämpfen auch für ein freies, für unser Europa. Und wieder steht Polen im Zentrum derer, die diesen Freiheitskampf auf allen Ebenen, vor allem als Bevölkerung, unterstützen. Was Polinnen und Polen seit dem 24. Februar geleistet haben an Unterstützung für die Ukraine, das ist einmalig und erfüllt mich mit größtem Respekt.

Auch deshalb bin ich heute hier. Wir werden in unserer Unterstützung für die Ukraine nicht nachlassen, gemeinsam mit unseren Partnern in der EU und in der NATO. Denn wir Deutsche werden nie vergessen, dass wir unser Leben in Freiheit, in einem wiedervereinten Land im Herzen Europas, auch unseren Verbündeten und Nachbarn zu verdanken haben. Genauso wie sie für uns da waren, werden wir jetzt für sie da sein. Das gilt für die Ukraine. Das gilt aber auch für Polen. Wir werden für euch da sein. So wie ihr für uns da wart als wir euch am dringendsten brauchten. Denn die Sicherheit Osteuropas ist Deutschlands Sicherheit! Darauf können Sie sich verlassen.

Und jetzt wünsche ich uns allen – trotz allem, oder gerade deswegen –einen schönen, einen fröhlichen Abend: Weil wir wissen, wie kostbar, wie zerbrechlich unsere Freiheit, unsere Sicherheit und unser Friedensprojekt Europa ist. Lassen Sie uns heute Abend auch darauf anstoßen, dass Polen und Deutschland unser „Buch der Ereignisse“ aus dem anfangs zitierten Liebesgedicht noch mit vielen weiteren Seiten füllen werden – mit Geschichten enger Zusammenarbeit, auch mit lebhaften und manchmal heftigen Diskussionen, aber vor allem voller Freundschaft und Glücksmomente. Denn heute ist ein europäischer Glückstag.

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