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Rede von Außenminister Johann Wadephul an der Deutschen Botschaft in Addis Abeba anlässlich seiner Afrikareise
Übersetzung aus dem Englischen
Wer hat der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg den ersten offiziellen Staatsbesuch abgestattet? Diese Frage war lange Zeit Teil des Auswahlverfahrens für deutsche Nachwuchsdiplomaten. Wer dachte, es sei der französische Präsident Charles de Gaulle, ein US-Präsident oder die Queen gewesen, lag daneben.
Es war der äthiopische Kaiser Haile Selassie, der im November 1954 für sechs Tage nach Deutschland kam. Nur fünf Jahre nach der Gründung meines Landes, der Bundesrepublik Deutschland. Wenn man in das Programmheft schaut – das man im Archiv des Auswärtigen Amts in Berlin noch heute finden kann –, dann sieht man, wie sorgfältig der Besuch des Monarchen vorbereitet wurde. Bei seiner Ankunft in Bonn wurde er vom damaligen Bundeskanzler Adenauer – der zugleich erster Außenminister war – begrüßt. Während seines Besuchs wurde ihm die Ehrendoktorwürde verliehen, er sah die Oper „Die Hochzeit des Figaro“ und besichtigte den Kölner Dom und den Hamburger Hafen.
Es dürfte kaum überraschen, dass der Schwerpunkt dieses Staatsbesuchs auf den Wirtschaftsbeziehungen lag und es für Deutschland darüber hinaus darum ging, auf die internationale Bühne zurückzukehren. Haile Selassie war daran interessiert, Deutschland äthiopischen Kaffee zu verkaufen. Gleichzeitig wollte er deutsche Technologie und medizinisches Gerät in sein Land einführen.
Aber Haile Selassie war nicht nur der erste Staatsgast in Bundesrepublik. Er machte Äthiopien auch zum Gründungsmitglied der Vereinten Nationen – lange vor dem deutschen Beitritt. Und er spielte eine Schlüsselrolle bei der Gründung der Organisation für Afrikanische Einheit, der Vorgängerin der Afrikanischen Union. Damit sicherte er Addis Abebas Rolle als politisches und diplomatisches Zentrum des Kontinents, eine Rolle, die es bis heute innehat.
Meine Damen und Herren, wir leben und arbeiten in sehr unsicheren Zeiten – in Äthiopien wie in Deutschland, in Afrika wie in Europa. Wir stehen vor einer Vielzahl an Herausforderungen: von der schwindenden Achtung des Völkerrechts bis hin zu dem globalen Sicherheitsrisiko, das sich aus Terrorismus ergibt. Von Herausforderungen wie irregulärer Migration bis hin zu Desinformationskampagnen. Von den immer sichtbarer werdenden Auswirkungen des Klimawandels bis hin zu den Herausforderungen und Möglichkeiten, die sich aus der technologischen Revolution unserer Zeit ergeben.
Ich bin davon überzeigt, dass unsere gemeinsame Antwort hierauf in diesen herausfordernden Zeiten lauten muss, in unsere Partnerschaft zu investieren. Weil wir – sowohl in Äthiopien als auch in Deutschland, sowohl in Afrika als auch in Europa – nur stark sind, weil wir nur vorankommen können, wenn wir zusammenstehen.
Als zweitbevölkerungsreichstes Land des Kontinents und Sitz der Afrikanischen Union ist Äthiopien einer der wichtigsten Partner Deutschlands in Afrika. Unsere Partnerschaft gründet auf gegenseitigem Respekt, gemeinsamen Werten und einem anhaltenden Bekenntnis zum Austausch zwischen unseren Gesellschaften.
Zur Förderung der Sprachvermittlung haben wir in Addis Abeba ein Goethe-Institut und die Deutsche Botschaftsschule. Über den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) haben tausende äthiopische Studierende in Deutschland eine Hochschulbildung absolviert und dabei ein starkes Alumni-Netzwerk geschaffen. Und das ist noch nicht alles: Ein archäologisches Team des Deutschen Archäologischen Instituts arbeitet in Yeha in der Provinz Tigray mit äthiopischen Kolleginnen und Kollegen gemeinsam daran, das reiche kulturelle Erbe Ihres Landes zu bewahren – 120 Jahre nach der berühmten deutschen Aksum-Expedition.
Meine Damen und Herren, neben unserem lebendigen Kulturaustausch haben wir noch weitere gemeinsame Interessen: Sicherheit, Entwicklung und die Wahrung des Multilateralismus.
In puncto Sicherheit stellt Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine eine fortdauernde Verletzung der elementarsten Normen der VN-Charta dar. Normen, die das Fundament unseres friedlichen Miteinanders bilden. Normen, die es in unserem gemeinsamen Interesse zu schützen gilt. Deutschland unterstützt daher die Ukraine in ihrer Verteidigung – politisch, diplomatisch und auch wirtschaftlich.
Gleichzeitig ist mir bewusst, dass in Sudan, einem Ihrer Nachbarländer, seit mehr als tausend Tagen ein brutaler Krieg tobt, der zur größten humanitären Krise der Welt geführt hat. Deutschland möchte den Frieden fördern und die Vermittlungsversuche im Quad- und Quint-Format weiter voranbringen. Deswegen richten wir am 15. April eine internationale Sudan-Konferenz in Berlin aus. Auch die Region um das Horn von Afrika wird durch extremistische Gewalt und Klimawandel destabilisiert, was dazu führt, dass viele Menschen fliehen, auch nach Äthiopien. In dieser herausfordernden Situation sind Äthiopien und die AU der Sicherung des Friedens und der Wahrung der Sicherheit in Afrika verpflichtet. Äthiopiens Beitrag als Truppensteller, zum Beispiel für AUSSOM, ist für die Stabilisierung der Region und die Bekämpfung des Terrorismus unverzichtbar. Für diese Unterstützung spreche ich Äthiopien meine Wertschätzung aus.
Meine Damen und Herren, auf der Fahrt durch Addis Abeba hatte ich heute Gelegenheit, die beeindruckende wirtschaftliche Entwicklung der Stadt mit eigenen Augen zu sehen. Meine Delegation und ich haben Wolkenkratzer und grüne Parks gesehen – und geschäftiges Treiben allerorts. Wohin man auch schaut, sieht man Modernisierung in Echtzeit. Man kann förmlich fühlen, dass Äthiopien im Begriff ist, eine liberale marktbasierte Volkswirtschaft zu werden, die zudem international wettbewerbsfähig ist. Heute Morgen habe ich auch das Cargo-Terminal des bestehenden Flughafens „Bole International“ besucht, das von einem deutschen Unternehmen mit Exportgarantieren der KfW IPEX-Bank gebaut wurde. Ich bin zuversichtlich, dass der Bau des neuen Flughafens, der einer der größten der Welt werden soll, zu noch mehr Zusammenarbeit zwischen deutschen und äthiopischen Unternehmen führen wird. Darüber hinaus wird Äthiopien durch die Schaffung einer panafrikanischen Freihandelszone zu einem zunehmend attraktiven Markt.
Lassen Sie uns gemeinsam auf die weitere Stärkung unserer wirtschaftlichen Zusammenarbeit hinarbeiten! Denn sie liegt in unserem gemeinsamen Interesse.
Meine Damen und Herren, Äthiopiens Infrastrukturprojekte wandeln sich rasant. Genau wie die Weltlage. Auf dem gesamten Globus erleben wir Krisen und Konflikte. Seit Langem bestehende Gewissheiten lösen sich auf. Das Vertrauen in den Multilateralismus und die regelbasierte internationale Ordnung geht zurück. Der Trend zur Abkehr von den VN ist besorgniserregend.
Äthiopien und Deutschland bleiben jedoch – genau wie die Afrikanische und die Europäische Union – fest davon überzeugt, dass globale Fragen nur global zu lösen sind. Wir sind überzeugt, dass keiner von uns diese Probleme allein lösen kann. Dass multilaterale Zusammenarbeit wichtig ist. Dass die Bewältigung des Klimawandels unseren kollektiven Einsatz erfordert, was Äthiopien durch die Ausrichtung der COP 32 im Jahr 2027 verdeutlicht. Dass wir bei der Gestaltung der Digitalisierung oder der Verhinderung der Verbreitung von Waffen zusammenarbeiten müssen. Dass wir die internationale Ordnung auf der Grundlage des Völkerrechts als Fundament der internationalen Beziehungen schützen müssen.
Die Wahrheit ist: Die VN sind nicht perfekt. In diesen Zeiten nie dagewesener politischer Verwerfungen sind sie jedoch relevanter denn je. Deutschland möchte auf globaler Ebene eine besondere Verantwortung für Frieden und Sicherheit übernehmen. Deswegen kandidieren wir für einen nichtständigen Sitz im Sicherheitsrat für den Zeitraum 2027/2028. Und deswegen unterstützen wir die Forderung Afrikas nach zwei ständigen Sitzen. Wenn Entscheidungen über Afrika getroffen werden, muss Afrika mit am Tisch sitzen.
Meine Damen und Herren, an der engsten Stelle liegen Europa und Afrika weniger als 14 km voneinander entfernt. Unsere Kontinente haben beide Zugang zum Mittelmeer, das seit Jahrhunderten ein Knotenpunkt wirtschaftlicher und kultureller Verflechtungen ist. Diese geographische Nähe zeigt uns eine elementare Wahrheit auf: Was auf dem einen Kontinent geschieht, wirkt sich unmittelbar auf den anderen aus.
Deswegen kommen wir in diesen herausfordernden Zeiten heute zusammen, um zu zeigen, dass nicht nur geografische Nähe zählt, sondern auch die Stärke unserer Verbindung und die Entschlossenheit zur Zusammenarbeit. Lassen Sie uns das Potenzial unserer bilateralen Beziehungen noch stärker ausschöpfen! In der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, im persönlichen Austausch, bei Innovation und legaler Migration. Jetzt und in den nächsten 120 Jahren.
Vielen Dank!