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Rede von Außenminister Heiko Maas anlässlich der Verleihung des Shimon-Peres-Preises

08.10.2018 - Rede
Außenminister Maas bei der Shimon-Peres-Preisverleihung 2018
Außenminister Maas spricht anlässlich Verleihung des Shimon-Peres-Preises 2018.© Felix Zahn/photothek.net

Eine schwarze Limousine fährt vor. Ein weißhaariger Mann steigt aus, betritt den roten Teppich. Er geht zum Rednerpult, daran deutlich sichtbar das israelische Staatswappen.

Es folgt aber keine Rede. Es folgen Elektrobeats und Sprechgesang: „Be my friend for peace. I want to hear your voice!“

2012 verbreitete sich dieses Facebook-Video viral auf der ganzen Welt. Der Interpret war aber überhaupt kein Unbekannter. Es war der Staatspräsident Israels, damals 88 Jahre alt. Shimon Peres.

Shimon Peres war zwar in seiner späten Amtszeit das weltweit älteste Staatsoberhaupt, aber er ist vor allem Eines: Er ist in seinem Herzen jung geblieben. Er hat einmal gesagt: „Man muss die Erfolge zählen, die man im Leben erzielt hat. Und dann die Träume, die man noch hat. Wenn man mehr Träume als Erfolge hat, dann ist man jung.“

Jetzt kann jeder mal anfangen zu zählen.

Meine Damen und Herren,

ich komme gerade aus Israel zurück. Die Bundesregierung und die israelische Regierung trafen sich einen Tag lang zu den deutsch-israelischen Regierungskonsultationen.

Es ging um gemeinsame Vorhaben für die Zukunft. Wenn man also so will,auf dem Weg von Träumen zu hoffentlich Erfolgen. Eines dieser Vorhaben, um die es dort ging, das ist der Austausch junger Menschen zwischen unseren beiden Ländern und diesen weiter zu vertiefen. Junge Menschen zusammenzubringen – das ist die Voraussetzung, um die deutsch-israelische Freundschaft in die Zukunft zu tragen!

Deutschland und Israel verbinden heute einzigartige Beziehungen. Und das, meine Damen und Herren, ist alles andere als selbstverständlich. Wie viel Kraft einst israelische Politiker hatten, dass sie sich nach den Gräuel des Holocaust wieder mit Deutschen an einen Tisch gesetzt haben!

Aber bevor es überhaupt diplomatische Beziehungen zwischen beiden Ländern gab, haben sich Künstlerinnen und Künstler, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen und andere getroffen und haben angefangen zusammenzuarbeiten.
Sie haben Brücken gebaut zwischen unseren Ländern. Und sie tun es nach wie vor. Unsere beiden Länder verbindet heute ein dichtes Geflecht vielfältigster Kontakte.

Ich möchte den vielen Israelis und Deutschen, die sich auf ganz unterschiedlichen Ebenen für die deutsch-israelischen Beziehungen engagieren, ganz herzlich danken.

Einen wichtigen Beitrag dazu leistet auch das Deutsch-Israelische Zukunftsforum, gegründet vor über zehn Jahren vom Auswärtigen Amt und dem israelischen Außenministerium.

Es hilft dabei, die Beziehungen zwischen den jungen Generationen in unseren beiden Ländern zu vertiefen.

Und das sieht man auch schon heute Abend. Ich freue mich sehr, dass so viele Schülerinnen und Schüler heute unter uns sind, die selbst Erfahrungen mit dem Schüleraustausch in Israel gemacht haben!

Und es ist ein schönes Zeichen, dass wir heute hier in Berlin im Roten Rathaus sind. Ich komme, wie gesagt, gerade aus Israel und gestern Morgen bin ich noch in Tel Aviv aufgewacht. Tel Aviv gilt bei uns hier als ein Hotspot, ein place to be, ein Hotspot für Hipster, für junge Leute. Spannende Kulturszene, urbaner Lifestyle, bunte Start-Up-Landschaft. Das ganz besonders Interessante ist aber auch: den Israelis scheint es mit Berlin ganz genauso zu gehen! Ausgerechnet Berlin! Was für ein unverdientes Wunder ist das!

Der israelische Pianist Ohad Ben-Ari zum Beispiel lebt seit 8 Jahren in der Stadt und gründete ein Festival für israelische Kunst und Künstler.
In einem Interview sagte er: „Ich bin hoffnungsvoll und Optimist. Ich sitze hier in Berlin, das vor 70, 80 Jahren wohl der abscheulichste Platz für Juden gewesen ist. Und jetzt ist es eine offene und blühende Stadt.“

Den gleichen Optimismus brachte Shimon Peres schon 1986 mit in die damals noch geteilte Stadt, als er als erster israelischer Premierminister nach Berlin kam. Und dann sagte er: „An Berlin haften viele Erinnerungen, und auch viele Hoffnungen sind mit Berlin verknüpft. Verändern können wir die Vergangenheit nicht, doch eine andere Zukunft, die können wir gestalten.“

Die Betonung liegt hier auf andere. Ich sage das deshalb noch einmal, weil ich es, und da bin ich mir sicher, dass ich im Namen vieler anderer rede, die heute hier sind, nach wie vor beschämend und unerträglich finde, wenn wir heute wieder sehen, dass jungen Männern auch in dieser Stadt die Kippa vom Kopf gerissen wird, dass Kinder antisemitisch bedroht werden.

Und deshalb, auch wenn es für viele, die heute hier sind, eine reine Selbstverständlichkeit ist, aber eine solche Veranstaltung darf nicht vergehen, ohne dass ein Vertreter der Bundesregierung laut und deutlich sagt: Antisemitismus darf in unserer Gesellschaft keinen Platz finden! Wir müssen und wir werden alles tun, um jüdisches Leben zu schützen.

Die unaussprechlichen Gräuel der Shoah, die dürfen wir niemals vergessen. Wir haben durch sie den niemals endenden Auftrag, weltweit für Frieden, für Freiheit, die Achtung und Wahrung der Menschenrechte einzutreten. Wir müssen dabei entschieden jeder Form von Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus entgegentreten.

Dazu gehört auch, dass wir unsere jeweilige Komfortzone verlassen müssen, gerade auch hier in Deutschland. Gesicht zeigen. Flagge zeigen. Das Wort ergreifen.  Und zwar nicht nur bei rechtsradikalen Vorfällen, die man im Fernsehen verfolgt, sondern auch wenn Menschen versuchen, rechtsextremes Gedankengut wo auch immer salonfähig zu machen. Zivilcourage nährt sich auch durch kleine, entschlossene Gesten. Kleine, entschlossene Gesten, die andere bestärken mitzumachen, den Mund aufzumachen, Gesicht zu zeigen. Wegsehen war jedenfalls noch nie eine gute Idee und ist es heute ganz besonders nicht.

Deshalb sind wir auch dabei, ein Programm „Jugend erinnert“ aufzulegen: Jugendliche aus Deutschland, Israel und anderen Ländern werden damit die Gelegenheit erhalten, in gemeinsamen Projekten der Aufarbeitung unserer schmerzvollen Geschichte mehr übereinander zu erfahren. Aus meiner Sicht ist das das wirksamste Mittel gegen Populismus, Rassismus, Antisemitismus und jegliche Form der Ausgrenzung.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich könnte mir vorstellen, Shimon Peres hätte das gefallen. Wie kein anderer steht er für Verständigung und die Aussöhnung auch zwischen Deutschland und Israel. Doch er steht für noch etwas anderes: er war ein überzeugter Fürsprecher für Frieden und auch der Zwei-Staaten-Lösung.
Unermüdlich setzte er sich für einen israelisch-palästinensischen Ausgleich und eine friedliche und gemeinsame Zukunft für Israel und seine Nachbarn ein.

25 Jahre nach Oslo ist seine Vision für uns weiter ein Ansporn, sich  für dieses Ziel einzusetzen, damit ein Leben in Frieden und Sicherheit, Würde und Selbstbestimmung für die Menschen auf beiden Seiten der 67er Linie möglich ist.

Kurz vor seinem Tod sagte Shimon Peres, dass er nur eine Sache bereue: seine Träume seien zu klein gewesen. „Es ist viel mehr möglich, als man denkt.“

Der Preis, den das Auswärtige Amt nun im Namen von Shimon Peres verleiht, zusammen mit dem Zukunftsforum, soll junge Menschen dazu ermutigen, ihre ganze Beharrlichkeit und ihre ganz eigene Kreativität ganz im Sinne von Shimon Peres zu nutzen für ein besseres Miteinander von Deutschen und Israelis.
Im vergangenen Jahr wurde der Preis zum ersten Mal an junge Deutsche und Israelis verliehen, und zwar an solche, die in gemeinsamen Projekten zusammenarbeiten und dadurch einen persönlichen Beitrag zu den deutsch-israelischen Beziehungen geleistet haben.

Die Jury des Shimon-Peres-Preises, die die diesjährigen Preisträger ausgewählt hat, wird ihre Auswahl nachher vorstellen.

Meine Damen und Herren,

der Song, von dem ich eingangs sprach, der endete übrigens wie folgt: „Speak up and change the world!“ Und es ist jetzt an uns!

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