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Grußwort von Staatsministerin Müntefering zur Eröffnung der Ausstellung „WIR SIND VON HIER. Türkisch-deutsches Leben 1990. Fotografien von Ergun Çağatay“ am 20. Juni 2021

20.06.2021 - Rede

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Exzellenzen,
Hoşgeldiniz,
iyi akşamlar,

als er in seiner neuen Heimat ankam, erinnert er sich, regnete es in Strömen. Ein Handy, mit dem man der Familie kurz sagen konnte, dass man angekommen war, in diesem Land mit dem schlechten Wetter, dessen Sprache man nicht sprach, gab es nicht. Stattdessen nur: Ein fremdes Land. 

Ilhan Öner kam 1978 nach Deutschland, sein Vater zählte zu den ersten damals so genannten Gastarbeitern überhaupt. 

Heute lebt er in meiner Heimatstadt Herne. Hier, mitten im Ruhrgebiet hat er eine neue Heimat gefunden. Ein Leben wie seines, wenn man darüber nachdenkt, verlangt einem Respekt ab. Er hat seinen Kindern eine gute Ausbildung ermöglicht. Aber seine geliebte Frau verstarb schon vor vielen Jahren. 

Vorgestern, hier beim Rundgang in der Ausstellung erzählte mir jemand von der Ankunft seiner Familie, von seiner Mutter, die zum ersten Mal einkaufen ging und mit leeren Händen zurückkam. „Ich kann euch nichts kochen“, sagte sie. „Es gibt nichts. Keine Auberginen, kein Lammfleisch, keine Oliven.“ Der Vater befand, es würde sich schon fügen, irgendwas müssten die Deutschen ja essen - die sähen alle ganz wohlgenährt aus.

Es sind Geschichten wie diese, von Fremde und Heimat, von Ankunft und Sehnsucht, die stellvertretend sind für die Geschichte von fast 3 Millionen Menschen in unserem Land.

Sie kamen aus Italien, Spanien, Griechenland, Südkorea, Marokko, Portugal, Tunesien, Jugoslawien - nicht zu vergessen, die Geschichten der damaligen Vertragsarbeiter in der damaligen DDR.

Knapp 900.000 Menschen von ihnen kamen als sogenannte Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland. Und ihr Leben 1990 hält der Fotograf Ergun Çağatay in den Bildern dieser Ausstellung fest.

Sehr verehrte Damen und Herren,
in einem zweiseitigen Dokument regelte damals das Auswärtige Amt in Bonn mit der türkischen Botschaft am 30. Oktober 1961 die Entsendung von Arbeitskräften aus der Türkei nach Deutschland: das sogenannte Anwerbeabkommen. 

Wenig Papier, große Wirkung: Viele sind später geblieben, haben ihre Familien nachgeholt, haben hier ein neues Zuhause gefunden. 

Ihre Kinder sind hier geboren. Sie sind hier aufgewachsen, sind hier zur Schule gegangen, haben Unternehmen aufgebaut und sich für die Gesellschaft engagiert. 

Und dennoch: Bis heute hören selbst ihre Kinder und Enkel immer wieder diese Frage. Wo kommst Du her? Aus Herne. Bochum. Essen. Nein, wo kommst Du wirklich her? 

Einmal darüber nachgedacht möchte man mit ihnen rufen: Sie sind von hier! 

Und genau das ist Thema der Fotografien Çağatays: Seine beeindruckenden Bilder geben Zuwanderung ein Gesicht, oder besser: Viele Gesichter. 

Çağatays Bilder sind ein unverstellter Blick nach innen, aus heutiger Sicht wie ein Blick in eine geöffnete Zeitkapsel. 

Wir schauen auf die unterschiedlichsten Facetten des Alltagslebens türkei-stämmiger Frauen und Männer 1990 – 30 Jahre nach dem Anwerbeabkommen und 30 Jahre vor heute. 

1990: Ich war 10 Jahre alt, beeindruckt von meinem ersten bewussten politischen Erlebnis, dem Mauerfall, das ich im Fernsehen verfolgte und aus dessen Konsequenz ich meinen Teddybär Gorbatschow nannte - in den Straßen des Ruhrgebiets spielten im Kindergarten und der Nachbarschaft alle Kinder gemeinsam.

Eine Zeit auch hier in Nordrhein-Westfalen nicht ohne Probleme, doch die tiefen Wunden, die Solingen und der NSU in unser kollektives Gedächtnis schlugen, standen noch bevor.

Wir blicken durch die Fotos Çağatays auch in eine Zeit eines enormen gesellschaftlichen Umbruchs, in die Träume und Hoffnungen der Menschen, ihre Lebenswirklichkeiten. Die Ausstellung zeigt:

Die Geschichte der Menschen, die uns auf den Fotografien entgegenblicken, sie ist unsere gemeinsame Geschichte.

Ein Blick, der auch deutlich macht, wie groß und wie großartig das Potenzial dieser Menschen ist, gerade auch für die deutsch-türkischen Beziehungen. Deswegen fördert das Auswärtige Amt diese Ausstellung gern.

Und gerade hier in Nordrhein-Westfalen haben wir ja erlebt, ganz besonders durch den Bergbau, wie sehr Zuwanderinnen und Zuwanderer unser Land bereichert haben - das Wirtschaftswunder wäre ohne sie nicht möglich gewesen. Aber im öffentlichen Erinnerungsraum findet man davon allerdings wenig.

Deshalb habe ich vor eineinhalb Jahren vorgeschlagen, hier den Menschen ein Denkmal in unserer Mitte zu setzen. 

Kein Denkmal auf einem Sockel, sondern ein Ort des Dialogs, der zum Nachdenken darüber anregt, wer wir sind und wie wir miteinander leben möchten. Denn: Eine Demokratie braucht Gesetze, aber sie braucht auch eine Erzählung. Und zu dieser Erzählung gehört unbedingt auch die Geschichte der ehemaligen Gastarbeiter. 

Es geht um unser Selbstverständnis, darum, wie sich unser Land durch Migration gewandelt hat, wie es bunter und wie es vielfältiger geworden ist. 

Es freut mich sehr, dass die Stiftung Zollverein und die RAG-Stiftung meinen Vorschlag aufgegriffen haben. 15 Künstlerinnen und Künstler haben bereits Vorschläge und Ideen eingereicht, wie ein solches Denkmal aussehen könnte - sie werden parallel zur Ausstellung in der Kohlenwäsche gezeigt. Ende August wird der Prozess dann fortgesetzt. 

Ich kann mir keinen besseren Ort vorstellen, um diese Geschichte zu erzählen, gerade auch weil wir um die Probleme unserer Geschichte wissen, die es noch gibt.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Das, was in den letzten 60 Jahren gewachsen ist, ist etwas Einzigartiges. So etwas entsteht nicht allein durch diplomatische Verträge. Letztendlich sind es Menschen, die uns verbinden.  

Menschen wie Ugur Sahin und Özlem Türeci, die in Deutschland den BionTech-Impfstoff gegen Corona entwickelt haben; wie Fatih Akin und Sibel Kekili, die mit ihren Filmen weltweit erfolgreich sind; wie Can Dündar, der aus seinem Heimatland fliehen musste und jetzt in Deutschland als Journalist arbeitet;

Und wie Ilhan Öner, der sich seit Jahrzehnten politisch engagiert, Betriebsrat war und sich immer für die Belange anderer eingesetzt hat - und seine Tochter Emek, die gerade zur stellvertretenden Integrationsratsvorsitzenden in Herne gewählt worden ist. Liebe Emek, Lieber Ilhan - wie schön, dass ihr da seid!

Und dennoch stößt auch ihre Generation nicht nur an gläserne Decken, sondern auch an Mauern aus Beton. Denn davon gibt es noch viele in den Köpfen.

„Wir sind von hier“ ist deshalb mehr als eine Überschrift. Es ist eine Aufforderung: Reißt diese Mauern ein.

Setzt Euch dafür ein, dass Rassismus und Ausgrenzung ein Ende haben.

Dafür, dass von hier sein - endlich das wird, was es sein sollte: Eine Selbstverständlichkeit. 

Sehr verehrte Damen und Herren,

Wie die Menschen so ist auch die Ausstellung selbst eine Brücke. Sie wird hier in Essen, und in Kooperation mit dem Goethe-Institut auch in drei Städten der Türkei gezeigt.

Sie bietet als deutsch–türkisches Kooperationsprojekt Menschen in Deutschland und in der Türkei eine gemeinsame Perspektive auf die Geschichte beider Länder. 

Mögen viele Menschen über diese Brücke gehen.

Denn wenn wir auch heute keine Steinkohle mehr fördern, gilt doch die größte Tugend aus dem Bergbau fort: Die Solidarität. Unter Tage muss man sich aufeinander verlassen. Genau das – wenn ich mich den Wünschen anschließen darf, sehr geehrter Hans-Peter Noll - wünsche ich mir für uns alle: Dass wir gemeinsam Verantwortung füreinander übernehmen und diese Gesellschaft zusammenhalten.

Was heißt eigentlich „Glückauf“ auf Türkisch?

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