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Rede von Europa-Staatsminister Michael Roth zur Eröffnung der Ausstellung “Borderline – Frontiers of Peace” im Auswärtigen Amt

26.03.2019 - Rede

--- es gilt das gesprochene Wort ---

Ich bin ein echter Grenzgänger – schon rein berufsbedingt. Alleine in den vergangenen vier Wochen haben mich meine Dienstreisen als Europaminister nach Frankreich, Belgien, Ungarn, Rumänien, Kroatien und in die Slowakei geführt. Und auch Sie kennen das sicher von Ihren privaten Reisen: Grenzen überschreiten – das passiert heutzutage in Europa, insbesondere im Schengen-Raum, meist ganz unkompliziert, ja bisweilen fast schon beiläufig und unbemerkt.

Und dennoch ist dieses friedliche, grenzenlose Europa, in dem wir heute leben, ganz und gar keine Selbstverständlichkeit. Daran erinnert uns die Fotoausstellung “Borderline – Frontiers of Peace”, die wir heute eröffnen. Besonders freue ich mich, dass auch Valerio Vincenzo hier ist – der Künstler, dem wir diese großartigen Fotografien zu verdanken haben. Herzlichen Dank an Regine Feldgen von “FontiersofPeace”, die die treibende Kraft für das Zustandekommen dieser Ausstellung war.

Ein herzliches Willkommen geht nicht zuletzt auch an die Schülerinnen und Schüler des Beethoven-Gymnasiums Steglitz-Zehlendorf und der Gustav-Heinemann-Oberschule Marienfelde. Für Euch ist der heutige Besuch im Auswärtigen Amt Teil des Europaprojekttages. Schön, dass wir im Anschluss noch Gelegenheit haben, miteinander über das grenzenlose Europa ins Gespräch zu kommen.

Der Lichthof im Auswärtigen Amt ist gegenwärtig so etwas wie ein Brennglas für den Blick auf die deutsche Außen- und Europapolitik. Denn Sie sehen es selbst: Neben der Ausstellung “Borderline – Frontiers of Peace” ist hier derzeit auch die Ausstellung „#StrongerUNited – Deutschland im VN-Sicherheitsrat“ aufgebaut.

Damit richten wir den Blick auf unsere zweijährige Mitgliedschaft in diesem Gremium, die Anfang des Jahres begonnen hat. Ab dem 1. April übernehmen wir für einen Monat den Vorsitz in Sicherheitsrat.

Unsere Mitgliedschaft im Sicherheitsrat wollen wir nutzen, um wichtige Themen voranzubringen, die nur mit Teamgeist wirksam geregelt werden können.

Dazu gehören der Klimaschutz, die Rolle von Frauen in Friedensprozessen, Menschenrechte, Abrüstung und Rüstungskontrolle sowie der bessere Schutz von humanitären Helferinnen und Helfern.

Dabei wollen wir unserer Sicherheitsrats-Mitgliedschaft ganz ausdrücklich ein europäisches Gesicht geben, wir wollen sie europäisch denken und gestalten. Dass mit Deutschland und Frankreich erstmals in der Geschichte der Vereinten Nationen zwei Länder ihre aufeinanderfolgenden Vorsitze gemeinsam angehen, unterstreicht das auf besondere Art und Weise.

Und hier schließt sich der Kreis zur Ausstellung “Borderline – Frontiers of Peace”. Wenn Sie sich umschauen, dann stellen Sie fest: Die Ausstellung über den VN-Sicherheitsrat wird von der Borderline-Ausstellung gewissermaßen eingerahmt. Das ist zwar – so ehrlich will ich sein – eher einem Zufall der Ausstellungsplanung zu verdanken.

Aber sinnbildlicher könnte dieser Zufall wohl kaum sein: Die Gleichzeitigkeit der beiden Ausstellungen zu den großen Schwerpunkten unserer Arbeit symbolisiert wunderbar, wie Deutschland seine Bemühungen um eine internationale Ordnung, die Regeln achtet, am besten ausfüllen kann: Europäisch – mit einem nach innen gefestigten und nach außen handlungsfähigen Europa.

Besser als mit den Arbeiten von Valerio Vincenzo könnte man den Traum eines geeinten, grenzenlosen Europas wohl kaum zum Ausdruck bringen. Indem Sie, lieber Valerio Vincenzo, das Unsichtbare festhalten, uns mit Ihren Fotografien zeigen, was wir nicht mehr sehen können, führen Sie uns vor Augen: Die Visionen von einst sind längst Wirklichkeit geworden. Heute sind Grenzen in Europa nichts Trennendes mehr. Heute profitieren wir von dieser Grenzenlosigkeit, der Offenheit und Freiheit auch im Alltag – wir studieren im Nachbarland, wir arbeiten dort, kaufen dort ein und verlieben uns dort. Das ist für mich Europa!

Das war nicht immer so: Ich bin selbst in Nordosthessen unweit der ehemaligen innerdeutschen Grenze aufgewachsen. In meiner Jugend blickte ich auf Mauer, Zaun und Selbstschussanlagen. Hinter dem Horizont in Richtung Osten, da ging es eben nicht weiter wie in dem bekannten Song von Udo Lindenberg.

Für mich war lange Zeit unvorstellbar, dass sich an dieser buchstäblich in Beton gegossenen Realität jemals etwas ändern würde.

Zum Glück ist es anders gekommen. Fast drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall leben wir heute nicht nur in einem vereinten Deutschland – auch Europa ist seitdem immer enger zusammengewachsen. Und meine nordosthessische Heimat liegt schon lange nicht mehr im „Zonenrandgebiet“, sondern im Herzen Europas.

Lieber Valerio Vincenzo,

auch Sie sind als Grenzgänger viel unterwegs gewesen: Über 20.000 Kilometer des Grenzverlaufs zwischen den europäischen Ländern haben sie dazu in den vergangenen zehn Jahren besucht, und fotografisch festgehalten. 30 Ihrer Arbeiten sind nun in dieser Ausstellung zu sehen.

Ihre Fotografien nehmen uns ein. Das liegt nicht nur an ihrer künstlerischen Qualität. Nein, Ihre Fotografien strahlen eine ganz besondere Schönheit und Friedfertigkeit aus, eben weil sie das Trennende verschwinden lassen. Sie kontrastieren damit in eindrucksvoller Weise mit Bildern von Grenzen, die wir aus den Medien kennen: Bilder von Grenzzäunen, Mauern und Wachtürmen, die oft sogar von Soldaten und Panzern bewacht werden.

Diese Bilder wollen wir in Europa nicht mehr sehen. Deshalb ist eines der Fotos, das mich persönlich am meisten beeindruckt, das Foto von der Grenze zwischen Nordirland und Irland. Dieses Bild führt uns eindrücklich vor Augen: diese Grenze muss auch in Zukunft offen bleiben! Ansonsten sind 20 Jahre Frieden in Gefahr. Deshalb drängen wir in den Gesprächen mit der britischen Regierung darauf, dass der Brexit die Errungenschaften des Friedensprozesses niemals gefährden darf.

Die Fotografien von Valerio Vincenzo sind eine Botschaft des Friedens und der Verständigung. Nehmen wir sie ernst – besonders in Zeiten, in denen wir es in Europa mit zerstörerischen Kräften zu tun haben und in denen unsere Werte weltweit massiv bedroht sind.

Und ich weiß, dass das Europa der Grenzenlosigkeit, der Offenheit und Freiheit nicht jedem gefällt. Aber allen Nationalisten und Populisten möchte ich zurufen: Es wird bleiben. Und wir werden dafür kämpfen! Lassen Sie uns Grenzen überwinden, neuen Mauern eine Absage erteilen und Brücken bauen! Gemeinsam. Solidarisch.

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