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Staatsministerin Michelle Müntefering bei der Veranstaltung „Quo vadis, Humboldt Forum?“ im Rahmen der Reihe „Kultursalon“ der Stiftung Brandenburger Tor gemeinsam mit der Kulturpolitischen Gesellschaft

19.03.2019 - Rede

Über das Humboldt-Forum ist so viel gesagt, so viel geschrieben worden. Manchmal hatte man den Eindruck, es wäre fast zerschrieben und zerredet worden.

Jetzt soll es bald fertig sein, seine ersten Türen öffnen.

Die KUPOGE (Kulturpolitische Gesellschaft) jedenfalls ist der Debatte nicht müde geworden - und ich meine: das zurecht.

Denn das Humboldt-Forum ist inzwischen ein kulturpolitisches Versprechen, über das zu sprechen sich weiter lohnt.

Deswegen bedanke ich mich auch für die Einladung, der Diskussion einige Gedanken vorauszuschicken.

Gestatten Sie mir einen Versuch der persönlichen Annäherung. Lassen Sie mich Ihnen zunächst davon berichten, wie ich persönlich diese zwei Jahrzehnte Debatte erlebt habe.

Vor 20 Jahren, als alles begann, stand ich gerade kurz vor dem Abitur im Ruhrgebiet. Helmut Kohl war nach 16 Jahren als Bundeskanzler abgewählt worden - ich will hier nicht verschweigen: auch Dank meiner tatkräftigen Unterstützung.

Aus meiner Sicht damals die einzig vernünftige Lösung für ein verstaubtes und stehen gebliebenes Land - und eine späte Genugtuung gegenüber meinem Vater, der meiner zunehmenden Debattierfreude ganz gern das Argument entgegen setzte: Der Herr Doktor Kohl, der wüsste schon, wovon er spräche.

Das fand ich eine Provokation (und als solche war es wohl auch gemeint), denn Autorität qua Amt oder gar Geburt lehnte ich sowieso ab.

Eine hingegen von mir anerkannte Autorität hieß Christoph Schlingensief; der propagierte eine demokratische Anarchie - und eine eigene Lösung dieses Problems: „Alle Arbeitslosen in den Wolfgangsee, wir fluten Kohls Urlaubsparadies.“. Das fand ich gut.

Nun. Die Wählerinnen und Wähler sprangen zwar nicht in den See, aber sie hatten im Herbst 1998 ihre eigene Antwort parat.

Nach der Wahl kürte ich diesen - auch als persönlichen Erfolg empfundenen Wahlsieg von ROT-Grün - mit meinem Eintritt in die SPD.

Da war ich schon nicht mehr allein, sondern im Kollektiv der Jungsozialisten meiner Heimatstadt Herne gelandet – hatte in der Schule Celan gelesen und Bachmann, Kandinski und Beuys, Brecht und Borchert, in Griechenland Tempelreste gezeichnet, mit Theodoliten eine Hallig vermessen, Bergen Belsen besucht – aber statt mich handwerklich auf die Kunst-Akademie vorzubereiten, wie es damals meinen Plänen entsprach, organisierte ich nun mit diesen Jusos einen „Stage Day“ für junge Künstler, eine Foto-Ausstellung aller rechtsradikalen Schmierereien von den Schulklos der Stadt – und eine Demonstration gegen die Kürzung der Schülerfahrtickets, die mit über 5000 Schülerinnen und Schülern vor dem NRW-Landtag endete. Gegen die Rot-Grüne Landesregierung.

Genau in diese Zeit fiel die Diskussion um die Wiedererrichtung des Schlosses in Berlin.

Der Leistungskurs Geschichte machte diese Diskussion für mich nicht verständlicher, eher führten bei mir mehr Kenntnisse zu mehr Unverständnis.

Ein altes Schloss in der neuen Hauptstadt? Ein wiedererrichtetes Herrschaftssymbol in einer noch so jungen Demokratie? Ein Nachbau auf Kosten eines anderen Gebäudes der Nachkriegsgeschichte?

Das fand ich nicht richtig – doch die Diskussion war fast so weit weg wie der Kosovo-Krieg, zu dem ich ebenfalls eine sehr klare Meinung hatte. 

Im Abitur lautete dann das Thema: Die Europäische Integration. Die hielten wir im Übrigen alle - Lehrer und Schüler - für unaufhaltsam.

Die Geschichte des Ortes, an dem im September dieses Jahres das Humboldt Forum zumindest teilweise eröffnen wird, über diese Geschichte las ich im Verlaufe der Jahre mehr.

Eine sehr deutsche Geschichte.

In der sich Unterdrückung und Widerstand, beste Absichten und schlechteste Folgen in ganz besonderer Weise zeigen.

Ein hochpolitischer Ort.

Dort stand ein preußisches Schloss und ja, ein Herrschaftssymbol – auch gegenüber unseren europäischen Freunden.

Und – besonders schlimm – gegenüber den Ländern, die der preußische und später der deutsche Imperialismus und Kolonialismus ausgebeutet und unterworfen hat.

Zugleich – und auch das gehört dazu – war dieser Ort ein Symbol für Zivilität, für Bürgersinn und Erkenntnissuche, für Kunst und für Wissenschaft.

Von der Schatzkammer der Fürsten, zum Sitz von Suppenküchen, dem Sitz der Deutschen Kunstgemeinschaft, die die Not von Künstlerinnen und Künstlern zu lindern suchte, bis hin zur Alexander von Humboldt-Stiftung, der DFG oder dem DAAD.

Also: Kunst und Wissenschaft, Bildung, Bürgersinn und Solidarität.

Und letztlich auch die basisdemokratische Aneignung des Ortes in der Zeit der Zwischennutzung.

Auch das verbindet sich mit diesem Ort.

Die SED schließlich, ließ das Schloss des Kaiserreiches abreißen und einen „Palast der Republik“ errichten, der aber ein Ort der Wenigen bleiben sollte.

Sehr verehrte Damen und Herren,

nach all diesen Irrungen und Wirrungen, sollte also das Schloss wieder her.

Wolfgang Thierse sprach damals vom Parlament und der Demokratie als „Bauherr“.

Auch wenn ich diese Bauherren damals doch eher als Abrissbirnen empfand:

Eines wurde mir schnell klar.

Auch wenn nicht alle mit den getroffenen Entscheidungen einverstanden waren, so war dieser Prozess im wiedervereinigten Deutschland doch ein demokratischer, ein diskursiver, einer, um den gerungen wurde - denn die Debatten erreichten die Zeitungen, sie erreichten die Gesellschaft.

Mich.

Die Idee eines Forums kam in der Öffentlichkeit auf, dass die Kulturen der Welt nach Berlin einladen und zeigen sollte.

Frank Walter Steinmeier sprach später von einem Fenster zur Welt.

Das ergab für mich endlich einen Sinn, den ich bis dahin nicht erkannt hatte: Nicht ein Stück, kein Ausschnitt des alten Deutschlands, sollte es sein.

Sondern eine Einladung an das Heute, an die Moderne, sich mit der Geschichte zu verbinden.

Ich dachte, das ginge vielleicht besser als in einem architektonisch überholten Palast der Republik, den ich mir bis dahin als Erinnerung und Mahnung an die Lebensumstände in der DDR und die Menschen, die in ihr lebten, gewünscht hatte.

Wenngleich ich der Idee über einen totalen Neubau, einem Zentrum der Avantgarde im Herzen Berlins, noch eine ganze Weile nachhing.

Heute bin ich als Staatsministerin, für die Internationale Kulturpolitik wenn nicht Hauptverantwortliche - aber doch näher dran, als ich das jemals gedacht hätte.

Ich bin überzeugt, dass manche Debatten, gerade auch die historische Aufarbeitung, oftmals auch Generationenfragen sind.

Deswegen muss das Humboldt-Forum heute schon vorausschauen und für die nächste Generation mitdenken:

Es darf sich aber nicht im Gestern verlieren und auch nicht im Heute stehen bleiben, sondern es braucht die Voraussetzungen, in das Morgen hinein zu wirken.

Es darf nicht Vergangenheits- sondern es muss Zukunftsbewältiger werden!

Es muss den jungen Menschen von heute ein modernes Bild unserer Welt zeigen - es darf Geschichte mit all ihren Facetten und Brüchen nicht verschweigen und es muss den eigenen Vorstellungen gerecht werden darüber was es heißt, heute Verantwortung zu übernehmen.

Im Mai gehen junge Leute zur Europawahl, die sind 2002 geboren – sie müssen wir erreichen mit diesem Jahrhundertprojekt.

Konkret sehe ich für das Humboldt-Forum drei Aufgaben:

1. Das Humboldt-Forum muss eintreten für eine Welt der Partnerschaft!

Wenn wir überzeugt sind, dass wir Miteinander mehr erreichen als allein (und das sind wir), wenn wir für den Mulilateralismus aus Überzeugung eintreten (und das tun wir), dann bedeutet das auch:

Die großen Fragen der Zeit müssen auch kulturell verhandelt werden.

Und Sie wissen das: Kunst und Kultur machen an nationalen Grenzen nicht halt, sie waren und sind immer international.

Unsere internationale Kultur- hilft deswegen dabei, den Diskurs zu beleben. Und der ist international, demokratisch und geschichtsbewusst.

Ich empfehle uns: Die Kraft der Kultur für einen optimistischen Aufbruch in die Zukunft zu nutzen.

Auch ganz bewusst als Gegenkonzept gegen all jene, die in die Vergangenheit eines nationalen Schneckenhauses zurück wollen.

Übrigens bedeutet das auch ganz konkret: Die Partnerschaft muss auch im Hause selbst gelebt werden.

Durch die verschiedenen Nutzer.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Humboldt-Universität und das Land Berlin werden eine Schloss-WG bilden und über die Zeit auch unterschiedlichste Mitbewohner bekommen.

2. Das Humboldt-Forum muss ein demokratisches Labor sein!

Das Humboldt Forum muss in diesem Sinne ein Gastgeber, ein Ort sein für die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts.

Gesellschaften, geprägt von Migration, von Globalisierung, von Fragen der Nachhaltigkeit und der Digitalisierung.

Eine Gesellschaft, offen für die kulturellen Einflüsse von außen und offen für die damit verbundene Bereicherung. Für ein ehrliches und offenes Miteinander sowie des tiefen Respekts voreinander.

Dazu müssen im Humboldt Forum viele Stimmen Gehör finden, verschiedene Geschichten erzählt und grenzüberschreitende Zusammenarbeit gelebt werden.

In diesem Sinne muss das Haus ein Laboratorium werden: Ein Ort, der Innovation möglich macht.

Der ganz im Humboldt’schen Sinne Bildung vermittelt als „Aneignung der Welt“ und damit auch als kulturellem Prozess. Humboldt sprach von der Natur als größte Republik der Freiheit.

Genügend Freiraum für wechselnde Programme, Experimente und Versuche gibt es.

Gerade die Wechselausstellungsflächen des Humboldt Forums sind die Chance hierfür, dass das HF „kein Ort der Dinge, sondern des Denkens“ wird.

3. Das Humboldt-Forum muss Verantwortung übernehmen!

Verantwortung übernehmen heißt hier: Sich der eigenen Geschichte bewusst sein und diese aufarbeiten.

Die Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus ist endlich im Gange.

Es tut sich etwas.

Die Bundesregierung hat sich mit dem Koalitionsvertrag den sehr klaren Handlungsauftrag zur Aufarbeitung des Kolonialismus gegeben.

Das wird – und das muss – Auswirkungen haben auf das Humboldt Forum.

Für das Auswärtige Amt stehen vor allem der Dialog, der Austausch und die Kooperation mit den Herkunftsstaaten und ihren Zivilgesellschaften im Fokus.

Das Goethe-Institut ist dabei unser wichtigster Partner.

Heute schon laufen panafrikanische Museumsgespräche, die darauf zielen, zu erfahren, wie und mit wem wir und verbinden und kooperieren können, welche Vorstellungen und Wünsche unsere Partner an die Museumsarbeit haben.

Von einem solchem Austausch verspreche ich mir auch mit Blick auf die Ausgestaltung des Humboldt Forums einiges.

Denn: Wenn wir selbst bereit sind, uns zu öffnen, dann können wir es auch schaffen, alte Denkmuster aufzubrechen.

Auch deswegen ist es wichtig, dass wir die Kooperation mit dem weltweiten Netzwerk des Goethe-Instituts jetzt festschreiben, so wie wir es im Stiftungsrat beschlossen haben.

Die Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die auch weiter als in die Feuilletons - bis in die Schulbücher hinein reichen muss und die auch die Zivilgesellschaft braucht.

Auch die gemeinsame Vereinbarung von Bund, Ländern und Kommunen in der letzten Woche zeigt: Wir als kulturpolitisch Verantwortliche kümmern uns und tragen gemeinsam historische Verantwortung. Das unterstreicht: wir sind dialogfähig und konstruktiv.

Gerade beim Humboldt Forum wird sich zeigen, wie verantwortungsvoll wir mit dieser Vergangenheit umgehen und wie ernst es uns mit dem Austausch und der internationalen Kooperation bei diesem Thema ist.

Dafür, zum Abschluss, ein Beispiel, wie das konkret aussehen kann.

Die SPK hat ein MOU mit dem Nationalmuseum in Tansania vereinbart. Kuratoren aus Tansania haben mitgearbeitet im „LAB“ der SPK zur Vorbereitung der Ausstellung über den Maji Maji Aufstand.

Herr Parzinger hat bereits angekündigt, dass diese Ausstellung nach dem Humboldt Forum auch in Tansania zu sehen sein und die Objekte dann dort auch bleiben sollen.

Gemeinsam mit Herrn Dorgerloh begleiten wir im AA, dass eine solche Vereinbarung zwischen dem Humboldt Forum und Tansania zustande kommt.

Unser Vorhaben für eine Museumsagentur kann hierzu einen Beitrag leisten.

Und zugleich arbeiten wir mit Tansania zusammen bei der Stärkung der kulturellen Infrastruktur vor Ort.

So etwa, stelle ich mir vor, können am Ende Rückführungen, Verantwortung und gemeinsames Verständnis Teil einer besseren kulturellen und politischen Praxis werden.

Sehr verehrte Damen und Herren,

das große Versprechen des HF heißt für mich: Partnerschaft, Demokratie, Verantwortung.

Eben daran müssen wir weiter zusammen arbeiten, um es einzulösen.

Wir sind, 20 Jahre nach der ersten Diskussion, und 250 Jahre nach Alexander von Humboldt, auf einem guten Weg.

Vielen Dank!

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