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Rede von Außenminister Sigmar Gabriel zum Festakt der Stadt Goslar zum 25. Jahrestag der Eintragung des Erzbergwerks Rammelsberg und der Altstadt von Goslar in die UNESCO-Liste des Kultur- und Naturerbes der Welt

15.11.2017 - Rede

Herr Bürgermeister,
liebe Kolleginnen und Kollegen Abgeordnete des Deutschen Bundestages, des niedersächsischen Landtages,
liebe Ministerin Heinen-Kljajić,
sehr geehrte Frau Metze-Mangold,
sehr geehrter Herr Lenz,
liebe Helga Schuchardt,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

herzlichen Dank für die Einladung. Ich bin ausgesprochen gerne gekommen, da ich heute die Chance habe an einem Tag an zwei Weltkulturerbestätten zu sprechen: Rom und Goslar.

Man mag diesen Vergleich ein bisschen übertrieben finden, die große Stadt Rom mit ihrer Weltbedeutung und Goslar. Aber ehrlich gesagt gibt es eine Karte, auf der beide Städte ganz nah beieinander sind und sozusagen zusammen mit Jerusalem den Mittelpunkt der Welt ausmachen. Wenn sie beim Papst aus dem Zimmer kommen und den Gang runtergehen, dann finden sie eine Riesen-Weltkarte, auf der in der Mitte die Stadt Jerusalem und, Herr Oberbürgermeister, gleich links daneben Goslar zu sehen ist. Okay, Rom ist auch darauf, aber von Berlin gibt es keine Spur. Und das hat Gründe, denn in der Tat ist in beiden Städten Weltgeschichte geschrieben worden. In Rom schon davor und danach – aber immerhin vor tausend Jahren in beiden Städten zeitgleich.

Die Stadt Goslar stellt zurzeit das Evangeliar von Heinrich III. aus, Kaiser des Heiligen römischen Reiches Deutscher Nationen. Wer in Bad Harzburg in die Ruine der Großen Harzburg geht, der findet in der Mitte den Turm – beziehungsweise die Reste davon --, in dem die Reichsinsignien wie Zepter, Reichsapfel und Krone aufgehoben wurden. Für beide Orte galt: Kaiser konnte man nur werden, wenn man in Rom gekrönt wurde. Aber hier in der Region wurde Weltgeschichte gemacht, weil die Region so bedeutend war wegen ihres Reichtums, wegen ihres Bergbaus und wegen der Schätze, die man hier zu Tage förderte. Deswegen gibt es durchaus Gründe, beide Städte im gleichen Atemzug zu nennen.

Etwas zu vererben heißt, dass man etwas hat, was über viele Jahre und bei uns Jahrhunderte gepflegt wurde. Das kann der Staat, das können Staaten nicht alleine tun. Darauf hat eben Frau Metze-Mangold schon hingewiesen. Es bedarf des Engagements der Bürgerinnen und Bürger. Und in Goslar gibt es davon jedenfalls sehr viele. Ich erinnere an den Kaiserring, der gerade an die großartige deutsche Künstlerin Isa Genzken vergeben wurde. Aber ich denke auch an Frau Martha Lattemann-Meyer, die frühere Oberbürgermeisterin, die ich vorhin hier gesehen habe. Ohne das Engagement der Hahnenkleer hätte die Stadt Goslar den Paul-Lincke-Ring wahrscheinlich längst vergessen und er wäre nicht zu dem großen Preis für populäre Musik in Deutschland geworden. Die Hahnenkleer haben ihn am Leben erhalten.

Aber auch viele Gebäude der Stadt gibt es nur in diesem guten Zustand in der Goslarer Altstadt, weil sie in Privatbesitz sind und sich Bürgerinnen und Bürger engagiert um dieses Erbe gekümmert haben. Und das macht vielleicht Goslar auch so besonders: Dieses weit über das übliche hinausgehende Engagement der Bürgerinnen und Bürger der Stadt. Und ich glaube, auch das dürfen wir mit dem heutigen Festakt zum 25. Jahrestag der Eintragung des Erzbergwerks Rammelsberg und der Goslarer Altstadt in die UNESCO-Liste des Kultur- und Naturerbes der Welt begehen: Dieses besondere Engagement ohne das es dieses Welterbe nicht gäbe.

Denn ohne die Initiative des Fördervereins Weltkulturerbe Erzbergwerk Rammelsberg und der schon genannten damaligen Lokalchefin der Goslarschen Zeitung Frau Dr. Ursula Müller gäbe es weder das Welterbe noch Initiativen vielfältigster Art. Sie waren damals der Motor für diese Bewegung. Hätte es solche Menschen in der Stadt nicht gegeben, dann wäre der Plan der damaligen Preussag AG Wirklichkeit geworden. Und dieser Plan setzte schlicht und ergreifend das Gesetz um. Das sah vor, dass wenn der Abbaubetrieb aufgegeben wird, der ursprüngliche Zustand wieder herzustellen sei und das Gelände sozusagen re-naturiert werden müsse. Jedenfalls hätte es sich nicht nur um das Verschwinden der untertägigen Anlagen durch das ansteigende Grubenwasser gehandelt, sondern um den Abriss aller obertägigen Anlagen. Die Preussag AG hatte --  dem Gesetz folgend -- damals bereits den Antrag bei der Bezirksregierung Braunschweig gestellt, diesen Abriss vornehmen zu dürfen. Denn das war ihre gesetzliche Verpflichtung.

Es ist dem Engagement vieler zu verdanken, dass es dazu nicht gekommen ist. Das Engagement von damals kann durchaus auch mit Blick auf die heutige Zeit -- Herr Oberbürgermeister, da haben sie völlig Recht -- selbstbewusst machen.  Wenn man Chancen in den Mittelpunkt stellt, Risiken nicht ignoriert, aber jedenfalls sie nicht ausschließlich in den Blick nimmt.

Mit dem Rammelsberg wurde damals erstmals ein deutsches Industriedenkmal in die Welterbeliste eingetragen. 1992, vor 25 Jahren, wurde dieser ungewöhnliche Antrag vom Welterbekomitee der UNESCO akzeptiert. Und durch diese internationale Anerkennung wurde für alle sichtbar, wie eng der mühevolle und gefährliche Bergbau zusammenhängt mit der Geschichte der Stadt.

Dem Rammelsberg verdankt Goslar seine Gründung im 10. Jahrhundert, seinen späteren Wohlstand und seine prächtigen Bauten. Aber auch die Kehrseite der Geschichte gehört dazu, denn auch Phasen des Niedergangs und der Armut sind eng mit der Montangeschichte des Rammelsbergs verbunden.

Am 30. Juni 1988 endete ein Jahrtausend – oder vermutlich sogar mehr – des Bergbaus in Goslar. Jedenfalls des klassischen industriellen Bergbaus. Dass damit nicht die Geschichte des Bergbaus endete, dass heute immer noch Geschichten über die Erzindustrie erzählt werden, dafür sorgt eben diese Anerkennung des Welterbes, die ja nur vier Jahre danach erfolgte.

Dank des Status als Weltkulturerbe befindet sich Goslar jetzt ganz formal auf einer Ebene nicht nur mit Rom, sondern mit gut 1000 anderen Weltkulturerbestätten in 167 Ländern der Welt, den Pyramiden von Gizeh in Ägypten, dem Tadsch Mahal in Indien oder der Inkastadt in Peru, um nur einige zu nennen. Ich glaube, den Goslarern selbst ist gar nicht klar, in welcher Liga der Rammelsberg und das Weltkulturerbe eigentlich spielen.

25 Jahre Weltkulturerbe Rammelsberg und Goslar Altstadt - darauf sind wir heute stolz und werben überregional damit. Damals war das hochumstritten. Schon die Vorgeschichte der Entscheidung der UNESCO, die Goslarer Altstadt und das Erzbergwerk Rammelsberg in die Liste der schützenswerten Denkmale der Menschheit aufzunehmen, war seit Mitte der 80er Jahre vor allem eins: angstbesetzt. Das begann natürlich mit der Debatte um die endgültige Schließung des Erzbergwerks Rammelsberg durch die Preussag AG –  ich glaube schon 1987. Dann kam die Stilllegung nach –  so jedenfalls Reinhard Roseneck damals – vermutlich 1500 Jahren Bergbau in Goslar. Das war nicht nur für die Bergleute ein ebenso bitterer wie einschneidender Tag. Schnell stellte sich die Frage der Zukunft der Hüttenbetriebe in Oker, die bis dahin natürlich der wichtigste Arbeitgeber der Stadt gewesen waren.

Der damalige Umgang der Preussag Verantwortlichen mit den Sorgen der Stadt war zudem, jedenfalls was die Vorstandsetagen der Preussag angeht, sagen wir mal: ausbaufähig –  im Rückblick soll man ja freundlich miteinander umgehen. Als „Ersatz“ wurde der Stadt übrigens ausgerechnet eine Giftmüllverbrennungsanlage auf dem Hüttengelände in Oker angeboten  – ausgerechnet dem Stadtteil, der kurz zuvor wegen der zu hohen Schwermetallbelastungen ohnehin schon zum Sanierungsgebiet erklärt worden war.

So stellte also die Preussag dem Gesetz folgend bei der Bezirksregierung Braunschweig den Antrag auf Abriss aller oberirdischen Anlagen und auf Verfüllung oder Absaufen der untertägigen Bereiche. Denn rechtlich sollte nach Beendigung eben wie gesagt dieser ursprüngliche Zustand wieder hergestellt werden, nichts anderes war von der Preussag AG beabsichtigt. Am Anfang sorgten die Diskussionen angeregt durch den Förderverein und die damalige Lokalchefin der Goslarschen Zeitung Dr. Ursula Müller dafür, dass zumindest in einem kleineren Umfang ein Bergwerksmuseum entstand, das Projekt „Röderstollen“. Als relativ kleines Projekt eröffnete 1990 dieses Bergwerkmuseum erstmals seine Türen.

Das aber hätte nicht für die Aufnahme in die Welterbeliste der UNESCO gereicht. Dafür musste ein sehr viel größeres Projekt entwickelt werden, das letztlich darauf hinauslief, alle ober- und untertägigen Anlagen des Bergwerks zu erhalten und seine nationale und internationale Geschichte und Bedeutung zu dokumentieren. Weder gab es in der Stadt Goslar dafür ausreichend Expertise noch gab es den Mut dafür.

Mehr als genug von beidem, also Expertise und Mut, hatte allerdings der leider viel zu früh verstorbene Bezirkskonservator, Prof. Dr. Reinhard Roseneck. Ich freue mich übrigens außerordentlich, dass seine Familie heute hier ist. Ich komme darauf noch mal zu sprechen. Aber das ist ein gutes Zeichen. Und ich freue mich genauso darüber, dass Jürgen Meier hier ist, weil die beiden zusammen damals das Projekt gängig gemacht haben und aufgehört haben mit dem ständigem Streit, wer denn nun unter Tage was machen durfte. Diese Kombination war für die Stadt und die Entwicklung des Museums später ein Glücksfall. Reinhard Roseneck entwickelte eine unvergleichliche Leidenschaft für das Projekt Rammelsberg. Ich bin nicht sicher, Frau Roseneck, ob Sie das immer gutgefunden haben, denn ich bin nicht sicher, ob er seine Zeit mehr zu Hause oder hier im Bergwerk verbracht hat. Meine Vermutung ist, er war mehr hier. Er erkannte als erster die internationale Bedeutung des Goslarer Bergbaus. Diesem Reinhard Roseneck hat Goslar seinen Status als Weltkulturerbe zu verdanken.

Aber genau über diese Idee entbrannte schnell ein heftiger politischer Streit in der Stadt: Ausgerechnet in einer Zeit steigender Arbeitslosigkeit und sinkender Gewerbesteuereinnahmen sollte sich Goslar ein Bergwerksmuseum „ans Bein“ binden. Und auch noch in einer Größenordnung, die fast unüberschaubar war. Hatte doch die Preussag in den letzten Jahren nicht mehr „Dach und Fach“ in Stand gehalten. Im Anschluss sind erstmal Millionenbeträge in die Sanierung der Bausubstanz geflossen, bevor überhaupt jemand sehen konnte, dass sich hier ein Bergwerksmuseum entwickelt. Und das nicht etwa in Form einer überschaubaren Besuchereinrichtung wie andernorts im Harz, sondern als wirklich großes Projekt mit allen Anlagen, dem Förderschacht, großen Ausstellungen und als touristisches Highlight. „Wer soll das bezahlen?“ „Wer trägt die Kosten für das Personal und wer sichert die Risiken ab?“ Das waren die Fragen, die berechtigt waren und auf die es am Anfang der Debatte tatsächlich in Wahrheit keine Antworten gab.

Dass die Stadt dieses Großprojekt alleine nicht dauerhaft tragen konnte, das war allen klar. So teilte sich die Stadt im Goslarer Stadtrat schnell in Gegner und Befürworter des Projektes. Nicht sozusagen in Ignoranten und diejenigen, die das Projekt und ihre Größe erkannten, sondern schlicht entlang der Frage: „Schaffen wir das eigentlich?“

Nur einer ließ sich damals nicht beirren. Das war Reinhard Roseneck. Er verfolgte weiter mit großen Engagement sein Ziel: Goslar als Weltkulturerbe mit dem Rammelsberg im Zentrum in die Welterbeliste aufnehmen zu lassen.

Ich war damals junger Kommunalpolitiker und habe mich in der Tat begeistern lassen von Rosenecks Begeisterung. Otto Hoffmann, ein kantiger und gradliniger Betriebsratsvorsitzender am Rammelsberg, der hat in seinen Schilderungen über die Arbeitsbedingungen der Bergleute in der Geschichte des Rammelsbergs uns alle auf die Idee gebracht, den Rammelsberg eben nicht als reines Technikmuseum des Bergbaus zu entwickeln, sondern als Museum der Arbeit.

Ein Ort, an dem man sehen und nachempfinden kann, wie hart der Wohlstand unseres Landes von Bergleuten, Hütten- und Industriearbeitern erarbeitet werden musste. Und dass es eben nicht die Kaiser der Kaiserpfalz waren, die Goslar so reich und wohlhabend gemacht haben, sondern umgekehrt. Und wieder war es Roseneck, der diese Idee aufgriff und in sein Projekt des Weltkulturerbes aufnahm. Was aber weiter ungelöst blieb, war die Frage aller Fragen: „Wer soll das bezahlen?“

Die Landtagswahlen 1990 brachten dafür eine Lösung. Ich war damals jung und frisch gewählter SPD-Landtagsabgeordneter. Herr Roseneck und ich suchten relativ schnell die neue Ministerin für Wissenschaft und Kultur Frau Helga Schuchardt auf – sie ist heute unter uns. Der neu gewählte Ministerpräsident Gerhard Schröder hatte die Hamburgerin für sein Kabinett abgeworben und Helga Schuchardt war ganz schnell Feuer und Flamme für das Goslarer Projekt und wusste, dass es sich um ein internationales Projekt handelt, das dem Land Niedersachsen gut zu Gesichte stehen würde. Um die Widerstände vor allem bei den Finanzpolitikern im Goslarer Stadtrat zu überwinden, verankerten wir mit Hilfe des Parlaments, aber in Wahrheit mit dem Druck und dem Engagement von Helga Schuchardt eine institutionelle Förderung für das Rammelsberger Bergbaumuseum im Landeshaushalt.

Meine Damen und Herren,

was heute selbstverständlich klingt, war damals ein unerhörter Vorgang. Es gab institutionelle Förderung für das Sprenger Museum in Hannover und für Landesmuseen, aber das war es dann schon. Einer 40.000-Einwohner-Stadt, irgendwo am Rande des Landes Niedersachsen eine institutionelle Förderung von jährlich mehreren Hunderttausend DM zu geben und das auch noch in einem Gesetzgebungsverfahren zu beschließen, das galt als eine ziemlich verwegene Idee.

Bislang jedenfalls waren solche Vorschläge aus der Stadt Goslar immer abgelehnt worden, stattdessen gab es weitaus geringere Projektförderungen. Jetzt aber, mit dem Engagement von Helga Schuchardt schafften wir es damals, eine institutionelle Förderung durchzusetzen. Die war im Goslarer Stadtrat die Voraussetzung dafür, dass der Rat die berühmte große Lösung, über die wir heute sprechen, überhaupt akzeptierte. Mein Verdacht war, dass ein paar im Stadtrat hofften, dass wir das nicht hinbekommen, liebe Helga, weil es dazu geführt hätte, dass die Stadt ihren Anteil auch hätte einsparen können. Aber diesen Streich haben wir uns dann nicht entgehen lassen. Und nicht nur das, Helga Schuchardt stellte den beim Land Niedersachsen beschäftigten Bezirksdenkmalpfleger Reinhard Roseneck für die Arbeit am Rammelsberg frei von seiner bisherigen Tätigkeit. Und Roseneck arbeitete von Stund an mindestens für zwei, so dass die Stadt auch noch bei den Personalkosten Entlastung erfuhr.

Damit verbunden konnte die Stadt Goslar ihr finanzielles Risiko auf 400.000 DM pro Jahr begrenzen – immer noch eine stolze Summe für eine Stadt mit rund 40.000 Einwohnerinnen und Einwohnern.

Die damit verbundene Entscheidung, die ober- und untertägigen Anlagen des ehemaligen Erzbergwerks Rammelsberg weitgehend zu erhalten, machte dann den Weg frei für die Aufnahme des Rammelsbergs und der Goslarer Altstadt in die Welterbeliste der UNESCO. Und es ist Ihnen, Frau Oberbürgermeisterin Lattemann-Meyer,  und auch dem Oberstadtdirektor Herrn Primus zu verdanken, dass Sie sich von diesen Widerständen im Rat nie haben abschrecken lassen. Ich kann mich gut daran erinnern, dass es keine einfachen Diskussionen gewesen sind.

Am 14. Dezember 1992 wurde das ehemalige Erzbergwerk und die Goslarer Altstadt dann aufgenommen als elfter Ort in Deutschland. Die UNESCO-Liste umfasst heute übrigens 42 Orte in Deutschland.

Ich gebe zu, dass es etwas gibt, was für mich vielleicht bis zum heutigen Tag einen bitteren Nachgeschmack in dieser Erfolgsgeschichte hat. Anfang der 2000er Jahre gab es einen massiven Streit um die Verantwortung für erstmals entstandene finanzielle Defizite am Bergwerksmuseum. In der Tat waren die nicht gerade klein. Aus einer Auseinandersetzung über die strukturellen Probleme, die damals hier am Rammelsberg existierten und die letztlich dieses Defizit produziert hatten, wurde ein erbitterter Streit auch der Stadt und ihrer Verantwortlichen gegen Reinhard Roseneck und den früheren Bergwerksdirektor des Erzbergwerks Rammelsberg Jürgen Meier.

Beide waren inzwischen Geschäftsführer der Rammelsberger Bergbaumuseums GmbH, die mit Erfolg wirklich alle Hürden des parallelen Aufbaus eines Museums und –  das darf man nicht vergessen – der notwendigen Schließungsarbeiten des Bergbaubetriebes meisterten. Beides musste ja gemacht werden. Sie mussten den Rahmenbetriebsplan für die Schließung des Bergwerks umsetzen und sie mussten den Aufbau eines untertägigen Besucherbergwerks mit beispielsweise all den Fragen zur Sicherheit meistern. Der Streit zwischen den Vertretern der Stadt Goslar im Aufsichtsrat des Museums endete damit, dass beide trotz ihrer wirklich großen Verdienste aus ihren Ämtern verdrängt wurden. Mit Kollateralschäden, die man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann.

Vor allem bei Herrn Roseneck ging es soweit, dass anonyme Anzeigen zu einer Hausdurchsuchung und zu einem Strafverfahren für ihn führten. Alle Verfahren wurden hinterher eingestellt, alle Beschuldigungen lösten sich in Luft auf. Die Defizite, die es gab, hatten strukturelle, aber eben keine personellen Gründe. Ich muss sagen, dass ich aus diesem Grund heute so froh bin, dass sowohl die Familie von Herrn Roseneck als auch von Herrn Meier da sind, weil ich glaube, es wäre ein guter Zeitpunkt sich auch über diesen Streit hinweg miteinander zu versöhnen. Denn die beiden haben großartige Verdienste  – ohne die es das, was wir hier haben, nicht zu feiern gäbe. Wir wären bei weitem nicht so weit gekommen. Gerade weil Reinhard Roseneck das nicht mehr erleben konnte, können wir ja mal in der Stadt Goslar überlegen, ob wir nicht einen geeigneten Ort finden, um ihn nach ihm zu benennen – zum Beispiel die Werksstraße im Bergbaumuseum oder einen anderen Ort. Ich finde er ist, darauf ist hingewiesen worden, der geistige Vater –  der eine Menge Geburtshelfer hatte. Er ist eben jemand, dem die Stadt sehr sehr viel zu verdanken hat. Ihm und Jürgen Meier würden wir gerecht werden, wenn wir diesen Tag heute auch zur Versöhnung über den damaligen erbitterten und zum Teil bösartigen Streit nutzen würden.

Das kulturelle Erbe der Menschheit zu bewahren das erscheint uns eine Selbstverständlichkeit. Das ist es aber nicht. Im Gegenteil. Wir erinnern uns vielleicht daran, wie der Islamische Staat in Palmyra in Syrien versucht hat die Erinnerung an eine Geschichte auszulöschen. Oder wir erinnern den Terror in Mali, der versucht hat, die größte mittelalterliche muslimische Bibliothek in Timbuktu zu zerstören. Es ist dem Mut des Bibliothekars zu verdanken, der mitten in den Gefechten versucht hat Dokumente aus dieser Bibliothek in Timbuktu zu retten. Wir merken also, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, dieses Weltkulturerbe der Menschheit zu bewahren. Das Auswärtige Amt hat sich unter anderem deshalb zum Ziel gesetzt, bei der Bewahrung hier Besonderes zu leisten. Mit dem Deutschen Archäologischen Institut beispielweise haben wir eine Institution des Auswärtigen Amtes, die hier großartiges leistet.

Ich hatte die Gelegenheit, mit der Leiterin Frau Professorin Fless über diese Frage zu diskutieren. Wir haben uns gefragt, woran es eigentlich liegt, dass diese Wut zur Zerstörung von Kulturgeschichte auf unserem Planeten so vielfältige Anhänger gefunden hat. Ein Grund ist bestimmt, dass derjenige der das tut damit ins Fernsehen kommt, weil die Medien darüber berichten. Ein anderer Grund ist gewiss, dass der IS mit den geraubten Kulturgegenständen auch illegalen Handel betreibt und Geld macht, um sich Waffen zu beschaffen.

Ich glaube aber, dass es noch einen anderen Grund gibt, warum der Islamische Staat den Tempel von Palmyra und das kulturelle Erbe, das ihm begegnet, versucht zu zerstören und die Vergangenheit auszulöschen.

Ich glaube, dass dieses kulturelle Erbe eben eine Erinnerung daran ist, dass andere Wege beschritten werden konnten in der Vergangenheit als die, die dieser Islamische Staat gerade für sich und die Menschen, die in seiner Gewalt sind, beschreitet. Die Zerstörung all dessen, was an andere Wege erinnert, die Auslöschung des kulturellen Gedächtnisses der Menschheit, das ist das eigentliche Ziel dieser Terrorakte.

Und ich glaube, dass wir manchmal unter dem ganzen Gerede von kultureller Identität nicht vergessen dürfen, dass wir eben nicht identisch sind mit unserem kulturellen Erbe. So wie wir eben auch nicht identisch sind mit unseren Eltern oder Großeltern, von denen wir zwar Eigenschaften geerbt haben, aber wir haben nicht die gleich Identität. Durch das Erbe schimmern eben auch Vorstellungen, Lebenswege und Weltentwürfe der Vergangenheit hindurch, die uns helfen können die Zukunft und die Gegenwart besser zu verstehen.

Genau deshalb lohnt es sich, das kulturelle Erbe zu schützen und zu pflegen. Weil es uns auch eine fremde, auch manchmal eine verstörende, oftmals aber auch eine bezaubernd schöne Andersheit zeigt. Eine Andersheit, in der wir aber zugleich uns selbst auch wiedererkennen. Die genau deswegen auch zu uns gehört und uns jeden Tag lehren sollte, dass eben nichts einfach „nur so“ aus kulturellen Wurzeln wächst, sondern, dass man sich kümmern muss.

Wurzeln bestimmen vielleicht bei Pflanzen, nicht aber bei Menschen, welche Früchte das Leben trägt. Sondern dazu gehören ganz entscheidend Kultur und Bildung und der Wille, das kulturelle Gedächtnis der Menschheit zu bewahren.

Deshalb sind Welterbestätten so wichtig. Sie sind wichtige Lernorte für uns Menschen heute. Das ehemalige Erzbergwerk Rammelsberg, die Goslarer Altstadt und die Oberharzer Wasserwirtschaft zeigen vorbildlich den Umgang mit der tausendjährigen Geschichte in unserer Region.

Dauerausstellungen und jährlich wechselnde Sonderausstellungen dokumentieren das eindrucksvoll. Ich freue mich jedenfalls über all das, was in den letzten Jahren entstanden ist, und hoffe, dass wir in unseren Bemühungen nicht nachlassen und gerade übrigens auch den Kindern dieser Stadt dabei helfen, dass sie Zugang zu der Geschichte, zur Gegenwart und damit zur Zukunft unserer Stadt finden.

Ich bin sicher: eine, wenn nicht die zentrale Aufgabe der kommenden Jahre in Deutschland wird genau das sein: Zugang zu Kultur und Bildung, egal wo man geographisch, sozial oder glaubensmäßig herkommt.

Nur wenn wir allen Kindern und Jugendlichen diesen Zugang möglich machen und ihnen helfen zu erkennen, was für ein Land wir sind, dass Deutschland eben nicht irgendein Land ist, sondern ein ganz konkretes mit einer bestimmten Geschichte, einer ganz bestimmten Vergangenheit und daraus eine Chance auf Verantwortung für die Zukunft erwächst –  nur wenn wir das allen Menschen und vor allem Kindern und Jugendlichen zugänglich machen, dann haben wir eine gute Chance diese Zukunft für alle zu meistern.

Die Menschen in unserem Land bringen inzwischen ganz verschiedene Geschichten mit: Geschichten von gesellschaftlichem Aufstieg oder manchmal auch von gesellschaftlicher Diskriminierung, von sozialer Ausgrenzung, von unverhoffter Integration, aber auch Geschichten von Flucht, Krieg, wirtschaftlicher Not und Angst.

Nur wenn aus all diesen vielen verschiedenen Geschichten eine gemeinsame Geschichte und gemeinsame Erfahrungen entstehen, erwächst daraus ein gemeinsames Land.

In diesem Sinne ist auch die Präambel der UNESCO von ihrem Gründungsdokument 1945 zu verstehen. Dort heißt es: “Die weite Verbreitung von Kultur und die Erziehung zu Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden sind für die Würde des Menschen unerlässlich.“ Und dafür eben muss man sich erinnern können. Und weiter heißt es in der UNESCO-Verfassung, dass ein Friede, der nur auf politischen und wirtschaftlichen Abmachungen von Regierungen beruht, nicht dauerhaft erfolgreich sein kann. „Friede muss in der geistigen und moralischen Solidarität der Menschheit verankert werden.“
Die UNESCO und ihre Friedensziele resultieren aus den bitteren Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges: der Missachtung der demokratischen Grundsätze, der Verleugnung der Würde, der Gleichheit und der gegenseitigen Achtung der Menschen. Denn damit verbunden war auch ein ungeheurer Verlust an kulturellen Werten.

Denken wir nur daran, was an reichhaltiger jüdischer Kultur in Deutschland und Europa vorhanden war und was davon übrig geblieben ist. Ich habe als junger Mensch Warschau besucht. Dort ist mir ist der Verlust jüdischer Kultur zum ersten Mal klar geworden, als ich das jüdische Theater dort besucht habe und mir erklärt wurde, dass es das einzige verbliebene in ganz Europa ist und alle anderen vernichtet und zerstört wurden. Nur in diesem kleinen Mosaikstein konnten wir noch erkennen, wie reichhaltig jüdisches Theaterleben einstmals in Europa gewesen war.

Daher ist die internationale Zusammenarbeit unter dem Dach der UNESCO eben immer noch zwingend notwendig. Die Welterbekonvention wird dabei als Leuchtturm der UNESCO-Programme eine wichtige Rolle spielen. Wir sind den Zielen der UNESCO nicht nur durch und für unsere 42 Welterbestätten verpflichtet. Sondern wir unterstützen auch Welterbestätten in anderen Regionen dieser Welt, ganz besonders in ärmeren Ländern und in Krisengebieten.

Das Auswärtige Amt hat dafür in diesem Jahr rund drei Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Ich glaube Investitionen in diesen Teil der Außenpolitik lohnen sich wirklich. Daneben gibt es auch vorbildhafte eigene Initiativen von einigen deutschen Welterbestätten; so hilft beispielsweise die von Stralsund und Wismar gegründete „Deutsche Stiftung Welterbe“ Welterbestätten in anderen Ländern. Ich würde mich freuen, wenn sich auch Niedersachsen und die niedersächsischen Welterbestätten für solche Partnerschaftsprojekte mit anderen Teilen der Welt einsetzen würden.

Deutschland steht zur UNESCO; daran gibt es keinen Zweifel, dass wir sie weiterhin unterstützen und Mitglied bleiben. Aber die Institution UNESCO hat unter anderem durch den bevorstehenden Austritt der Vereinigten Staaten von Amerika eine schwere Zeit vor sich.

Die Reform der UNESCO ist dringend notwendig. Wir wollen mithelfen, anpacken und der neuen Generaldirektorin, Audrey Azouley aus Frankreich, bei der Umsetzung der notwendigen Reformen nach Kräften helfen.

Meine Damen und Herren,

Nelson Mandela soll einmal gesagt haben: „Wer feststellen will, ob er sich verändert hat, der sollte zu einem Ort zurückkehren, der unverändert geblieben ist.“ Wir Menschen brauchen solche identitätsstiftenden Orte, um uns über uns selbst, aber auch über unsere Zukunft zu vergewissern. Orte, zu denen wir zurückkehren können.

Ich bin wirklich froh und stolz darauf, dass wir in dieser Stadt, in dieser Region zwischen Harz und Heide einen solchen großen Ort der Erinnerung, der Vergewisserung aber auch des Nachdenkens über die Zukunft geschaffen haben.

Ich danke nochmals allen, die daran beteiligt waren. Es war kein einfacher Weg und sicher werden auch in Zukunft Herausforderungen auf uns zukommen. Aber kein anderer Ort als vielleicht hier die Kaiserpfalz am Fuße des Rammelsbergs dokumentiert die historische Bedeutung dieses Welterbes so sehr und so massiv – wie man sagen kann – denn was wir hier heute feiern, verdanken wir eben nicht den Kaisern und Königen der Kaiserpfalz, sondern den Bergleuten und den engagierten Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Goslar.

Ihnen allen wünsche ich jedenfalls weiterhin viel Kraft und eben auch Freude und den Einfallsreichtum Reinhard Rosenecks bei der weiteren Entwicklung des Rammelsberger Bergwerkmuseums. Und ich danke herzlich nochmals für die Einladung, wünsche uns noch einen netten Abend, den wir in einem anderen Teil des Erbes, in einem der ersten großen Bürgerstifte der Stadt am Großen Heiligen Kreuz verbringen werden. Ich wünsche uns, was man sich hier im Harz so wünscht, wenn man sich Gutes wünscht: Glück auf!

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