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Rede von Europa-Staatsminister Michael Roth zur 25. Verleihung des Adenauer-de-Gaulle-Preises an « Une Terre Culturelle »

12.12.2019 - Rede

-- es gilt das gesprochene Wort --

Was haben Ulrich Wickert, Patricia Kaas, Airbus, die Stadt Ludwigsburg, zwei Dirigenten und ein junges Hip-Hop-Duo gemeinsam? Auf den ersten Blick sicher nicht viel.

Und doch zählen sie alle zu den Heldinnen und Helden der deutsch-französischen Freundschaft. Denn sie haben Grenzen überwunden, Brücken gebaut und das Bewusstsein für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit gestärkt. Und deshalb sind sie aus guten Gründen auch alle Preisträgerinnen und Preisträger des Adenauer-de-Gaulle-Preises. Und ich freue mich sehr, dass wir heute bereits zum 25. Mal den Preis verleihen dürfen. Ein kleines Jubiläum also!

Konrad Adenauer und Charles de Gaulle haben mit der Aussöhnung nach zwei furchtbaren Weltkriegen und der Unterzeichnung des Elysée-Vertrags den politischen Grundstein für die heutigen deutsch-französischen Beziehungen gelegt.

Mit dem nach ihnen benannten Preis werden seit 1989 Personen oder Organisationen ausgezeichnet, die sich auf ganz besondere Weise um die deutsch-französische Freundschaft verdient gemacht haben.

Und eines ist ganz klar: Adenauer - de Gaulle, Schmidt - Giscard d’Estaing, Kohl - Mitterand, Schröder - Chirac, Merkel - Macron – diese Politiker-Paare mögen in den vergangenen Jahrzehnten zwar die Schlagzeilen geprägt haben. Aber die eigentlichen Stars der deutsch-französischen Beziehungen sind doch ganze andere.

Denn die Partnerschaft zwischen unseren beiden Ländern ist ja nicht in erster Linie das Werk von Politikerinnen und Politikern, sondern sie wird getragen von einem stabilen großen Netz, geknüpft von wunderbaren Menschen.

Es sind vor allem die vielen engagierten Brückenbauerinnen und Brückenbauer in unserer Zivilgesellschaft, die durch Städtepartnerschaften, Schüleraustausche und Kulturprojekte dabei mitgeholfen haben, dass nach dem Zweiten Weltkrieg aus Feinden Freunde werden konnten.

Und echte Brückenbauerinnen und Brückenbauer waren und sind alle bisherigen 24 Preisträger des Adenauer-de-Gaulle-Preises. Zum Beispiel die Preisträger von 1990: Damals wurden die Städte Ludwigsburg und Montbéliard ausgezeichnet, die 1962 die erste Städtepartnerschaft nach dem Zweiten Weltkrieg geschlossen haben. Oder das Deutsch-Französische Jugendwerk, dem Preisträger von 2013, das seit 1963 rund neun Millionen jungen Menschen aus Deutschland und Frankreich die Teilnahme an mehr als 360.000 Austauschprogrammen ermöglicht hat.

Aber ich erwähne auch Künstlerinnen und Künstler wie Audrey Tautou und Daniel Brühl (Preisträger 2004) oder Hanna Schygulla und Patricia Kaas (Preisträgerinnen 1999). Sie haben viel für das gegenseitige Verständnis zwischen Deutschen und Franzosen getan. Oder an Arte (Preisträger 2014) und Airbus (Preisträger 1996), zwei zukunftsweisende und einzigartige deutsch-französische Kooperationen, die ebenfalls zu den bisherigen Preisträgern zählen.

Meine Damen und Herren,
Dass sich die deutsch-französischen Beziehungen seit dem Elysée-Vertrag 1963 in einer beispiellosen Breite und Vielfalt entwickelt haben, ist nicht zuletzt den zahllosen, oft ehrenamtlichen Initiativen von Bürgerinnen und Bürgern zu verdanken. Sie sind es, die unsere Beziehungen tragen, täglich neu gestalten und lebendig halten, häufig ganz ohne Scheinwerferlicht und rotem Teppich.

Genau das ist auch ein ganz wesentliches Anliegen des Aachener Vertrags, den wir am 22. Januar 2019 unterzeichnet haben: er will den bürgerschaftlichen Austausch und die Zusammenarbeit auf regionaler und kommunaler Ebene fördern und ausbauen.

So soll der im Vertrag geschaffene Bürgerfonds zivilgesellschaftlichen Initiativen noch mehr Möglichkeiten für den deutsch-französischen Austausch geben.

Mobilitätsprogramme im Bereich der beruflichen Bildung sollen jungen deutschen und französischen Auszubildenden und Berufstätigen zugutekommen. Die verstärkte Förderung des gegenseitigen Spracherwerbs, vor allem in der Grenzregion, soll mehr jungen Menschen bessere Zukunftschancen eröffnen.

Meine Damen und Herren,
Unsere Partnerschaft dient dem vereinten Europa. Aber wir spüren doch alle, dass sich da etwas Grundlegendes verändert hat.

Der Himmel über Europa als Heimat von Freiheit, Vielfalt, Menschenrechten, Demokratie und Solidarität hat sich eingetrübt, dunkle Wolken sind aufgezogen.

Europa und seine Werte werden heute eben nicht nur von außen, sondern auch von innen offen in Frage gestellt und angegriffen. Bei aller Sorge, die uns das bereiten muss, dürfen wir eines nicht vergessen: Das ist nach wie vor eine Minderheit. Aber sie ist laut, aggressiv, sie bietet einfache Antworten auf komplizierte Fragen, sie vergiftet unsere Seelen und Herzen mit der Demagogie und der Lüge. Wir aber sind die Mehrheit! Wir dürfen uns von diesen Nationalisten und Populisten, diesen Verächtern von Demokratie und Vielfalt, diesen Rassisten und Wutbürgern nicht die Themen und unsere Agenda diktieren lassen. Wir müssen dagegenhalten!

Wir müssen endlich lauter und sichtbarer werden! Im Netz, auf den Straßen, in den Parlamenten, in Schulen, Betrieben und Vereinen!

Das Fremde und Unbekannte kennenzulernen, eigene Erfahrungen in der Welt zu machen, ist die beste Immunisierung gegen die Propaganda und Lüge, mit denen die Populisten und Nationalisten uns alle vergiften wollen.

Die diesjährige Preisträgerin, die Marseiller Nichtregierungsorganisation « Une Terre Culturelle », verkörpert den Gegenentwurf zu Abschottung und Nationalismus. Sie steht für das Weiten des Horizonts. Für die Chancen und Möglichkeiten des vereinten Europas und seiner Werte.

« Une Terre Culturelle » wurde 2002 gegründet, die Wurzeln reichen bis in den Beginn der 1990er Jahre. Angetrieben von dem Wunsch, Mut zu machen und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten aufzubauen, organisiert « Une Terre Culturelle » seit fast 20 Jahren internationale Austauschprogramme für Jugendliche, die sonst kaum an einem deutsch-französischen Austausch teilnehmen würden. Kurzum: Ihr Motto lautet Mut machen und Mitmachen!

« Une Terre Culturelle » beschränkt sich dabei nicht auf Austausche zwischen Deutschland und Frankreich, sondern öffnet den Horizont für individuelle Erfahrungen in einer Vielzahl von Ländern. Auch entwickelt « Une Terre Culturelle » Fortbildungen zu interkulturellem Lernen für Menschen, die im sozialpädagogischen und kulturellen Sektor tätig sind. Sie bieten zudem Seminare zu bürgerschaftlichem Engagement und Teilhabe an.

All das ist heute in Zeiten von wachsendem Hass, Demokratieverachtung, Nationalismus und Populismus wichtiger denn je! Denn es gibt den jungen Menschen, mit denen Sie arbeiten, einen anderen Blick auf die Welt.

Wir brauchen noch viel mehr solche Mutmacherinnen und Brückenbauer wie Sie! Dafür danke ich Ihnen und deshalb ist der Adenauer-de-Gaulle-Preis 2019 bei Ihnen auch in den allerbesten Händen! Herzlichen Glückwunsch!

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