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Wettbewerb der Narrative

15.06.2018 - Interview

Staatsministerin Müntefering im Interview mit der Süddeutschen Zeitung.

Sie waren gerade in Südafrika und Nigeria, denn zu Ihrem neuen Ressort gehört auch Afrika – nicht nur in kulturpolitischer Hinsicht. Warum?

Michelle Müntefering: Der Zuschnitt des Amtes trägt dem Koalitionsvertrag Rechnung. Der gibt der internationalen Kulturpolitik einen besonderen Stellenwert. Auch die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit Deutschlands ist dort benannt und der Auftrag, mit Afrika stärker kulturell zusammenzuarbeiten.

Ihr Ressort unterhält in Afrika die Webseite „Rumors about Germany“. Sie soll den Schlepperlügen etwas entgegensetzen. Das klingt nach Flüchtlingsprävention.

Es geht um Aufklärung, nicht um Abschreckung. Wir wollen zu einem realistischen Deutschlandbild beitragen. Es hilft niemandem, wenn Menschen mit Erwartungen kommen, die wir nicht halten können.

Was ist daran Kulturpolitik?

Im Ausland ist das Interesse an unserem Handeln und unseren Positionen gewachsen, was auch bedeutet, dass wir unsere Außenpolitik besser erklären müssen. Wir befinden uns zudem mitten in einem Wettbewerb der Narrative etwa mit den USA, Russland oder China. Deswegen bauen wir die Auslandskommunikation aus, die im Auswärtigen Amt zur Kulturabteilung gehört.

China hat 2006 das erste Konfuzius-Institut gegründet, inzwischen gibt es 500, viele davon in Afrika. Die Zahl der Goethe-Institute beträgt nach wie vor etwa 160. Liegt Deutschland nicht zurück?

Wir sehen tatsächlich eine starke Präsenz der Chinesen. Chinas Anspruch ist es, bis 2020 eine halbe Million Studierende nach China zu holen – aus der ganzen Welt, auch aus Afrika. Dort gibt es viele kluge junge Leute. Um die konkurrieren wir mit China.

Das Goethe-Institut plant zehn gemeinsame Kulturinstitute mit dem Institut français als Nukleus einer gemeinsamen europäischen Kulturpolitik. Welche gemeinsamen Werte kann Europa vertreten, wenn Länder wie Polen und Ungarn dezidiert europafeindlich auftreten?

Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass Europa beieinander bleibt, aber genau daran entscheidet sich unsere Zukunft. Deshalb müssen wir die Kraft der Kultur besonders für die innereuropäische Integration nutzen. Das tun wir, etwa mit dem Freiräume-Projekt des Goethe-Instituts, bei dem europäische Städte miteinander arbeiten, mit Sommerschulen für junge Blogger in der Ukraine. Auch die Kollwitz-Barlach-Ausstellung in Moskau unter Beteiligung von jungen Menschen aus der Ukraine, Belarus und Russland ist ein Erfolg.

Polen hat in der Erinnerungspolitik einen jahrzehntelangen Konsens verlassen und lässt nur noch eine Lesart der Vergangenheit zu. Wie reagieren Sie darauf?

Aktuell gibt es Signale der polnischen Regierung, insbesondere bei Sobibor weiter zusammenzuarbeiten. Sobald die konkreten Anträge kommen, können wir beginnen. Wir sind dazu bereit, uns zu engagieren, inhaltlich und finanziell. Außerdem ist das deutsch-polnische Geschichtsbuch – ein bilaterales Schulbuchprojekt – nun fertig. Eine solche gemeinsame Arbeit ist schon ein Wert an sich. Wie schön wäre es, wenn es bald in Schulen gelesen würde.

Ihr Amt wurde neu geschaffen, Ihr Etat ist fünfmal höher als der der Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters. Auswärtige Kulturpolitik hat für die Regierung höchsten Stellenwert. Können Sie verstehen, dass manchem unheimlich ist, wenn Kultur unter geostrategischen Nutzungsaspekten betrachtet wird?

Nicht der gesamte Etat des Auswärtigen Amtes steht für Kulturpolitik zur Verfügung, sondern nur rund 900 Millionen, also weniger als der Haushalt der Kollegin Grütters. Aber umso mehr: Unsere deutschen Interessen sind ja nicht nur rein wirtschaftlicher oder geostrategischer Natur, sie sind auch wertegebunden. Wir glauben an Demokratie und Meinungsfreiheit und die Kraft der Aufklärung. Die Demokratie ist Teil unserer Kultur. Mir geht es darum, dass die Räume für den kritischen Austausch bestehen bleiben, doch derzeit sehen wir eher „shrinking spaces“, statt „open spaces“. Kulturarbeit, wie wir sie begreifen, ist immer Friedensarbeit.

Können Sie sich eine Kultur ohne friedenspolitische Funktion vorstellen?

Kunst ist ein Spiegel der Gesellschaft. Ich gehöre zur jüngeren Generation in der Politik – was nicht schwer ist – und das positive Deutschlandbild im Ausland ist keine Selbstverständlichkeit, sondern hat meiner Meinung nach viel mit der Aufarbeitung der eigenen Geschichte zu tun. Der Populismus, den wir nun weltweit sehen und der seinen Höhepunkt womöglich noch nicht erreicht hat, muss einem Sorgen bereiten. Als Bürgerin wünsche ich mir, dass Intellektuelle und alle Demokraten sich entschiedener einmischen. Wir dürfen nicht den Rechtspopulisten die Deutungshoheit darüber überlassen, was Heimat, was Volk, was Identität bedeutet. Mich haben Künstler wie Schlingensief und Brecht beeinflusst. „Alle zehn Jahre ein großer Mann – und wer zahlte die Spesen?“

Schlingensief und Brecht – damals galt Kultur als links. Das Staatsministerium für Kultur führt Monika Grütters von der CDU. Gibt es überhaupt Unterschiede zwischen sozialdemokratischer Kulturpolitik und christdemokratischer?

Das sozialdemokratische oder christsoziale Weltbild fließt auch in die Kulturpolitik ein, aber natürlich haben wir einen demokratischen Konsens. Ich würde einen Begriff der zivilgesellschaftlichen Dimension von Kultur für mich in Anspruch nehmen, dass sich Kultur nicht auf Ästhetik reduzieren lässt. Aber das will ich natürlich anderen nicht absprechen.

Das schwierigste Terrain für die Zusammenarbeit mit Monika Grütters dürfte das Humboldt-Forum sein. Das Projekt befindet sich nach Ansicht mancher Kommentatoren im Stadium der „Agonie“. Nun kreuzen sich dort Ihre Zuständigkeiten. Was genau wollen Sie dort?

Zunächst muss man jetzt den neuen Generalintendanten Hartmut Dorgerloh unterstützen. Natürlich habe ich ein Interesse daran, die internationale Komponente zu stärken. Wir brauchen die Mittler, die Botschafter aus dem Ausland, internationale Köpfe.

Mit Verlaub, das erinnert stark an ein Gespräch mit dem damaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier vor drei Jahren, der bereits damals von einer internationalen Komponente im Humboldt-Forum sprach. Hat sich da nicht mehr getan?

Damit hat er nach wie vor recht. Vor drei Wochen war ich zum ersten Mal im Stiftungsrat, und wir haben festgelegt, dass es einen Kooperationsvertrag mit dem Goethe-Institut geben soll und einen Prüfauftrag formuliert, ob dazu eine Stabsstelle Internationales implementiert werden kann.

Geht es ein wenig konkreter?

Das Haus soll ein „Fenster in die Welt“ sein, dazu brauchen wir Experten von außen, Kulturschaffende, die sich beteiligen. Das Humboldt-Forum muss etwas Neues sein, auch in der Frage, wie wir kuratieren.

Ist das Ihre Vision: In fünf Jahren kuratieren Afrikaner Ausstellungen?

Das kann ich mir gut vorstellen.

Das klingt zögerlich. Die Teilnahme von Kuratoren und Künstlern aus den Herkunftsländern der Exponate müsste doch die Voraussetzung aller weiteren Überlegungen sein.

Meine konkrete Vorstellung lautet: gemeinsame Schaffensprozesse. Ich glaube, dass die in der individualisierten Gesellschaft zunehmend verloren gehen. Es geht um gemeinsame Erfahrungen, um Aufarbeitung. Damit bin ich bei dem kamerunischen Wissenschaftler Achille Mbembe, den ich auch in Südafrika getroffen habe. Er stellt eine wichtige Frage: Was bedeutet Teilen im 21. Jahrhundert? Also auch: Wie beeinflusst internationaler Kapitalismus unsere Gesellschaft?

Und über all diese Themen tauschen Sie sich mit Frau Grütters regelmäßig aus? Hintergrund der Frage ist natürlich, dass viele sich fragen, ob Sie und die mächtige Kulturstaatsministerin Partner oder Konkurrentinnen sind.

Unser Austausch hat während der Koalitionsverhandlungen begonnen. Wir sind beide Profis, sitzen jetzt gemeinsam am Kabinettstisch, sprechen und simsen miteinander – und darüber hinaus haben wir noch eine Gemeinsamkeit: Wir wollen eine gute Kulturpolitik machen.

Ein weiteres brisantes Thema für Sie beide ist die Frage der kolonialen Vergangenheit hiesiger Sammlungen. Im Mai hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz erstmals geraubte indianische Masken zurückgegeben, Frau Grütters ist insgesamt eher zurückhaltend. Sie auch?

Wir sind ganz am Anfang einer Debatte. Schlimm genug, kann man sagen, wir haben da etwas nachzuholen. Aber sie nimmt Fahrt auf. Es geht darum, einen gemeinsamen Weg der Bundesregierung zu finden.

Wohin wollen Sie?

Ich kann mir vorstellen, dass wir etwas mit der Unesco entwickeln, analog zu den Washingtoner Kriterien.

Die Washingtoner Erklärung regelt die Rückgabe von NS-Raubkunst aus Museen, sie wurde 1998 von vielen Staaten ratifiziert. Was würde das für den Umgang mit Exponaten aus der Kolonialzeit bedeuten?

Wir haben noch keine Stelle, die das machen könnte. Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg sollte man ausbauen, das ist auch im Koalitionsvertrag angelegt.

Ist es nicht Zeit für eine großzügige Geste: Deutschland würde wie der französische Präsident Macron sagen, in fünf Jahren geben wir ganze Sammlungen zurück?

Macron hat ein starkes Zeichen gesetzt und persönlich zwei Sachverständige berufen. Wir haben mit dem Auswärtigen Amt einen Aufschlag mit der Konferenz in Hamburg gemacht, wo wir verschiedene Experten angehört und breit diskutiert haben. Monika Grütters hat zudem mit dem Museumsbund erste Vorschläge erarbeitet – das alles muss jetzt miteinander beraten und zusammengeführt werden.

Interview: Sonja Zekri

www.sueddeutsche.de

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