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Grußwort von Staatsministerin Müntefering beim deutsch-französischen Gedenk- und Bildungsabend

15.11.2018 - Rede

Was für eine Geschichte! Was für Bilder!

Die Bundeskanzlerin Angela Merkel lehnt ihre Stirn an die Wange des französischen Präsidenten Emmanuel Macron.

Gemeinsam gedenken Sie der Opfer des ersten Weltkrieges, gemeinsam setzen sie ein Zeichen für eine Zukunft, Seite an Seite. Und mit was für einem wohltuenden, tief empfundenen Wort Präsident Macron das Bild auf Twitter begleitete: « Unis. »

Sehr verehrte Damen und Herren!

Wer hätte gedacht, dass das nach zwei verheerenden Weltkriegen in denen Deutschland auch seine französischen Nachbarn überfiel, einmal möglich würde?

Das ist in der Tat ein Wunder der Geschichte – wenn Geschichte eine solche Kategorie überhaupt kennt – doch ein von Menschen gemachtes. Denn Geschichte - im Guten wie im Bösen, wird immer von Menschen gemacht.

Wir müssen die Versöhnung, die Zusammenarbeit und die Freundschaft jenseits nationaler Grenzen wollen.

Dafür lohnt es sich jeden Tag aufs Neue, trotz Rückschlägen, trotz populistischem Gift, das unsere Gesellschaften erneut anzustecken droht, für und um die Demokratie zu kämpfen.

Mutig muss man dafür sein - und gleichsam demütig.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat es in seiner, ich würde sagen historischen Rede am 9. November deutlich gemacht: Aus der Demokratie müssen wir diesen Mut schöpfen, hat er gesagt. Mut zu haben, ist heute wesentlich einfacher, als in vielen Jahren unserer Geschichte!

Und ich meine, das ist eine Rede, die alle Schülerinnen und Schüler in den Schulen lesen sollten!

Sehr verehrte Damen und Herren!

Ein Jahr ist es her, dass Bundespräsident Steinmeier gemeinsam mit Frankreichs Präsident Macron die deutsch-französische Gedenkstätte am Hartmannswillerkopf eingeweiht hat.

Jener Felsvorsprung in den Vogesen, der als Todesberg oder „Menschenfresser“ bezeichnet ist, weil er besonders eindrücklich die Schrecken des Ersten Weltkriegs markiert: Deutsche und Franzosen kämpften hier im Ersten Weltkrieg verbittert um jeden Meter Geländegewinn.

Die schreckliche Bilanz: fast 30.000 Tote.

Junge Soldaten, die ihr ganzes Leben noch vor sich hatten, denen man aber den Hass auf die andere Nation, den angeblichen „Erbfeind“ so tief eingepflanzt hatte, dass sie bereit waren, ja oftmals sogar darauf brannten, für die Idee der angeblichen Überlegenheit der eigenen Nation zu töten und zu sterben.

Die, die Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Mission hatten, wurden unerbittlich unter Androhung härtester Strafen in den Kampf getrieben.

Auch Verdun ist ein weiterer solcher Schreckensort.

Es hat Tage gegeben, an der Somme oder auch bei den Grenzschlachten 1914, wo man 25-30.000 Tote an einem einzigen Tag gezählt hat.

Der Erste Weltkrieg war eine Zäsur des beginnenden 20. Jahrhunderts, die „Urkatastrophe“, wie es der Historiker Kennan ausdrückte.

Er zerstörte Fortschrittshoffnungen und offenbarte die Zerstörungspotentiale der industriellen Moderne.

Sehr verehrte Damen und Herren,

es fällt heute schwer zu verstehen, was Deutsche und Franzosen sich angetan haben, im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg, nachdem Deutschland – abermals verblendet von Nationalismus und verblendetem Faschismus – seinen Nachbarn ein zweites Mal überfallen hatte.

Dass aus unseren beiden Ländern einmal enge Partner und Freunde werden würden, hätte damals niemand gedacht.

Erst recht nicht nach dem unvorstellbaren Gräuel der Shoah.

Heute stehen wir Deutsche in Dankbarkeit an der Seite Frankreichs und unserer europäischen Partner - dankbar für den Willen zur Versöhnung.

Für die Chance, eingebunden in der internationalen Ordnung, einer multilateralen Ordnung, Frieden dauerhaft zu sichern.

Lieber Herr Klinkert,

dass Sie sich als Vorsitzender des Comité du Monument National du Hartmannswillerkopf mit ihren Partnern seit vielen Jahren für diese Gedenkstätte engagieren, dafür danke ich Ihnen.

Orte wie diese mahnen uns angesichts der Vergangenheit, sie können aber auch zum Auftrag werden, für die Zukunft.

Diese deutsch-französische Gedenkstätte erinnert an die dunkelsten Zeiten unserer gemeinsamen Geschichte und steht gleichzeitig als Symbol für die heutige Verbundenheit und Freundschaft beider Länder.

Mein Dank gebührt ebenso unserem heutigen Gastgeber, der Würth Gruppe, für das Engagement im deutsch-französischen Verhältnis – insbesondere auch durch die Förderung von Kunst und Kultur.

Wie etwa mit dem Museum Erstein im Elsass, das übrigens in diesem Jahr schon sein 10jähriges Bestehen feiert.

Dies führt mich zu einem Punkt, liebe Gäste, der mir besonders am Herzen liegt:

Wenn wir in diesen Tagen anlässlich des 100. Jahrestags des Endes des Ersten Weltkriegs auf die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts zurückblicken und dabei aktuelle Herausforderungen in den Blick nehmen, dann lautet doch die entscheidende Frage:

Wie kann es uns gelingen, den Zusammenhalt in Europa zu bewahren, aber ihn auch weiter zu festigen? 

Diesen Zusammenhalt, der auf bitteren Lehren der Vergangenheit aufgebaut wurde, auf den wir stolz sein können, ja vielleicht sogar müssen.

Dieser Zusammenhalt hat Europa über die letzten Jahrzehnte hinweg Frieden und Wohlstand gebracht – was auf der ganzen Welt respektiert und anerkannt wird.

Und heute scheint es, dass das Erreichte allzu selbstverständlich geworden ist. „Ohne Europa sind wir besser dran“, verkündeten die Brexiteers in Großbritannien und damit hatten sie leider Erfolg.

In zahlreichen europäischen Ländern von Ungarn bis Schweden, in Frankreich und leider auch hier in Deutschland, sind derzeit europafeindliche und rechtspopulistische Tendenzen im Aufwind.

Sie stellen Europa vor eine neue Bewährungsprobe.

Dabei geht es nicht um berechtigte Kritik am Kurs in Europa, also eine Auseinandersetzung um Sachthemen und die Frage, wie man Dinge, auch die Vermittlung der europäischen Idee besser machen kann – das alles ist durchaus richtig und wichtig, und dafür gibt es durchaus Bedarf!

Jedoch wird vielmehr der Wert der europäischen Einigung an sich in Frage gestellt - und damit auch die Grundlage unseres friedlichen Zusammenlebens.

Es gibt sie leider immer noch und wieder - und ihre Stimmen werden wieder lauter: diejenigen, die meinen, der eigenen Nation ginge es im Alleingang besser.

Eine gefährliche „Mein Land zuerst“-Ideologie, eine verhängnisvolle Rückkehr zu alten nationalistischen Denkweisen macht sich wieder breit.

Selbst der gemeinsame Auftritt Merkels und Macron wird auf erschreckende Art und Weise geschichtsrevisionistisch mürbe zu machen versucht.

Wenn Europa es nicht schafft, zusammenzustehen und seine Probleme gemeinsam zu lösen, dann riskiert es, seine großen Errungenschaften wieder zu verlieren.

Sehr verehrte Damen und Herren,

das dürfen wir nicht zulassen.

Präsident Macron hat gesagt: „Eine stärkere europäische Handlungsfähigkeit widerspricht nicht der nationalen Souveränität – sie ergänzt und vergrößert sie sogar.“

In der Tat: Gerade wenn sich bislang verlässliche Partner aus ihrer Verantwortung zurückziehen und Krisen und Konflikte in der Welt weiter zunehmen, müssen wir den Zusammenhalt Europas weiter stärken.

Nur mit und durch Europa gewinnen wir politische Handlungsfähigkeit zurück, die der Nationalstaat alter Prägung angesichts einer globalisierten Welt nicht mehr besitzt.

Nur wenn Europa nach innen und außen geschlossen auftritt und mit einer Stimme spricht, kann es auch glaubhaft für eine regel- und wertebasierte internationale Ordnung eintreten.

Das haben wir hoffentlich auch aus der Geschichte gelernt – denn es ist unerlässlich für eine friedliche und sichere Welt, in der Konflikte nicht mehr mit Waffengewalt, sondern am Verhandlungstisch gelöst werden.

Große, globale Herausforderungen, die nur mit einem starken Europa innerhalb einer starken globalen Gemeinschaft gelöst werden können gibt es genug - seien es Umweltfragen, der Klimawandel, oder auch die Migration und soziale Ungleichheiten.

Darum ist es Zeit für ein „Europe United“.

Und das heißt nicht, dass in Europa immer alle einer Meinung sein müssen.

„Europe United“ erfordert vielmehr einen konstruktiven Umgang mit Unterschieden und die Bereitschaft, aus der Vielfalt etwas Gemeinsames entstehen zu lassen.

Deutschland und Frankreich haben eine besondere Verantwortung, zum Gelingen, zum europäischen Zusammenhalt, beizutragen - und ganz Europa und seine Menschen dabei mitzunehmen.

Wir müssen es zusammen schaffen, den Wert des europäischen Einigungsprozesses wieder stärker spürbar zu machen – in West- und Osteuropa, im Norden wie im Süden.

Das gelingt uns nur, wenn wir es schaffen, dem Populismus seinen Nährboden zu entziehen. Soziale Ungleichheiten müssen verringert werden, die Menschen müssen vom Fortschritt profitieren, seine Möglichkeiten ausschöpfen, anstatt sich vor ihm zu ängstigen - und wir müssen Geschichte lebendig halten.

Auch gerade für eine junge Generation.

Der Kitt, der Europa zusammenhält ist der Wille zum Frieden und zur Demokratie - der Glaube an den Fortschritt und an die unteilbaren Menschenrechte.

Es sind kulturelle Werte, die uns zusammenhalten - jenseits ökonomischer Vorteile.

Das ist kein Zufall, dass der Elysée-Vertrag von 1963, mit dem Deutschland und Frankreich nur 18 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Wiederannäherung festigten und feierlich dokumentierten, neben einer Kooperation in politischen und wirtschaftlichen Fragen vor allem auch eine weitreichende Zusammenarbeit im Kultur- und Bildungsbereich festlegte.

Aber auch hier waren es Menschen - in beiden Ländern, die einander die Hände ausstreckten.

Bereits 1950 entsteht die erste deutsch-französische Städtepartnerschaft zwischen Ludwigsburg und Montbéliard.

1951, zu einem Zeitpunkt zu dem die Idee eines vereinten Europas noch nicht im Zentrum der politischen Debatte stand, gründeten 50 Bürgermeister deutscher und französischer Städte in Genf den Rat der Gemeinden Europas, seit 1984 Rat der Gemeinden und Regionen Europas.

Es sind diese vielfältigen zivilgesellschaftlichen Initiativen und Vernetzungen, die das gemeinsame Verstehen und Verständnis, also auch die Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern tragen.

Heute haben Frankreich, Deutschland und Polen die meisten Verbindungen in der Europäischen Städtepartnerschaftsbewegung.

Doch die Menschen von damals sind älter geworden - und es braucht eine neue, eine junge Generation, die diese engen Verbindungen aufrecht hält und weiterträgt. Vielleicht auch mit neuen Impulsen und eigenen Ideen.

Es ist der richtige Zeitpunkt, um unsere Zusammenarbeit durch einen neuen deutsch-französischen Vertrag weiter zu vertiefen, und darin auch die Herausforderungen der heutigen Zeit aufzunehmen und diese enge und dichte Zusammenarbeit zukunftsfest zu machen.

Kultur- und Bildung bleiben für mich ein Schlüssel zur Verständigung.

Beides wollen wir weiter ausbauen, sowohl nach innen als nach außen - etwa mit der Gründung von gemeinsamen deutsch-französischen Kulturinstituten.

Ich meine: Wir müssen stärker wegkommen von einer Außenpolitik der Staaten und hinkommen zu einer Außenpolitik der Gesellschaften.

Mit unserer internationalen Kulturpolitik setzen wir jedenfalls auf Austausch und Begegnung, auf Kooperation und auf Koproduktion. Das ist „dritte Säule“ der deutschen Außenpolitik und die bauen wir weiter aus.

Auch die Arbeit des Deutsch-Französischen Jugendwerks, dessen Gründung auf den Elysée-Vertrag zurückgeht, ist deswegen so wertvoll: Jahr für Jahr ermöglicht es Treffen zwischen Jugendlichen beider Länder.

Darum freue ich mich, dass unter der Schirmherrschaft des Auswärtigen Amts und der Mission du Centenaire de la Premiere Guerre Mondiale für “Youth for Peace” über 500 Jugendliche aus ganz Europa sowie seiner östlichen wie südlichen Nachbarschaft, aus insgesamt über 50 Ländern, in diesen Tagen nach Berlin gekommen sind.

Sie diskutieren über den Ersten Weltkrieg und auch darüber, wie wir einen Unterschied machen können.

Ihre gemeinsamen Ideen für den Frieden werden sie am kommenden Sonntag Bundespräsident Steinmeier und dem französischen Präsidenten Macron präsentieren.

Eine solche Jugendbegegnung verkörpert für mich eine in die Zukunft gerichtete, auf Austausch und Dialog setzende Erinnerungskultur.

Auf Ihre Ideen bin ich gespannt! Wir werden davon hören.

Vielleicht darf ich dazu auch noch etwas ganz Persönliches erzählen: Vor fast einem Jahr lernte ich eine junge Pariser Abgeordnete bei einem Austauschprogramm unserer Parlamente kennen.

Nach einem gemeinsamen Wochenende, an dem ich Delphine meinem Wahlkreis im Ruhrgebiet mit seinen alten Kohle- und Stahl-Fabriken zeigte, bekam ich einige Wochen später ein Paket.

Darin eine rote Decke mit dem Emblem der Französischen Nationalversammlung darauf. Die Decke liegt heute in meinem Auto - auf langen Fahrten durch die Nacht in Deutschland wärmt sie mich.

Ich habe Delphine versprochen, Sie bald in Paris zu besuchen. Heute ist ein guter Tag, um unser Wiedersehen endlich in Angriff zu nehmen.

Aus der Geschichte lernen und für die Zukunft arbeiten. Das können wir alle miteinander und ganz persönlich.

Dazu gehört das Wissen und die Erkenntnis, dass Frieden, Freiheit und Demokratie keineswegs selbstverständlich sind. Sie müssen immer wieder auf Neue erkämpft und auch verteidigt werden.

Das Engagement jedes einzelnen ist dazu gefragt. Weil Fortschritt möglich ist und bleibt.

Die deutsch-französische Freundschaft ist dafür ein eindrucksvoller Beleg.

Herzlichen Dank.

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