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Grußwort von Staatsminister für Europa Michael Roth zur Eröffnung der Sonderausstellung „Fotografien der Verfolgung der Juden - Die Niederlande 1940-1945“

29.10.2019 - Rede

-- es gilt das gesprochene Wort --

„Ab Mai 1940 ging es bergab mit den guten Zeiten: erst der Krieg, dann die Kapitulation, der Einmarsch der Deutschen und das Elend für uns Juden begann. Judengesetz folgte auf Judengesetz, und unsere Freiheit wurde sehr beschränkt“.

Dies schrieb Anne Frank in ihrem Tagebuch. Ihre Familie war wie viele andere tausende deutsche Jüdinnen und Juden nach 1933 in die Niederlande emigriert, auf der Suche nach Sicherheit vor den Nationalsozialisten.

Millionen von Menschen kennen Anne Franks Geschichte, ihre Berichte über das Leben im Versteck, ihre Angst und Ohnmacht, ihr Schicksal, das mit ihrer Ermordung in Bergen-Belsen endete.

Anne Franks Vermächtnis ist weltberühmt. Doch über das Ausmaß des Holocaust in den Niederlanden, über die Umstände der Verfolgung und Ermordung der ca. 140.000 Jüdinnen und Juden, die im Mai 1940 dort lebten, wissen wir in Deutschland noch viel zu wenig.

Endlich ist diese niederländisch-deutsche Sonderausstellung nach der ersten Station in Amsterdam in Berlin zu sehen. Das freut mich sehr! Sie beleuchtet das dunkelste Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte, die Zeit der deutschen Besatzung und der Verfolgung von Jüdinnen und Juden zwischen 1940 und 1945.

Was wir in Anne Franks Worten nur zu erahnen vermögen, führt uns die Ausstellung in eindrücklichen Bildern aus öffentlichen und privaten Sammlungen deutlich vor Augen.

Es gibt ein Bild in der Ausstellung, das mich am meisten bewegt hat und mehr sagt, als lange Studien und Reden: 22 jüdische Kinder und Jugendliche feiern im Innenhof der Synagoge in Deventer im September 1942 Rosh Haschana. „Nur eine hat überlebt“ - das ist der Titel des Bildes. Ein einziges Kind von 22 Kindern überlebte den Holocaust. 21 von 22 Kindern, die vermutlich alle hoffnungsvoll in das neue Jahr geblickt hatten, wurden kurze Zeit später mit ihren Familien deportiert und ermordet.

102.000 Frauen, Männer und Kinder überlebten die Gräueltaten der Nazis nicht. Etwa drei Viertel der Jüdinnen und Juden in den Niederlanden fielen dem Holocaust zum Opfer, was in Westeuropa den höchsten Anteil darstellte.

In der Ausstellung zeigen uns Bilder, mit welch erschreckender Akribie die deutschen Besatzer ihr Vorgehen dokumentierten. So musste der deutsch-jüdische Fotograf Rudolf Breslauer nach den Vorstellungen des Lagerkommandanten Gemmeker das Leben im sogenannten „Polizeilichen Durchgangslager“ Westerbork filmen und fotografieren. Bilder von Fußballspielen und bastelnden Kindern täuschen jedoch nicht über die grausame Realität hinweg. Insgesamt 93 Deportationszüge verließen Westerbork in Richtung von Konzentrations- und Vernichtungslagern wie Theresienstadt, Bergen-Belsen, Sobibor und Auschwitz.

Die Ausstellung erzählt Geschichten von Menschen, die angesichts des drohenden Schicksals irgendwie versuchten, möglichst viel Normalität zu bewahren. Sie erzählt Geschichten der Zuversicht und der Kraft der Liebe, etwa von Menschen, die in Hochzeitskleidern mit dem Judenstern vor den Altar traten.

Sie erzählt Geschichten der Hoffnung und zeigt Menschen, die vor dem Untertauchen noch einmal zuversichtlich in die Kamera lächeln. Sie erzählt Geschichten von Mut, den viele Helferinnen und Helfer bewiesen, um Jüdinnen und Juden zu verstecken. Sie erzählt aber auch die Geschichten von Ausgrenzung und Verrat.

Sehr geehrte Damen und Herren,

all die Geschichten, die die Ausstellung erzählt, ordnen sich in einen größeren Zusammenhang ein. Sie beschreiben einen Prozess, der mit der Einschränkung der Freiheit, bei der Ausgrenzung der vermeintlich Anderen begann und an dessen Ende die beispiellose Vernichtung stand.  Daher ist sie gerade in der heutigen Zeit so wichtig.

Ohne Erinnerung an das, was vor gut 75 Jahren geschehen ist, sehen wir nicht, wohin Nationalismus, Abschottung Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit führen können.

Nach 1933 glaubten sich die jüdischen Emigrantinnen und Emigranten in den Niederlanden sicher. Zumal die aktive jüdische Gemeinde in die niederländische Gesellschaft gut integriert war und Antisemitismus kaum offen zu Tage trat.

Doch auch dort fiel das Schüren antisemitischer Vorurteile durch die Nazis teils auf fruchtbaren Boden.

Das lehrt uns, wachsam zu sein. Immer und überall. Gerade, weil auch heute wieder gewählte Volksvertreter Vorurteile schüren, öffentlich den Holocaust verharmlosen und damit antisemitischem Gedankengut Vorschub leisten.

Antisemitismus ist nach wie vor einer der widerlichsten und perfidesten Türöffner für jegliche Form von Diskriminierung und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.

Der schreckliche Angriff von Halle hat gezeigt: wir haben zu lange geschwiegen, weggeguckt, abgewiegelt und verharmlost, als rote Linien schleichend und immer wieder überschritten wurden.

Jetzt heißt es gegenzuhalten und dabei noch deutlicher und klarer zu sein als die Minderheit, die oftmals lauter zu sein scheint als die Mehrheit der Demokratinnen und Demokraten. Ich lasse es mir nicht verbieten, meine Meinung frei zu äußern und vor der AfD als politischem Arm des Rechtsterrorismus zu warnen.

Nur wer gegen Antisemitismus und Rassismus kämpft, verteidigt unsere Menschenwürde, unsere Grundwerte, unsere offene, liberale Gesellschaft und unsere pluralistische Demokratie.

Diese Woche wird die Bundesregierung ein Maßnahmenpaket gegen Rechtsextremismus auf den Weg bringen. Zentrale Elemente sind die bessere Bekämpfung der Hasskriminalität im Internet, die Verschärfung der strafrechtlichen Bestimmungen und der Ausbau der Präventionsprogramme gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus, Rassismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Der gemeinsame Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus wird auch einer der  Schwerpunkte unserer EU-Ratspräsidentschaft sein.

Dabei muss klar sein: Der Kampf gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus ist keine Aufgabe allein für Staat und Politik.

Wir brauchen die engagierte Zivilgesellschaft an unserer Seite. Ich bin dankbar, dass sich nach Halle viele Menschen solidarisch gezeigt haben und gegen Antisemitismus und Rassismus und für Toleranz auf die Straße gegangen sind. Es kommt auf jeden an, Zivilcourage zu beweisen. Jeder ist gefordert, Stopp zu sagen und aufzustehen, wenn Menschen mit Kippa oder Kopftuch auf der Straße beschimpft werden, wenn gegen Juden, Frauen, Homosexuelle, Roma oder andere im Netz gehetzt wird. 

Vergangenes Jahr hatte ich die Gelegenheit, eine Gruppe internationaler Anne Frank Botschafterinnen und Botschafter im Auswärtigen Amt kennenzulernen. Es ist immer wieder inspirierend und ermutigend, junge Menschen zu treffen, die sich eigenständig und aktiv für unsere Demokratie und für ein friedliches Zusammenleben einsetzen.

Ich bin sicher, dass wir von ihnen und anderen engagierten jungen Menschen noch viele Ideen hören werden, wie aktiv Zeichen gegen Antisemitismus, Rassismus und andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit gesetzt werden können.

Sehr geehrte Damen und Herren,

alles andere als selbstverständlich angesichts der hier gezeigten Zeugnisse deutscher Besatzungsherrschaft in den Niederlanden sind die Freundschaft zwischen Deutschland und die Niederlande und unsere enge Partnerschaft in der EU. Vor wenigen Wochen haben wir uns bei den deutsch-niederländischen Regierungskonsultationen klar zu einem gemeinsamen Engagement für ein starkes Europa bekannt. Wir setzen uns gemeinsam für die Verteidigung und Stärkung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der EU ein.

Deutschland und die Niederlande wollen gemeinsam für die Einhaltung der regelbasierten internationalen Ordnung, der Rechtsstaatlichkeit und der Menschenrechte eintreten. Wir treten entschieden denen entgegen, die Antisemitismus und Rassismus schüren.

Diese Ausstellung ist als niederländisch-deutsches Gemeinschaftsprojekt entstanden. Sie ordnet sich ein in eine enge Zusammenarbeit von deutschen und niederländischen Forschern und Vertretern von Museen und Gedenkstätten zur Aufarbeitung des Holocaust. So sind beide Länder beispielsweise auch am Bau und der Gestaltung der neuen Dauerausstellung im ehemaligen Vernichtungslager Sobibor beteiligt. Weiterhin begleiten wir das Niederländische Holocaust Museum in Amsterdam, das derzeit entsteht.

Mein Dank gilt der Topographie des Terrors und dem NIOD Institute for War Holocaust and Genocide sowie dem Jewish Cultural Quarter/National Holocaust Museum für die Initiative zu diesem Projekt sowie allen beteiligten Institutionen und Privatpersonen, die ihre Sammlungen zur Verfügung gestellt haben.

Einen Mitstreiter möchte ich ganz besonders würdigen:

Lieber Herr Nachama,

leider ist dies nun eine Ihrer letzten großen Amtshandlungen als Direktor der Stiftung „Topographie des Terrors“. Wir verlieren mit Ihnen einen der prägenden Gestalter der deutschen und europäischen Gedenkstättenlandschaft.

25 Jahre waren Sie Stiftungsdirektor, sie haben diesen schwierigen Ort zu dem gemacht, was er heute ist. Ohne Sie wäre die „Topo“ sicher nicht zu einer international derart anerkannten und geschätzten Institution geworden.

Viele internationale Kooperationen haben Sie auf den Weg gebracht, wichtige Projekte gemeinsam mit uns gestemmt. Ich erinnere nur an die Ausstellung „Massenerschießungen. Der Holocaust zwischen Ostsee und Schwarzem Meer 1941–1944“, die endlich diesen bislang so vernachlässigten Teil des Holocaust beleuchtet.

Ich bin mir sicher, dass sich unsere Wege in einer Ihrer vielen anderen Funktionen kreuzen werden. Ich hoffe sehr, dass wir auch künftig auf ihre Ratschläge bauen können, sei es als Ko-Vorsitzender des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit oder als Vorsitzender der Allgemeinen Rabbinerkonferenz.

Ihrer Nachfolgerin Andrea Riedle wünsche ich eine ebenso glückliche Hand bei der Auswahl und Gestaltung internationaler Projekte. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit.

Der Ausstellung wünsche ich viele Besucherinnen und Besucher. Zukunft braucht Erinnerung. Gerade jetzt.

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