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"Wir müssen teilen lernen"

28.05.2018 - Interview

Staatsministerin Michelle Müntefering im Interview mit dem Tagesspiegel.

Frau Müntefering, Sie kommen gerade von Ihrer ersten Afrika-Reise zurück, und Sie steigen auch gleich wieder ins Flugzeug dorthin. Was ist Ihr Anliegen, wie sind Ihre Eindrücke?

Vor meiner ersten Reise hat man mir geraten, erst einmal alles zu vergessen, was man über Afrika zu wissen meint. Das Bild von Nigeria, wo ich nun gerade war, ist in Deutschland auch stark durch die schrecklichen Ereignisse um Boko Haram geprägt. Terrorismus und Armut gibt es sicherlich, aber eben auch eine lebendige Start-up-Szene, die zum Beispiel gerade an „Dünger-Drohnen“ arbeitet, oder die Filmindustrie Nollywood, wo im letzten Jahr etwa 2000 Filme produziert wurden. Deswegen ist es neben den Regierungsgesprächen auch so wichtig, mit der Zivilgesellschaft Austausch zu suchen.

Auf welche Fragen wurden Sie da angesprochen? Spielt das bei uns so prominente Thema der aus Afrika stammenden Raubkunst eine Rolle?

Das Thema Kolonialvergangenheit wurde bei meinem Besuch des Freedom Parks, eines ehemaligen Gefängnisses, schmerzhaft deutlich, doch die junge Generation in Nigeria ist viel stärker auf die Zukunft ausgerichtet. Sie wollen mit uns kulturell zusammenarbeiten. Genau deswegen war ich da: Zunächst einmal muss man zuhören. Damit beginnt alle gute Politik. Ich wurde dort wiederum gefragt: Was wollt ihr eigentlich mit eurer Kulturpolitik?

Und was sagen Sie?

Uns geht es nicht darum, Kultur zu exportieren. Wir wollen Zusammenarbeit und Kooperation. Und wir glauben, dass die Kraft der Kultur zur Völkerverständigung beitragen kann. Diese Herangehensweise wird ja heute durchaus von einigen Staaten infrage gestellt. Die zentrale Frage lautet für mich: Was heißt teilen im 21. Jahrhundert? Wir müssen in Deutschland begreifen, dass es uns nur gut geht, wenn es auch anderen gut geht. Mit dieser Haltung gehe ich in die Welt.

Was Sie beschreiben, ist im Grunde seit Jahren die Philosophie des Goethe-Instituts. Es exportiert dann doch etwas, nämlich die Idee von Freiheit und demokratischem Miteinander.

Wir haben mit dem Goethe-Institut und anderen Organisationen der internationalen Kulturpolitik glaubhafte Botschafter für Demokratie und Freiheit. Sie arbeiten staatsfern – und genau das wird von Künstlern und Intellektuellen hoch geschätzt und eben von uns, dem Auswärtigen Amt, auch. Wir finden, diese staatsferne, freiheitliche Organisation von Kulturarbeit ist etwas Besonderes und besonders Gutes.

Die Rolle des Goethe-Instituts wird im Koalitionsvertrag ausdrücklich hervorgehoben. Was heißt das in der Praxis?

Das ist kein Zufall. Es ist Teil meiner Aufgabe, unsere Mittlerorganisationen bei ihren Aufgaben zu unterstützen und sie zu stärken. Dazu gehören das Goethe-Institut, das Netz der Auslandsschulen, das Institut für Auslandsbeziehungen, das Deutsche Archäologische Institut, die Alexander von Humboldt Stiftung, der Deutsche Akademische Austauschdienst und andere. Dabei ist natürlich die Unterstützung durch die Kolleginnen und Kollegen im Bundestag ganz besonders wichtig.

Welche eigenen Ideen bringen Sie mit?

Ich habe mir eigene Schwerpunkte gesetzt, über die ich die Überschrift gesetzt habe: Freiheit stärken! Dazu gehört unter anderem, die Initiativen zum Schutz verfolgter Wissenschaftler und Künstler auszubauen und zu erweitern. Aber auch der Jugendaustausch. Ich möchte dazu beitragen, das historische Bewusstsein unserer jungen Generation zu schärfen. Dabei müssen wir auch darauf achten, Jugendliche zu erreichen, die eine Berufsausbildung machen oder für die ein Auslandsaufenthalt nicht selbstverständlich ist.

Sie stammen aus Herne, aus dem Ruhrgebiet. Sie haben eine Ausbildung als Kinderpflegerin, später ein Journalismus-Studium absolviert und Kommunalpolitik für die SPD betrieben. Erzählen Sie doch etwas von Ihrem kulturellen Hintergrund. Eine Karriere zur Staatsministerin für auswärtige Kulturpolitik war nicht unbedingt vorgezeichnet.

Ich war eine der Ersten in meiner Familie, die studiert haben. Kunst und Kultur waren für mich schon immer da. Die Politik kam dann später dazu. Es war die kulturelle Bildung während der Schulzeit, die Gedichte von Paul Celan, Ingeborg Bachmann, Bertolt Brecht und später die politische Kunst von Christoph Schlingensief, die mich geprägt haben. Ich erinnere mich, auf meinem Schuletui stand neben den Namen der Rockbands, die man damals so gehört hat, auch „Gruppe 47“.

Sie haben das da draufgeschrieben?

Ja, mich hat der gemeinsame Schaffensgeist bewegt, und auch der Gedanke der Erinnerung und der Auseinandersetzung mit Geschichte. Wir haben damals auch das Konzentrationslager Bergen-Belsen besucht. Daran habe ich erst gerade wieder gedacht, als ich im Auswärtigen Amt mit Überlebenden der Schoah zusammengesessen habe. Das sind Ereignisse, die prägen.

Und wie kamen Sie dann auf auswärtige Kulturpolitik?

Als ich vor vier Jahren in den Bundestag gewählt wurde, hat die SPD-Fraktion mich gebeten, Außenpolitik zu machen. Der Unterausschuss für die internationale Kulturpolitik kam dann dazu und ich wurde dort Sprecherin unserer Fraktion. Seitdem bewegt mich der Gedanke, wie Deutschland in der Welt agiert, sehr. Wir können uns als Bundesrepublik nicht aus allem heraushalten oder einfach neutral sein. Wir haben eine Verantwortung für Europa und für Frieden. Jede Generation muss dazu immer wieder ihren Teil beitragen.

Fehlt es in Europa an einem gemeinsamen kulturellen Verständnis?

Wir sehen heute auch mitten in Europa Tendenzen der Abschottung und einen aufkommenden Nationalismus. Um dagegen anzugehen, braucht es aber offensichtlich mehr Engagement als bislang. Gemeinsame Wissenschaftsprojekte, wie europäische Universitäten, die Präsident Macron vorgeschlagen hat, können ein Weg sein. Überhaupt sollten wir Frankreich jetzt deutlichere und konstruktive Signale der Unterstützung senden. Die Kraft der Kultur kann helfen, Europa zusammenzuhalten. Deswegen planen wir gerade zehn gemeinsame Kulturinstitute aus einem Zusammenschluss von Goethe und Institut français. Erfreulich ist, dass die Zustimmung zu Europa in Deutschland laut der letzten Umfrage wieder deutlich zugenommen hat. Aus meinem Wahlkreis weiß ich: Es sind die unmittelbaren, konkreten Probleme, aber auch die großen internationalen Zusammenhänge, über die sich Menschen Gedanken machen. Dafür brauchen wir Europa.

Interessiert jemand in Herne internationale Kulturpolitik?

Aber natürlich. Kultur bedeutet ja auch die Beziehungen der Menschen untereinander, des Reichen zum Armen, des Starken zum Schwachen, der Erwachsenen zu den Kindern oder des Menschen zu seiner Umwelt. Ralf Dahrendorf hat gesagt, wir müssen wegkommen von einer Außenpolitik der Staaten und hinkommen zu einer Außenpolitik der Gesellschaften. Das ist auch mein strategischer Ansatz.

Ihre Kollegin Monika Grütters von der CDU, die Kulturstaatsministerin im Kanzleramt, würde dem sicher zustimmen. Sie arbeiten auf dem gleichen Gebiet in zwei Häusern, das ist eine etwas seltsame Konstellation. Wie geht das?

Es ist genug Arbeit für alle da. Wir haben unterschiedliche Zuständigkeiten und natürlich stimmen wir uns ab. Einige Stellen der Überschneidung sind ja im Koalitionsvertrag erkennbar, zum Beispiel bei dem Komplex Kolonialismus. Monika Grütters und mich eint ein gemeinsames Ziel: eine gute Kulturpolitik für Deutschland und in der Welt. In einer Welt, in der das Außen und das Innen mehr und mehr verschwimmen, ist es umso wichtiger, dass wir auch den Bereich der internationalen Kulturpolitik deutlicher betonen.

Auch beim Humboldt-Forum. Außenamt und Kanzleramt sind im Aufsichtsrat. Was versprechen Sie sich von der neuen Institution?

Als diese Diskussion um ein neues Stadtschloss vor rund 20 Jahren begann, war ich bei den Jusos und wir haben darüber diskutiert und uns gefragt, wozu braucht man ein neues altes Schloss? Als dann die Idee aufkam, das Humboldt-Forum zu einem Zuhause für die Weltkulturen zu machen, hat mich das überzeugt. Jetzt gilt es, gemeinsam genau daran zu arbeiten. Das wird gelingen.

Interview: Rüdiger Schaper

www.tagesspiegel.de

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