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Grußwort von Staatsministerin Michelle Müntefering bei dem Unidas-Webinar „Virtueller politischer Dialog“

17.09.2020 - Rede

Es gibt Jubiläen, die leuchten und machen doch gleichzeitig nachdenklich. Dieses Jahr erinnern zwei Jubiläen an den langen Kampf für Gleichberechtigung und Frauenrechte. Und daran, wie zerbrechlich Fortschritt ist.

Vor 25 Jahren verpflichtete sich die Weltgemeinschaft in Peking, Geschlechtergerechtigkeit in allen Bereichen der Gesellschaft zu fördern.

17.000 Menschen waren bei der Konferenz dabei. 30.000 Frauen aus der ganzen Welt trafen sich im benachbarten Huairou. Als sich die Versammlung nach harten Verhandlungen endlich auf einen Text einigen konnte, lag ein Gefühl von Aufbruch und Fortschritt in der Luft.

Fünf Jahre später, also genau vor 20 Jahren, verabschiedete der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in New York einstimmig die Resolution 1325. Ein echter Meilenstein, der klarstellte: Frauen gehören bei Friedensverhandlungen an den Verhandlungstisch.

Was für eine zentrale Rolle Frauen in politischen Krisensituationen spielen, haben wir letztes Jahr im Sudan gesehen. Und jetzt gerade sehen wir es in Belarus.

Peking und New York stehen für den Willen der globalen Gemeinschaft zusammenzustehen und sich auf gemeinsame Ziele zu verpflichten. Aber was vor zwei Jahrzehnten Konsens war, ist heute nicht mehr selbstverständlich. Es ist etwas ins Rutschen gekommen. Immer mehr Staaten versuchen, die Fortschritte der letzten Jahre rückgängig zu machen. Selbst Staaten, von denen man das niemals gedacht hätte, haben den Rückwärtsgang eingelegt.

Corona könnte die Rückschritte bei der Gleichberechtigung noch weiter verstärken. Frauen leisten in dieser Krise den Mammutanteil bei der Betreuung von Kindern und Familienangehörigen. Sie sind gerade in ärmeren Ländern besonders von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie betroffen. Und auch häusliche Gewalt hat während des weltweiten Lockdowns deutlich zugenommen.

Geschichte läuft eben nicht geradlinig. Fortschritt ist kein Selbstläufer. Im Gegenteil: Es liegt an uns, Gleichberechtigung voranzutreiben und uns den Versuchen entgegenzustellen, die Zeit zurückzudrehen. Die beiden Jubiläen in diesem Jahr sind daher nicht nur ein Grund zu feiern. Sie sind ein Anlass, die Weltgemeinschaft an ihre Verpflichtung zu erinnern.

Nur wenn wir uns zusammenschließen, werden wir dabei Erfolg haben. Und genau das ist das Ziel von Unidas.

Vor etwas mehr als einem Jahr haben engagierte Frauen aus Deutschland, Lateinamerika und der Karibik begonnen, das Netzwerk aufzubauen. Ihr Ziel: gemeinsam für chancengleiche Gesellschaften und Gerechtigkeit kämpfen.

Mittlerweile haben sich mehr als 240 Mitglieder und Partnerorganisationen aus Lateinamerika, der Karibik und Deutschland angeschlossen. Viele sind in lokalen Organisationen und Vereinen in der Frauenrechtsarbeit in Lateinamerika aktiv.

Andere setzen sich durch ihr politisches und journalistisches Engagement für die Rechte von Frauen ein. Bereits im ersten Jahr wurde viel erreicht.

In Salvador da Bahia, dem Geburtsort unseres Netzwerks, gibt es heute ein Unidas-Frauenhaus. Es ist ein offener Ort und Schutzraum für Frauen, in dem sie sich austauschen, aber auch im Rahmen von berufsbildenden Maßnahmen weiterbilden können.

In Kolumbien, Mexiko, Bolivien, Brasilien und Chile sind zahlreiche Initiativen entstanden, die die Ziele der Resolution 1325 mit Leben füllen. Und viele weitere Projekte sind in Vorbereitung.

Für mich ist klar: Sie alle haben mit ihrem Engagement Unidas schon jetzt zu einer echten Erfolgsgeschichte gemacht.

Aber die Wahrheit ist auch: Nicht alles ist Sonnenschein.

Bei der Gründung von Unidas im Mai letzten Jahres konnte niemand ahnen, dass uns wenig später die Covid-19-Pandemie dermaßen überrollen würde. Lateinamerika und die Karibik sind im internationalen Vergleich besonders stark von den Auswirkungen der Pandemie betroffen. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns gemeinsam über die Auswirkungen von Corona auf Frauenrechte und Gleichberechtigung austauschen. Das ist das Ziel unseres heutigen Gesprächs.

Ich weiß, dass viele von Ihnen angesichts der Krise Projekte auf die Beine gestellt haben, die ganz konkret dazu beitragen, dass Gleichberechtigung nicht unter die Räder der Pandemie gerät. Vor wenigen Wochen hat zum Beispiel ein neues Projekt zu Big Data mit Unidas Mitgliedsorganisationen in Bogotá und São Paulo gestartet, das Hotspots häuslicher Gewalt aufdeckt.

Auf solche konkreten Projekte kommt es an. Das wurde mir dieses Jahr noch einmal sehr deutlich, als ich Bundespräsident Steinmeier zu einer Reise nach Kenia begleitete.

Als wir mit einem großen Tross in ein Flüchtlingscamp ankamen, kochten zwei Frauen an großen Töpfen das Essen. Fünf Töpfe braucht es am Tag, erzählten die Frauen den mitreisenden Journalisten. Alle staunten und machten Bilder. Aber niemandem fiel das Offensichtliche auf: Die Frauen kochten über offenem Feuer. Ein Umstand, der jährlich hunderttausende Frauen alleine in Subsahara Afrika das Leben kostet. Das zeigt doch, wie wenig gendergerecht wir auf die Dinge schauen. Und wie viel man erreichen kann, wenn man an den richtigen Stellen ansetzt.

Über diese kleinen, aber entscheidenden Stellschrauben wollen wir heute sprechen.

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer,
Bis zum Erreichen von echter Geschlechtergerechtigkeit liegt noch ein weiter Weg vor uns. In Deutschland, ebenso wie in Lateinamerika und der Karibik. Wir dürfen nicht locker lassen und müssen uns dem sich ausbreitenden Autoritarismus und Sexismus entschlossen entgegenstellen. Netzwerke wie Unidas brauchen wir dabei mehr denn je.

Ich kann Ihnen versichern: Als Auswärtiges Amt werden wir Sie dabei weiter unterstützen. Unser Engagement für Unidas wollen wir nicht nur beibehalten, sondern sogar noch ausbauen. Das ist das erklärte Ziel von Bundesaußenminister Maas.

Gemeinsam können wir es schaffen, dass Peking und New York einmal nicht als Beispiele einer besseren Vergangenheit im Gedächtnis bleiben, sondern als Auftakt für eine Welt, in der Gleichberechtigung kein hehrer Traum ist, sondern gelebt Realität.

Wie wir im Ruhrgebiet sagen: Glück auf!

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