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Rede von Staatsminister Michael Roth bei der Verleihung des Verdienstkreuzes am Bande an Frau Bronisława (Niusa) Horowitz-Karakulska

01.08.2019 - Rede

-- es gilt das gesprochene Wort --

„Wer Kinder hat in der Wiegen, soll die Welt nicht bekriegen.“

Ich würde mir wünschen, dass alle Staaten nach der Maxime dieses jüdischen Sprichworts handeln. Kinder sind die ersten Opfer von Krieg und Gewalt. Sie leiden massiv unter der Brutalität und den Folgen bewaffneter Konflikte. Wenn sie die Grauen des Kriegs überleben, hinterlässt er nicht nur auf ihrem Körper Spuren, sondern vor allem auf ihren Seelen. Kinder tragen die erlittenen Traumata oft ein Leben lang mit sich.

Vor knapp 80 Jahren begann Deutschland mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg und brachte unfassbares Leid über Millionen Frauen, Männer und vor allem Kinder.

Sie, liebe Frau Horowitz, waren eines dieser Kinder, die durch die Nazis ihrer glücklichen Kindheit beraubt wurden und die durch die Hölle gegangen sind.

Natürlich gehört es sich nicht, über das Alter einer Dame zu sprechen. Doch sehen Sie es mir nach, dass ich heute ein paar Jahreszahlen erwähne, um Ihren Lebensweg nachzuzeichnen. Es liegt dann einfach an den Gästen, nicht so genau nachzurechnen.

Als Sie 1932 als Kind der Hutmacherin Regina und des Buchhalters Dawid Horowitz zur Welt kamen, war rund ein Viertel der 250.000 Einwohner Krakaus jüdischen Glaubens.  Die Blüte des jüdischen Lebens, die sich an rund 130 Synagogen und Bethäuser zeigte, versiegte bald nach der Eroberung der Stadt durch die Nazis am 6. September 1939.

Im Alter von nur sieben Jahren wurde zwangsläufig Angst Ihr ständiger Begleiter. Im März 1941 wurden Sie mit ihren Eltern und Ihrem knapp zweijährigen Bruder in das Krakauer Ghetto deportiert. Schon bald leisteten Sie Zwangsarbeit in der Emaillefabrik von Oskar Schindler, was sich später als Ihr großes Glück herausstellen sollte. Als Ihre Familie nach der Liquidierung des Krakauer Ghettos in das Konzentrationslager Plaszow deportiert wurde, wurden Sie Zeugin der willkürlichen Erschießungen durch den grausamen Lagerkommandanten Amon Göth.  Wie furchtbar muss das alles für Sie gewesen sein!

Oskar Schindler setzte sich persönlich dafür ein, dass Sie auf seine berühmt gewordene Liste kamen, unter der Begründung, dass Ihre kleinen Hände in der angeblichen Munitionsfabrik in Brünnlitz kriegswichtig seien. Fälschlicherweise wurden Sie und Ihre Mutter jedoch 1944 zunächst nach Auschwitz deportiert statt nach Brünnlitz gebracht. Zweimal standen Sie kurz vor der Gaskammer, bis Sie und Ihre Mutter schließlich durch Oskar Schindler persönlich gerettet wurden. 

Angesichts des unvorstellbaren Leids und der Traumata, die Sie erlitten haben, ist es nur verständlich, dass Sie nach Kriegsende Jahrzehnte über das Erlebte schwiegen. Doch Anfang der 90er Jahre gewährten Sie der Weltöffentlichkeit Einblick in Ihr Schicksal, als Sie Steven Spielberg für seinen Film „Schindlers Liste“ berieten und die Schauspieler im Hotel „Forum“ in Krakau trafen, in dem Sie damals Ihren Kosmetiksalon hatten.

Und auch dies gehört zu Ihrer beeindruckenden und starken Persönlichkeit. Sie haben Ihren Ehemann, Herrn Tadeusz Karakulski, kennengelernt, eine Tochter geboren, die heute in den USA lebt. Und Sie haben nach der Ausbildung zur Kosmetikerin in Krakau hier viele Jahrzehnte erfolgreich gearbeitet und selbst junge Menschen in diesem Beruf ausgebildet.  Sie haben Ihr persönliches und berufliches Glück gefunden.

Es ist ein großes Geschenk, dass Sie seit vielen Jahren jungen Menschen aus Deutschland die Hand reichen und ihnen Einblicke in die dunkelsten Kapitel Ihres Lebens gewähren, auch wenn dies schmerzhafte Erinnerungen wachruft. Sie teilen Ihre Erfahrungen, damit nachfolgende Generationen ihre ganz persönlichen Lehren daraus ziehen können: ich erinnere an Ihre Rede bei der letztjährigen Gedenkveranstaltung zum 27. Januar in Auschwitz.

Sehr geehrte Damen und Herren,
das damalige Auswärtige Amt war frühzeitig über die Ausmaße informiert und an der systematischen Vernichtung der europäischen Juden beteiligt. Dafür schäme ich mich. Dieser dunklen Vergangenheit versuchen wir uns im Auswärtigen Amt heute immer wieder aufs Neue zu stellen, gerade auch im Rahmen der Ausbildung unseres Nachwuchses. Anfang dieses Jahres hatten unsere Attachés die Gelegenheit, mit Ihnen, liebe Frau Horowitz, hier im Generalkonsulat zu sprechen. Dafür waren meine jungen Kolleginnen und Kollegen unendlich dankbar. Lassen Sie mich daher drei unserer jungen Attachés zitieren:

„Die Offenheit mit der sie ihre Erfahrungen, Erlebtes und ihren Rat mit uns geteilt hat, hat mich sehr berührt; ihre Worte werden mich ein Leben lang begleiten.“

„Beeindruckend war für mich, dass das zutiefst Gute in diesem Menschen – ihre Weisheit, ihre Güte, ihr Humor – durch die Berührung mit den klaffenden menschlichen Abgründen, von denen sie uns erzählte, nicht verloschen war, sondern nur umso heller zu strahlen schien. Auch wenn der Inhalt ihrer Erzählung über die Erfahrungen aus dem Ghetto eigentlich nichts als Verzweiflung zuließ, vermittelten ihre Worte Zuversicht und Menschenliebe.“

„Ihre Erfahrungen und Erzählungen aus den Abgründen unserer Geschichte, aber ebenso sehr ihre Großzügigkeit, Güte und Humor sind uns Mahnung und Ansporn zugleich, für Frieden und Freiheit in der Welt einzutreten.“

Liebe Frau Horowitz,
Menschen wie Sie bestärken uns in unserem Einsatz für ein freies, vielfältiges und liberales Europa, in dem Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus und Homophobie keinen Platz haben.

In Zeiten, in denen Lügen über den Holocaust wieder salonfähig zu werden drohen, in denen Jüdinnen und Juden in Deutschland wie Polen wieder Angst haben, dürfen wir in unserem Kampf gegen Antisemitismus nicht nachlassen. Daher wollen wir die deutsche EU-Ratspräsidentschaft nächstes Jahr auch nutzen, um das Bewusstsein zu stärken, dass wir gemeinsam einstehen müssen gegen Judenhass, on- wie offline.

Liebe Frau Horowitz,
Ihnen heute das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland zu überreichen, das Ihnen der Bundespräsident verliehen hat, ist mir eine große Ehre und Freude. Ich wünsche uns allen, dass Sie uns noch lange als Gesprächspartnerin und Mitstreiterin, als wacher Geist und herzliche Persönlichkeit erhalten bleiben. Für die Zukunft wünsche ich Ihnen weiter so viel Durchhaltevermögen und vor allem viel Gesundheit! 

Mazel tov!

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