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Grußwort von Staatssekretär Andreas Michaelis zum Auftakt der Jugendbegegnung “Youth for Peace”

14.11.2018 - Rede

Der Blick in den Kalender von Bundesminister Maas zeigt: Europa macht Arbeit, und zwar an allen Ecken und Enden. Sei es der Streit um die richtige Migrationspolitik, die Höhe der zulässigen Neuverschuldung, die Frage, wie die Grenze zwischen Irland und Nordirland aussehen soll – und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Unter dieser Spitze liegen tiefere Strömungen: Populismus ist in Europa im Aufwind. Nationalistische Denkweisen schüren Ausgrenzung, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Errungenschaften der über siebzig Jahre seit dem zweiten Weltkrieg – die europäische Einigung, das System des internationalen Rechts und der Gedanke multilateraler Kooperation – werden zunehmend in Frage gestellt. Das gefährdet den europäischen Zusammenhalt – und ich sage bewusst “europäischen„ und nicht “EU-Zusammenhalt„, den hierbei geht es ebenso um das Zusammenleben mit unseren direkten Nachbarn im Süden und im Osten.

Das Tableau von Europa, das ich hier male, ist düster. Würde man es in einem Museum hängen sehen, träte man unwillkürlich einen Schritt zurück. Dieser Schritt zurück ist wichtig, denn erst mit einem gewissen Abstand zeigt sich das Bild und sein Kontext. Genau das macht dieser Jugendkongress: einen Schritt zurück, sodass man sieht, wo dieses Europa herkommt und wo es hin soll. Erlauben Sie mir ein paar Worte über beides – das woher und das wohin.

Anlass für diese Begegnung ist ein ganz besonderer Jahrestag in dieser an Jubiläen nicht armen Woche. Vor 100 Jahren ging der Erste Weltkrieg zu Ende. Dieser Krieg wurde lange Zeit der “Große Krieg„ genannt. Er war der erste globalisierte, industriell geführte Massenkrieg in der Geschichte der Menschheit. Über 17 Millionen Menschen verloren ihr Leben, viele Millionen wurden verletzt oder vertrieben. Wir dürfen das unermessliche Leid, das dieser Krieg nach Europa und weit darüber hinaus gebracht hat, niemals vergessen.

Wer damals gehofft hatte, das wäre der letzte Krieg gewesen – man sprach vom “war to end all wars” – wurde bitter enttäuscht. Denn nur wenige Jahre später begann Deutschland einen noch furchtbareren Krieg – einen rassenideologischen Vernichtungskrieg, der die Welt abermals in den Abgrund stürzte. Erst diese Katastrophe führte in Europa zum Umdenken. Aus einem Europa der Kriege ist nach dem Zweiten Weltkrieg Schritt für Schritt ein Europa des Friedens geworden. Ohne die Bereitschaft unserer europäischen Partner, allen voran Frankreich, zur Versöhnung mit Deutschland wäre das so nicht möglich geworden.

Wir sind auf diesem Weg weit gekommen. Vergangenen Sonntag hatte ich die Chance, den Bundespräsidenten nach Großbritannien zu begleiten, wo er – als erstes deutsches Staatsoberhaupt – an den Gedenkfeierlichkeiten zum Ende des ersten Weltkriegs teilnahm. Keine Selbstverständlichkeit – das fand auch die Boulevard-Zeitung “Sun„. Doch der Empfang im Meer der Mohnblumen, der “poppies„, war herzlich, und das Gedenken an die Toten bei der Messe im Westminster Abbey war ein gemeinsames. Dafür sind wir dankbar.

1918 ist aber mehr als nur das Jahr an dem der erste Weltkrieg zu Ende ging – es ist eine Chiffre die für jeden hier im Saal etwas anderes bedeutet. Denn 1918 wurden auch Grenzen neu gezogen [Nahost], Republiken ausgerufen [Polen und Weimar], und gesellschaftliche Umwälzungen angestoßen [Einführung Frauenwahlrecht in Deutschland]. 1918 ist ein Umbruchsjahr, in dem Weichen gestellt wurden, und in dem das gemeinsame “Woher„ unseres Kontinents definiert wurde.

Wir leben heute wieder in einer Zeit des Umbruchs. Wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es auch heute einen immer schärfer werdenden Wettstreit zwischen verschiedenen Gesellschaftsidealen. Auf die Frage nach dem “Wohin„ gibt es immer mehr Antworten, mit immer geringerer Deckungsgleiche. Und beim “Wohin„ kommen Sie ins Spiel, liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Die Gestaltung der Zukunft sollten Sie nicht alten Männern mit zu langen Krawatten überlassen – die Zukunft ist Ihr Thema, Ihre Aufgabe.

Da gibt es viel zu tun. Frieden in Europa wird oft als Selbstverständlichkeit empfunden. Doch zeigt der Blick in unsere unmittelbare Nachbarschaft, in die Ukraine, Syrien oder Libyen, leider allzu deutlich, dass Frieden für viele Menschen gerade keine Selbstverständlichkeit ist. Einige von Ihnen wissen das aus erster Hand. Frieden in Europa bedeutet aber mehr als nur die Abwesenheit von Krieg. Eingangs beschrieb ich einige der aktuellen Streitthemen. Ohne Frage – diese Konflikte verblassen vor den Schrecken eines Weltkriegs. Aber wir müssen sie trotzdem gemeinsam angehen.

Die Leitfrage dieser Begegnung ist daher: Wie können wir den Frieden in und um Europa wahren, und wo es keinen Frieden gibt: wie können wir ihn wieder herstellen? Das ist der ganz konkrete Mehrwert, den ich mir von diesem Jugendkongress erhoffe: dass Sie sich kennenlernen, Ihre sehr unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven teilen, und daraus gemeinsam Lösungen entwickeln. Einige von Ihnen kommen aus Ländern, die in direktem Konflikt zueinander stehen. Nutzen Sie die Gelegenheit zum direkten Austausch, den diese Konferenz bietet.

Diesen Austausch ermöglicht hat das Deutsch-Französische Jugendwerk als Organisator dieser Jugendbegegnung “Youth for Peace – 100 Jahre Erster Weltkrieg, 100 Ideen für den Frieden“, gemeinsam mit zahlreichen Partnern. Ihnen gilt mein Dank, ebenso wie der Körber-Stiftung – heute vertreten durch Thomas Paulsen – als Organisator des EU-Next Generation Summit – Making Peace with History“, deren Teilnehmerinnen und Teilnehmer heute Abend mit dabei sind.

Ich bin sehr gespannt auf die Ideen für den Frieden, die Sie in den nächsten Tagen gemeinsam erarbeiten und über die Sie am Sonntag mit den Präsidenten Macron und Steinmeier diskutieren wollen. Ich wünsche Ihnen gutes Gelingen!

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