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Rede von Staatsministerin Michelle Müntefering  zu Abschlussveranstaltung des DLA Marbach

29.11.2018 - Rede

Gerade erst bin ich aus Israel zurück.

Es war eine wunderbare Reise, meine inzwischen siebte.

Vor allem eine Begegnung bleibt dabei in Erinnerung - die mit Avner Shalev,  dem Direktor von Yad Vaschem.

In einem kleinen studentischen Café in Tel Aviv habe ich den Ex-General getroffen - einem Ort der gar nicht passen mag, zu der so wichtigen Frage die wir an jenem Tag diskutieren: Die Zukunft der Erinnerungsarbeit.

Die jungen Studenten, die im Café um uns herumsaßen sprachen Hebräisch, Englisch, Französisch.  Mein Gedanke war:  Das sind genau diejenigen, um die es geht: Erinnern für die Zukunft.  

Wie das gehen kann zeigen Forschungskooperationen, wie diese, zwischen dem Deutschen Literaturarchiv Marbach, der Staatsbibliothek zu Berlin und der Hebräischen Universität, die durch ihre gemeinsame Arbeit eben dieses Erinnern ermöglichen. 

Es brachte wertvolle Archivbestände einer wenig erforschten Episode ans Licht und öffnete diese für die internationale Forschung.

Das Projekt sicherte historische und kulturelle Bestände als Teil deutscher und israelischer Erinnerungskultur.

Sie prägen das kollektive Gedächtnis und liefern gleichzeitig eine wertvolle Grundlage für die wissenschaftliche Auseinandersetzung.

Sehr geehrte Damen und Herren,
auch das wurde bei dem Gespräch mit Avner Shalev deutlich: Erinnerungsarbeit ist immer auch die Erinnerung an den Einzelnen.

Durch Ihre Arbeit haben Sie dazu beigetragen, dass Menschen wie Heinz Steinitz nicht vergessen werden.

Er emigrierte nach dem Medizinstudium in Berlin 1933 mit seiner Frau nach Palästina. Er studierte in Jerusalem Zoologie und wurde 1938 als erster Student in diesem Fach promoviert.

Nach einem Forschungsaufenthalt in Yale unterrichtete er an der Hebräischen Universität. Steinitz gehörte zudem zu den Gründungsmitgliedern der Zoologischen Gesellschaft Israels und begründete 1968 in Eilat das erste meeresbiologische Forschungsinstitut Israels, das später nach ihm “Heinz Steinitz Marine Biology Laboratory“ benannt wurde.

Er war Professor an der Hebräischen Universität, er erlebte die Staatsgründung und hinterließ einen beträchtlichen Nachlass zur Aufarbeitung.

Somit steht er für die drei besonderen Anlässe, die wir heute feiern:

70 Jahre Israel

100 Jahre Hebräische Universität

und natürlich der Abschluss des Kooperationsprojekts.

Das wir all dies heute hier gemeinsam begehen dürfen, ist ein unvorstellbares Geschenk!

Wenn wir etwa den hundertjährigen Geburtstag der Hebräischen Universität feiern, tun wir dies nicht nur in Israel sondern auch in Deutschland.

Denn die Intensität der Wissenschaftsbeziehungen der Hebräischen Universität mit deutschen Einrichtungen ist beeindruckend.

Derzeit unterhält die Hebräische Universität über 30 Hochschulpartnerschaften mit deutschen Universitäten. Ein besonders aktiver Partner ist die FU Berlin, mit der die Hebräische Universität seit Jahrzehnten eine strategische Partnerschaft unterhält.

Aber auch viele andere Einrichtungen verbinden die Hebräische Universität unmittelbar mit Deutschland:

Ich nenne hier nur das DAAD-Zentrum für Deutschlandstudien, die zahlreichen Minerva-Zentren, sowie den Stiftungsfonds Martin-Buber-Gesellschaft. Sie alle bilden einen „deutschen Cluster“ an dieser herausragenden akademischen Einrichtung.

Die Hebräische Universität ist nicht nur die traditionsreichste Universität Israels sondern auch eine der 100 besten Universitäten weltweit.

Sie ist auch die israelische Universität mit den stärksten Verbindungen zu Deutschland und das zentrale Forschungszentrum für die gemeinsame deutsch-jüdische und deutsch-israelische Vergangenheit.

Sehr geehrte Damen und Herren,
Unsere Beziehungen werden immer besonders und niemals ‚normal‘ sein.

Deutschland hat eine große, immerwährende Verantwortung gegenüber Israel.

Und doch: Es ist in den letzten Jahrzehnten etwas entstanden, das sich vor 70 Jahren kaum jemand zu hoffen wagte.

Wir sind stolz darauf, heute einer der wichtigsten Partner Israels in der internationalen Zusammenarbeit von wissenschaftlichen Einrichtungen in Israel zu sein. Nach der Shoah ist dies alles andere als selbstverständlich.

Es ist bewundernswert, wie viele Menschen dazu beigetragen haben, dass ein solch dichtes Netz wissenschaftlicher, und menschlicher Beziehungen uns heute verbindet.

Die israelisch-deutschen Wissenschaftsbeziehungen konnte nur durch harte Arbeit und das persönliche Engagement vieler Wissenschaftler-innen und Wissenschaftler aber auch Politikerinnen und Politikern auf beiden Seiten erreicht werden.

Dabei macht auch dieses Projekt deutlich: Wir arbeiten an einer gemeinsamen Zukunft:

So bin ich unendlich dankbar zu sehen, wie viele Menschen es heute gibt, die engagiert und mit ganzer Kraft an einer weiteren Intensivierung der Beziehungen zwischen unseren Staaten arbeiten. Auch Ihnen sei hierfür mein herzlicher Dank ausgesprochen!

Sehr geehrte Damen und Herren,
Israel feiert dieses Jahr auch den 70. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung. Uns im Auswärtigen Amt war es wichtig, diesen freudigen Anlass zu würdigen.

In engem Kontakt zur israelischen Botschaft unterstützen wir zahlreiche Veranstaltungen in Israel und Deutschland. Besonders wichtig war uns dabei die Einbindung der Zivilgesellschaften. Denn auch das gehört zu Erinnerung:

Es war die Kunst, Kultur und in besonderer Weise der Wissenschaft, der wir die Freundschaft unserer Staaten verdanken.

Dabei waren es gerade jüdische Wissenschaftler und Wissenschaftler die zu den ersten gehörten, die in der Zeit des Nationalsozialismus systematisch ausgegrenzt wurden. Mit dem Gesetz zur „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ im Jahre 1933 wurde die Hebräische Universität in Jerusalem so zum Zufluchtsort für zahlreiche Wissenschaftler, denen die akademische Karriere in Deutschland versperrt wurde.

Einige dieser Lebenswege, können dank Ihnen nun besser nachvollzogen werden: 

Eingangs erwähnte ich den Nachlass des Zoologen Steinitz. Aber auch zahlreiche weitere Nachlässe wurden erschlossen. Darunter die von Architekten, wie Paul Engelmann, Gedalyau Wilbushewitch und Max Lev oder von Historikern wie Walter Grab oder Uriel Tal.

Sie alle haben nicht nur das akademische, sondern auch das politische und kulturelle öffentliche Leben des Jischuws, der jüdischen Gemeinde, in Palästina entscheidend geprägt.

Sie spielten eine Rolle im Prozess der Staatsgründung und haben im Anschluss daran dazu beigetragen, die wissenschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel aufzubauen.

Damit sind die Archiv-Schätze, die Licht auf diese Prozesse werfen, eine wichtige Quelle für die Forschung. Denn gerade heute steht die Beziehung von Wissenschaft und Politik verstärkt im Blickpunkt der Öffentlichkeit.

Meine Damen und Herren, so ist es mir eine große Freude und Ehre, an der Präsentation dieser Arbeiten teilnehmen zu können.

Allen Beteiligten danke ich ausdrücklich im Namen des Auswärtigen Amts.

Liebe Frau Schneider-Kempf,
wenn ich all die Briefe hier sehe – kann ich eventuell auch sagen:

Briefe schreiben wollten wir wieder mehr – denn SMS werden wir nicht auf den Dachböden der Zukunft finden.

Ich wünsche Ihnen allen einen anregenden Abend.

Vielen Dank!

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